Klippenfall – Antje Ravic Strubel "Sturz der Tage in die Nacht"

„Man sieht Menschen nicht immer gleich alles an. Man sieht es vor allem nicht, wenn das, was man sehen müsste, die eigene Vorstellungskraft übersteigt.“

Während seine Freunde als Bagpacker an das andere Ende der großen Welt reisen, reist Erik auf die kleine Insel. Hoch oben, im Norden, mitten in der Ostsee, abgeschieden vom Rest der Welt liegt sie. Naturparadies, Schutzgebiet, Heimat unzähliger Vögel. Erik sucht seinen Weg, will neu anfangen, etwas neues studieren. Er legt eine Pause ein zwischen den Lebensetappen und findet auf dem kleinen schwedischen Eiland nahe Gotland Inez, die Ornithologin. Aus einem Tagesausflug wird für den jungen Mann ein Sommer. Erik bleibt mit Hilfe von Inez, die ihn als Praktikanten einstellt, denn eigentlich dürfen Inselgäste nur eine begrenzte Zeit bleiben.
Zwischen beiden beginnt eine Beziehung unter Beobachtung. Denn Rainer Feldberg, der mit der selben Fähre wie Erik auf die Insel gekommen war, überwacht das seltsame Pärchen. Und keiner der beiden ahnt, dass mit dem nebulösen Mann nicht nur ein unbequemer Zeitgenosse angekommen ist, sondern die Vergangenheit schlechthin.

Denn Inez und Rainer kennen sich. Rückblick: Es sind die 80er Jahre. Inez ist gerade mal 16, als sie Felix Ton kennenlernt, ein Freund Rainers. Während ihre Eltern dem DDR-Sozialismus kritisch gegenüberstehen, hat sich Felix, der in Berlin studiert, von der Stasi anwerben lassen. Als Inez jedoch schwanger wird, lässt er sie ihm Stich. Sie bringt das Kind zur Welt und gibt es mit Hilfe von Rainer zur Adoption frei, auch er ist Teil der „Firma“. Jahre nach der Wende hofft Felix auf eine politische Karriere, natürlich reingewaschen von seiner Vergangenheit. Nur sein unbekannter Sohn spielt in diesem Drängen in die ersten Reihen eine Rolle. Feldberg baut für Ton eine sympathische Legende auf: Er, der verlassene Vater, der seinen Sohn sucht. Beide Männer agieren ohne Gewissensbisse, nur auf den eigenen Vorteil bedacht.

Und hier beginnt der neueste Roman von Antje Ravic Strubel „Sturz der Tage in die Nacht“ sich von einem Liebesroman in romantischer Landschaft in ein erschütterndes Buch der Vergangenheitsbewältigung zu wandeln, das zeigt, welche Schicksalsfäden durch andere gesponnen werden können. Denn Inez und Erik sind nicht nur ein Paar, sie sind auch Mutter und Sohn, ohne es indes zu wissen. Die Erkenntnis, die mit Hilfe eines alten Fotos entsteht, erschreckt beide ins Mark. Schlimmer noch: Feldberg hat über Jahre Erik und seine Adoptionseltern beschattet und soll nach all den Jahren den verlorenen geglaubten Sohn für Ton zurückbringen.  

Erzählt wird die Handlung auf verschiedenen Zeitebenen und aus verschiedenen Perspektiven, eingangs berichtet Erik, der sich auf der Fähre zum Festland befindet, rückblickend von den Ereignissen. Strubels Roman ist ein gewaltiges Werk. Nicht nur, dass sie sich mit dieser Ödipus-Geschichte an ein Tabu-Thema wagt. Sie spinnt auf magische Weise und wortgewaltig-poetisch die Fäden zwischen den verschiedenen Lebensläufen. Inmitten des kleinen Personenensembles ragt Inez heraus, eine Frau, die stets ihren Weg gegangen, aufgestanden ist, wenn sie gefallen war, und nun zurückgezogen auf dem kargen Eiland inmitten des Meeres lebt. Die besondere Eigenschaft der Lummen, einer Vogelart, die auf der Insel lebt, zieht sich als Metapher durch den ganzen Roman: die Jungtiere fallen von den Klippen. Auch Erik steht schließlich dort oben, 60 Meter über dem Meer… Die unzähligen Gesichter und Stimmungen des Meeres und die besondere Naturlandschaft, abgeschottet vom Festland, verleiht dem Roman eine weitere besondere Facette. Poesie zeigt dort ihren Glanz, wenn die kleinsten Bestandteile der Wirklichkeit beschrieben werden, für die die meisten kein Auge, kein Bewusstsein haben.  

Bücher über die Aufarbeitung der DDR-Vergangenheit hat es in den letzten Jahren einige gegeben – Tellkamps „Turm“, Runges „In den Zeiten des abnehmenden Lichts“. Strubels Roman unterscheidet sich jedoch von beiden. Er bringt ans Licht, wie lang der Arm der Schattenrepublik reicht, nicht nur weit in eine andere Zeit und an andere Orte. Sie packt auch andere Generationen, die die DDR nicht bewusst erlebt haben. Erik war noch ein Kind, als die Mauer fiel.

Der Roman „Sturz der Tage in die Nacht“  von Antje Ravic Strubel erschien im August 2011 im S. Fischer Verlag.

448 Seiten, 19,95 Euro

Wer A sagt, muss nicht E sagen!

Sie werden lauter, übertönen sogar das romantische Seitenrascheln, gerade jetzt mit der diesjährigen Buchmesse Leipzig, dem größten Lesefestival Europas: Die Diskussionen über Sinn und Unsinn, über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der E-Books geschehen meist im virtuellen Raum. Es macht klick, klick, klick… und schon findet man einen, zwei, drei… Text(e), ob objektive Bestandsaufnahme oder subjektive Glosse in den Online-Ausgaben der Zeitungen und Zeitschriften oder den allseits beliebten Blogs.

Wie glücklich war ich dann in einer Literatur-Beilage zur Messe einen wunderbaren Kommentar des amerikanischen Autors  T.C. Boyle zu lesen:  Er pflege zwar seine eigene Homepage – besser gesagt sein erwachsener Sohn, aber das E-Book erscheine ihm suspekt und leblos. Und auch mir kommen Zweifel. Wie reagieren E-Books bei Kaffeeflecken? Gibt es E-Book-Eselsohren? Wie gestalten sich Bahnfahrten, wenn man die aktuelle Lektüre des Gegenübers mit Hilfe des Buchumschlages nicht mehr erkennen kann? Wird  das E-Book gelb bei Reclam-Ausgaben? Wie viele E-Books passen in ein Billy-Regal? Wird der Energieverbrauch zunehmen? Wird ein Krimileser Amok laufen, wenn kurz vor der Auflösung des Falles sein E-Book den Geist aufgibt? Bekommt man einen elektrischen Schlag, wenn man im Bett über ihm einschläft?

Nun aber mal im Ernst: Verlieren wird nicht mit diesem Gerät und den digitalen Angeboten ein besonderes Erlebnis? Das haptische Erlebnis, wenn man ein Buch in die Hand nimmt, über das Papier streicht, die Seiten umblättert? Welchen Reiz haben Wohnungen, in denen kein einziges Buchregal steht, vielleicht dafür ein größerer Flachbild-Fernseher an der leer gewordenen Wand hängt?

Sicherlich erscheint das E-Book auf den ersten Blick praktisch. Im Urlaub oder auf einer längeren Bahnreise passen viele Bücher in ein einziges und seien es noch die dicksten. „Krieg und Frieden“ und „Die Elenden“ werden zu Leichtgewichten. Die Zeiten der schweren, mit Urlaubslektüre gefüllten Koffer könnte so ein Ende haben. Doch verführt dieses Gerät nicht wie beispielsweise seine modernen Brüder mp3-Player und x-GB-Kamerachip zu einem riesigen Haufen digitaler Daten, die sich rasant anhäufen. Wer hat denn wirklich noch einen Überblick über seine Fotos oder seine Musikdateien? Liegt in der Flut digitaler Einheiten nicht auch eine gewisse Gier zu raffen? Gut, ein Buch muss wie auch ein Musikalbum erworben werden, aber wie wenig bezahlt man heute für ein Werk einer Band, eines Sängers? Amazon bewirbt unzählige Alben mit Preisen unter fünf Euro. Wir beginnen Kunst und Kultur zu verramschen, und die Aura eines Originals verblasst.

Mein Lieblingsbuch bleibt ein gebundenes, egal ob nun mit oder ohne Kaffeeflecken. Und es würde mir weh tun, es zu verleihen und nie mehr wieder zu sehen, weil es ein sichtbarer und fühlbarer Teil von mir ist, der mich geformt hat, wie ich ihn – und sei es nur durch Eselsohren und mit Bleistift verfassten Anmerkungen auf den Seiten.

Foto: birgitH/pixelio.de

An seiner Seite Dora – Michael Kumpfmüller "Die Herrlichkeit des Lebens"

„Ist nicht alles Weg?“


Die letzte Zeit bricht für ihn an, für den ganz Großen, für den Literat mit der traurigen Gestalt. Er, der mit seinen Werken, den Erzählungen und Romanen, noch immer unzählige Leser vor Rätsel stellt, über den mehr geschrieben worden ist, als ihm selbst gelungen ist, wird wieder ein Teil der Literatur. Michael Kumpfmüller beschreibt in seinem aktuellen Roman „Die Herrlichkeit des Lebens“ die letzten Monate im Leben von Franz Kafka und damit die Zeit seiner großen Liebe.  Man schreibt das Jahr 1923. Im Sommer lernt der hagere „Doktor“ im Ostseebad Müritz Dora Diamant kennen, die Köchin des dortigen Ferienheims. Mit langen Spaziergängen entlang des Strandes und langen Gesprächen verknüpft sich  ihr Leben. Beide fühlen eine tiefe Verbundenheit und Liebe zueinander, obwohl zwischen ihnen ein Altersunterschied von 15 Jahren besteht, Kafka selbst Schwierigkeiten hat, eine Beziehung einzugehen.

Kafka verlässt mit seinen Schwestern Ottla und Elli nach einigen Tagen den Ferienort, die Reise geht zurück in die Heimat Prag.  Der Schriftsteller und die aus Polen stammende Köchin halten mit Briefen den intensiven Kontakt aufrecht. In Berlin sollen sie schließlich beide nach mehrmaligen Umzügen in einer bescheidenen Wohnung  ein gemeinsames Zuhause finden. Auch wenn die Situation nicht immer ungetrübt ist: Das Geld ist knapp, die Inflation herrscht.  Franz leidet unter den Beschwerden seiner Tuberkulose-Erkrankung. In der Großstadt macht sich zudem der Antisemitismus breit, der Jahre später ein Großteil von Kafkas Familie in den Vernichtungslagern von Chelmno und Auschwitz den Tod bringen wird. Der große Schriftsteller wird dies nicht erleben: Er stirbt genau einen Monat vor seinem 41. Geburtstag im Juni 1924 im Sanatorium Kierling in Niederösterreich. An seiner Seite: Dora. Auch wenn ihr Vater, ein orthodoxer Jude, die Heirat mit dem pensionierten Angestellten einer Versicherungsanstalt und bereits bekannten Künstlers verweigert.

All jene gegensätzlichen Stimmungen fließen in jenem wunderbaren Roman zusammen, jene heitere und hoffnungsvolle, ausgelöst durch die Beziehung, sowie jene erdrückende und düstere Atmosphäre, die durch den kritischen Gesundheitszustand Kafkas und die gespannte Situation in Berlin verursacht wird.
Wie Kumpfmüller das Wachsen der Gefühle beschreibt, ist meisterhaft, nicht minder, wie er ehrlich und unumwunden den Niedergang des weltbekannten Schriftstellers und das Leid des Paars erzählt, das nur wenige gemeinsame Monate erlebt hat. Doch neben den privaten Seiten Kafkas widmet sich Kumpfmüller auch dem Thema Schreiben. Immer wieder finden sich in dem Roman, wie dem große Autor die Schaffenspausen  aufgrund seiner Erkrankung  zu schaffen machen. Selbst sein größter Unterstützer Max Brod kann ihm wenig helfen. Kaum eine Zeile bringt er zu Papier, kommen wieder gute Zeiten, zeigt sich Kafka glücklich. Selbst in den letzten Tagen bringt ihm die Korrektur von Druckfahnen frohen Mut.

Kumpfmüller, der 1961 in München geboren wurde, heute in Berlin lebt und für seinen Roman „Nachricht an alle“ mit dem Döblin-Preis geehrt wurde, webt in seinen wunderbar poetischen Roman Kafkas Texte behutsam ein, Tagebücher, Briefe und Notizen und eine ganze Zeit finden so ihren Weg in ein großes Stück Literatur. Ein Teil der Korrespondenz sowie Notizen wurden indes 1935 von der Gestapo beschlagnahmt  und gelten bis heute als verschwunden. Dem Verfasser standen zudem die beiden Germanisten Prof. Peter-André Alt und Prof. Klaus Wagenbach zur Seite.

Wer sich vor den meist düsteren Werken Kafkas bis jetzt fürchtete, wird mit dem Roman einen anderen, weil persönlicheren Bezug zu Kafka finden und möglicherweise seine Texte in einem ganz anderen Licht sehen. Zu wünschen wäre es. Und eines darf nicht vergessen werden. Mit dem Buch wird auch einer besonderen Frau ein Denkmal gesetzt:  Dora Diamant, die ihre Liebe um 20 Jahre überleben wird. Sie starb 54 Jahre alt in London.

Der Roman  „Die Herrlichkeit des Lebens“ von  Michael Kumpfmüller  erschien im Verlag Kiepenheuer & Witsch im August 2011.
240 Seiten, 18,99 Euro

Leben ist Kunst – Michel Houellebecq "Karte und Gebiet"

„Ein Menschenleben ist im Allgemeinen nur eine Kleinigkeit, es lässt sich in wenigen Ereignissen zusammenfassen (…).“


Das moderne Leben ähnelt einer Autobahn. Die Durchstarter rasen auf der Überholspur. Die hohe Geschwindigkeit oder das Gespräch am Mobiltelefon verhindert, dass sie nach links oder rechts schauen oder überhaupt etwas außerhalb ihres Kokons aus Glas und Blech registrieren. Wer ihnen die freie Bahn verstellt, wird geblendet. Jenen mit dem gemählicheren Tempo entgeht nur wenig. Vielmehr zählen sie die Abfahrten, werfen einen Blick auf jene, die Rast machen, schmunzeln über die Raser und ihren törichten Glauben, mit Geschwindigkeit Zeit zu gewinnen. Auch mit Tempo 200  vergeht das Leben. Da hilft kein Technikschnickschnack, kein Glanz, kein hohler Stolz. Nichts hilft.

Vielleicht tröst nur ein großer Namen über den Gedanken hinweg, dass alles  ein Ende hat. Er muss jedoch Ergebnis persönlicher Anstrengungen sein. Wie bei Jed Martin. Er ist Künstler, sein Vater ein Architekt, der weltweit Tourismustempel baut, seine Mutter hat sich mit 40 Jahren das Leben genommen. Über den Grund schweigt sich Jeds Vater aus. Ein Leben lang. Jed findet über die Fotografie zur Malerei. Einen Namen macht er sich mit Werken, in denen er Straßenkarten mit Satellitenbildern vereint, die in Paris erfolgreich ausgestellt werden. Ruhm erntet der Pariser  Künstler indes mit einer Reihe von Gemälden, die Menschen bei ihrer Arbeit oder in einem besonderen Moment zeigen. Während der Vorbereitung zu einer Ausstellung lernt Jed den bekannten Schriftsteller Michel Houellebecq kennen, der sich allen gesellschaftlichen Kreisen entzogen hat und ein Leben als Eremit in Irland, später wieder in Frankreich auf dem Land führt. Der Autor soll das Vorwort für den Katalog schreiben. Als Honorar bietet Jed Houellebecq ein Porträt an, das er selbst malt. Doch wenige Monaten nachdem er das versprochene Gemälde dem Schriftsteller übergeben hat, wird dieser auf entsetzliche Art und Weise ermordet, so dass es selbst erfahrene Polizisten den Magen umdreht beim Anblick der sterblichen Überreste.

Ein Autor, der sich in einem Buch selbst ein Ende setzt, und dann ein so grausames – Michel Houellebecq beweist mit seinem jüngsten Roman „Karte und Gebiet“ nicht nur gehörige Portionen an Selbstironie und schwarzen Humors. Wie er über die großen Themen das Leben und der Tod, das Leben und die Kunst, Gesellschaft und Kultur schreibt, ist Meisterklasse. Dabei habe ich noch bis vor kurzem die Bücher des Franzosen nur mit hoch gezogener Augenbraue aus der Ferne „gewürdigt“. Er gilt als Exzentriker, seine Romane verband ich immer mit dem Adjektiv „schlüpfrig“. Nun wurde ich eines Besseren belehrt und bitte um Vergebung mit der Bitte: Lesen Sie dieses Buch! Es ist ein Meisterwerk. Nur Meisterwerke können sowohl unterhalten als auch belehren, einen an der Seele packen. Mit „Karte und Gebiete“ kann man zugleich schmunzeln und grübeln. Der Protagonist Jed ist zudem so gestaltet mit seinen genialen Fähigkeiten und seinen menschlichen Ecken und Kanten, dass er dem Leser schon irgendwie sympatisch erscheint. Und auch das Spiegelbild (?) des Autors muss man irgendwie mögen ob seiner Exzentrität. An diese Seite stellt Houellebecq, der reale, eine ganze Reihe interessanter Charaktere, wie Jeds erfolgreiche, aber auch gefühlvolle Freundin Olga oder Kommissar Jasselin, der sich auf die Suche nach dem Mörder Houellebecqs, dem fiktiven, begibt.
Mit  Beklemmung liest man dagegen von den Schattenseiten und den finsteren Ecken der modernen Gesellschaft, über die in sich verliebte High Society, die aus Raffgier krisengeschüttelte Finanzwelt und ja, die unvorstellbare Macht der Kunst, deren Preise oftmals in die Verhältnislosigkeit abdriften.

„Karte und Gebiet“ vereint in sich so verschiedene Genres: Das Buch ist melancholischer Künstler- und Entwicklungsroman und zugleich kritisches Abbild der Gegenwart und entwickelt sich im letzten Drittel gar zu einem spannenden Krimi, der an einigen Stellen leicht ironische Züge aufweist. Dass Michel Houellebecq für diesen Roman schließlich mit einem der wichtigsten französischen Literaturpreise, dem Prix Goncourt, geehrt wurde, erscheint wie ein selbstverständliches Naturgesetz oder so eindeutig wie eine mit Akribie gefertigte Straßenkarte.   

Der Roman „Karte und Gebiet“ von Michel Houellebecq erschien 2011 in der Übersetzung aus dem Französischen von Uli Wittmann im Dumont-Verlag.
416 Seiten, 22,99 Euro (als Taschenbuch 9,99 Euro)

Stille nach dem Sturm – Claudie Gallay "Die Brandungswelle"

„Es gibt tausend Gründe, sich einzuschließen. Herauszukommen ist viel schwerer.“

Der Sturm braust über das Meer und die Küste, er zerrt an den Häuserwänden, an den dicken Tauen der Boote im Hafen, er greift nach jenen Dingen, die der Kraft der mächtigen Böen nichts entgegenzustellen haben. In La Hague im Nordwesten der Normandie suchen die Einwohner in ihren Häusern Schutz. Es sind nur wenige, denn der Ort ist klein. Wer will sich schon den trotzigen Unbilden tagein tagaus aussetzen, auch wenn der Blick aufs Meer ein malerischer, ein von den Touristen geliebter ist.

Sie ist beruflich hier gestrandet, die Ornithologin, die an der Küste die Vögel zählt und beobachtet. Sie, die nach dem Tod ihrer großen Liebe mit La Hague einen neuen Landstrich und das Leben entdecken soll und diese Geschichte erzählt. Gemeinsam mit einem Künstler und dessen Schwester wohnt sie in einem ehemaligen Hotel. Und sie ist nicht der einzige Mensch, der für Gesprächsstoff unter den Einwohnern sorgt. Lambert, ein Polizist, hat es ebenfalls in den Ort getrieben, auf der Suche nach einer Antwort. Warum mussten seine Eltern und sein kleiner Bruder vor 40 Jahren während eines Bootsunglücks sterben?

In dem Roman „Die Brandungswelle“ der Französin Claudie Gallay, Jahrgang 1961, erzeugt diese Suche nach der Antwort und die allmähliche Rekonstruktion eines Familiendramas eine ungemeine Spannung. Das Faszinierende an diesem grandiosen Buch liegt indes in den vielen kleinen Details und Stimmungen, die eine besondere Atmosphäre bilden. Jeder Dialog, jede noch so kleine Regung der handelnden Personen, jede detaillierte Beschreibung der Szenerie ist ein Mosaikstein in diesem Porträt eines Küstenortes und seiner Einwohner, die nicht nur meist eine besondere Vergangenheit zu erzählen wüssten, sondern auch Geheimnisse haben und damit auch eine Schuld tragen. Da ist Theo, der einstige Leuchtturmwächter, der an jenem tragischen Herbsttag das Licht ausgeschaltet hatte, früher sich um die Vögel kümmerte und nun eine ganze Reihe Katzen um sich scharrt. Da ist Nan, seine Liebe, die früher ein Kinderheim führte und in Lambert bei seiner Ankunft ein früheres Kind erkannte. Ihre Widersacherin ist die Mutter der Wirtin Lili und Theos Frau.

Zusammen sind sie gebeugt und enttäuscht von ihrem Lebensweg, der nicht von einem selbst gewählten Ziel, sondern vom  passive Dulden eines Zustandes gezeichnet ist. Es existiert kein liebevolles Miteinander, das Ungesagte hat sie verbiestert und einsam werden lassen. Man geht sich aus dem Weg, anstatt miteinander zu sprechen und die Fronten zu klären. Das ist auch bei Max der Fall, dem Mann, der in die Schwester des Künstlers verliebt ist, aber kaum eine Möglichkeit der Annäherung findet. Mit seinem selbst gebauten Boot indes als Fischer eine gewisse Zufriedenheit erlangt. Der sensible Theo wird schließlich die Flucht in ein neues, unerwartetes Zuhause antreten. Gallay lotet die psychologischen Untiefen ihrer Charaktere aus, wie es selten in der Gegenwartsliteratur ist.

Als Nan stirbt, völlig entkräftet nach einer Bootstour, fügt sich allmählich das Puzzle zu einem Bild, das die Vergangenheit erklärt und die Gegenwart verändert. Am Ende hat auch die Ornithologin zu sich gefunden und den Schmerz nach dem Tod ihres Partners abgestreift. Inmitten einer Landschaft am Rande des mächtigen Meeres, dem in diesem Roman ein auf den ersten Blick düsteres, aber beim genauern Hinsehen eindrucksvolles Denkmal gesetzt wird. La Hague ist zwar das Ende der Welt, aber eines, an dem manches Leben eine neue Richtung erhält.

Der Roman „Die Brandungswelle“ von Claudie Gallay erschien als Taschenbuch im btb-Verlag in der Übersetzung aus dem Französischen von Claudia Steinitz. Der Roman wurde mit dem Grand Prix de Elle ausgezeichnet.
Originaltitel: „Les déferlantes“.
560 Seiten, 9,99  Euro

Der tragische Tod eines Sportlers – Josef Haslinger "Jáchymov"

„Das Erinnern gehört zu uns lebenden Menschen. Das, was wir mit Erinnerung meinen, gibt es nur hier auf dieser Welt.“

Das Leben hält Begegnungen bereit, die nur das Schicksal knüpfen kann. Manchmal ist das so. Rein faktische Erklärungsversuche gibt es nicht. In der Literatur finden wir solche Aufeinandertreffen zuhauf. Klar, Literatur ist Fiktion, das riesige Feld für Denkspiele nach dem Motto „was wäre wenn“, ein kunstvolles Vermischen von Orten, Zeiten und Personen. Aber vielleicht hätte es diese Begegnung zwischen einem Verleger und der Tochter eines tschechischen Eishockeystars wirklich gegeben, die Josef Haslinger in seinem neuesten Roman „Jáchymov“ Raum gibt. Der tragische Tod eines Sportlers – Josef Haslinger "Jáchymov" weiterlesen

Plüsch ist voll im Trend!

Dass die Narren aber auch immer im Winter ihre fünfte Jahreszeit feiern müssen. Aber sie wollen es nicht anders. Nun  meinen ja viele, sie werden durch die Stimmung aus Alkohol, Kussfreiheit und neckischem Schabernack regelrecht aufgeheizt, was sicherlich auch durchaus der Wahrheit entspricht. Doch einige munkeln wiederum, in diesem Jahr seien angesichts der Mammutkälte ganz spezielle Kostüme Trend: jene aus Plüsch, die kuschlig sind und wärmen. Und nicht nur unbedingt den Träger der illustren, weichen Bekleidung.  
Nur sollten sich die „tierischen“ Karnevalisten nicht unbedingt das Freyburger Schützenhaus für ihr Treiben aussuchen.  Ob da während einer Fete ein ganzer Zoo zusammenkommt?  Einen Bären in der Bütt  aufbinden, kann da schon doppeldeutig verstanden werden. Oder es tauchen später Schlagzeilen auf wie „Knut lebt doch!“ oder „Wankender Grizzly macht sich ans kesse Eichhörnchen ran.“  Vielleicht muss die stattliche Erscheinung von Meister Petz sogar in dem Trubel einen Elchtest bestehen, wenn er um die Tische zur Bar kurvt und sich nicht in den Luftschlangen verheddern darf.  Aber womöglich hilft ihm später dann der ruhige Nordländer, wenn es wieder in den Schnee rausgeht, wo bereits der Yeti wartet. Und wenn alle schon nach Hause getapst sind, wird nur noch ein putziges Geschöpf seine Runden im Saal drehen und auf die Trommel hauen: das knuffige Duracell-Häschen.

Foto: miraliki/pixelio.de

Abschied – Willy Vlautin "Lean on Pete"

„Es ist schwer zu begreifen, warum es einen so bedrücken kann, etwas Schönes zu sehen, aber manchmal ist das so.“

Enge Verbindungen zwischen Mensch und Tier schreiben die schönsten und emotionalsten Geschichten, jene, die einen zutiefst bewegen, ob sie nun ein Happy End oder einen tragischen Ausgang haben. So viel schon einmal vorweg: der Jugendroman „Lean on Pete“ des Amerikaners Willy Vlautin geht gut aus. Hätte ich nur geschrieben, dass seine Story sehr traurig ist, würden die meisten sicherlich jetzt das Lesen beenden. Traurige Geschichten haben einen schweren Stand. Kaum einer will an die Abgründe und Tücken des Lebens erinnert werden, nicht einmal durch wunderbare Literatur.

Erzählt wird die Geschichte von Charley. Er ist 15. Mit seinem Vater Ray ist er wieder einmal in eine neue Stadt gezogen. Denn der hält es nie lange an einem Ort aus. In Portland ziehen sie in ein Haus, der Vater hat einen Job. Charley nur keine Freunde. Er vertreibt sich die Zeit der Ferien mit Joggen und entdeckt eines Tages eine Pferderennbahn und Del, der seine Pferde in die Rennen schickt. Oft auf abgesteckten Feldwegen, oft mit Medikamenten im Blut. Charley wird sein Handlanger, sein Helfer, der schlecht, manchmal gar nicht bezahlt wird. Und da auch sein Vater sich kaum um ihn kümmert, ist der 15-Jährige oft auf sich allein gestellt. Bei der Arbeit macht er die Bekanntschaft mit dem Pferd Lean on Pete. Er kümmert sich rührend um ihn, erzählt ihm seine Erlebnisse, seine Ängste und Hoffnungen. Charleys Vater wird bei einem Zusammentreffen mit dem Mann seiner Geliebten schwer verletzt. Im Krankenhaus verstirbt er wenige Tage später. Charley bleibt allein zurück. Als jedoch Lean on Pete wegen einer Verletzung und schlechten Rennergebnissen der Tod droht, flieht Charley mit dem Pferd. Er begibt sich auf die Suche nach seiner Tante. Doch die Reise von Portland nach Denver quer durch das karge Land der Wüste gerät zu einer Odyssee…

… die als ein Roadmovie im Kopf  des Lesers erscheint. Viele Gesichter hat dieses Buch, das einen nicht nur in das Leben des Jungen einführt, sondern auch seine Entwicklung beschreibt. Der Roman ist also Tiergeschichte, Amerika-Roman, Jugendbuch, Aussteiger-Geschichte und Entwicklungsroman in einem. Auf hochsprachliche Poesie muss man indes verzichten. Vielmehr lässt Vlautin den Jungen in seiner recht einfachen Sprache berichten. Nur so kann auch die besondere Bindung entstehen, die es zwischen dem Helden und dem Leser gibt. Charley lernt man kennen und dann lieben. Er ist ein zäher Bursche, der sich durchbeißt, auch wenn er nahezu am Abgrund steht, sowohl pleite als auch einsam ist. Während sein Halt das Pferd ist, werden ihn später seine Erfahrungen und das große Durchsetzungswillen zur Seite stehen. Er muss und will zu seiner Tante, das einzige Familienmitglied, die er noch hat. Auf dem Weg dahin trifft Charley schlechte und gemeine Menschen, die ihn ausnutzen, übers Ohr hauen und ausrauben, aber er macht auf seinem langem Trip durch einen Teil Amerikas auch die Bekanntschaft von hilfsbereiten Menschen. Der Junge lernt dabei außerdem die Widrigkeiten der Gesellschaft wie Armut, Obdachlosigkeit und Kriminalität sowie menschliche Untugenden wie Gewinnsucht und Grausamkeit kennen.

Am Ende gibt es so einen leichten Seufzer. Der Junge wurde für seine Mühen belohnt, auch wenn die durchlebten Strapazen und entsetzlichen Erlebnisse ihn gezeichnet haben. Doch nicht nur ihn: Der Leser hat eine rührende, jedoch niemals kitschig erscheinende Geschichte erfahren, eine, die sogleich weh tat, aber so viel Lebensklugheit vermittelte – und das auf 300 Seiten und in Form eines Jugendbuchs, das damit ein Meisterstück sowohl für Jugendliche als auch Erwachsene ist.

Der Roman Lean on Pete von Willy Vlautin erschien im Bloomsbury Verlag in der Übersetzung aus dem Amerikanischen von Robin Detje.
304 Seiten, 9,95 Euro

Festgefroren – Jón Kalman Stefánsson "Der Schmerz der Engel"

„Der Überlebenskampf und die Träume passen nicht zusammen, Poesie und Salzfisch sind Gegensätze, keiner kann seine Träume essen. So leben wir.“

Am Pferd festgefroren erreicht der Landpostbote Jens den rettenden Gasthof und damit die Wärme. Seine Tour quer übers Land und durch den isländischen Winter hat alles von ihm abverlangt. Doch ihm wird nur kurze Zeit der Ruhe in seinem Heimatort vergönnt sein. Der Apotheker und Postobermeister Sigurdur schickt ihn erneut auf eine Reise. Beide können sich nicht wirklich riechen, der Drogist spekuliert auf einen Fehler des Boten. Die Tour führt in den Norden, übers Meer, die Berge und Hochebenen – mitten im Winter, mitten durch die eisigen Winde der Stürme. Der Winter ist in diesen Breiten erbarmungslos und hat gemeinsam mit der Stärke des Meeres zahlreichen Menschen das Leben genommen.  Festgefroren – Jón Kalman Stefánsson "Der Schmerz der Engel" weiterlesen

Das, was war – Julian Barnes "Vom Ende einer Geschichte"

„Geschichte ist die Gewissheit, die dort entsteht, wo die Unvollkommenheit der Erinnerung auf die Unzulänglichkeiten der Dokumentation trifft.“

Was werden wir sehen, wenn wir nach Jahrzehnten auf unser Leben schauen, auf die Jahre der Jugend, die Zeit der Blüte?  Erinnerungen sind immer Bilder, Szenen in unserem Kopf, ob nun in Schwarz-Weiß oder in Farbe, ob mit völliger Schärfe oder eher wie ein verwackeltes Foto. Werden wir auch das sehen, was geschehen war? Oder werden wir etwas ausblenden, quasi einige Szenen des Filmmaterials herausschneiden?
Dies sind viele Fragen und zusammen bilden sie ein riesiges Thema, dem sich der Engländer Julien Barnes in seinem aktuellen Roman „Vom Ende einer Geschichte“ widmet. Erzählt wird zu Beginn die Geschichte eines Viergestirns, von Alex, Colins, Adrian und Tony, alle vier sind Schüler einer Londoner Schule. Man schreibt die 60er Jahre. So genau wird der Zeitrahmen in diesem Buch nicht angegeben. Das Quartett sind enge Freunde, vor allem Adrian und Tony ein eingeschworenes Team. Beide lieben die Literatur, reden über Sex. Obwohl Tony der Zugang zu den Mädchen schwer fällt. Nach der Schulzeit werden sie in alle Winde zerstreut. Man schreibt Briefe, die jedoch immer seltener verschickt werden. Eines Tages erreicht Tony eine schockierende Nachricht – Adrian hat sich das Leben genommen.   

Vierzig Jahre später, die Zeiten sind moderner, digitaler, flüchtiger geworden. Tony hat eine Ehe hinter sich, das Berufsleben abgeschlossen. Ehrenamtlich engagiert er sich in einer Krankenhaus-Bibliothek. Als ihn erneut eine Botschaft erreicht, die sein Leben umkrempelt. Er soll das Tagebuch von Adrian erben, das zuvor im Besitz von Mary war, der Mutter von Veronica. Mit ihr war Tony zu Beginn seines Studiums zusammen, später wurde Adrian ihr Partner. Doch Veronica will das Tagebuch nicht herausgeben. Auch dann nicht, als Tony den Kontakt nach Jahrzehnten Funkstille zu ihr aufnimmt und er sich mehrere Male mit ihr trifft. Erst nach einiger Zeit entdeckt er das große Geheimnis, das zwischen Veronica, ihrer Mutter und Adrian bestand und was womöglich der Grund für seinen Selbstmord war. Tony muss erkennen, dass er die ganzen Jahre nichts „kapiert“ hat und das seine Erinnerungen an die Jugend nahezu ein Trugschluss waren.

Ruhig und unaufgeregt, aber trotzdem mit einem raffiniert konstruierten Spannungsbogen hat Barnes dieses Buch geschrieben. Erzählt wird das Geschehen – sowohl die moderne Gegenwart als auch der Rückblick in die Vergangenheit – immer aus der Sicht von Tony. Nachdenklich und selbstkritisch schaut er zurück auf die Schuljahre, aus den Fluss der Jahre, die ihn geformt haben, ohne dass er sie geformt hat, er sie nahezu passiv „überstanden“ hat. Und wenn die 179 Seiten eher nur leise Akzente beim Leser setzt, ausgenommen den Suizid  Adrians, so erschlagen die letzten zwei bis drei Seiten den Leser förmlich, wenn das Geheimnis gelüftet wird, das zuvor keineswegs angedeutet wurde.

Barnes Roman ist schmal, aber hat große Wirkung und dafür hat der Engländer zu Recht den renommierten Booker-Prize erhalten.

Der Roman „Vom Ende einer Geschichte“ von Julian Barnes erschien im Verlag Kiepenheuer & Witsch
in der Übersetzung aus dem Englischen von Gertraude Krueger
201 Seiten, 18.99 Euro

Mit Fischallergie in Sushi-Bar?

Mich verwundert immer wieder, wie simpel und doch sogleich komplex der Mensch strukturiert ist, da er seinesgleichen immer wieder verblüfft mit neuen Verhaltensformen. Bestes Beispiel: der Homo televisionensis. Auch gemeinhin als systematischer Dauer-Fernsehgucker bekannt.
Derzeit sorgt eine Sendung täglich für Schlagzeilen, selbst in anspruchsvollen Blättern. Dabei zeigen C-Prominente ihre Liebe zur exotischen Tier- und Pflanzenwelt sowie Mut zu nervenaufreibenden Wagnissen. Weil sie entweder Geld brauchen, um ihre Schulden zu bezahlen, oder sie einen höheren Promistatus erringen wollen. Bekanntheit ist bekanntlich die Währung für Menschen, die es ohne Talent nach oben geschafft haben. Da zählt jede Sendeminute und jede Familie vor der Glotze. Was das Camp wohl wirklich bringt? In den USA existieren sogenannte Boot-Camps, in denen kriminelle Jugendliche mit fragwürdigen Methoden schikaniert werden. Vielleicht sollen die Promis hier nun zu wertvollen Gliedern der Gesellschaft verwandelt werden, mit etwas mehr Bescheidenheit und Demut.

Und es sind nicht einmal die wahren Fans, die so erstaunlich sind und in jeder Serienprobe mit ihrem Liebling mitfiebern und sehr genau hinschauen (womöglich mit Standbild), wie einer in eine Riesenkakalake beisst, oder sich sogar in Brehms Tierleben informieren, welche Schlange gerade getätschelt wurde. Es sind jene TV-Konsumenten bemerkenswert, die die Sendung „blöd“ finden und trotzdem gucken. Das wäre ja so, als ob einer mit Fischallergie mehrmals wöchentlich in einer Sushi-Bar speist oder einer es sich mit Heuschnupfen auf dem Bauernhof gut gehen lässt.

Selbst ein Haushalt wie meiner ohne Fernseher kommt an der Serie nicht vorbei. Man wird regelrecht verfolgt. Vor einigen Jahren erhielt ich auf meine Bemerkung, ich habe keinen Fernseher, die Frage, ob ich bedürftig sei. Damals fiel mir leider keine wirklich gescheite Gegenantwort ein. Jenen älteren Herrn würde ich jetzt gern 24 Stunden mit den „Highlights“ sowohl öffentlich-rechtlicher als auch privater Fernsehsendungen allein lassen. Er könne sich nur auswählen, ob er Gerichtsshows, Daily-Soap und Co. in Schwarz-Weiß oder in Farbe anschauen möchte. Mal sehen, ob er dann nach der zweiten Stunde schon die Segel streicht und „hier raus will“.

Foto: Daniela Baack/pixelio.de

Sehnsucht nach dem Meer – Zwei Gedichtbände

Nichts verdient den uneingeschränkten Vergleich mit der Unermesslichkeit wie das Meer. Vielleicht noch das All. Zusammen haben sie gemeinsam die Sehnsucht des Menschen nach deren Entdeckung, der Erfassung und des Versuchs, einen Mythos, der diesen beiden Räumen seit Jahrhunderten anhängt, zu erklären. Das Meer ist für die einen das perfekte Urlaubsziel, für andere spiegelt sich darin die Schönheit der Erde wider, weitere verbinden mit ihm eine unbestimmte Sehnsucht. Und mit einem Blick in die Geschichte oder aktuelle Nachrichten wird uns immer wieder bewusst, wie wenig Kraft wir als Menschen gegen das Meer setzen können, das Schiffe verschlingt oder sich in riesigen Flutwellen aufbäumen kann.

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Angst – Don DeLillo "Weißes Rauschen"

Die Kleinstadt Blacksmith im Mittleren Westen ist für Jack Gladney, Professor für Hitler-Studien am dortigen College, und seine Frau Babette mit den vier Kindern Heinrich, Steffi, Denise und dem kleinen Wilder eine Idylle. Es ist ruhig, die Nachbarschaft überschaubar. Nichts trübt das Dasein und den typisch amerikanischen Konsum, die Freitagabende vor dem Fernseher, die Shopping-Ausflüge in die Mall, der regelmäßige Stopp am Fast-Food-Restaurant. Einzig die Rückblicke auf frühere Ehen mit Frauen, die irgendwie „geheimdienstlich“ aktiv waren, ihr jetziges Leben und die Herausforderungen einer Patchwork-Familie, die die Gladneys bilden, bringen Jack zum Nachdenken. Die Gespräche mit Murray, einem Dozenten am College und einstigen Sportreporter, über das moderne Leben und die Macht der Medien, sind für den Professor die einzigen intellektuellen Herausforderungen. Wenn gleich sich Jack auch regelmäßigen Deutsch-Stunden stellt, um für eine kommende Tagung der Sprache einigermaßen mächtig zu sein.

Als es jedoch zu einem Chemieunfall kommt, endet das eigentlich ruhig dahinplätschernde Leben der Familie. Sie müssen ihr Haus verlassen, die Stadt wird evakuiert. In einem extra eingerichteten Lager verbringt die Familie einige Tage, ehe sie wieder zurück in ihr Zuhause können. Doch bereits in dieser Zeit zeigen sich erste Risse in der einst so sorglosen Welt: Jack kommt mit der giftigen Substanz in Berührung, welche Wirkungen sie tätsächlich hat, ist unbekannt. Die Nachrichten und Informationen bleiben unklar, selbst Ärzte können dem Wissenschaftler keine konkrete Auskunft geben. Und nicht nur Jack befällt eine tiefe Angst vor dem Tod. Ohne sein Wissen, ganz im Verborgenen, testet Babette ein noch geheimes Medikament, das ihr die Angst vor dem Tod nehmen soll. 

Das Leben wird für beide zu einem Balanceakt am Abgrund. Es sind schließlich nicht nur Risse in der einst sorglosen Fassade, die Welt ist vielmehr überzogen von einer grauen Schicht aus Angst und Traurigkeit. Nichts ist mehr sicher. In Blacksmith gehen die Simulationen und Übungen im Fall einer Katastrophe weiter und prägen das Stadtbild und das Zusammenleben. Schwere Kost also, der Roman „Weißes Rauschen“ des großen amerikanischen Autors Don DeLillo, der an der Seite von Thomas Pynchon und Philip Roth zu den bekanntesten Schriftsteller der amerikanischen Gegenwartsliteratur und der Postmoderne zählt..
Dieses Buch, ausgezeichnet mit dem National Book Award, ist düster, aber – kaum zu glauben – immer wieder durchzogen von ironischen, komischen, ja absurden Szenen und Gedanken. DeLillo setzt Kontraste: das Leben gegen den Tod, die scheinbare Realität gegen die Kraft der Mythen und der Religion. Großartig vor allem die Dialoge zwischen Jack und Murray über die Rolle des Todes, der als Grenzstein gerade das Leben seine Kostbarkeit schenkt. Ein Teil des Buches widmet sich kritisch der Rolle der Medien: das Fernsehen als eine Form der flächendeckenden „Strahlenhypnose“, die bewusste Verschleierung von Informationen oder ihre Verharmlosung – die Gesellschaft muss ja zusammengehalten werden, keine Massenhysterie darf aufkommen. 

Erzählt wird das Geschehen dabei von Jack, der ein genauer und sensibler Beobachter ist, der sowohl klug mit seinem Kollegen philosophieren kann, als auch liebevoll mit seinen Kindern umgeht, denen DeLillo zudem eine eigene Gestalt und Persönlichkeit gegeben hat, mit ihren ganz eigenen Problemen und Sorgen. Da ist Heinrich,  der intelligente Sohn, Steffi und Denise, die immer wieder gemeinsam an der elterlichen Allmacht zweifeln, Wilder, der irgendwie in seiner eigenen Welt lebt und als Benjamin der Familie eine besondere Aufgabe erfüllt: Er ist für Jack und Babette nahezu eine Reliquie, die Kraft und Hoffnung spendet.

„Weißes Rauschen“ ist ein Buch, das einen lange beschäftigen wird, über die eigentliche Lektüre hinaus. Der Roman erzählt nicht nur eine besonders berührende Geschichte auf seine ganz eigene Art und entwirft ein Porträt einer außergwöhnlichen Familie. Er gibt vielmehr die Möglichkeit, hinter die Dinge zu schauen. DeLillo umschreibt nicht nur, er erfasst das große Ganze und stellt „ungemütliche“ Fragen mit Blick auf die Zerbrechlichkeit unserer Welt, und sei sie noch so hochmodern und technisiert. Das kann und muss auch weh tun. Weiterer apokalyptischer Lektüre sollte man deshalb im Anschluss erst einmal fern bleiben, der Stimmung wegen.

„Weißes Rauschen“ von Don DeLillo erschien 1984 unter dem Originaltitel „White Noise“ bei Viking Press, New York, ein Jahr später schließlich im Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln. Das Buch ist zudem im Goldmann-Verlag mit der Übersetzung aus dem Amerikanischen von Helga Pfetsch erschienen.
415 Seiten, 9,95 Euro

Der Schwarze Tod in Paris – Fred Vargas "Fliehe weit und schnell"

An den Türen von Pariser Wohnungen taucht eines Tages und über Nacht ein merkwürdiges Symbol auf: eine spiegelverkehrte Vier mit merkwürdiger Gestalt. Zur gleichen Zeit erhält Joss merkwürdige Botschaften. Der Bretone und frühere Schiffskapitän verdient seine Brötchen mit dem Ausrufen von Botschaften, die am Tag und in der Nacht in seine Holzkiste geworfen werden. Ob Werbung für frisches Obst und Gemüse, ein Liebesschwur oder ein Fluch auf eine missliebige Person. Schon sein Großvater hat diese Tätigkeit ausgeübt, und Joss hat mehrere Jahrzehnte später und trotz moderner Medien Erfolg. Scharenweise strömen die Zuhörer auf einen Platz in einem Pariser Vorort. Und sie werden mehr, als die bedrohlichen Botschaften kein Ende nehmen.

Kommissar Adamsberg wird schließlich mit dem rätselhaften Geschehen konfrontiert. Und er spürt, dass sich hinter den Zeichen Bedrohliches verbirgt. Mit Hilfe eines Historikers und Experten für die Zeit des Mittelalters lüftet er das Geheimnis: die Vier ist ein Talisman gegen die Pest, die Botschaften, Zitate aus historischen Schriften, kündigen hingegen das Nahen des Schwarzen Todes an. Wenig später wird die erste Leiche gefunden: ein junger Mann, der stranguliert und mit Kohle eingerieben und von Rattenflöhen gebissen wurde. Und es soll nicht der einzige Tote bleiben. Die Zeit spielt gegen Adamsberg und sein Team, denn der Mörder treibt schließlich sein Unwesen außerhalb der Hauptstadt.

Der Roman „Fliehe weit und schnell“ der französischen Krimiautorin Fred Vargas, Jahrgang 1957, findet natürlich ein positives Ende. Nach einer Reihe von Morden kann man schließlich nicht von einem guten Ende sprechen. Der Täter wird geschnappt, aber bis dahin erlebt der Leser eine wunderbare Zeit mit diesem bemerkenswerten Krimi. Wer Vargas kennt, weiß, wovon ich spreche, entwirft die Autorin und gebürtige Pariserin wieder eine Story, die sich um einen mystischen Stoff und viel Geschichte dreht, und Figuren, die sehr eigen mit all ihren Fehlern, Kanten und Macken sind, wie den Kommissar, der ein schlechtes Namensgedächtnis hat, allerdings mit seinem siebten Sinn sofort die Bedrohlichkeit der Situation noch vor dem ersten Mord erkennt. Da ist Vandoosler, der Mittelalter-Experte, der unheimlich klug ist, aber Putzen muss, um sein Geld zu verdienen, oder Decambrais, der Besitzer einer Pension und Berater in allen Lebensfragen, der ein Geheimnis mit sich trägt.

Vargas erfindet so einen ganzen Kosmos merkwürdiger Gestalten, mit ihrem auf den ersten Blick sonderbaren Lebensalltag und ihrer Vergangenheit, die im Dunkeln liegt. So erscheint die Geschichte lebendig und düster zugleich, auf alle Fälle kreativ und charmant, vor allem auch dank der Idee mit der Gestalt des Ausrufers und die ebenfalls mit Spannung zu lesende Einbettung der Historie der Pest im Mittelalter und der Neuzeit. Und an Spannung fehlt es dem Roman ebenfalls nicht. Erst auf den letzten Seiten wird der überraschende Mörder enttarnt; hinter dessen Treiben eine düstere Vergangenheit und ein ebenfalls scheußliches Verbrechen steckt.Vargas baut den Spannungsfaden sukzessive auf, ohne jedoch allzu sehr den Leser auf die falsche Fährte zu bringen. Schnell wird so ein Verdächtiger von seiner Schuld wieder frei gesprochen.

Wer die Bücher der französischen Autorin mag, wird erneut nicht enttäuscht werden, wer als Krimi-Fan sie noch nicht kennt – na aber, für den wird es langsam Zeit. Mit ihr kann man so manch anderen Schriftsteller ruhig vergessen.

Der Roman  „Fliehe weit und schnell“ von Fred Vargas erschien in der Übersetzung von Tobias Scheffel 2003 im Aufbau Verlag, 2006 auch als Taschenbuch.
399 Seiten, 8,95 Euro

Das Märchen eines Märchendichters – Jens Andersen: "Hans Christian Andersen"

Er hat mehr als 150 Märchen geschrieben und wurde zum Nationaldichter seines Heimatlandes Dänemark. Dabei erscheint schon die Erzählung seines  Lebens wie ein klassisches Märchen mit seinem guten Ausgang.
Als Sohn eines Schuhmachers, 1805 geboren, verlässt Hans-Christian Andersen mit gerade mal 14 Jahren seine Heimatstadt Odense auf Fünen und geht in die große Stadt Kopenhagen. Er vertraut allein seinen Talenten, seiner Begabung für das Theaterspiel und der Hingabe zur Sprache und Fantasie. Noch in den ersten Jahren als kleiner Poet und Laiendarsteller auf der Opernbühne verschrien, erringt er in den kommenden Jahren und Jahrzehnten Respekt und Anerkennung.  Das Märchen eines Märchendichters – Jens Andersen: "Hans Christian Andersen" weiterlesen

Meine Insel, mein Blockhaus, mein Motorboot

Was mache ich nur bloß mit 279 Millionen Euro? Also, eine eigene Insel wäre nicht schlecht. Aber nicht im Pazifik, mit Palmen und daunenweichem Strand und so. Eher wohl an der nordamerikanischen Küste. Dort sollen ja auch noch ein paar frei und verkaufbar sein. Da habe ich dann Ruhe und vor allem mal wieder Winter. Nicht so wie hier. Ich lasse auf der Insel ein Blockhaus bauen. Gemeine Wölfe wird es auf der Insel nicht geben, die es mir fortpusten können. Das könnte eher ein tüchtiger Orkan bewältigen. Aber den bösen Gedanken lassen wir mal lieber. Mit 279 Millionen Euro soll es uns doch so richtig gut gehen. Ob ich mir einen Privatjet dafür leiste? Schließlich sollte man dann und wann Kontakt zur Außenwelt pflegen und zum Festland hinüberdüsen. Aber ob sich ein Pilot findet? Piloten wollen doch immer nur in den warmen Süden fliegen. Aber ich nicht. Ein Motorboot, höherer Preisklasse natürlich, wäre da eher etwas. Damit kann ich auch auf Wal-Watching-Tour gehen. Oh ja, und auf Fischfang. Obwohl, in Norwegen wollten ja vor einiger Zeit nicht mal die Lachse beißen. Aber wir üben noch. Und wie soll ich mir noch den Tag versüßen? Ich baue mir ein eigenes Kino mit riesiger Leinwand und nur einer begrenzten Anzahl an Sesseln. Diesen 3-D-Kram brauche ich allerdings nicht. Ich könnte aber auch so viel Musik herunterladen, dass die Amazon-Seite zusammenstürzt oder mir so viele Bücher per Internet bestellen, dass die Post mehrmals am Tag zu mir fliegen muss. Natürlich sollte das Porto stabil bleiben. Obwohl, bei Amazon erübrigt sich das mit dem Porto ab einem Bestellwert von 20 Euro. Super, da kann ich ja noch richtig sparen. Auch wenn ich superreich bin…

…wie der neue Apple-Chef Tim Cook. Der hat eben jene Summe von 279 Millionen Euro (297 Millionen Dollar) eingestrichen. Zu seiner Verteidung sollte man indes erwähnen, dass er einen Großteil dieses Geldes „nur“ als eine Option auf  Apple-Aktien ausgereicht bekommt und auch erst in den kommenden Jahren. Ob ich dem Herrn Cook mal meine Vorschläge maile, wie er sein Vermögen am bestens umsetzen kann. Ich sollte ihm allerdings nicht unbedingt verraten, dass ich kein einziges Produkt seiner Firma nutze. Sonst fallen womöglich meine Aktien.

Foto: Benjamin Klack/pixelio.de

Ein Winter, eine Freundschaft – Peter van Gestel "Wintereis"

Erinnerungen an persönliche Erlebnisse, an die wir gern zurückdenken,  sind Rückblicke, meist etwas verklärt, schön gedacht und subjektiv. Schlechte Erfahrungen werden meist negiert, in uns selbst vergraben. Nicht-Erinnerungen, die auftauchen, wenn sie uns überwältigen oder andere sich für uns erinnern. „Aber Geschichten von anderen sind keine Erinnerungen“, heißt es in dem Jugend-Roman „Wintereis“ des Holländers Peter van Gestel, in dem eine besondere Freundschaft im Mittelpunkt steht.

Thomas lebt allein mit seinem Vater in Amsterdam. Man schreibt das Jahr 1947. Es ist Winter, ein kalter zudem. Die Grachten sind zugefroren. Eisblumen zieren die Fenster. Vater  und Sohn leben in bescheidenen Verhältnissen. Ein Lebenskünstler ist der Vater, ein Schriftsteller, dessen Werke nie viele Leser erreichen. Die Mutter ist vor zwei Jahren, wenige Monate nach dem Kriegsende, an Typhus gestorben. Thomas lernt Piet Zwaan kennen, der neu in die Klasse kommt. Mit der Zeit freunden sie sich an. Während Thomas Vater für die englische Armee in Deutschland arbeitet, wohnt der Zwölfjährige bei seiner Tante Pie, später jedoch bei den Zwaans, bei Piet, dessen Cousine Bet und deren Mutter. Es entwickelt sich zwischen der Familie und dem Jungen aus einfachen Verhältnissen eine spezielle Beziehung, trotz der Standesunterschiede und Verhaltensnormen. Thomas lernt, dass Fluchen halt nicht schicklich ist, dass es sich gehört, vor dem Essen die Hände zu waschen, ab und an auch mal in die Badewanne zu steigen. Während sich zwischen Piet und Thomas eine Jungen-Freundschaft entwickelt, verliebt sich Thomas in die zwei Jahre ältere Bet. Doch beide haben ein trauriges Schicksal zu erzählen, das Thomas erst mit der Zeit erfährt, nach und nach und bruckstückhaft. Bet und Piet sind Juden, deren Vater beziehungsweise beide Eltern im KZ ermordet wurden. Piet war zudem während des Zweiten Weltkriegs untergetaucht im Haus seines Onkels.
Als Piets Tante schwer psychisch erkrankt, verlassen die Kinder Amsterdam. Später wird auch Thomas mit seinem Vater die Grachtenstadt verlassen. Ein Brief von Piet wird ihn erreichen, als letztes Zeichen, in dem der Freund von seiner neuen, weit entfernten Heimat erzählt.  

Bücher über die Zeit des Dritten Reiches gibt es viele, wie jedoch die Jahre nach Kriegsende die Menschen beeinflusst haben, beschreiben nur wenige; vor allem nicht im Bereich der Jugendliteratur. Der 1937 in Amsterdam geborene Autor Peter van Gestel widmet sich nun einigen Monaten im Leben dreier Kinder, die vieles gemein, aber auch viele Unterschiede haben. Wie van Gestel das Kennenlernen und die spätere Freundschaft aus der Perspektive von Thomas beschreibt, ist auf vielfältige Art und Weise bemerkenswert. In dem Erzählen vermischen sich die vielen Gesichter des Jungen: Mal ist er ruppig und burschikos, mal sensibel. Auf alle Fälle jedoch schlagfertig und intelligent. In den zahlreichen lebendigen Dialogen sowohl zwischen den Kindern als auch jenen zwischen den Kindern und Erwachsenen bewegt sich van Gestel zwischen einem unterhaltsamen Humor und einer thematischen Tiefe, die nachdenklich stimmt.

Während Jugendliche dieses wunderbare Buch als Roman über eine Freundschaft ansehen, werden Erwachsene vor allem ein Thema herauslesen. Alles dreht sich um Erinnerungen. Thomas erinnert sich an seine Mutter und versucht die vergrabenen Bruchstücke seiner frühesten Kindheit auszugraben. Mit fünf war er schon einmal Gast bei den Zwaans, als die Eltern von Piet noch lebten, als das Haus noch ihnen gehörte. Piet dagegen fehlen die Erinnerungen an seine Eltern. Als Sechsjähriger  sah er sie das letzte Mal. So sind die beiden Jungen auf einer Suche nach Erinnerungen. Die ältere Bet und deren Mutter dagegen wollen sich den Erinnerungen verweigern, angesichts der Unfassbarkeit der damaligen Ereignisse, die im traurigen und trostlosen Rückblick und aufgrund des immer noch latenden Judenhassen, der an einigen Stellen im Buch zu finden ist, wieder frische Wunden aufreißen. So schwebt über dieser Geschichte eine drückende Melancholie, die jedoch von der Heiterkeit und der Lebensfreude des zwölfjährigen Thomas durchbrochen wird. Der Roman zeigt sich somit janusköpfig, wie Erinnerungen nun mal auch sind.

Für „Wintereis“war Peter van Gestel 2009 für den  Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert, in seinem Heimatland erhielt er drei Preise für dieses Werk. Die Zeitung „Die Zeit“ und Radio Bremen zeichneten den Roman mit dem Preis „Luchs des Monats“ aus.  

Der Roman wurde 2008 im Verlag Beltz & Gelberg, in der Reihe „Gulliver“ veröffentlicht, in der Übersetzung aus dem Niederländischen von Mirjam Pressler.
336 Seiten, 8,95 Euro

Into the Wild – David Wroblewski "Die Geschichte des Edgar Sawtelle"

 

Es war über eine lange Zeit eine Idylle: die Farm der Sawtelles in Winsconsin, im Norden der USA nahe der Großen Seen. Die Familie, Trudy, Gar und ihr Sohn Edgar, lebt zurückgezogen auf dem Land. Alle drei haben ihr Leben einer großen Leidenschaft verschrieben – der Aufzucht und dem Training ihrer Hunde; ganz besonderen Tiere mit speziellen Eigenschaften. Mit der Zucht hatte Edgars Großvater begonnen, die Familie führt dieses lebendige Erbe fort, das allerdings auch ihr einziges Einkommen bildet.
Während Gar sich den Gesetzen der Zucht und der Aufzeichnung der körperlichen Eigenschaften und Charaktereigenheiten jedes einzelnen Tieres widmet, kümmern sich Trudy und Edgar um das Training. Mit Strenge und eiserner Disziplin. Obwohl der intelligente Junge ein besonderes Handicap besitzt: Er ist seit seiner Geburt stumm und verständigt sich in einer selbst entwickelten Gebärdensprache mit seinen Eltern und den Hunden. Er ist es auch, der mit Hilfe eines Wörterbuches den Tieren ihren Namen gibt.
Als plötzlich Gars Bruder und Edgars Onkel Claude auf der Farm auftaucht, verschwindet der Frieden. Eines Tages stirbt Gar, und Edgar glaubt nicht an einen natürlichen Tod. Er verdächtigt Claude. Als es zu einem weiteren Unfall kommt, flieht der Junge mit einigen Tieren eines Wurfes, den er in Obhut genommen hatte. Gemeinsam mit Essay, Tinder und Baboo verlässt er Hals über Kopf sein Zuhause und schlägt sich durch die Wildnis schlagen. Zurückbleiben seine Mutter und Hündin Almondine, mit der Edgar aufgewachsen ist und zu der er eine enge Beziehung hatte.

Doch dies ist nicht das Ende des Romans „Die Geschichte des Edgar Sawtelle“ des Amerikaners David Wroblewski, dessen Eltern selbst eine Hundezucht führten und der auf einer Farm in Wisconsin aufgewachsen ist. Die Geschichte geht weiter und das muss sich auch. Denn das Buch trägt etwas ganz Besonderes in sich. Es ist nicht nur die Story von Menschen mit ihren Hunden, es ist eine von Hunden mit ihren Menschen. Wie Wroblewksi die enge Bindung zwischen Tier und Menschen beschreibt und jedem Hund einen besonderen Charakter zuweist, ist bezaubernd. Hinzukommen eindrucksvolle Landschaftsbilder und eine Spannung, die einen an den knapp 700-Seiten-Wälzer fesselt.

Der große Held des Buches ist neben den Hunden der Junge Edgar. Der Autor zeichnet ihn als ein überdurchschnittlich intelligentes und sensibles Kind, das allerdings einige Härteprüfungen überstehen muss: der Tod des Vaters, später des Tierarztes der Familie und die beschwerliche Reise durch die Wildnis, bei der er Hunger und Durst leidet, von Stechmücken gepeinigt wird. Was man diesem wunderschönen Buch jedoch kritisch anrechnen muss, ist sein Hang zur Mystik. Edgar kann sich mit den Toten verständigen, und auch das Ende des Romans zeigt recht fantastische Züge und lässt den Leser dann doch recht verwundert zurück.
Trotzdem ist und bleibt diese Geschichte eine, die jeden Tier- und Naturfreund rührt und an deren Lektüre man sich sehr gern erinnert. Der Bestseller-Status in den USA mit anderthalb Millionen verkauften Exemplaren beweist es ebenso.

Die Geschichte des Edgar Sawtelle von David Wroblewski erschien in der Deutschen Verlags Anstalt und als Taschenbuch im btb-Verlag.
704 Seiten, 12,99 Euro