Angst – Don DeLillo "Weißes Rauschen"

Die Kleinstadt Blacksmith im Mittleren Westen ist für Jack Gladney, Professor für Hitler-Studien am dortigen College, und seine Frau Babette mit den vier Kindern Heinrich, Steffi, Denise und dem kleinen Wilder eine Idylle. Es ist ruhig, die Nachbarschaft überschaubar. Nichts trübt das Dasein und den typisch amerikanischen Konsum, die Freitagabende vor dem Fernseher, die Shopping-Ausflüge in die Mall, der regelmäßige Stopp am Fast-Food-Restaurant. Einzig die Rückblicke auf frühere Ehen mit Frauen, die irgendwie „geheimdienstlich“ aktiv waren, ihr jetziges Leben und die Herausforderungen einer Patchwork-Familie, die die Gladneys bilden, bringen Jack zum Nachdenken. Die Gespräche mit Murray, einem Dozenten am College und einstigen Sportreporter, über das moderne Leben und die Macht der Medien, sind für den Professor die einzigen intellektuellen Herausforderungen. Wenn gleich sich Jack auch regelmäßigen Deutsch-Stunden stellt, um für eine kommende Tagung der Sprache einigermaßen mächtig zu sein.

Als es jedoch zu einem Chemieunfall kommt, endet das eigentlich ruhig dahinplätschernde Leben der Familie. Sie müssen ihr Haus verlassen, die Stadt wird evakuiert. In einem extra eingerichteten Lager verbringt die Familie einige Tage, ehe sie wieder zurück in ihr Zuhause können. Doch bereits in dieser Zeit zeigen sich erste Risse in der einst so sorglosen Welt: Jack kommt mit der giftigen Substanz in Berührung, welche Wirkungen sie tätsächlich hat, ist unbekannt. Die Nachrichten und Informationen bleiben unklar, selbst Ärzte können dem Wissenschaftler keine konkrete Auskunft geben. Und nicht nur Jack befällt eine tiefe Angst vor dem Tod. Ohne sein Wissen, ganz im Verborgenen, testet Babette ein noch geheimes Medikament, das ihr die Angst vor dem Tod nehmen soll. 

Das Leben wird für beide zu einem Balanceakt am Abgrund. Es sind schließlich nicht nur Risse in der einst sorglosen Fassade, die Welt ist vielmehr überzogen von einer grauen Schicht aus Angst und Traurigkeit. Nichts ist mehr sicher. In Blacksmith gehen die Simulationen und Übungen im Fall einer Katastrophe weiter und prägen das Stadtbild und das Zusammenleben. Schwere Kost also, der Roman „Weißes Rauschen“ des großen amerikanischen Autors Don DeLillo, der an der Seite von Thomas Pynchon und Philip Roth zu den bekanntesten Schriftsteller der amerikanischen Gegenwartsliteratur und der Postmoderne zählt..
Dieses Buch, ausgezeichnet mit dem National Book Award, ist düster, aber – kaum zu glauben – immer wieder durchzogen von ironischen, komischen, ja absurden Szenen und Gedanken. DeLillo setzt Kontraste: das Leben gegen den Tod, die scheinbare Realität gegen die Kraft der Mythen und der Religion. Großartig vor allem die Dialoge zwischen Jack und Murray über die Rolle des Todes, der als Grenzstein gerade das Leben seine Kostbarkeit schenkt. Ein Teil des Buches widmet sich kritisch der Rolle der Medien: das Fernsehen als eine Form der flächendeckenden „Strahlenhypnose“, die bewusste Verschleierung von Informationen oder ihre Verharmlosung – die Gesellschaft muss ja zusammengehalten werden, keine Massenhysterie darf aufkommen. 

Erzählt wird das Geschehen dabei von Jack, der ein genauer und sensibler Beobachter ist, der sowohl klug mit seinem Kollegen philosophieren kann, als auch liebevoll mit seinen Kindern umgeht, denen DeLillo zudem eine eigene Gestalt und Persönlichkeit gegeben hat, mit ihren ganz eigenen Problemen und Sorgen. Da ist Heinrich,  der intelligente Sohn, Steffi und Denise, die immer wieder gemeinsam an der elterlichen Allmacht zweifeln, Wilder, der irgendwie in seiner eigenen Welt lebt und als Benjamin der Familie eine besondere Aufgabe erfüllt: Er ist für Jack und Babette nahezu eine Reliquie, die Kraft und Hoffnung spendet.

„Weißes Rauschen“ ist ein Buch, das einen lange beschäftigen wird, über die eigentliche Lektüre hinaus. Der Roman erzählt nicht nur eine besonders berührende Geschichte auf seine ganz eigene Art und entwirft ein Porträt einer außergwöhnlichen Familie. Er gibt vielmehr die Möglichkeit, hinter die Dinge zu schauen. DeLillo umschreibt nicht nur, er erfasst das große Ganze und stellt „ungemütliche“ Fragen mit Blick auf die Zerbrechlichkeit unserer Welt, und sei sie noch so hochmodern und technisiert. Das kann und muss auch weh tun. Weiterer apokalyptischer Lektüre sollte man deshalb im Anschluss erst einmal fern bleiben, der Stimmung wegen.

„Weißes Rauschen“ von Don DeLillo erschien 1984 unter dem Originaltitel „White Noise“ bei Viking Press, New York, ein Jahr später schließlich im Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln. Das Buch ist zudem im Goldmann-Verlag mit der Übersetzung aus dem Amerikanischen von Helga Pfetsch erschienen.
415 Seiten, 9,95 Euro

Der Schwarze Tod in Paris – Fred Vargas "Fliehe weit und schnell"

An den Türen von Pariser Wohnungen taucht eines Tages und über Nacht ein merkwürdiges Symbol auf: eine spiegelverkehrte Vier mit merkwürdiger Gestalt. Zur gleichen Zeit erhält Joss merkwürdige Botschaften. Der Bretone und frühere Schiffskapitän verdient seine Brötchen mit dem Ausrufen von Botschaften, die am Tag und in der Nacht in seine Holzkiste geworfen werden. Ob Werbung für frisches Obst und Gemüse, ein Liebesschwur oder ein Fluch auf eine missliebige Person. Schon sein Großvater hat diese Tätigkeit ausgeübt, und Joss hat mehrere Jahrzehnte später und trotz moderner Medien Erfolg. Scharenweise strömen die Zuhörer auf einen Platz in einem Pariser Vorort. Und sie werden mehr, als die bedrohlichen Botschaften kein Ende nehmen.

Kommissar Adamsberg wird schließlich mit dem rätselhaften Geschehen konfrontiert. Und er spürt, dass sich hinter den Zeichen Bedrohliches verbirgt. Mit Hilfe eines Historikers und Experten für die Zeit des Mittelalters lüftet er das Geheimnis: die Vier ist ein Talisman gegen die Pest, die Botschaften, Zitate aus historischen Schriften, kündigen hingegen das Nahen des Schwarzen Todes an. Wenig später wird die erste Leiche gefunden: ein junger Mann, der stranguliert und mit Kohle eingerieben und von Rattenflöhen gebissen wurde. Und es soll nicht der einzige Tote bleiben. Die Zeit spielt gegen Adamsberg und sein Team, denn der Mörder treibt schließlich sein Unwesen außerhalb der Hauptstadt.

Der Roman „Fliehe weit und schnell“ der französischen Krimiautorin Fred Vargas, Jahrgang 1957, findet natürlich ein positives Ende. Nach einer Reihe von Morden kann man schließlich nicht von einem guten Ende sprechen. Der Täter wird geschnappt, aber bis dahin erlebt der Leser eine wunderbare Zeit mit diesem bemerkenswerten Krimi. Wer Vargas kennt, weiß, wovon ich spreche, entwirft die Autorin und gebürtige Pariserin wieder eine Story, die sich um einen mystischen Stoff und viel Geschichte dreht, und Figuren, die sehr eigen mit all ihren Fehlern, Kanten und Macken sind, wie den Kommissar, der ein schlechtes Namensgedächtnis hat, allerdings mit seinem siebten Sinn sofort die Bedrohlichkeit der Situation noch vor dem ersten Mord erkennt. Da ist Vandoosler, der Mittelalter-Experte, der unheimlich klug ist, aber Putzen muss, um sein Geld zu verdienen, oder Decambrais, der Besitzer einer Pension und Berater in allen Lebensfragen, der ein Geheimnis mit sich trägt.

Vargas erfindet so einen ganzen Kosmos merkwürdiger Gestalten, mit ihrem auf den ersten Blick sonderbaren Lebensalltag und ihrer Vergangenheit, die im Dunkeln liegt. So erscheint die Geschichte lebendig und düster zugleich, auf alle Fälle kreativ und charmant, vor allem auch dank der Idee mit der Gestalt des Ausrufers und die ebenfalls mit Spannung zu lesende Einbettung der Historie der Pest im Mittelalter und der Neuzeit. Und an Spannung fehlt es dem Roman ebenfalls nicht. Erst auf den letzten Seiten wird der überraschende Mörder enttarnt; hinter dessen Treiben eine düstere Vergangenheit und ein ebenfalls scheußliches Verbrechen steckt.Vargas baut den Spannungsfaden sukzessive auf, ohne jedoch allzu sehr den Leser auf die falsche Fährte zu bringen. Schnell wird so ein Verdächtiger von seiner Schuld wieder frei gesprochen.

Wer die Bücher der französischen Autorin mag, wird erneut nicht enttäuscht werden, wer als Krimi-Fan sie noch nicht kennt – na aber, für den wird es langsam Zeit. Mit ihr kann man so manch anderen Schriftsteller ruhig vergessen.

Der Roman  „Fliehe weit und schnell“ von Fred Vargas erschien in der Übersetzung von Tobias Scheffel 2003 im Aufbau Verlag, 2006 auch als Taschenbuch.
399 Seiten, 8,95 Euro

Das Märchen eines Märchendichters – Jens Andersen: "Hans Christian Andersen"

Er hat mehr als 150 Märchen geschrieben und wurde zum Nationaldichter seines Heimatlandes Dänemark. Dabei erscheint schon die Erzählung seines  Lebens wie ein klassisches Märchen mit seinem guten Ausgang.
Als Sohn eines Schuhmachers, 1805 geboren, verlässt Hans-Christian Andersen mit gerade mal 14 Jahren seine Heimatstadt Odense auf Fünen und geht in die große Stadt Kopenhagen. Er vertraut allein seinen Talenten, seiner Begabung für das Theaterspiel und der Hingabe zur Sprache und Fantasie. Noch in den ersten Jahren als kleiner Poet und Laiendarsteller auf der Opernbühne verschrien, erringt er in den kommenden Jahren und Jahrzehnten Respekt und Anerkennung.  Das Märchen eines Märchendichters – Jens Andersen: "Hans Christian Andersen" weiterlesen

Meine Insel, mein Blockhaus, mein Motorboot

Was mache ich nur bloß mit 279 Millionen Euro? Also, eine eigene Insel wäre nicht schlecht. Aber nicht im Pazifik, mit Palmen und daunenweichem Strand und so. Eher wohl an der nordamerikanischen Küste. Dort sollen ja auch noch ein paar frei und verkaufbar sein. Da habe ich dann Ruhe und vor allem mal wieder Winter. Nicht so wie hier. Ich lasse auf der Insel ein Blockhaus bauen. Gemeine Wölfe wird es auf der Insel nicht geben, die es mir fortpusten können. Das könnte eher ein tüchtiger Orkan bewältigen. Aber den bösen Gedanken lassen wir mal lieber. Mit 279 Millionen Euro soll es uns doch so richtig gut gehen. Ob ich mir einen Privatjet dafür leiste? Schließlich sollte man dann und wann Kontakt zur Außenwelt pflegen und zum Festland hinüberdüsen. Aber ob sich ein Pilot findet? Piloten wollen doch immer nur in den warmen Süden fliegen. Aber ich nicht. Ein Motorboot, höherer Preisklasse natürlich, wäre da eher etwas. Damit kann ich auch auf Wal-Watching-Tour gehen. Oh ja, und auf Fischfang. Obwohl, in Norwegen wollten ja vor einiger Zeit nicht mal die Lachse beißen. Aber wir üben noch. Und wie soll ich mir noch den Tag versüßen? Ich baue mir ein eigenes Kino mit riesiger Leinwand und nur einer begrenzten Anzahl an Sesseln. Diesen 3-D-Kram brauche ich allerdings nicht. Ich könnte aber auch so viel Musik herunterladen, dass die Amazon-Seite zusammenstürzt oder mir so viele Bücher per Internet bestellen, dass die Post mehrmals am Tag zu mir fliegen muss. Natürlich sollte das Porto stabil bleiben. Obwohl, bei Amazon erübrigt sich das mit dem Porto ab einem Bestellwert von 20 Euro. Super, da kann ich ja noch richtig sparen. Auch wenn ich superreich bin…

…wie der neue Apple-Chef Tim Cook. Der hat eben jene Summe von 279 Millionen Euro (297 Millionen Dollar) eingestrichen. Zu seiner Verteidung sollte man indes erwähnen, dass er einen Großteil dieses Geldes „nur“ als eine Option auf  Apple-Aktien ausgereicht bekommt und auch erst in den kommenden Jahren. Ob ich dem Herrn Cook mal meine Vorschläge maile, wie er sein Vermögen am bestens umsetzen kann. Ich sollte ihm allerdings nicht unbedingt verraten, dass ich kein einziges Produkt seiner Firma nutze. Sonst fallen womöglich meine Aktien.

Foto: Benjamin Klack/pixelio.de

Ein Winter, eine Freundschaft – Peter van Gestel "Wintereis"

Erinnerungen an persönliche Erlebnisse, an die wir gern zurückdenken,  sind Rückblicke, meist etwas verklärt, schön gedacht und subjektiv. Schlechte Erfahrungen werden meist negiert, in uns selbst vergraben. Nicht-Erinnerungen, die auftauchen, wenn sie uns überwältigen oder andere sich für uns erinnern. „Aber Geschichten von anderen sind keine Erinnerungen“, heißt es in dem Jugend-Roman „Wintereis“ des Holländers Peter van Gestel, in dem eine besondere Freundschaft im Mittelpunkt steht.

Thomas lebt allein mit seinem Vater in Amsterdam. Man schreibt das Jahr 1947. Es ist Winter, ein kalter zudem. Die Grachten sind zugefroren. Eisblumen zieren die Fenster. Vater  und Sohn leben in bescheidenen Verhältnissen. Ein Lebenskünstler ist der Vater, ein Schriftsteller, dessen Werke nie viele Leser erreichen. Die Mutter ist vor zwei Jahren, wenige Monate nach dem Kriegsende, an Typhus gestorben. Thomas lernt Piet Zwaan kennen, der neu in die Klasse kommt. Mit der Zeit freunden sie sich an. Während Thomas Vater für die englische Armee in Deutschland arbeitet, wohnt der Zwölfjährige bei seiner Tante Pie, später jedoch bei den Zwaans, bei Piet, dessen Cousine Bet und deren Mutter. Es entwickelt sich zwischen der Familie und dem Jungen aus einfachen Verhältnissen eine spezielle Beziehung, trotz der Standesunterschiede und Verhaltensnormen. Thomas lernt, dass Fluchen halt nicht schicklich ist, dass es sich gehört, vor dem Essen die Hände zu waschen, ab und an auch mal in die Badewanne zu steigen. Während sich zwischen Piet und Thomas eine Jungen-Freundschaft entwickelt, verliebt sich Thomas in die zwei Jahre ältere Bet. Doch beide haben ein trauriges Schicksal zu erzählen, das Thomas erst mit der Zeit erfährt, nach und nach und bruckstückhaft. Bet und Piet sind Juden, deren Vater beziehungsweise beide Eltern im KZ ermordet wurden. Piet war zudem während des Zweiten Weltkriegs untergetaucht im Haus seines Onkels.
Als Piets Tante schwer psychisch erkrankt, verlassen die Kinder Amsterdam. Später wird auch Thomas mit seinem Vater die Grachtenstadt verlassen. Ein Brief von Piet wird ihn erreichen, als letztes Zeichen, in dem der Freund von seiner neuen, weit entfernten Heimat erzählt.  

Bücher über die Zeit des Dritten Reiches gibt es viele, wie jedoch die Jahre nach Kriegsende die Menschen beeinflusst haben, beschreiben nur wenige; vor allem nicht im Bereich der Jugendliteratur. Der 1937 in Amsterdam geborene Autor Peter van Gestel widmet sich nun einigen Monaten im Leben dreier Kinder, die vieles gemein, aber auch viele Unterschiede haben. Wie van Gestel das Kennenlernen und die spätere Freundschaft aus der Perspektive von Thomas beschreibt, ist auf vielfältige Art und Weise bemerkenswert. In dem Erzählen vermischen sich die vielen Gesichter des Jungen: Mal ist er ruppig und burschikos, mal sensibel. Auf alle Fälle jedoch schlagfertig und intelligent. In den zahlreichen lebendigen Dialogen sowohl zwischen den Kindern als auch jenen zwischen den Kindern und Erwachsenen bewegt sich van Gestel zwischen einem unterhaltsamen Humor und einer thematischen Tiefe, die nachdenklich stimmt.

Während Jugendliche dieses wunderbare Buch als Roman über eine Freundschaft ansehen, werden Erwachsene vor allem ein Thema herauslesen. Alles dreht sich um Erinnerungen. Thomas erinnert sich an seine Mutter und versucht die vergrabenen Bruchstücke seiner frühesten Kindheit auszugraben. Mit fünf war er schon einmal Gast bei den Zwaans, als die Eltern von Piet noch lebten, als das Haus noch ihnen gehörte. Piet dagegen fehlen die Erinnerungen an seine Eltern. Als Sechsjähriger  sah er sie das letzte Mal. So sind die beiden Jungen auf einer Suche nach Erinnerungen. Die ältere Bet und deren Mutter dagegen wollen sich den Erinnerungen verweigern, angesichts der Unfassbarkeit der damaligen Ereignisse, die im traurigen und trostlosen Rückblick und aufgrund des immer noch latenden Judenhassen, der an einigen Stellen im Buch zu finden ist, wieder frische Wunden aufreißen. So schwebt über dieser Geschichte eine drückende Melancholie, die jedoch von der Heiterkeit und der Lebensfreude des zwölfjährigen Thomas durchbrochen wird. Der Roman zeigt sich somit janusköpfig, wie Erinnerungen nun mal auch sind.

Für „Wintereis“war Peter van Gestel 2009 für den  Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert, in seinem Heimatland erhielt er drei Preise für dieses Werk. Die Zeitung „Die Zeit“ und Radio Bremen zeichneten den Roman mit dem Preis „Luchs des Monats“ aus.  

Der Roman wurde 2008 im Verlag Beltz & Gelberg, in der Reihe „Gulliver“ veröffentlicht, in der Übersetzung aus dem Niederländischen von Mirjam Pressler.
336 Seiten, 8,95 Euro

Into the Wild – David Wroblewski "Die Geschichte des Edgar Sawtelle"

 

Es war über eine lange Zeit eine Idylle: die Farm der Sawtelles in Winsconsin, im Norden der USA nahe der Großen Seen. Die Familie, Trudy, Gar und ihr Sohn Edgar, lebt zurückgezogen auf dem Land. Alle drei haben ihr Leben einer großen Leidenschaft verschrieben – der Aufzucht und dem Training ihrer Hunde; ganz besonderen Tiere mit speziellen Eigenschaften. Mit der Zucht hatte Edgars Großvater begonnen, die Familie führt dieses lebendige Erbe fort, das allerdings auch ihr einziges Einkommen bildet.
Während Gar sich den Gesetzen der Zucht und der Aufzeichnung der körperlichen Eigenschaften und Charaktereigenheiten jedes einzelnen Tieres widmet, kümmern sich Trudy und Edgar um das Training. Mit Strenge und eiserner Disziplin. Obwohl der intelligente Junge ein besonderes Handicap besitzt: Er ist seit seiner Geburt stumm und verständigt sich in einer selbst entwickelten Gebärdensprache mit seinen Eltern und den Hunden. Er ist es auch, der mit Hilfe eines Wörterbuches den Tieren ihren Namen gibt.
Als plötzlich Gars Bruder und Edgars Onkel Claude auf der Farm auftaucht, verschwindet der Frieden. Eines Tages stirbt Gar, und Edgar glaubt nicht an einen natürlichen Tod. Er verdächtigt Claude. Als es zu einem weiteren Unfall kommt, flieht der Junge mit einigen Tieren eines Wurfes, den er in Obhut genommen hatte. Gemeinsam mit Essay, Tinder und Baboo verlässt er Hals über Kopf sein Zuhause und schlägt sich durch die Wildnis schlagen. Zurückbleiben seine Mutter und Hündin Almondine, mit der Edgar aufgewachsen ist und zu der er eine enge Beziehung hatte.

Doch dies ist nicht das Ende des Romans „Die Geschichte des Edgar Sawtelle“ des Amerikaners David Wroblewski, dessen Eltern selbst eine Hundezucht führten und der auf einer Farm in Wisconsin aufgewachsen ist. Die Geschichte geht weiter und das muss sich auch. Denn das Buch trägt etwas ganz Besonderes in sich. Es ist nicht nur die Story von Menschen mit ihren Hunden, es ist eine von Hunden mit ihren Menschen. Wie Wroblewksi die enge Bindung zwischen Tier und Menschen beschreibt und jedem Hund einen besonderen Charakter zuweist, ist bezaubernd. Hinzukommen eindrucksvolle Landschaftsbilder und eine Spannung, die einen an den knapp 700-Seiten-Wälzer fesselt.

Der große Held des Buches ist neben den Hunden der Junge Edgar. Der Autor zeichnet ihn als ein überdurchschnittlich intelligentes und sensibles Kind, das allerdings einige Härteprüfungen überstehen muss: der Tod des Vaters, später des Tierarztes der Familie und die beschwerliche Reise durch die Wildnis, bei der er Hunger und Durst leidet, von Stechmücken gepeinigt wird. Was man diesem wunderschönen Buch jedoch kritisch anrechnen muss, ist sein Hang zur Mystik. Edgar kann sich mit den Toten verständigen, und auch das Ende des Romans zeigt recht fantastische Züge und lässt den Leser dann doch recht verwundert zurück.
Trotzdem ist und bleibt diese Geschichte eine, die jeden Tier- und Naturfreund rührt und an deren Lektüre man sich sehr gern erinnert. Der Bestseller-Status in den USA mit anderthalb Millionen verkauften Exemplaren beweist es ebenso.

Die Geschichte des Edgar Sawtelle von David Wroblewski erschien in der Deutschen Verlags Anstalt und als Taschenbuch im btb-Verlag.
704 Seiten, 12,99 Euro

Das Große im Kleinen – Siegfried Lenz "Die Maske"

In den kleinen Geschichten des Lebens verbergen sich die großen Dinge des Lebens. Eine Begegnung, ein Ereignis, mag es noch so unbedeutend sein, kann später vieles bewegen, Bedeutung geben. Eine Einstellung oder der Blick auf den Charakter einer Person kann sich wandeln. Entscheidungen werden oft schnell gefällt.

Eine Erzählungen ist die literarische Form per se, rasche und überraschende Veränderungen darzustellen. Sie erfordern einen guten Überblick sowohl auf das Detail als auch auf ein Gesamtbild sowie Konzentration. Ausschweifende Beschreibungen gibt es nicht. Und auch wenn der Roman die Königsklasse ist, ein Autor von guten Erzählungen ist ein wahrer Meister.

In der Meisterklasse ganz oben hat für mich Siegfried Lenz Platz genommen. In der Vergangenheit vor allem durch seine Romane, nun griff ich zu seinem neu erschienenen Erzählband „Die Maske“. Ein schmales Bändchen mit etwas mehr als 120 Seiten, das Inhaltsverzeichnis ist kurz, fünf Erzählungen sind es nur.
Sie erzählen von einem Museumswärter, der einen Überfall nutzt, gleich sein Lieblingsbild zu entwenden, von einer chinesischen Truhe, die an Land gespült, Tiermasken enthält und ein ganzes Dorf auf den Kopf stellt. Ein Geschichte erzählt von einer Ehrung eines Schiffskapitäns, eine andere von einem Schriftsteller, der wiederum mit einer Geschichte seinem verstorbenen Sohn ein Denkmal setzt. Die letzte Erzählung beschreibt das Treffen eines Journalisten mit einem Filmregisseur.

In allen fünf Texten erkennt man Lenz, seine Reduktion auf das Wesentliche, auf einfache Menschen, die trotzdem mit ihrem einfachen Leben besondere Geschichten erzählen. Und immer wieder spielt das Schreiben und das Erzählen als Rückblick eine große Rolle. Biografische Erlebnisse und Erfahrungen, wie die Zeit als Lenz als Journalist arbeitete, fließen ein. So fängt man sowohl die Vielfalt des Lebens als auch seine immergleichen Muster ein, vielleicht nur so. Lenz Sprache ist einfach, aber zugleich poetisch. Er überrascht mit seinen Wendungen und gibt mit seinen Erzählungen zugleich Zeit, innezuhalten, mit der fiktiven Geschichte als Beispiel das reale Dasein zu hinterfragen. So soll Literatur sein, ihre größte Aufgabe, für die sie jederzeit Bewunderung verdient. Auch im Fall dieses doch so schmalen Buches.

„Die Maske“  von Siegfried Lenz erschien im Verlag Hoffmann & Campe.
Oktober 2011
128 Seiten, 17,99 Euro
    

Absturz – William Boyd "Einfache Gewitter"

In einem Restaurant in London treffen zufällig der Klimaforscher und Wolkenexperte Adam Kindred und der Immunologe Philip Wang aufeinander. Nach dem Gespräch bleiben Wangs Unterlagen zurück. Kindred will die Papiere zurückgegeben. Doch als der Klimaforscher Wang in dessen Hotel vorfindet, hat dieser ein Brotmesser in der Brust und stirbt wenig später. Für Kindred beginnt ein neues Leben und ein Wettlauf um die eigene Existenz: Er wird sowohl von der Polizei als Mordverdächtiger als auch von Wangs Mörder verfolgt, der an die Unterlagen des Immunologen herankommen will.
Denn Kindred ahnt noch nicht, welche Brisanz in diesen steckt, als er in der Metropole untertauchen muss. Eine kleine Wildnis an der Themse in der Nähe der Chelsea Bridge wird seine erste Zuflucht. Als eine Art Robinson lebt er ohne ein Dach über dem Kopf, ohne Auskommen und regelmäßiges Essen. Da muss auch schon einmal eine Möwe als Mahlzeit erhalten. Passé sind die sorglosen, kreditkartenverwöhnten Zeiten als anerkannter Wissenschaftler. Als Kindred die Prostituierte Mhouse kennengelernt und in ihrer Wohnung in einem Slum-Viertel einzieht, scheint er vorerst Ruhe zu haben. Doch der Killer Jonjo bleibt weiterhin an dessen Fersen. Kindred muss wieder fliehen. Mit einer neuen Identität mit neuer Wohnung und einem Job als Pflegekraft in einem Klinikum schafft es Kindred, den Hintergrund der brisanten Unterlagen zu recherchieren, die ihn zu dem Pharma-Unternehmens Calenteure-Deutz und zu dessen medizinischen Tests führen. Ein neues Mittel gegen Asthma soll auf den Markt gebracht werden. Kindred erkennt einen Skandal riesigen Ausmaßes, den Grund für Wangs Tod als Calenteure-Deutz-Forscher und dreht den Spieß um: Er wird nun der Verfolger.

Es braut sich nichts zusammen im Roman „Einfache Gewitter“ des Briten William Boyd. Man wird vielmehr in ein riesiges Gewitter geworfen und verfolgt atemlos diese Geschichte, die intelligent konstruiert und auch so geschrieben wurde. Das Buch ist ein wahrer Pageturner, eines, das man so schnell nicht, wenn überhaupt aus der Hand liegt. Boyd wechselt geschickt Handlungsorte und -geschehen, baut einen massiven Spannungsbogen und setzt bemerkenswerte Kontraste. Er erzählt vom einfachen Dasein des Adam Kindred, der zurückgezogen und verwahrlost an der Themse haust, um wenig später vom Luxus verwöhnten Leben des Geschäftsführers des Pharmaunternehmens, Ingram Fryzer, zu berichten, von seinen Eskapaden mit der Familie und der Firma.

Zwischen dieser atemlosen Spannung hat man dann doch mal Zeit, in der Story innezuhalten und über ihre darin enthaltene Gesellschaftskritik zu philosophieren. Was machen Pharma-Riesen, wenn die Tests unerwartete Ergebnisse zutage bringen?  In diesem Fall gehen sie über Leichen, in den Augen der Firmenchefs glänzen nur die Dollarzeichen. Sie sehen nur den eigenen Gewinn, Moral und Gewissen sind vergessene ethische Kategorien, angesichts Milliarden-Gewinne und guter Publicity. Die Familien der Opfer stellt man mit einem geringfügigen Schadenersatz ruhig. Es mutet dann schon etwas merkwürdig an, wenn Boyd in jenen Beschreibungen rund um die Pharmaindustrie und ihre großen Köpfe einen leichten ironischen, wenn nicht sogar zynischen Ton anschlägt. Es ist indes die richtige Art, weil sie offenbart, bloßstellt und kritisiert. Und das rücksichtslos.

Doch die Geschichte spielt auf ein weiteres Thema an: Wie bereits in Boyds ebenfalls fabelhaften Roman „Ruhelos“ widmet sich der 1952 in Ghana geborene Autor  der Frage, wie sich ein Individuum verhält, wenn plötzlich wie aus heiterem Himmel sein Leben schwankt und es aus den Bahnen gerät. Eigentlich ein neues beginnen muss. Adam Kindred verliert viel, gewinnt jedoch am Ende. Das Ende ist nur auf den ersten Blick glücklich. Kindred kann sich nie sicher fühlen.  

„Einfache Gewitter“ von William Boyd erschien im Berlin Verlag
Oktober 2009, (Taschenbuch Oktober 2010)
448 Seiten, 25 Euro

 

Selbstbehauptung – Angelika Klüssendorf "Das Mädchen"

Sie ist zwölf und sie kennt bereits die dunklen Schatten des Lebens. Ihre Mutter lässt sie und ihren kleinen Bruder Alex tagelang allein, die Mutter schlägt zu, wenn es ihr gerade mal passt, sie pöbelt die Kinder an, beschimpft sie im unflätigen Ton, zwingt sie zum Putzen. Der Vater taucht nur unregelmäßig in der Wohnung auf. Sie muss dann Bier holen für den feuchtfröhlichen Abend der Eltern, der im Suff endet. Das Mädchen erlebt, wie die Mutter mit einer Stricknadel eine Fehlgeburt erzwingen will, wie sie Männer anschleppt, die sie auf der Arbeit in der Mitropa kennengelernt hat. Es ist die Zeit der DDR, als Händler noch die Milch bringen, das Lied „Der Tag als Conny Kramer starb“ im Radio läuft.

Liest man die ersten Seiten des neuen Romans „Das Mädchen“ von Angelika Klüssendorf stockt einem der Atem. Es tauchen Erinnerungen auf an jene Kinder, die in den vergangenen Jahren für Schlagzeilen sorgten, weil sie zu Tode geprügelt worden und verhungert sind. Nie war Hilfe in Sicht, und es waren reale Schicksale. Im Fall des Mädchens entwirft die Autorin indes eine Person, die sich selbst hilft und sich immer wieder auf die Beine stellt, egal, wie tief sie gesunken ist, wie oft sie die unberechenbare Brutalität der eigenen Mutter spüren muss. Selbst die schäbigsten Plätze werden für das Mädchen zu einer Idylle: Im Kohlenkeller, in den sie eingesperrt wird, liest sie Brehms Tierleben und die Krimigeschichten ihres Vaters, in einem verwahrlosten Garten macht sie die Bekanntschaft mit einem Hund. Elvira aus einer armen Familie ist ihre engste Freundin. Das Mädchen läuft oft davon, irrt herum.
Nach einer Zeit bei dem Vater, der mit einer neuen Frau eine neue Existenz an der Ostsee aufbauen will, kommt das Mädchen in ein Kinderheim, das Abseits liegt. Hier behauptet sie sich, wenn auch mit teilweise unmoralischen Verhalten, Sie klaut und schlägt auch mal zu. Die gewaltreiche Kindheit hinterlässt ihre Spuren.

Doch neben diesen entsetzlichen, eindrücklich beschriebenen Szenen setzt Angelika Klüssendorf, 1958 in Ahrensburg geboren und Autorin von Erzählungen, einen besonderen Kontrast: Humor, den man in dieser Geschichte eigentlich am wenigsten erwartet hätte. Doch er wirkt nicht fehlplatziert. Im Gegenteil. Nur so zeigt sich die innere Kraft, der Willen und diese hartnäckige Lebensfreude des Mädchens, sich weder von ihren Eltern noch von fiesen Typen im Heim unterkriegen zu lassen. Sie erntet Respekt und geht ihren Weg, dessen Steine sie nicht umgeht, die sie vielmehr prägen. Sie weiß: Sie kann sich nur auf sich selbst verlassen. Jede Vorfreude auf ein Happy End mit ihrer Mutter wird getrübt mit jeder weiteren Enttäuschung, das ist ihre größte Erkenntnis.

Der Roman schmerzt, doch nur so hinterlässt großartige Literatur ihre Spuren. Man sollte mitfühlen und mitleiden. Mit dem Mädchen, dessen Kindheit und Jugend der Leser verfolgt, schuf Angelika Klüssendorf eine Heldin, die man so schnell nicht aus dem Kopf und vor allem nicht aus den Herz bekommt. Trotz ihrer Fehler, ihrer negativen Eigenheiten. Wenn man schließlich das Buch nach etwas mehr als 180 Seiten und nach vier Lebensjahren des Mädchens zuklappt, fühlt man vieles: Wut über die Gewalt, Respekt vor der Kraft des Mädchen und eine gewisse Traurigkeit, da solche Schicksale nicht nur Fiktion sind.

Das Mädchen von Angelika Klüssendorf erschien im Verlag Kiepenheuer & Witsch.
August 2011
192 Seiten, 18,99 Euro

Jans Jugend – Thomas Lang "Bodenlos"

Füchten ist nicht unbedingt der geeignete Ort, eine aufregende Jugend zu verbringen. Hier leben gerade einmal ein paar Tausend Einwohner, ganz in der Nähe einer Raketenbasis der Nato. Es sind die 80er Jahre, die Zeit, als Privatfernsehen oder Teletext für Diskussionen sorgt, die Musik der Neuen Deutschen Welle oder eines David Bowie auf Langspielplatten in kleinen Elektroläden zu kaufen gibt. Wenn man Glück hat. Die Jugend sträubt sich mit Protesten gegen die Aufrüstung und die biedere Elterngeneration. Dann und wann wird im Eifer  der eigenen inneren Wut und Unzufriedenheit der Lack einer „fetten“ Limousine zerkratzt.

Der 18-jährige Jan schottet sich nahezu vom Rest der Welt ab. Er lebt in seiner eigenen – nur zu seiner Schwester An, den fünf Hunden der Familie und seinem Freund Torsten hat er Zugang. Seinen Eltern geht er eher aus dem Weg und vergräbt sich in Büchern und seinen eigenen Texten. Und kurz vor dem Abitur stehend, weiß er auch noch nicht, wohin es ihn führen soll. Doch der Gedanke an die Zukunft tritt in den Hintergrund, als eine Tragödie nach der anderen über Jan und seine Mitschüler hinwegfegen. Ein Mitschüler und Bandmitglied stirbt bei einem Autounfall, auch der zweite ältere Bruder von Torsten begeht Selbstmord und dann geschieht direkt für Jan das Unfassbare. Seine Schwester An wird ebenfalls während eines Verkehrsunfalls getötet. Der Boden unter den Füßen von Jan Bodenlos schwankt.

Thomas Langs Roman „Bodenlos“ – der Titel sicherlich sowohl mit Blick auf den Helden als auch auf dessen Situation treffend gewählt – erzählt eine Geschichte, die viele Themen und den Leser berühren. Neben der Beschreibung einer Jugend in einer westdeutschen Kleinstadt in den 80er Jahren, den Schwierigkeiten des Erwachsenenwerdens und mit der ersten Liebe beschreibt Lang, Jahrgang 1967 und Bachmann-Preisträger für einen Auszug aus seinen Roman „Am Seil“, die Gedankenwelt eines nachdenklichen, melancholischen Jugendlichen. Noch am Anfang mit einer herrlichen Freibad-Szene die Geschichte eröffnend, verliert sich mit jedem Kapitel die Lebenslust, Leichtigkeit und Unbeschwertheit. Jan wohnt eine gewisse Todessehnsucht inne, die auch  Kiku, Tochter eines Japaners und einer Deutschen, nicht vertreiben kann, zu der Jan tiefe Gefühle empfindet. Als sie schließlich mit ihrer Mutter nach London zieht, bleibt Jan in Füchten zurück, wird der Kontakt nur über einige unregelmäßige Briefe aufrecht erhalten.

Sicherlich ist diese Ernsthaftigkeit des Buches, die zahlreichen schmerzhaften Geschehnisse und die Richtungslosigkeit seines Helden nicht unbedingt ein Grund, dieses Buch sofort mit Freude in die Hand zu nehmen.Das gewöhnungsbedürftige Coverbild lädt auch nicht dazu ein. Wer indes Entwicklungsromane und literarische Zeitporträts mag, wird diesen poetisch geschriebenen Roman regelrecht verschlingen, von ihm gefangen sein. Denn er enthält innerhalb der Handlung intelligente eingewobene Voraus- und Rückblicke sowie Szenen, die viel Liebe zum Detail und zur Ausgestaltung einer besonderen Stimmung verraten. An die Charaktere wird man lange denken müssen – ein gutes Zeichen, wie plastisch und lebendig sie gestaltet wurden und sie sich deshalb in Herz und Kopf eingegraben haben. Am Ende bleibt in einem eine Melancholie und Nachdenklichkeit zurück und die Frage, warum die Jugend sich immer so allein fühlen muss, vor allem warum die Generationen aneinandervorbeileben. 

Bodenlos von Thomas Lang erschien im vergangenen Jahr im Verlag C.H. Beck
416 Seiten, 21,95 Euro

Leben nach dem Ende – Denis Johnson "Fiskadoro"

Die Erde war zu Staub geworden, die moderne Zivilisation bis auf kümmerliche Reste hinweggefegt. Wenige Jahre nach einem verheerenden Atomkrieg lernt Mr. Cheung, der frühere Manager des Miami Sinfonieorchesters, den Fischersohn Fiskadoro kennen und bringt ihm das Klarinetten-Spielen bei. Mehr recht als schlecht. Es gibt Wichtigeres als die Kunst und Musikunterricht –  in jenem künftigen Florida, das zerstört ist von einer Atombombe. Eine weitere war damals nicht detoniert und liegt als warnendes Denkmal noch immer sichtbar nahe des Strandes. Leben nach dem Ende – Denis Johnson "Fiskadoro" weiterlesen

Müllbehälter mit literarischem Namen

Recht anspruchsvoll geht es auf dem Naumburger Weihnachtsmarkt zu. „Professor Unrat“ steht auf den Deckeln der stinknormalen Müllbehälter. Wie wohl der große Heinrich Mann auf die Nutzung des Titels seines bekannten Werkes reagieren würde? Womöglich würde er auch anderweitig wohl klingendere, weil literarische Namen vergeben. Ein Straßenmusikant sorgt für die „Dreigroschenoper“ (Bertolt Brecht). So manche Behörde erscheint kafkaesk wie das „Schloss“, ein nicht funktionierender und daraufhin von Fäusten traktierter Parkscheinautomat in Naumburg dagegen als „Blechtrommel“ (Günter Grass). Das wirre Treiben auf den Kirschfestwiesen erweist sich als „Jahrmarkt der Eitelkeiten“ (William Makepeace Thackeray), ein untalentierter und für einen Wasserschaden sorgender Klempner-Azubi dafür als „Zauberlehrling“ (Johann Wolfgang Goethe). Und was wäre ein unfähiger Lokalpolitiker? „Der Mann ohne Eigenschaften“ (Robert Musil).

Der weiße Planet – Jørn Riel "Das Haus meiner Väter"

Der weiße Planet: eine von Eis und Schnee überzogene Landschaft, Monate der Dunkelheit wechseln sich mit Wochen im Schein der Mitternachtssonne ab. Nur die am besten Angepasstesten, ob Tier oder Mensch, überleben im rauen Klima der Arktis oder Antarktis. Doch trotz der unwirtlichen Verhältnisse – die Gegend rund um Nord- und Südpol zieht sowohl Entdecker als auch Naturfreunde magisch an.  Der weiße Planet – Jørn Riel "Das Haus meiner Väter" weiterlesen

Religion, Regeln und Ruhe – Klosterlandschaft Sachsen-Anhalts

In der modernen Zeit sind sie Ruhepole geworden, Ziele so manch gestresster Seele. In die historischen Mauern eines Klosters und in einen noch bestehenden Ordensalltag kehren Menschen ein, um für Tage oder Wochen der Hektik zu entfliehen. Doch über einen Erholungsurlaub und als Ausflugsziel hinaus haben diese Stätten eine besondere Bedeutung, und das seit Jahrhunderten. Sie waren Orte intensiven religiösen Lebens. Einige sind es noch immer. Zudem sind sie mit ihren eindrucksvollen Bauten architektonische Schätze einer Kulturlandschaft – auch jene in Sachsen-Anhalt, das reich ist an Klöstern.

 Klosterlandschaft Sachsen-Anhalt heißt ein Band, der in der Reihe Kulturreisen Sachsen-Anhalt im Verlag Janos Stekovics neu erschienen ist. 50 dieser religiösen Stätten in 43 Orten des Bundeslandes   widmet sich das 256-seitige  Buch. Aus dem Burgenlandkreis sind mit  Memleben, Schulpforte, Weißenfels, Zeitz und Posa fünf   Klöster vertreten. Es gibt nicht nur umfassende Informationen über  die einzelnen Klöster mit Angaben zu den Öffnungszeiten,  der Anreise und touristischen Angeboten sowie  zur Historie und dem Erhaltungszustand der Gebäude.   Der Leser erhält vor allem einen Überblick über die  zwischen Elbe und Saale ansässig gewesenen Ordensgemeinschaften,  ihre geschichtliche und kulturelle Bedeutung. Sogenannte Denkanstöße fordern zur Auseinandersetzung mit dem Thema Religion auf.

In einem Vorwort  zum Band schreiben  Harald Schwillus, Professor am Institut für Katholische Theologie und ihre Didaktik an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, und Herausgeber Christian Antz über die Entstehung, das Wirken und die Regeln der verschiedenen Ordensgemeinschaften. In einem Geleitwort ermuntert Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff zudem, die Klosterlandschaft mehr in das Bewusstsein zu rücken – eine Aufgabe, die der Band sich stellt.

Er ist mit seinen zahlreichen Abbildungen wie Fotos, Grundrissen und Lageplänen sowohl eine spannende und anschauliche Geschichtsstunde als auch eine Einladung, die Klöster Sachsen-Anhalts zu entdecken und damit ein bedeutsames kulturelles Erbe zu erleben. Ob nun nach und nach diszipliniert der alphabetischen Ordnung des Buches folgend oder nach der Devise die hiesigen zuerst – auf jeden Fall eignet sich das mit viel Detailfreude und Aufwand gestaltete Werk in seiner kompakten wie handlichen Form als Reiseführer.  Und sicherlich auch als besonderes Weihnachtsgeschenk: für Freunde der Geschichte, Architektur und Religion, oder aber auch für jene, die  in einem Kloster Erholung suchen und ihren Besuch in einer eindrucksvollen historischen Atmosphäre einfach (nur) genießen. 

Klosterlandschaft Sachsen-Anhalt erschien im Verlag Janos Stekovics
256 Seiten, 18,90 Euro

Fensterchen öffne dich!

Nach dem ersten Fensterchen kommt heute das zweite dran. Huch, was bloß drin ist? Und vielleicht  lässt sich auch gleich das dritte bis siebente öffnen. Beim Naschen ist Zügellosigkeit ab und an erlaubt. Wer sagt denn, dass ein mit Vollmilchschokolade gefüllter und damit eher preiswerter Adventskalender Disziplin verlangt. Die winzigen Nummern an den Türchen erwecken kaum das schlechte Gewissen.
Mit jenen eher  kostspieligen   und besonders gefüllten Varianten verhält es sich indes etwas anders. Mittlerweile  gibt es  von ihnen eine große Auswahl, je nach Geschmack des Konsumenten.  Teetrinker erleben  ebenso Abwechslung wie die süßen Kleinen mit  ihrem neuen Spielzeug für jeden Tag. Selbst Hund und Katz’ können wir eine Überraschung bieten, während wir immer noch in eher langweiliger Manier den Piepmätzen im Vogelhaus was zum Futtern vorsetzen.  Oder ob heute zu später Stunde in so mancher guter Stube am Fensterchen  genestelt wird  mit der Aussicht auf ein erotisches Bildchen?  Huch – bloß wieder zumachen, sonst sehen es noch die Kleinen.

Schreiben übers Schreiben – Siegfried Lenz "Selbstversetzung"

Er zählt zu den stillen Autoren. Wenig hört man von ihm. Die Herren Grass und Walser sind da schon lauter, öffentlichkeitswirksamer. Erscheint indes ein neues Werk von ihm, liest man einige Rezensionen in der Tagespresse. Sonst bleibt es ruhig um Siegfried Lenz. Nach Romanen wie „Deutschstunde“, „Arnes Nachlass“ oder „Schweigeminute“, letztere beide wunderschön, aber auch tieftraurig, fiel mir mit „Selbstversetzung“ kürzlich ein Buch mit Essays in die Hand.

Der recht schmale Band, vor fünf Jahren bei Hoffmann und Campe anlässlich des 80. Geburtstags  des Schriftstellers erschienen, enthält neun Texte, die sich vor allem dem Schreiben und der Literatur widmen. Der 1926 in Ostpreußen geborene Autor erzählt in ihnen vom Beginn seiner unter dem Wirken seines Deutschlehrers erwachten Leseleidenschaft, von seinem ersten Roman „Es waren Habichte in der Luft“, über den großen Einfluss Ernest Hemingways auf sein Schaffen und dem wachsenden Bekanntheitsgrad als Schriftsteller. Viel verrät Lenz dabei von sich: Er berichtet von seiner Kindheit, dem schnellen Erwachsenwerden im Krieg, seinen ersten Schritten als Schreibender, als Journalist. Mit einer nicht kühlen, von oben herabschauenden, sondern vielmehr einer herzenswarmen Ironie erzählt er unter anderem von seiner Straße, in der er mit seiner Frau ein Domizil gefunden hat.  Es sind somit sehr persönliche Erinnerungen und Erfahrungen – von einem großen deutschen Schriftsteller, der in der Jugend auch schon mal zu Groschenheften griff, um seine Lesesucht – Lenz schreibt, er wurde „mit Literatur infiziert“ – zu stillen.

Die Essay entstanden in den 60er und 70er Jahren und vermitteln ein persönlicheres Bild als es eine Biografie jemals zu zeichnen vermag. Wenn man die Werke von Lenz schätzt, sollte man auch zu jenem schmalen Band greifen, um einen Einblick in die Motivation für sein Schreiben zu erhalten. Denn es ist immer die große Frage: Warum schreiben, wenn es doch schon Literatur, gute Literatur gibt? Lenz dazu: „Ich wollte gleichzeitig verstehen und zugeben: so begann ich zu schreiben.“

Und wer Lenz noch nicht kennt? Sollte ihn kennenlernen. Nein, muss ihn kennenlernen. Wenn ich nur fünf Bücher auf eine einsame Insel mitnehmen könnte, ein Lenz wäre sicherlich dabei.

Selbstversetzung von Siegfried Lenz erschien bei Hoffmann und Campe.
Februar 2006
104 Seiten, 25 Euro

Die Zeitung – "Gefällt mir"

Im Kollegenkreis gibt es einen kleinen Reim, der die besondere Rolle der Zeitung auf den Punkt bringt: Zeitung lesen, dabei gewesen, Diese vier Worte fallen meist ironisch, wenn einer mal nicht auf den neuesten Stand ist. Dass der Spruch nun auch angesichts der herrschenden Präsenz von Facebook weiterhin Gültigkeit hat, verblüffte mich unlängst. Die bekannte Community nutzten wir, um über ein hier in Naumburg heiß diskutiertes Thema noch einmal zu berichten. Im Mittelpunkt stand der Text einer Kranzschleife zum Volkstrauertag mit den Worten „Wir gedenken der gefallenen Helden“. Hoch schlugen die Wellen der Empörung bei der Partei Die Linke. Doch ein Landtagsabgeordneter musste schließlich klein beigeben, als er die Zeitung aufschlug. Die Reaktionen auf seinen Facebook-Eintrag  las er dort zuerst, musste er freimütig gestehen – natürlich auf Facebook. Uns hat’s gefreut. Wurden wir doch eher registriert als die schnelllebigen und auch meist schnell hingetippten Meinungen und Einträge.

Und ist es nicht auch so, langsam wird’s zu viel. Es blinkt und piept nur noch, wenn Kommentare per Mail angekündigt werden. Die neuen Postings (ein schönes Wort, wenn man an die Behäbigkeit der Post denkt) sind oft so inhaltsleer, so ohne Aussage. Was bitte schön mache ich mit Einträgen über das gerade absolvierte Frühstück eines anderen, über Kopfschmerzen nach einem Saufgelauge – den virtuellen Salzstreuer oder die virtuelle Aspirin reichen? Wir kreieren Datenmüll und freuen uns noch darüber; das zeigen wir auch an mit einem „Gefällt mir“ auf das „Gefällt mir“. Leider sind gute Einträge Mangelware, wie kluge Kommentare in einer Diskussion, ein interessanter Link auf ein wirklich interessanten Beitrag oder eine richtige Antwort auf eine ernst gemeinte Frage.
Wir brauchen uns nicht zu beschweren, angesichts jener Zeit, die wir auf den Bildschirm glotzend vergeuden und uns etwas widmen, das dabei wenig Bedeutung für unser Leben hat. Und da ist die Zeitung wiederum im Vorteil. Sie hat einen bestimmten Umfang an Seiten und sie fordert auch kein Klick auf den „Gefällt mir“-Button, vielmehr Konzentration auf’s Lesen und ein Thema. Und sie raschelt so schön.

Ordnung ist beherrschtes Chaos

Ordnung ist das halbe Leben, mahnte mich einst ein Lehrer während einer dieser unzähligen und eher unaufgeregten Hofpausen meiner Schulzeit. In welchem Zusammenhang er das zu mir sagte, weiß ich heute, einige Jahre später, nicht mehr. Nur an eines kann ich mich erinnern: Ich sagte ihm, dass Ordnung nur ein Viertel meines Lebens sei. Ob auch diese Bruchrechnung aufgeht, kann ich nicht mit Sicherheit sagen. Vielleicht sind aus dem Viertel im Laufe der Zeit vielmehr nur ein Achtel geworden. Aber warum sich mit Bruchrechnung beschäftigen und der Ordnung im Leben eine Nische geben, die man sowieso nicht findet in jenem Chaos, das Leben heißt.
Schon das Weltraum beweist es: Ständig fressen Schwarze Löcher Materie, ja ganze Galaxien verschwinden auf Nimmerwiedersehen, Galaxien, denen wir noch nicht einmal einen Namen gegeben haben, obwohl wir doch sonst so ordnungsliebend sein sollen.

Ein kleines Schwarzes Loch befindet sich unter meinem Couchtisch ähnlich dunkler Farbe. Es ist die Vorstufe vor der berühmt-berüchtigten Rundablage, also dem Papiercontainer oder Mülleimer. Doch so eine Ablage ist schon praktisch, schnell kann ich mich vor allem jener Dinge entledigen, für die ich vorerst keine Verwendung finde: Werbung in Zeitschriften, die Brillenetuis Nummer fünf und sechs, Microfaser-Brillenputztücher, Werbekugelschreiber, die nach wenigen Tagen eine leere Mine offenbaren. Was man da nicht alles findet, wenn man der Ordnung zuliebe dann doch mal wieder aufräumt. Aber warum Ordnung halten, wenn die Entdeckung der Dinge so viel Spaß macht. Und man spürt vor allem Sachen auf, die man eigentlich gar nicht gesucht hat: ein Handy-Schutz, der schließlich bei der Anprobe doch nicht passt, eine Panorama-Postkarte aus Schottland von einer Freundin. Kürzlich fand ich ein Foto, eine Aufnahme von einem Zirkus. Erinnerungen kamen auf. Jenes Bild entstand während meiner ersten Tour als Journalistin, nun gut als frische Praktikantin und damit angehende Journalistin. Es war meine erste Story, mit der ich am ersten Tag des Praktikums in der Lokalredaktion einer Tageszeitung ins „kalte Wasser“ geworfen wurde.

Und dieses Foto brachte mich zum Nachdenken: Das Leben ist nicht zur Hälfte Ordnung, vielmehr vielleicht eine Abfolge bunter Vorstellungen, bei denen auch mal die Pferde scheuen können, dem Jongleur die Kugel herunterfällt oder die Seiltänzerin vom Sicherheitsnetz aufgefangen werden muss. Dann geht den Musikern der Blaskapelle die Luft aus, und dem Direktor kann auch schon einmal der Hut herabfallen. Es geht also drunter und drüber. Die Beherrschung des unwägbaren Chaos ist dann die wirkliche Kunst, denke ich.

Foto: Thomas Nestke/pixelio.de