Leben als Parodie der Träume – Stephan Thome "Fliehkräfte"

„(…) manche Orte bleiben auf ähnliche Weise sie selbst wie Menschen.“

Er hat alles erreicht, wovon er geträumt hat. Hartmut Hainbach, Endfünfziger, ist Philosophieprofessor an der Uni Bonn. Mit seiner aus Portugal stammenden Frau Maria hat er eine bereits erwachsene Tochter. Doch das Paar lebt, seit zwei Jahren geografisch von einem halben Deutschland getrennt, eine Wochenendbeziehung. Überhaupt erscheint die Familie im Raum verstreut wie die Ecken eines Dreiecks, denn Tochter Philippa studiert in Santiago de Compostela. Als Hainbach von einem Freund, einem Verleger, das Angebot auf eine Stelle in dessen Unternehmen erhält, ringt Hainbach mit seiner Entscheidung. Soll er seinen Traum, als Professor zu wirken,  aufgeben, um damit seiner Frau wieder näher zu kommen, die, an einem Theater tätig, in Berlin wohnt.

Stephan Thome, der vor drei Jahren mit seinem Romandebüt „Grenzgang“ von der Literaturkritik gefeiert wurde, legt nun mit seinem zweiten Roman „Fliehkräfte“ ein sowohl sensibles Porträt einer Familie als auch ein philosophisches Werk zum Thema Lebensziel und Lebenstraum vor. Denn was erwartet ein erfolgreicher Mann wenige Jahre vor dem Ruhestand vom Leben, wenn plötzlich ihn ein Angebot erreicht, mit dem alles auf den Kopf gestellt wird, in die bereits vertraute Situation etwas Unerwartetes eintritt. Soll er es wagen, das Lebensziel für nichtig zu erklären, um eine neue Aufgabe anzunehmen und eine andere Form des Glücks zu finden?

Die Zeit der Entscheidung füllt Hainbach mit Erinnerungen: an seine Studienzeit in den USA in den frühen 70er Jahren, an seine erste Beziehung mit der Französin Sandrine, an die Hochzeit seines Neffen Florian, den Auszug seiner Frau und der Tochter aus dem großen Haus in Bonn. Eines Tages werden ihm seine Einsamkeit und jene weinseligen Abende zu viel. Hainbach setzt sich in sein Auto und fährt spontan los. Sein erstes Ziel: Paris, wo er seine ehemalige Freundin Sandrine trifft, wenig später taucht er bei seinem früheren Kollegen Bernhard auf, der vor Jahren seine Juniorprofessur an den Nagel gehangen hatte und nun ein Restaurant nahe der Atlantikküste in Südfrankreich führt. Im Anschluss besucht er seine Tochter in Santiago, die ihm beichtet, dass sie mit einer Frau zusammenlebt. Die Tour durch Südeuropa endet in Portugal. Denn Hainbachs Schwiegervater liegt im Krankenhaus. Er und seine Frau Maria treffen in deren Heimat aufeinander. Und eine Entscheidung muss her.

Wenn auf den ersten Blick das Geschehen des Romans recht unaufgeregt erscheint, die Lektüre des Buches ist es durchaus nicht. Ganz im Gegenteil. Die intensiven Dialoge zwischen Hainbach, seiner Frau und zwischen seiner Tochter, die persönlichen Rückblicke und Reflexionen auf Vergangenes erzeugen einen besonderen Sog; vor allem auch der Tatsache geschuldet, dass Thome sich dank einer geringen Anzahl an Charakteren auf die Ausgestaltung seiner Hauptakteure konzentrieren kann. Wenngleich Hainbach melancholisch, unsicher und kraftlos erscheint – an vielen Stellen finden sich im Gegensatz dazu wunderbare, mit einem gewissen Augenzwinkern erzählte Szenen, beispielsweise die Gespräche zwischen Vater und Tochter oder die Begegnungen des intellektuellen Wissenschaftlers mit dem Familienalltag seiner Schwester Ruth. In dieser liebevoll wie sensibel erzählten Familiengeschichte streut der Autor gesellschaftliche Entwicklungen der jeweiligen Jahre und Jahrzehnte ein. Sowohl das geteilte Deutschland, der wachsende politische Erfolg der Grünen und der künftige SPD-Kanzler Schröder sind hier zu finden als auch die Reisefreiheit in einem vereinigten Europa. Hainbachs Reise durch einen großen Teil des Kontinents verbindet sich mit einem Rückblick auf sein Leben, angefüllt mit  Begegnungen unterschiedlichster Lebensmuster und -pläne. Die Suche nach Antworten auf seine Fragen entwickelt sich zu einer Pilgerfahrt, die sicherlich nicht umsonst als eine der Stationen Santiago de Compostela weiß.

Thomes neues Buch, das auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises 2012 stand,  ist damit eines, das all jene sehr prägen wird, die sich Gedanken machen über das Leben, über Träume und Ziele, das Verlockende an Veränderungen und die Kraft des Beständigen. Man kann ganz sicher gespannt sein auf Thomes dritten Roman. Denn er hat sich schon mit seinen ersten beiden Werken einen besonderen Rang unter den besonderen deutschen Erzählern erschrieben.

Der Roman „Fliehkräfte“ erschien im Suhrkamp Verlag.
474 Seiten, 22,95 Euro

Eine Schramme frei – dank der Versicherung!

Ich liebe es ja, Post zu bekommen. Nach Ansichtskarten aus den Ländern zwischen Nord- und Südpol stehen Werbebriefe in meiner persönlichen Beliebtheitsskala ganz weit oben. Hätte ich jedes Anschreiben einer Bank positiv beantwortet, hätte ich wahrscheinlich jetzt Kredite im Gesamtumfang von mehreren Millionen Euro am Hals. Gut, ich hätte sicherlich dafür eine schicke Villa gekauft hinter einem hohen schicken Zaun und einen schicken Porsche mit schicken Ledersitzen im knalligen Rot bekommen, aber es sollte nun mal nicht sein.

Heute erreichte mich wiederum  ein Werbebrief, der mir das Angebot schmackhaft machen wollte, mit dem Handy meine Heizung regulieren zu können. Ich bin froh, wenn ich mich mit meinem Mobiltelefon nicht verwähle und in Laos herauskomme.  

Ein Angebot bringt mich dagegen noch immer ins Grübeln. Es ist Post von meiner Autoversicherung, die sich hinter vier grünen, großen Buchstaben versteckt. Sie schreibt: „Denken Sie daran, dass Sie als Kfz-Kunde einmal im Jahr eine Schramme oder Delle an ihrem Auto „gut haben.“ Allerdings – jetzt kommt das große  Kleingedruckte! – dürfte nur ein Karosserie-Bauteil betroffen sein und eine Smart-Repair-Reparatur dabei durchgeführt werden. Also, ich sollte mir genauer überlegen, in welchem Winkel in welcher Geschwindigkeit ich wo mit meinem Auto anecke. Das schränkt das Angebot natürlich drastisch ein. Zumal „nur“ eine Delle frei ist.

Aber die Möglichkeit des freien Fehlverhaltens sollte es überall geben. Einmal kann die gefüllte Eierpappe im Supermarkt mal so richtig zu Boden klatschen, schließlich könnte mir das ja zu Hause auch passieren, und da wäre mein Laminat ruiniert. Oder der Einkaufswagen fährt ungebremst in eine Pyramide aus Kartons voll mit Weihnachtsbaumkugeln. Vielleicht bietet ja eine Haftplichtversicherung bald an, dass der eigene Hund einmal im Jahr ein Einrichtungshaus seiner Wahl betreten darf und dort die Kissen und Matrazen zerbeißen kann. Ein Feuer gratis hält die Hausratversicherung bereit. Allerdings könnte es dann heißen, dass nur ein Zimmer wiedererstattet wird, im Smart-Repair-Verfahren mit Papp-Möbeln.

Foto: Joujou/pixelio.de

Schatten – Rebecca Hunt "Mr. Chartwell"

„Black Pat stand in der Mitte des Raumes, ein Ungeheuer mit wachsamen Augen.“ 

Esthers Hammerhans‘ neuer Untermieter hat dunkles Fell, einen klobigen Kopf und vier Beine. Im Gegensatz zu seiner riesigen Gestalt ist sein Anstand eher von geringem Umfang. Mr. Chartwell alias Black Pat klopft zwar eines Tages manierlich mit der Pfote an Esthers Haustür, in den kommenden Tagen soll der große Hund indes sein wahres Gesicht zeigen. Aus einem possierlichen Kerlchen, das in der Wanne plantscht und sich auf der Couch fläzt, wird ein düsterer Schatten, der sich auf die Stimmung der jungen Frau legt und zu ihrem ständigem Begleiter wird. Esther lebt bis auf die Freundschaft zu ihrer Kollegin Beth und deren Familie sehr zurückgezogen. Eigentlich kennt sie nur die Arbeit in der Bibliothek des Unterhauses mit einem despotischen Chef und hochmütigen Abgeordnete. Was Esther noch nicht weiß: Auch ihr Mann Michael, der sich vor zwei Jahren das Leben nahm, kannte den großen Hund mit dem schwarzen Fell. Und nicht nur er.

Denn kein Geringerer als der ehemalige britische Premierminister und Nobelpreisträger Winston Churchill ist ebenfalls mit der plumpen Gestalt vertraut. Denn Churchill und sein „black dog“, wie er seine depressiven Phasen nannte, bilden den realen Hintergrund für den ersten Roman der englischen Malerin Rebecca Hunt (Jahrgang 1979) mit dem Titel „Mr. Chartwell“. Das Buch spielt im Jahr 1964, ein Jahr vor Churchills Tod. Der große Mann der Weltgeschichte hat sich auf seinen Herrensitz in Kent zurückgezogen, der Abschied aus dem Politikalltag steht ihm kurz bevor. Esther nun fürchtet den zweiten Todestag ihres Mannes entgegen. Und da taucht eben Mr. Chartwell auf. Die Situation könnte nicht besser sein für ihn, um sein nächstes Opfer in die Fänge zu bekommen und zu behalten. Doch das Monstrum mit dem fiesen Grinsen und den nervigen Sprüchen hat nicht die Rechnung mit dem unvorhergesehenen Schicksal gemacht: Denn eines Tages lernt Esther nicht nur einen neuen Kollegen kennen. Sie erhält einen wichtigen Auftrag im Hause Churchill.

Während das Buch auf seinen ersten Seiten als komisches Werk erscheint, über dessen zahlreiche witzige Szenen und einen unglaublich ausgeprägten Wortwitz man sich ungemein amüsiert, dreht sich mit den folgenden Kapiteln die Stimmung um 180 Grad. Spätestens als die Rolle des Hundes erkennbar wird. Die Autorin könnte nun jedoch eine ernste Atmosphäre aufbauen, die Handlung in einem traurigen Ton weitererzählen. Doch falsch. Engländer sind bekanntlich Meister des schwarzen Humors, der zu kräftigen Lachern reizt, ohne den kritischen Hintergrund aus den Augen zu verlieren. Übertreibung ins oftmals Groteske ist sein bestechendes Merkmal. Nur so streut man Salz in die Wunde. Es muss weh tun, das Lachen wie das Weinen.

Wie Rebecca Hunt es gelingt, beide Gesichter ihres ersten Buches zu vereinen, ist meisterhaft. Ihr gelingt es zum einen, den realen Hintergrund in eine originell erzählte fiktive Geschichte rund um die schüchterne Esther und ihre traurigen Erlebnisse zu betten und die Figuren, allen voran der sprechende Hund plastisch zu gestalten. Zum anderen erdrückt der Humor nicht das eigentliche, traurige Thema.  Depression, die Krankheit, die keiner dem anderen ansieht, ist weiterhin keines, über das man gern spricht, das nicht wirklich ernst genommen wird. Trotz immerwiederkehrender Präsenz in den Medien. Doch vielleicht schafft es dieses Buch, für dieses Thema zu sensibilisieren. Denn das Unverständnis der anderen macht den schwarzen Schatten nur noch größer und schwerer.

„Mr. Chartwell“ von Rebecca Hunt erschien im Luchterhand Verlag, in der Übersetzung aus dem Englischen von Hans-Ulrich Möhring.
256 Seiten, 18,99 Euro

Das Böse – Ferdinand von Schirach "Schuld"

„Es waren ganz normale Männer, und niemand hätte geglaubt, dass so etwas passiert“, heißt es in der ersten Geschichte, in einem ihrer ersten Absätze. Man ahnt leise, das Böse findet seinen Weg in sonst harmonische Zeiten. Es schreckt vor nichts zurück und versteckt sich hinter der Maske der Harmlosigkeit und nutzt den Moment der Überraschung.

Ferdinand von Schirach, einer der bekanntesten Strafverteidiger in Deutschland und mit seinem Erstling „Verbrechen“ von der Literaturkritik gefeiert, legt mit diesem zweiten Band nach. Und der Zwillingsbruder des ersten Buches steht diesem in nichts nach. Wieder erzählt von Schirach von seinen Fällen und Klienten, denen er in seiner nunmehr 18-jährigen Laufbahn als Jurist begegnet ist. Und wieder erfasst jede dieser Stories den Leser hoch emotional. Das Böse – Ferdinand von Schirach "Schuld" weiterlesen

Malerin des Heimwehs – Elena Poniatowska "Frau des Windes"

Schon als Kind entzieht sie sich der Allmacht ihrer Eltern. Selbst die Lehrer scheitern an ihr. Sie fliegt gleich aus mehreren Schulen hochkant raus – zu wild, zu stolz und eigensinnig zeigt sich Leonora. Dem Wunsch ihrer Eltern, als Tochter des Wirtschaftsmagnates Carrington und damit aus gutem Haus stammend einmal vollwertiges Mitglied der englischen High Society zu werden, trotzt sie bereits als Jugendliche. Die Kunst ist schon früh Lebensinhalt und -ziel und wird es bis zu ihrem Tod im Alter von stolzen 94 Jahren bleiben.

Elena Poniatowska, 1932 in Paris geboren, aufgewachsen in Mexico, widmet sich in ihrem Roman „Frau des Windes“ einer einzigartigen Frau, der Malerin und Schriftstellerin Leonora Carrington (1917 – 2011). Beginnend mit den Auseinandersetzungen im Elternhaus aufgrund des ungestümen Wesens des Mädchen bis zu den großen Erfolgen als Künstlerin. Doch neben den hellen Phasen eines aufregenden Lebens spart die Autorin nicht mit den Beschreibungen der dunklen Kapitel. Einfühlsam berichtet sie in ihrer Romanbiografie von Schattenseiten dieses Künstlerdaseins, gezeichnet von einem ungebändigten Drang nach Freiheit, Gerechtigkeit und der steten Suche nach Liebe.

Schon früh macht Carrington Bekanntschaft mit dem Künstlerkreis der Surrealisten um André Breton. Paris bildet die erste Station ihrer unermüdlichen Lebensreise um den Globus. Mit ihrer starken Persönlichkeit und ihrem Talent macht sie Eindruck auf die schon gestandenen Künstler, allen voran auf den deutschen Maler Max Ernst, mit dem sie eine Beziehung beginnt. Als Paar ziehen sie aufs Land, in den Süden Frankreich. Sie kaufen sich ein Haus, bewirtschaften einen Weinberg. Doch der Zweite Weltkrieg und die nahende Besetzung Frankreichs durch die Wehrmacht zerstört das gemeinsame Glück. Ernst wird verhaftet und in ein Internierungslager gesteckt. Von dieser plötzlichen Trennung und der Ungewissheit, ob ihr Partner noch am Leben ist, wird sich Leonora, wie auch von den späteren Monaten in einer spanischen Nervenklinik, nie erholen. An der Seite des späteren Schriftstellers Renato Leduc steigt sie auf einen Dampfer, der sie nach Amerika bringt – zuvor gab es ein überraschendes Wiedersehen mit Ernst, der  die Internierung überstanden hat und gemeinsam mit der Kunstmäzenin Peggy Guggenheim ebenfalls in die Neue Welt reist.  Spannungen zwischen den beiden Paaren, von denen auch der gesamte Kreis der Surrealisten gezeichnet ist, entstehen. Lange werden beide Beziehungen nicht halten. Leonora lernt in Mexico, ihrer neuen Heimat, Emérico Chiki Weisz, einen Gefährten des berühmten Kriegsreporters Robert, kennen. Ihre beiden Söhne Gaby und Pablo werden geboren. Und trotz einer Familie und des steigenden Ruhms – Leonora bleibt eine Getriebene, zu Beginn noch verfolgt von den Fängen ihrer Eltern, später von einem starken Heimweh zu ihren europäischen Wurzeln. Hinzu kommt die unsichere politische Lage in Mexico, die zu Unruhen führt, von denen auch ihre beiden Söhne bedroht sind. Erneut flieht sie in die USA, pendelt später zwischen Mexico, New York und Europa.

Wechselvoll war das Leben der Leonora Carrington, eindrucksvoll ist jene teils dokumentarische, teils fiktive Romanbiografie. Diese beleuchtet nicht nur von vielen Seiten das Leben und Wirken der surrealistischen Malerin, die sich zudem intensiv mit Mystik und Alchemie auseinandergesetzt hat. Poniatowska gelingt ein farbenprächtiges Porträt eines Jahrhunderts und seiner Kunst, das sich wie in einem Rausch liest und an vielen Stellen nicht nur chronologischen und biografischen Charakter hat, sondern mit sehr viel Poesie angereichert ist. Grundlage für dieses Buch waren Gespräche zwischen der Autorin und der Malerin, die sich beide kannten. Trotzdem gelingt es Poniatowska einen Abstand zu wahren und die starke Person der Leonora Carrington auch mit ihren Zweifeln und psychischen Schwächen zu zeichnen.

Der Roman „Frau des Windes“ von Elena Poniatowska erschien im Insel Verlag, in der Übersetzung aus dem Spanischen von Maria Hoffmann-Dartevelle.
495 Seiten, 24,95 Seiten

Endlose Eiszeit – Dan Simmons "Terror"

„Die Temperatur beträgt minus fünfundvierzig Grad und fällt noch immer.“ 

An einem Maitag im Jahr 1845 beginnt für die mehr als 130 Besatzungsmitglieder der „Terror“ und „Erebus“ die Eiszeit. Die stolzen und modernsten Schiffe ihrer Zeit der Royal Navy stechen in See. Ihr Ziel unter dem Kommando von Sir John Franklin: die legendäre Nordwestpassage, die hoch im Norden Amerikas Atlantik und Pazifik verbindet. Doch was als erfolgversprechende Expedition mit erfahrenen Seeleuten an der Spitze beginnt, endet in einer Tragödie.  Endlose Eiszeit – Dan Simmons "Terror" weiterlesen

Das Ende vom Anfang – Paul Auster "Sunset Park"

„Man nimmt kein Geld dafür, dass man sich wie ein Mensch verhält.“ 

 Ein verlassenes, vergessenes Haus in Nachbarschaft des Green-Wood Friedhofes in Brooklyn wird ihr neues Domizil und Zuflucht zugleich. Bing, Alice, Ellen und Miles sind Hausbesetzer, immer in Furcht, eines Tages von der Polizei ertappt und rausgeworfen zu werden. Gut, das Haus ist eine reine Bruchbude, aber unterschiedliche Gründe treiben sie unter ein gemeinsames Dach, unterschiedlich wie ihre Lebensläufe und Schicksale sind. Bing hat einen Laden, in dem er kaputte Dinge repariert, von der Schreibmaschine bis zum Bilderrahmen. Alice schreibt an ihrer Doktorarbeit über den Film „Die besten Jahre ihres Lebens“, Ellen arbeitet in einem Maklerbüro und malt erotische Bilder. Miles, der Spross eines Verlegers und einer Schauspieler, ist nach New York geflohen, damit die Beziehung zu seiner noch minderjährigen Freundin Pilar nicht auffliegt.

Alle vier haben indes eines gemeinsam. Alle haben etwas zu verbergen, einen dunklen Fleck in der Vergangenheit. Und sie leben in schwierigen Zeiten. Die Wirtschaftskrise hat das Land erfasst. Nichts ist wirklich sicher. Ein positiver Blick gen Zukunft ist pure Blauäugigkeit. Paul Auster, einer der bekanntesten Autoren Amerikas, ist es in seinem neuen Roman „Sunset Park“ wieder einmal gelungen, besondere und vergessliche Figuren in eine besondere Zeit zu stellen. Sein Erzählen konzentriert sich ganz auf die Charaktere, die er in all ihren Facetten, ihren Zweifeln und Ängsten, ihren Hoffnungen und ihrem Glauben zeichnet. Allen voran Miles, den Verlegerssohn, der über sieben Jahre lang keinen Kontakt zu seinen Eltern hatte, die schon seit seiner frühesten Kindheit getrennt leben. Sein düsteres Geheimnis: Er glaubt, als Jugendlicher den Unfall seines älteren Stiefbruders Bobby herbeigeführt zu haben. Er brach das Studium ab, zog von Stadt zu Stadt, hielt sich mit Gelegenheitsjobs über dem Wasser. Nun kommt er zurück nach New York und kann nicht ahnen, dass sein Highschool-Freund Bing, seine Eltern über all diese Jahre über sein Leben auf dem Laufenden gehalten hat. In New York kommt es zum Wiedersehen zwischen Miles seinem Vater Morris, dessen Verlag um seine Existenz ringt, und seiner Mutter Mary Lee, die am Broadway ein Zwischenhoch ihrer Karriere feiert.

Große Romane sind besondere Bücher, die existenzielle Fragen der Menschheit oder einer Generation mit dem Alltagsleben der Menschen verbinden. Auster ist bekannt dafür, große Themen in lebendigen Geschichten mit lebendigen Charakteren zu behandeln. So auch hier. Traumwandlerisch verknüpft er alle Schicksale zu einem Abbild der Gesellschaft wenige Jahre nach der Jahrtausendwende, als die Wirtschafts- und Finanzwelt aus dem Ruder läuft, in denen erfolgreiche Unternehmen den Bach hinuntergehen und jeder, egal welche Bildung oder welches Einkommensniveau er hat, betroffen ist. Auster lässt immer wieder teils beängstigende Szenen entstehen – so der Selbstmord einer jungen Frau und Künstlerin, Tochter eines Autors, dessen Werke Morris in seinem Verlag veröffentlichte, der rote Zahlen schreibt.

Die Verlierer sind in der Überzahl und irren orientierungslos wie Miles durch ihr eigentlich noch junges Leben. Er scheint mit seiner Rückkehr nach New York, der neuen Liebe und dem Wiedersehen mit seinem Eltern wieder in die richtige Bahn zurückgekehrt zu sein. Doch der Scheint trügt, das aufkeimende Glück ist nur von kurzer Dauer. Die Polizei rückt in das Haus im Sunset Park ein. Miles beantwortet Gewalt mit Gewalt. Seine mögliche Entscheidung – Auster lässt das Ende ein wenig offen – kippt die Geschichte zur Tragödie. Das Ende des Anfangs schmerzt und lässt den Leser konsterniert zurück. Wer sollte aus einer Krise nicht mit eigenem Willen sich herauskämpfen, wenn nicht die Jugend. Was bleibt ist ein recht  bedrückendes Gefühl.

Der Roman „Sunset Park“ von Paul Auster erschien im Rowohlt Verlag in der Übersetzung aus dem Englischen von Werner Schmitz
320 Seiten, 19,95 Euro


Maler auf Abwegen – Carsten Jensen "Rasmussens letzte Reise"

„Man kann sich für neue Wege entscheiden. Aber man kann sich nicht entscheiden, sich inspirieren zu lassen.“ 

Noch einmal setzt er seinen Fuß auf ein Schiff gen Norden. Zwanzig Jahre nach seiner ersten Grönlandreise wagt Carl Rasmussen erneut die Tour ins ewige Eis. Diesmal auf der „Peru“, diesmal als erfahrener Marinemaler. Zurückbleiben seine Frau Anna Egidia und die acht Kinder, das kleinste: Klara mit vier Jahren. Man schreibt das Jahr 1893. Noch einmal will Rasmussen die Kraft des Eises und der weiten Landschaft spüren, noch einmal seinem Leben eine Wende geben, wie vor 20 Jahren. Damals kam er mit Werken zurück, die seinen Ruf als bedeutender Kunstmaler bekräftigt haben.Während Künstlerkollegen den Süden als Inspirationsquelle suchten, ging Rasmussen schon damals einen anderen Weg. Wie eigentlich sein ganzes Leben lang, dem sich der Däne Carsten Jensen in seinem Roman „Rasmussens letzte Reise“ widmet. Maler auf Abwegen – Carsten Jensen "Rasmussens letzte Reise" weiterlesen

Mein Postkartentrauma

Wann kommt sie denn endlich? Ich warte schon seit Tagen, nein Wochen. Ach, Mensch, das ist nun wirklich nicht mehr schön. In den letzten Jahren war sie schon mindestens im Juli, nein im Juni bei mir. Muss ich mir schon selbst eine Postkarte aus dem Urlaub schicken, um endlich die erste des Jahres zu bekommen. Das ist einfach nicht fair. Wo sind die Zeiten, in denen manch einer kugelschreiberkauend im Strandkorb saß und zum wiederholten Mal die Worte „Essen gut, Wetter fantastisch, Zeltnachbarn naja“ geschrieben hat. Und nicht zu vergessen: „Wir senden liebe Urlaubsgrüße“. Und wer nicht ans Meer gefahren war, saß eben in einer Berghütte oder im Hard Rock Café von Kairo, Rio oder Dallas. Heute werden ja viel lieber SMS geschickt. Da braucht man keine Briefmarken zu kaufen, sie anzulecken und in der Pampa den Briefkasten zu suchen. Mit der Anzahl der Zeichen hat sich ja nicht viel verändert – jedenfalls bei den Wenigschreibern. Und wer kann, kürzt eben „Zeltnachbarn“ mit „Zelna“ ab. Ach, ich vergaß, dass mit den Generationen i-Pad und W-Lan die Kommunikation weitaus leichter geworden ist. Schnell müssen 200 Mails beantwortet werden, die aber auch wirklich nicht vergessen werden dürfen. Omas Postkarte muss halt warten oder sie bekommt sie ohne Text und Briefmarke direkt in die Hand gedrückt. Irgendwie frönen wir der Kommunikation, ohne indes das wirklich Wichtige zu sagen. Uns ist die Häufigkeit von Mitteilungen wichtiger als deren Inhalt.   

An dieser Stelle folgt also ein Geständnis: Ja, ich liebe bunte Postkarten und freue mich immer wieder, wenn eine mir regelrecht aus meinem Briefkasten entgegenfällt, auch wenn es nicht immer leicht ist. Schließlich bin ich auf Arbeit und die Urlauber eben im Urlaub, ich habe Stress, der andere Freizeit en masse. Aber ich weiß, dass jemand an mich denkt. Und das freut mich ungemein. Selbst schreibe ich natürlich auch. Mein grünes Adressbüchlein steht auf der Liste fürs Kofferpacken ganz oben. Direkt über „Ladekabel Handy“. In den bekannten Souvenirshops zähle ich dann die Leute zusammen, denen ich schreiben will. Freunde, Familie, Kollegen. Mein Gedächtnis sollte dann schon stimmen, auch wenn in Woche zwei ja noch Zeit bleibt für die zweite Staffel der Urlaubsgrüße. In den letzten Jahren musste ich allerdings die eine oder andere Rüge hinnehmen: Meine Schrift sei wahrlich eine „Sauklaue“, meinten einige. Der Computertastatur sei dank. Doch die Freude der Adressaten überwiegt. Und manchmal sehe ich nach dem Urlaub eine Karte von mir irgendwo liegen – als schöne Erinnerung zum Greifen nah.

 Foto: Wolfgang Dirscherl/Gerd Altmann /pixelio.de

Der Verlust – Ralf Rothmann "Hitze"

„Warum muss man ständig etwas tun und erreichen wollen? Kann man nicht einfach nur leben.“ 

Happy-Ends gibt es nur im Film. Das Leben ist anders und keineswegs eine Suche nach den besten Pralinen aus der Pralinenschachtel. Irgendwann ist auch diese leer. Der Glaube an ein gutes Ende ist trügerisch und verleitet einen, das Leben als Spaß zu empfinden, ganz nach dem Motto: Irgendwann wird alles gut. Traurige Erlebnisse und eine tragische Wende des Schicksals bringen uns schnell auf den Teppich der Realität, vielleicht auch viel weiter nach unten. Eine solche Geschichte des Niedergangs schildert Ralf Rothmann in seinem Roman „Hitze“.

Simon DeLoo beginnt eine Stelle in einer Großküche in Berlin Kreuzberg. Hier werden nicht nur die Mittagsmenüs von Ost und West, von Unternehmen, Großraumbüros und Verwaltungen mal mehr, mal weniger gut gekocht. Hier treffen – wenige Jahre nach dem Mauerfall und der deutschen Wiedervereinigung – auch die unterschiedlichsten Typen aufeinander. Der eine ist homosexuell, der andere steigt den Frauen hinterher, ein dritter Mitarbeiter versorgt Obdachlose mit Essen, die Putzfrau schleppt ständig ihren Hund mit zur Arbeit. DeLoo würde allerdings hier – zwischen riesigen Pfannen und Töpfen, zwischen Kilo schweren Säcken mit Gemüse und gefrorenen Schweinehälften – gar nicht schurwerken, wenn er nicht seinen früheren Job aufgegeben hätte. Er war ein erfolgreicher Kameramann. Bis seine Lebensgefährtin stirbt. Mit Klaputzsek – eben jenen Kollegen, der Obdachlose versorgt – trifft er während einer Tour auf eine polnische Stadtstreicherin mit einem verletzten Hund. Sie helfen ihr und wenig später kommt es zwischen DeLoo und jener jungen Frau namens Lucilla zu einer zweiten Begegnung. Beide finden allmählich zu einander, DeLoo bringt sie in die Wohnung seiner verstorbenen Frau, gibt ihr Sachen von ihr. Beide fahren schließlich nach Pommern, der Heimat der jungen Polin. Hier genießen beide die gemeinsame Zeit. Auch wenn ein weiterer Mann zwischen beiden steht. Wenige Tage später sind sie verschwunden, und Klaputzsek findet DeLoo in Berlin wieder. In einem erschreckenden Zustand.
In den fünf Kapitel steht DeLoo im Mittelpunkt. Seine Vergangenheit bleibt indes verborgen. Nichts wird berichtet, wie er seine Liebe verloren hat,  wie er seinen erfolgreichen Job an den Nagel hängt. Nur eins wird immer wieder deutlich: der Verlust hat ihn nahezu alles genommen.
Erst mit dem Fortschreiten der Handlung bemerkt man wie melancholisch, wie tieftraurige die Geschichte um diesen Mann doch eigentlich ist. Zwar beginnt Rothmann sein Buch mit recht ironischen Szenen, lässt die Protagonisten in ihren eigenen, manchmal recht einfachen Jargon plaudern, doch der Absturz am Ende nimmt einem nahezu den Atem, war doch zuvor mit der Begegnung zwischen DeLoo und der jungen Polin etwas Licht entstanden. Licht, nach manchmal auch grausamen Szenen wie der in einem Berliner Schlachthof oder jener, in der sich in einer Berliner Kneipe die Männer plötzlich gegenseitig verprügeln. Über all jene verschiedenen Orte und Berliner Milieus mit all ihrer Hektik und ihren vielen Menschen bleibt DeLoo jedoch irgendwie im kühlen Rampenlicht stehen, wird sein Gefühlsleben nach und nach entblättert. Zwar trifft der Leser auf das bunte Leben in einer Millionenstadt, vom Freudenhaus über einen Schrottplatz bis hin zu einer Villa, aber der wirkliche Held bleibt allein, im wahrsten Sinn des Wortes. Vor allem eine Szene (siehe Auszug) lässt einen den Verlust und die Einsamkeit DeLoos spüren. Er betritt das Schlafzimmer und sieht die Sachen seiner früheren Frau und ruft nach ihr. Sie ist auf eine spezielle Art und Weise noch immer bei ihm. DeLoos Vermieterin, eine alte, sicherlich auch schrullige Malerin, die weiter an ihren Werken arbeitet, weiß, wie es ist, den Menschen an seiner Seite zu verlieren.

Es ist jedoch nicht nur diese eigenartige, mal humorvolle, mal tieftraurige Geschichte, die einen das Buch nicht mehr aus der Hand legen lässt. Rothmann, Jahrgang 1953 und einer der erfolgreichsten deutschen Gegenwartsautoren, kann wunderbar erzählen und beschreiben. Selbst die kleinsten, für einige vielleicht unbedeutende Dinge: Alle Sinne spricht er an, wenn er so poetisch das Licht in zahlreichen Szenen beschreibt, so realitätsnah die Arbeit in der Großküche, erotisch die Liebesszene zwischen DeLoo und Lucilla in/an einem See und so wunderschön die Natur im ländlichen Polen, so hässlich-grau die unzähligen Fabrikgebäude und die Betonwüste einer Metropole.
Was er mit dem Titel des Buches, „Hitze“, meint, ist jedoch nicht so einfach zu deuten. Ist es die Hitze in einer Großküche, die Hitze einer neuen Liebe…? Ist die Hitze vielleicht nur das Pendant zur Kälte, der menschlichen Kälte? Überhaupt lässt Rothmann viele Fragen offen. Der Schluss trägt viele Deutungen in sich. Viele Zeitsprünge zwischen den Kapiteln bilden Lücken, vieles bleibt ungeklärt. Aber der Leser hat seine eigenen Gedanken und Gefühle. So erzählt der Roman nicht nur eine dunkle Geschichte, er ist auch Herausforderung an des Lesers Fantasie. Er wird jedoch mit einer ungemein faszinierenden Lektüre belohnt. Wer Bücher mit besonderen menschlichen Schicksalen mag, aber auch eine Faszination für die Sprache entwickelt hat, wird diesen Roman lieben, auch wenn er vom Ende nahezu erschlagen wird. Denn das Leben kennt keine Happy-Ends.

Der Roman „Hitze“ von Ralf Rothmann erschien 2003 im Suhrkamp-Verlag und ist bereits als Taschenbuch erhältlich.
289 Seiten, Preis: 9,95 Euro

Tragischer Schlussakkord – Ketil Bjørnstad "Der Fluß"

Aber es ist noch möglich, an das Leben zu glauben, denke ich, sein Selbst zu formen, weiterzugehen trotz all des Schmerzlichen, das geschehen ist.“

Wiederbegegnungen wecken oft zwiespältige Gefühle: Freude, Erwartung, Angst. Fragen entstehen: Was ist demjenigen mittlerweile geschehen, was hat er erlebt? Die Zeit kennt nur Veränderung. Viel ist geschehen, seit Aksel Vinding, Held des Romans „Vindings Spiel“, seine große Liebe Anja durch ihren Tod verloren hat. Beide waren ob ihres Talentes und Fleißes auserkoren, berühmte Pianisten zu werden, beide scheiterten indes. Im Band „Der Fluss“ schreibt Ketil Bjørnstad die Geschichte des jungen Musikers aus Oslo zu Beginn der 70er Jahre weiter. Der Leser begegnet Aksel Vinding und er die Mutter seiner großen Liebe.  Tragischer Schlussakkord – Ketil Bjørnstad "Der Fluß" weiterlesen

Die Tektonik der Platten – Gisela von Wysocki "Wir machen Musik"

„Durch eine ungeschickte Bewegung konnte der erste Satz einer Schumannsymphonie auf dem Teppich landen.“ 

Der Schatz ist schwarz und rund. Und wie von Zauberhand lässt er Töne und Stimmen erklingen, obwohl kein einziges Instrument, kein einziger Mensch in der Nähe sind. Es gibt nur das Ding und das Grammophon mit seiner spitzen Nadel. Die zauberhafte Welt des kleines Mädchens besteht aus Schellackplatten. Der Vater trägt jeden Abend eine neue Scheibe in seiner Tasche nach Hause. Mal Schlager und Chansons, mal Swing und Klassik. Des Mädchens Welt besteht aus Musik und großen Namen von großen Sänger und Sängerinnen, wenn auch schon in diesen Jahren die Sprache als bevorzugtes Medium die Oberhand gewinnen soll.

Gisela von Wysocki, 1940 in Berlin geboren, Essayistin und Autorin von Theaterstücken und Hörspielen, blickt auf ihre Kindheit zurück. Der Vater Georg ist Produktionsleiter der Schallplattenfirma Odeon, Mutter und Vater schreiben später eigene Lieder. Das Kind verpatzt dagegen so manche Aufnahme, wie die Autorin selbstkritisch erzählt.

Ihr Rückblick ist episodenhaft und essayistisch. Die Zeiten wechseln, die Handlungsorte auch. Mal befindet sich der Leser im ländlichen Havelland, mal im großstädtischen Berlin, wohin die Familie umgezogen ist. Es gibt Szenenbeschreibungen, Personenporträts, wie von Firmenmitarbeitern, namhaften Künstlern, deren Stern mit dem Siegeszug der Unterhaltungsbranche aufgegangen ist. Die Zeit des Krieges zeigt sich somit janusköpfig. Neben dem Grauen sollen Musik und Schauspiel die Menschen unterhalten, ablenken. Doch selbst das Kind bemerkt die düsteren Geschehnisse um sich herum, wenn Prominente jüdischer Abstammung verschwinden oder den Freitod wählen. Das Ergebnis nimmt sie wahr, der Grund bleibt ihr indes verborgen. Beängstigend: eine Episode, die während der Nachkriegszeit geschieht. Das Mädchen muss Polizisten der DDR den Besitz einer westlichen Schallplatte, eine Aufnahme von Arnold Schönbergs Monodram „Erwartung“, in einem verhörhaften Gespräch erklären. Das Kind war versehentlich über die deutsch-deutsche Grenze gefahren.
Kritisch wird zudem die rasante Entwicklung der Technik betrachtet, beispielsweise am Aufkommen des Tonbandes, mit der „nicht gut Kirschen essen ist, da sich „ganze Zauberreiche unter den Nagel“ reißt. Zwischendurch werden humorvolle Anekdoten hineingestreut.  

Von Wysockis Rückblenden sind vom Blick des Kindes geprägt, doch sprachgewaltig verfasst. Die kurzen autobiografischen Episoden, meist nur wenige Seiten lang, sind deshalb keine Lektüre, die mal schnell zwischendurch gelesen werden sollte. Sie braucht Zeit, die mit diesem rund 260 Seiten starken Buch jedoch auf wundervolle Weise Vergnügen, Wissen und Gedankenspiele beschert. Immer wieder finden sich in den Texten neben Beschreibungen und Reflexionen über die Zeit und Gesellschaft, Kunst und Kultur Sätze für die Ewigkeit. Der Band „Wir machen Musik – Geschichte einer Suggestion“ ist deshalb ebenfalls ein großer Schatz.

„Wir machen Musik – Geschichte einer Suggestion“ von Gisela von Wysocki erschien im Suhrkamp Verlag und ist bereits als Taschenbuch erhältlich.
258 Seiten, 9,99 Euro

Fünf Jahre Amerika – Paula Fox "Kalifornische Jahre"

„Nach einer Weile bin ich entkommen.“
 
Unruhige Jahre schaffen unruhige Menschen. Gerade wenn die Zeit im Umbruch ist, gibt es meist keine Sicherheit. Vielleicht nur jene, dass nur der es schafft, der sich treu bleibt. Im Roman „Kalifornische Jahre“ von Paula Fox begegnet der Leser einem jungen Mädchen, das trotz schwerer Jahre ihren Weg geht.  

Nichts hält sie mehr in New York. Ihr Vater, ein Künstler, kennt sie nur beim Namen, ihre Mutter ist vor vielen Jahren gestorben. 1940 begibt sich die 17-jährige Annie Gianfala auf den Weg in den Westen nach Kalifornien. Um ein neues Leben zu beginnen, einen Job zu finden, Geld zu verdienen – auch wenn die Weltwirtschaftskrise weiterhin ihre Schatten wirft. Während sie über den Kontinent als Mitfahrerin einer flüchtigen Bekannten oder als Tramperin reist, nimmt ihr um einige Jahre älterer Freund Walter Vogel das Schiff. Beide wollen sich in San Diego wieder treffen.
Doch auch Walter ist wie Annies Vater ein Flüchtender, immer unterwegs, nie an einem Ort. Zudem sympathisiert er mit den Kommunisten, will Annie ebenfalls für deren Ideen begeistern. Sie muss allerdings erst einmal auf die eigenen Beine kommen, hangelt sich von Job zu Job, von einer Wohnung zur nächsten, lernt Leute kennen, die ebenfalls an der kalifornischen Küste „gestrandet“ sind, ihr Glück, vor allem Geld und Ruhm im Westen suchen. Vielleicht als Schauspieler in Hollywood, als Musiker oder Drehbuchschreiber. Mal arbeitet Annie als Kellnerin beim Griechen oder im Drive-In eines Schnell-Imbisses, mal in großen Fabriken oder als Nacktmodell. Die spätere Ehe mit Walter ist schließlich nur von kurzer Dauer. Wieder steht die junge Frau allein da. Doch sie schafft es, sich ihr eigenes Leben aufzubauen. Auch dank einiger Freunde, vor allem Männer. Als im August 1945 mit der Kapitulation Japans für Amerika der Krieg beendet ist, fasst Annie einen Entschluss. Sie will nicht nur Kalifornien, sondern vielmehr Amerika ganz verlassen.

Fünf Jahre Amerika, fünf Jahre begleitet der Leser eine junge Frau, die ihren Weg sucht und auch findet. Trotz der ständigen Hindernisse. Blickt man auf die Erlebnisse und Etappen der Heldin erscheint Paula Fox’ Roman „Kalifornische Jahre“ zuerst einmal als Entwicklungsroman, nimmt man den Hintergrund der Geschichte näher unter die Lupe, wird deutlich: Es ist vor allem ein Roman über Amerika, über den Zustand eines Landes, zwischen Krieg und Frieden, zwischen Kommunismus und Rassismus, zwischen Schein und Sein. Ein Land, das irgendwie zerklüftet ist, keine feste Spur geht. Ein Land, das grau erscheint, trotz der Glitzerwelt Hollywoods. Kaum einer der Protagonisten kann glücklich genannt werden. Jeder ist irgendwie in Kalifornien gestrandet, egal welcher Herkunft er entstammt, welche Hautfarbe er hat, welche weltanschaulich-politische Sicht er vertritt. Und sie hasten aneinander vorbei, bauen kaum feste Bindungen auf. Jeder ist auf der Suche nach seinem passenden Leben, nach Erfolg und Reichtum. So ist keiner der Personen wirklich greifbar, keinen kann der Leser in irgendeiner Weise Sympathie entgegenbringen.

Der Fokus liegt auf Annie, die an ihren Herausforderungen wächst, wenn auch oft unter  widrigen Umständen. Ob die Armut und das Leben aus dem Koffer, der üble Charakter ihres Mannes, die unerfüllte Liebe zu Max, Tragödien, wie der Selbstmord eines Freundes oder die ständigen rassistischen Attacken gegenüber Farbigen. Warum sie dennoch aus sich herauswächst, ist erklärbar: Annie „umschifft“ die großen Moden, mit denen sie mit Hilfe ihrer Freunde und Bekannten in Berührung kommt. Weder dem Kommunismus noch der Gier nach Ruhm und Geld kann sie etwas abgewinnen. Auf den Punkt gebracht: Sie bleibt sich selbst treu, auch wenn sie zu Beginn immer wieder aufgrund ihrer Jugend und Unerfahrenheit verspottet wird.

Viel rund um die Personen berichten muss der Erzähler des Buches nicht. Meist sind die Charaktere eingebunden in lange Dialoge, die sich den wichtigsten Themen widmen: dem eigenen Lebensweg, dem Geld, Politik und Krieg. Manches Gespräch erinnert an eine Szene eines Theaterstückes. Was wirklich berührt, ist die intensive Ausgestaltung des Innenlebens der Figuren und ihres Charakters, ihrer Gefühle und Gedanken, ihrer Befindlichkeit. Beschreibung von Orten findet man weniger und wenn, dann nur zur Gestaltung wichtiger Szenen, um Situationen kräftiger zu zeichnen.

„Kalifornische Jahre“ ist ein großer Roman; für all jene, die Entwicklungsromane mögen, die gern über den „Zustand“ eines Landes lesen. Wer unterhaltsame Spannung sucht, wird das Buch möglicherweise enttäuscht zur Seite legen. Eine Spannung findet sich in diesem Roman nur in der fabelhaften Zeichnung eines Landes und seiner Menschen.

„Kalifornische Jahre“  von Paula Fox erschien im Berliner Taschenbuch Verlag in der Übersetzung aus dem Englischen von Susanne Röckel.
510 Seiten, 11,90 Euro

Living Stories – John Updike "Die Tränen meines Vaters"

„Das menschliche Bewusstsein hatte sonderbare Fähigkeiten. Wie groß auch immer Dinge waren, es konnte sie umfassen, als sei es selbst noch größer.“

Das Leben ist ungerecht, sagen wir, glauben wir.  Nie haben wir ein ganzes Leben Glück. Selbst die Suche danach führt in die Irre. Glück darf nicht gefunden werden, es findet uns. Mit dem Unglück ist es dasselbe. Leben ist Wandel. Und nicht immer gehen unsere Pläne auf.

Was heißt es zu leben, zu lieben, über Tragödien zu stolpern und doch wieder aufzustehen? Einer weiß es und erzählt darüber. Wer das Leben mit allen seinen Höhen und Tiefen, seinen Besonderheiten und seinen trivialen Alltag lesen will, sollte zu John Updikes Werken greifen. Zwei Jahre nach dem Tod des großen amerikanischen Erzählers veröffentlichte der Rowohlt-Verlag den Band „Die Tränen meines Vaters“ mit 18 Erzählungen aus dem Nachlass.

Es sind die großen Lebensthemen, denen sich Updike darin widmet: das Leben und die Liebe, Irrungen und Wirrungen innerhalb der Familie, die inneren und äußeren Brüche, vor allem aber das Vergehen der Zeit. Recht zahlreich sind deshalb die Rückblicke – auf die Kindheit, die Jugend, Menschen, persönliche Fehler. Die Spannung liegt nicht in den großen Katastrophen, sondern in den Veränderungen der Personen und deren Leben, die sich meist still und leise anbahnen und dann doch die anderen überraschen. Der Lebenskenner Updike schaut hinter die Kulissen, offenbart sowohl Stärken als auch Schwächen, die Hoffnungen wie auch die Ängste. Die Handlungsorte sind weit verstreut, reichen von der amerikanischen Provinz, über Indien, Spanien bis nach Marokko. Der Zeitbogen ist ebenfalls weit gezogen, umfasst eine Spanne, die von 30er Jahren des vergangenen Jahres bis in in das neue Jahrtausend reicht. Besonders eindrucksvoll: die Erzählung „Spielarten religiöser Erfahrung“, in denen Updike den 11. September literarisch verarbeitet, das Schicksal mehrere Personen in einer Geschichte bündelt.

Erzählungen haben es als Genre im Gegensatz zum Roman leider um vieles schwerer. Manch einer entdeckt die Lebensweisheit und Wucht von gut geschriebenen Erzählungen erst spät. Wer von ihrer Qualität überzeugt werden will, ohne Wenn und Aber, sollte zu diesem Band greifen. Über die Größe von John Updike, der 2009 verstarb und dem es leider nicht vergönnt war, den Literaturnobelpreis entgegenzunehmen, brauch an dieser Stelle nicht geschrieben werden. Und wenn, dann nur dieser Hinweis: Eine Erzählung just aus diesem 360-seitigen Werk sollte für ein respektvolles Staunen über den großen Erzähler schon genügen.

„Die Tränen meines Vaters“  von John Updike  erschien 2011 im Rowohlt Verlag, in der Übersetzung aus dem Englischen von Maria Carlsson.
368 Seiten, 19,95 Euro

Schweinhaber auf Halbrechts – Meine Gedanken zur Fußball-EM

Also, hiermit gebe ich es zu: Ich bin Fan des Schiedsrichters. Wer gerade gegen wem auf dem heiligen Rasen europäischer Nation spielt, ist mir nahezu schnuppe. Meine vollste Sympathie gilt dem Pfeifenmann. Denn er muss mehr einstecken als Herr Robben. Der Unparteiische muss Schwarz tragen, bekommt weit weniger Gehalt als die geschniegelten Stars, wird auch noch beschimpft und kann den Stinkefinger hinter seinem Rücken nur erahnen. Spucken ist ja seit einigen Jahren verpönt, so sagte man mir.

Überhaupt wird jetzt ziemlich viel über Fußball geredet. Er ist ja mit dem Besuch der Kanzlerin zur Chef(in)-Sache erklärt worden. Nahezu vergessen ist die Finanzkrise, die Armut in der Dritten Welt und der Reichttum von Herrn Wulff, dessen Privatkonto mal wieder in die Schlagzeilen kam. So unter der Rubrik „Neues aus aller Welt“. Der Mann hat es aber auch schwer, fast wie Robben, der Schiedsrichter und Herr Schweinsteiger wegen seiner angeschlagenen Gesundheit zusammen.

Aber sagen Sie mal, ist es nicht verwunderlich, dass in der deutschen Nationalelf zwei Spieler mit dem Namen Lahm und Schweinsteiger Seite an Seite spielen. Ich stelle mir die Namen immer etwas bildlich vor. Ein Herr Schweinhaber wäre mir da eher recht. Gegen Italien im Halbfinale würde er das runde Leder zwei Sekunden vor dem Abpfiff aus einer halbrechten Mittelfeldposition ins obere linke Eck schießen, nein, was sage ich, zirkeln. Das wäre dann allerdings erst der Ausgleich zum 1:1. Für die Verlängerung und das Elfmeterschießen sind dann mal andere Spieler dran, warum gibt es denn auch elf Stück in einer Mannschaft.

Und nun mal zum Schluss: Nein, an meinem Auto hängt keine Flagge, nicht mal eine gelbe-rote – natürlich nur als Symbol für die Karten des Schiedsrichters und nicht als Orakel, versteht sich. Und nein, ich diskutiere nicht mit jenen, die jetzt jedes Spiel in ihrer unnachahmlichen Weise analysieren und ihren Beitrag zur Spielkultur mit Fremdwörtern schmücken oder Entschuldigungen für eine miese Leistung ihrer Mannschaft wählen. Ich erzähle ja auch keinem, welchen Einfluss die Nasenklammer auf das Synchronschwimmen der Damen hat. Bleiben wir doch einfach mal am Boden. Auch bei der Chefin liebstes Spiel, das ich ebenfalls spannend finde – zugegeben.

Foto: Rike/pixelio.de

Leben zwischen Trümmern – Steven Galloway "Der Cellist von Sarajevo"

„Jeder hat mehr zu tragen, als er sagt.“

Sie wollten nur Brot kaufen – an einem Tag im Jahr eins des Krieges. Eine Granate der bosnisch-serbischen Einheiten, die die Stadt Sarajevo von den umliegenden Höhenzügen belagern, beendet ihr Leben in Bruchteilen von Sekunden. Mehr als 20 Männer und Frauen sterben, rund 70 weitere werden verletzt. Ein Mann ist Zeuge jenes grauenvollen Moments, ein Cellist des Philharmonischen Orchesters, der sich wenig später mit seinem Instrument und im Anzug gekleidet auf jenen Platz setzt und zu spielen anfängt. Inmitten des Blutes und Blumen, die nach und nach als Ausdruck der Trauer und des Gedenkens niedergelegt werden. 22 Tage lang spielt der Künstler, um an das Leid zu erinnern, die Toten zu ehren. Seiner wahren Geschichte widmet sich der Roman „Der Cellist von Sarajevo“ des kanadischen Autors Steven Galloway.

Das Stück des Cellisten: das Adagio des venezianischen Komponisten Tomaso Albinoni. Die Gefahr: von Heckenschützen erschossen zu werden. Strijela ist Heckenschützin der bosnisch-kroatischen Truppen, die die Stadt verteidigen, und eine der besten. Ihr Auftrag ist es, den Cellisten zu beschützen.
Währenddessen machen sich zwei Männer auf den Weg durch die zerstörte Stadt; der eine, Kenan, will Wasser für seine Familie und die Nachbarin holen, der andere, Dragan, Brot aus einer Bäckerei. Beide setzen sich dabei der Gefahr aus, von Heckenschützen erschossen oder von Granaten getötet zu werden. Zwischen Leben und Tod sind es nur wenige Sekunden, dass sehen beide gerade an jenen Menschen, die sterben – ob Männer, Frauen oder Kinder.

Es ist ein Leben zwischen Trümmern, das die Menschen aufreibt. Könnte doch der heutige Tag der letzte sein. Die Angst geht um. Der Alltag wird zum Versteckspiel zwischen Trümmerteilen, zum Wettlauf mit der Zeit und zu einem Kampf ums Überleben. Ein Heckenschütze könnte dich bereits ins Visier genommen haben, und der Weg zu Nahrungsmitteln ist lang und gefahrenreich. Man lebt auf einem untersten Level, selbst Strom gibt es nur ab und an. Die friedliche Vergangenheit existiert nur noch als zarte Erinnerung, die immer mal wieder auftaucht und die Menschen berührt, Mut macht, auch wenn der Krieg unerbittlich ist. Man träumt von einem Besuch in einem Restaurant, einen Ausflug in die Berge. Während die einen sich gegenseitig helfen, Medikamente verteilen, Verletzte aus der Schusslinie bringen und versorgen, bereichern sich andere an der Not der anderen, machen krumme Schwarzmarkt-Geschäfte. Erkennbar sind sie an ihrer gut genährten Figur, an den großen Autos. Es sind gerade jene Kontraste, diesen Roman rund um das Grauen des Bürgerkriegs und den besonderen Auftritt des Cellisten inmitten Tod und Leid so besonders werden lässt. So treffen die grauenvolle Gegenwart des Krieges auf die Sehnsüchte und Erinnerungen der Bewohner, die unterschiedliche Schicksale, die der jungen Heckenschützin und des Familienvaters, aufeinander. Erst die verschiedenen Blickwinkel schaffen ein plastisches Bild der damaligen Ereignisse.

Für das Buch hat Galloway aufwendig recherchiert, hat unter anderem mit Einwohnern der Stadt gesprochen und ein authentisches Beispiel als Vorlage genommen:  Vedran Smailovic hieß der Cellist, der mit seinen Auftritten nach dem Anschlag für Aufsehen sorgte. Im Buch zieht er sich wie ein roter Faden durch das Geschehen, mit seiner mutigen Tat, die den Menschen nahe geht. Es gibt kaum einen, der von der Musik nicht berührt wird. Selbst ein feindlicher Heckenschütze hört wie gebannt zu.
Zu Beginn des Romans zieht Galloway zudem eine Parallele zu Dresden, der am Ende des Zweiten Weltkriegs innerhalb von drei Tagen zerbombten sächsischen Landeshauptstadt. Nach den verheerenden Luftangriffen soll ein italienischer Musikwissenschaftler jenes Werk Albinonis in den Überresten der Dresdner Musikbibliothek gefunden haben.

Gerade in der Beschreibung der Personen, ihrer Gedanken wird die entsetzliche Atmosphäre des Krieges deutlich. Obwohl die Trümmerlandschaft und die Gewalt ebenfalls in erschütternden Bildern beschrieben werden – die Geschehnisse unmittelbar aus den Eindrücken der Personen erzählt, machen die Auswirkungen des Krieges ausdrucksvoller und ergreifender. Wer sich bisher noch nicht mit diesen jüngsten historischen Ereignissen auseinandergesetzt, wird vielleicht mit diesem ergreifenden Roman beginnen, der auf einer wahren Geschichte beruht.

Und es ist nicht nur dieser Krieg, der nachdenklich stimmt, es ist auch jener Gedanke, dass dieser Bürgerkrieg auf dem Balkan – es waren in den 90er Jahren mehrere Kriege an verschiedenen Orten – nur wenige Hunderte Kilometer von Deutschland entfernt stattgefunden hat. Und das über mehrere Jahre. Allein die Belagerung von Sarajevo von 1992 bis 1996 forderte das Leben von rund 10.000 Menschen. Über 80 Prozent der Gebäude in der Stadt wurden schwer beziehungsweise teilweise beschädigt.

 „Der Cellist von Sarajevo“ von Steven Galloway erschien im btb-Verlag in der Übersetzung aus dem Englischen von Georg Schmidt. 
240 Seiten, 9,95 Euro

Der (Un)Geliebte – Tilmann Lahme "Golo Mann"

„Einmal in diesem Wasser muss man schwimmen und schwimmen, bis man untergeht.“

Sein Leben war Flucht und Streben zugleich. Er flüchtete vor dem Schatten seines Vaters und vor einer gewalttätigen Diktatur. Er strebte, vielleicht auch unbewusst, den Namen Mann gerecht zu werden. Trotz jener Hassliebe zu seiner Familie, die ihn prägte, in der er jedoch wenig Liebe und Anerkennung erfuhr. Golo Mann ist nicht nur dem riesigen Namen gerecht geworden. Er hat als Historiker, Journalist und Literat Respekt und große Anerkennung erworben – vielleicht wie keins der sechs Kinder von Katia und Thomas Mann. Der (Un)Geliebte – Tilmann Lahme "Golo Mann" weiterlesen

Bücher, das Verbrechen – Ray Bradbury "Fahrenheit 451"

„Wir sollten nicht verschont werden. Wir sollten von Zeit zu Zeit richtig aufgestört werden.“ 

Irgendwann nach unserer Zeit. Die Menschen leben in feuerfesten Häusern. Die Wohnzimmer bestehen aus riesigen Fernsehbildschirmen. Der Besitz eines Buches gilt als Verbrechen. Wer ein Buch besitzt, kommt ins Zuchthaus oder ins Irrenhaus, je nach Geisteszustand. Zuvor rückt die Feuerwehr an, die die Bücher samt des Hauses verbrennt. Meist erhält sie einen Hinweis aus  der Nachbarschaft. Denunziationen sind an der Tagesordnung. Denn Bücher in der Nähe will keiner um sich wissen. Guy Montag steht in den Diensten der Feuerwehr, die ihre einstige Aufgabe der Brandbekämpfung schon lange verloren hat. Seine Frau Mildred lebt dagegen in einer Scheinwelt und lässt sich von den Fernsehsendungen berieseln. Eines Tages lernt Montag die junge Clarisse kennen, ein Mädchen, das anders ist, die reale Welt hinterfragt, mit anderen Augen sieht. Als sie verschwindet und Montag einen entsetzlichen Einsatz erlebt, bei dem eine Frau mit ihren Büchern verbrennt, beginnt sein Umdenken. Die Menschheit steht währenddessen vor ihrem dritten Atomkrieg.

Ray Bradbury hat seinen Klassiker „Fahrenheit 451“ – Fahrenheit 451 ist die Temperatur, bei der Papier zu brennen beginnt – zwar in den 50er Jahren geschrieben, der jedoch so aktuell wie nie ist und zugleich schreckliche Erinnerungen an die Vergangenheit weckt. Gut, Bücher gibt es wie Sand am Meer, und eine Buchhandlung findet sich in jeder Stadt. Doch die großen Plasmabildschirme sind uns heute schon vertraut. Die Zahl der eifrigen Leser und Buchbesitzer sinkt. Und sicher können wir ebenfalls sein, dass uns nicht immer die Wahrheit gesagt wird und die bunte Werbung und die Nachrichten aus der Glitzerwelt Ablenkung beschert. Viele stellen keine Fragen mehr nach den Dingen, die die Welt zusammenhält. Individualismus gilt als unschick, als fragwürdig, für manche beängstigend.

Ähnlich ist die Zeit, die Bradbury, 1920 in Waukegan (Illinois) geboren, beschreibt. Und trotz dieser gerade zu düsteren, gar apokalyptischen Atmosphäre entwickelt sich die Geschichte zu einem hoffnungsvollen Schluss. Dem abtrünnigen Feuerwehrmann gelingt die Flucht, der zuvor den Hauptmann der Truppe und den mechanischen Spürhund ins Jenseits befördert hat. Die Jagd, an der die Öffentlichkeit mittels Live-Übertragung in jede gute Stube teilnimmt, endet mit dem Tod eines Unschuldigen. Die Stadt wird wenig später durch Bomben in Schutt und Asche gelegt. Guy gerät schließlich mit Hilfe des früheren Literaturwissenschaftlers Faber an eine Gruppe Outsider, meist Gelehrte, die früher an Hochschulen gelehrt hatten, nun abseits der normalen Gesellschaft leben und als lebendige Bücher durch das Land ziehen und den kostbarsten Besitz, die Erinnerungen an gelesene Bücher, in ihrem Geist bewahren.

Fünf Erzählungen hat Bradbury in seinem kurzen, aber unschätzbaren Roman verarbeitet, geschrieben in einer Bibliothek, in der man einen Raum mit einer Schreibmaschine mieten konnte. 2008 brachte der Diogenes-Verlag eine Neuauflage heraus, mit einem Vor- und Nachwort des Autors. Darin schreibt er: „Denn wenn sich die Welt mit Nichtlesern, Nichtlernern, Nichtwissern füllt, braucht man Bücher nicht mehr zu verbrennen. (…) Natürlich ist noch nicht alles verloren. Noch ist Zeit ….“ Bradbury bekanntestes Werk ist Klassiker und Warnung zugleich, ähnlich wie George Orwells Werk „1984“. Beide sollten in Bibliotheken stehen oder in den Buchregalen daheim, die viel eher die Wände schmücken sollten als eben jene Plasmafernseher gigantischen Ausmaßes. Auch wenn diese besonderen Werke bei dem einen oder anderen Angst schüren  vor einer trostlosen Zukunft, besser diese kommende Zeit nur aus Büchern zu kennen, als sie wirklich zu erleben. Die Zeit, eine hoffentlich buchfreundliche, gestalten wir selbst. Bücher zeigen „das Gesicht des Lebens mit allen Poren“.

„Fahrenheit 451“ von Ray Bradbury erschien in einer Neuauflage 2008 im Diogenes-Verlag in der Übersetzung aus dem Amerikanischen von Fritz Güttinger.
220 Seiten, 9,90 Euro