Tierische Tatwaffen – "Ruhe sanft in Sachsen-Anhalt. Kurzkrimis aus dem Land der Frühaufsteher"

Sie muss weg aus Balgstedt (Balgstädt). Was hilft es, wenn die Unstrut sacht plätschert, der Wein und das Land lieblich sind, nur Peter ein Schwein ist. Ein außergewöhnlicher Plan muss her. Die junge Frau aus dem Osten, frisch aus dem Katalog bestellt, von Maminka dann verabschiedet, von ihrem deutschen Mann schließlich versohlt, sinnt auf Rache. Die Katze, liebevoll Ljonuschka genannt, soll die Tatwaffe sein. Und diese ist nicht die einzige tierische Hauptfigur in dem jüngst erschienenen Band „Ruhe sanft in Sachsen-Anhalt. Kurzkrimis aus dem Land der Frühaufsteher“, der, im Verlag KBV veröffentlicht, pünktlich und druckfrisch zur Leipziger Buchmesse in die Regale kam. Tierische Tatwaffen – "Ruhe sanft in Sachsen-Anhalt. Kurzkrimis aus dem Land der Frühaufsteher" weiterlesen

Leben in Farben – Margriet de Moor "Der Maler und das Mädchen"

„Jeder Mensch trägt die künftigen Fakten seines Lebens vom ersten Atemzug an in sich.“ 

Die beste Zeit des Malers liegt hinter ihm. Zwar wird er noch immer respektiert, aber nach dem wirtschaftlichen Ruin und dem Tod seiner geliebten zweiten Frau lebt er zurückgezogen und sinnt der vergangenen Zeit hinterher, den Erfolgen und den Niederlagen, den Erlebnissen voller Glück und den Verlusten. Jahrhunderte später wird er als einer der bedeutendsten Maler, nicht nur seiner Epoche, gelten. Leben in Farben – Margriet de Moor "Der Maler und das Mädchen" weiterlesen

Stadt der Geheimnisse – Hjorth & Rosenfeldt "Der Mann, der kein Mörder war"

Der 16-jährige Roger wird vermisst gemeldet. Erst Tage später nimmt die Polizei in Västerås ihre Ermittlungen auf. Schließlich ist Wochenende, und wer sagt, dass der Junge eigentlich sich nicht irgendwo in Stockholm eine schöne Zeit macht, denkt sich der zuständige Beamte Haraldsson und liegt gründlich falsch. Ein Irrglaube, der ihn lange verfolgen wird. Denn wenig später wird die Leiche des Jungen in einem Waldstück gefunden, übersät mit über 20 Messerstichen und herausgerissenem Herzen. Die Reichsmordkommission rund um ihren Chef Torkel rückt an und trifft zu Beginn gleich auf einen Bekannten: Sebastian Bergmann. Stadt der Geheimnisse – Hjorth & Rosenfeldt "Der Mann, der kein Mörder war" weiterlesen

Draußen – Joshua Ferris "Ins Freie"

„Die Welt ist viel zu alt. Seele ist Geist ist Hirn ist Körper. Ich bin du, und du bist es, und es wird immer Sieger bleiben.“ 

Er könnte ein glückliches, erfolgreiches und zufriedenes Leben führen. So viele positiven Eigenschaften und Möglichkeiten verbinden sich mit Tim Farnsworths Leben. Als Anwalt und Partner einer New Yorker Kanzlei wird er geachtet. Seine Frau Jane und seine Tochter Becka lieben ihn. Gemeinsam wohnen sie in einem großen Haus im Grünen. Doch die Idylle kippt mit der Sucht des Mannes. Oder ist es ein eigener innerer Antrieb? Tims unerklärlichen Märsche, die plötzlich beginnen und in unbekannte Viertel und Straßen führen, bleiben unerklärlich. Er läuft und läuft und läuft. Viele Kilometer lässt der Held im Roman „Ins Freie“ von Joshua Ferris zurück. Bis zur Erschöpfung ist er unterwegs, bis er schließlich in einen Schlaf fällt. Wenn er aufwacht, weiß er meist nicht, wo er sich befindet. Denn Strecke und ihr Zielpunkt sind immer wieder verschieden. Mal ist auf einem Friedhof Schluss, mal auf einer Parkbank, an Müllcontainern oder im Fahrerhaus eines Lieferwagens. Das Wetter spielt keine Rolle. Es kann regnen, schneien, Hitze herrschen – Tim ist unterwegs. Weder ein wichtiger Termin kann ihn stoppen noch die Bitten seiner Familie.  Draußen – Joshua Ferris "Ins Freie" weiterlesen

Schluss mit Süßkram

Häufig werde ich derzeit mit einer Frage konfrontiert: „Na, was macht das Fasten?“. Als ob „Fasten“ mein Wellensittich wäre, der die Mauser hat. Doch auch ich habe sprichwörtlich Federn gelassen. Denn zugegeben: So ein Stück Quarkkuchen wäre jetzt gar nicht so schlecht. Doch ich versuche, eisern zu bleiben. Schon allein die Tatsache, dass eine Kollegin sich ebenfalls dem Süßkram verweigert, bringt den Ehrgeiz wieder auf Touren. Sollte doch gelacht sein, wenn das nicht zu schaffen wäre – dachte ich zuerst.

Denn schon vor Aschermittwoch begann die Diskussion, was unter Süßkram denn alles fällt. Kuchen, Schokolade und Kekse sind klar. Aber wie sieht es mit dem Schokoraspeln im Müsli oder der Marmelade auf dem Brötchen aus? Als mir Verena Jähn während eines Besuches in ihrem derzeit veganen Haushalt eine Praline reichte, streifte mich schon ein Hauch des schlechten Gewissens. Das leckere Stück bestand weder aus Schokolade noch aus Zucker oder Milch, redete ich mich heraus. Meine Kollegin lächelte jedoch nur verschmitzt – ganz nach dem Motto „1:0 für mich“. Zum Ausgleich und zur Reue reichte ich einem Kollegen das Tiramisu vom Nachtisch.

Selbst schuld, werden jetzt einige meinen. Und sicherlich erscheint Fasten vielen nur als Verzicht. Aber es ist mehr: Es bietet die Chance, über den eigenen Konsum nachzudenken. Denn seien wir ehrlich: Oft heißt es zwar, ich will mir nur etwas gönnen, aber meist beginnt dann erst das große Fressen ohne Seele und Verstand.

Foto: PeeF/pixelio.de

Zwischen den Kulturen – Joseph Boyden "Durch dunkle Wälder"

„Zeit ist bloß ein Gedanke.“

Will liegt im Koma. Der Cree-Indianer wurde Opfer eines brutalen Überfalls, kurze Zeit nachdem er aus der Wildnis wieder in die Siedlung Moosonee hoch oben im Norden Ostkanadas zurückgekehrt war. Seine Nichte Annie harrt an seinem Krankenbett aus und erzählt ihm ihre Erlebnisse, die sie in die Big-Cities Toronto und New York auf der Suche nach ihrer Schwester Suzanne führten, die spurlos verschwunden war. Annie hat dabei viel zu erzählen: von ihrer Begegnung mit dem stummen Gordon, der, ebenfalls indianischer Abstammung, nicht mehr von ihrer Seite weicht, von ihrer Zeit als Model in der Glitzerwelt der Mode, in deren Kreise auch ihrer Schwester zu finden und bekannt war.

So prallen zwei unterschiedliche Kulturen im Roman „Durch dunkle Wälder“ des kanadischen Autors Joseph Boyden aufeinander: die ursprüngliche und einfache Lebensweise der Indianer in der Wildnis gegen die moderne Welt des Westens mit ihren Gefahren und Verlockungen, denen auch Will und Annie ausgesetzt sind beziehungsweise sich nicht entziehen können. Will ist dem Alkohol verfallen, nachdem er durch ein schreckliches Unglück seine Familie verloren hat. Mit seinen beiden Kumpanen trinkt er meist über den Durst. Die Zeit, als er als Pilot Touristen geflogen und damit sein Einkommen gesichert hat, ist längst  vorbei. Der Rückzug in die Wildnis, in der sich Eisbär und Wolf „Guten Tag“ sagen und in der jeder kleine Fehler mit dem Tod bestraft werden kann, sollte ein Neuanfang sein, nachdem er wegen der stetigen Bedrohung durch Gang-Mitglieder zur Waffe greift. Doch wenige Wochen später entscheidet er sich für die Rückkehr mit fatalen Folgen.

Boyden, 1967 in Kanada geboren und selbst Nachfahre von Indianern, lässt beide, sowohl Will als auch Annie, rückblickend zu Wort kommen. Beide berichten abwechselnd von ihren Erfahrungen und Erlebnissen. Will erinnert sich zudem an seine Kindheit und seinen Vater, der im Ersten Weltkrieg in Europa zum Einsatz kam. Jene Geschichte, die sich einem kaum bekannten Thema widmet, findet sich in Boydens Romandebüt „Der lange Weg„, mit dem der Kanadier auch hierzulande lobende Kritiken eingeheimst hatte und dadurch bekannt wurde.   

Dabei setzt der Nachfolger nicht nur an das Geschehen fast nahtlos an. Auch „Durch dunkle Wälder“ besticht durch eine besondere Geschichte, erzählerisches Können, eindrucksvolle Charaktere und einem ernsten, gesellschaftlich relevanten Thema, das tiefgründig aufgearbeitet wird. Boydens neuestes Werk kann man auf zweierlei Weise lesen: sowohl als spannenden Thriller als auch als wichtige und kritische Auseinandersetzung mit den Kulturen. Denn Boyden hält nicht nur der modernen westlichen Welt einen Spiegel vor. Auch das Scheitern seiner indianischen Landsleute, die von den Auswüchsen der Moderne schier vergiftet zu sein scheinen, stehen hier am Pranger. Der Rückzug in die Wildnis, sofern dafür geeignet, scheint ein Ausweg zu sein. Ein anderer könnte in der Gemeinschaft liegen – wie das Happy-End am Schluss des Buches beweist.

„Durch dunkle Wälder“ von Joseph Boyden erschien 2010 im Knaus-Verlag, 2012 als Taschenbuch bei btb, in der Übersetzung aus dem Englischen von Ingo Herzke.
448 Seiten, 10,99 Euro 

Rache für Hobbes – Gerard Donovan "Winter in Maine"

„Vielleicht gibt es für viele Dinge gar keinen Grund, und sie passieren nur, weil die Menschen sie tun.“ 

Julius Winsome ist ein Einzelgänger. Zurückgezogen lebt er in einer Jagdhütte in den Wäldern von Maine. Die Wände des kleinen Hauses sind mit Bücherregalen tapeziert. Die Zeit der Einsamkeit verbringt Winsome mit Lesen. Vor allem die Werke Shakespeare und dessen Sprache sind es immer wieder, die ihn beschäftigen. Er hat eine Wörterliste angelegt, um jeden shakespearschen Wort eine heutige Bedeutung zuzuweisen.

Julius‘ einziger Mitbewohner ist Hobbes, ein kleiner Pitbullterrier, der nicht von seiner Seite weicht. Es könnte alles so idyllisch sein in dem Roman „Winter in Maine“ von Gerard Donovan. Doch eines Tage findet Julius seinen treuen Begleiter angeschossen nicht vom Haus entfernt, der Hund stirbt wenig später. Seine letzte Ruhestätte findet er umringt von Blumen. Winsome sinnt nun auf Rache. Denn das Beste, was er hatte, ist von ihm genommen werden. Doch nicht nur eine harmlose Vergeltungsmaßnahme nimmt ihren Lauf, bei der der Täter nur erschreckt werden und seine Lehre daraus ziehen soll. Julius beginnt einen  Rachefeldzug sondersgleichen, so viel sei an dieser Stelle verraten, doch nicht in welcher Form, denn dann würde der Roman viel von seiner Wirkung, seiner Wucht verlieren. Nur so viel noch: Gewalt scheint für Julius die einzige Antwort zu sein. Dass es dabei auch Unschuldige trifft, scheint ihn und seinem Gewissen nicht zu stören.

Zwischen seinen Taten kreuzt er dann und wann in der nahegelegenen Stadt auf, um mit einem Plakat nach dem Täter zu suchen und in aller Ruhe einzukaufen. Dabei trifft er auf Claire, jener Frau, die seine große Liebe war und mit der er sich ein gemeinsames Leben vorstellen konnte. Sie hat ihn auch den Vorschlag gemacht, sich doch einen Hund als Begleiter zu suchen. Allerdings endet die kurze Beziehung so schnell wie sie auch begonnen hat.  Winsome blickt während all jener Zeit zurück auf sein Leben. Er erinnert sich an seine früh verstorbene Mutter, an den bücherversessenen Vater, der wie auch der Großvater die Schrecken des Krieg erlebt hatte und den Jungen allein aufgezogen hat. Winsomes Leben scheint so immer wieder von tragischen Ereignissen durchbrochen zu sein, die ihn zu einem Einzelgänger gemacht haben.

Donovan verwendet für die sehr poetische Schilderung der Handlung, die den unvorbereiteten Leser zu Beginn erst einmal in Schockstarre versetzen, als Erzähler die Hauptperson. Ein kluger Schachzug. So werden die Ereignisse nicht bewertet, nach Moral und Unmoral hinterfragt. Wichtig erscheinen nur die Ereignissen und die Beziehung von Winsome zu seiner Familie, zu Claire und natürlich zu Hobbes. An dem Leser ist es, die Taten des Einzelgängers und seine Person zu bewerten. Wer an dieser Auseinandersetzung zwischen Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit kein Interesse hat, kann hingegen das nur gut 200-seitige Buch als unheimlich spannenden Krimi lesen und sich nebenbei in eine Idylle im Norden der USA zurückziehen. Denn die bekommt kaum einen Kratzer – trotz der furchtbaren Ereignisse in ihrer Mitte. Dem irischen Autor ist ein atemberaubendes Meisterwerk gelungen, dem man sich nur schwer entziehen kann. Kein Wunder, dass Donovans Werk 2008 von der englischen Zeitung „The Guardian“ zum Buch des Jahres gekürt wurde.

„Winter in Maine“  von Gerard Donovan erschien im Luchterhand-Verlag, später bei btb, in der Übersetzung aus dem Englischen von Thomas Gunkel.
208 Seiten, 9,99 Euro

Das Jahr am Südhang der Geschichte – Florian Illies "1913"

Mit einem Schuss aus dem Revolver begrüßt der zwölfjährige Louis Armstrong das neue Jahr 1913. Die Polizei befördert ihn daraufhin in die Besserungsanstalt. Schlimm möchte man meinen. Doch der kleine Louis bekommt dort eine Trompete in die Hand gedrückt. What a wonderful world. A star is born. Arthur Schnitzler ist es in jenem Jahr schon, seine erotischen Werke machen von sich reden. Am Nachmittag des Silvestertages liest er Ricarda Huchs „Der große Krieg in Deutschland“. Ein Prophezeiung! Das Jahr am Südhang der Geschichte – Florian Illies "1913" weiterlesen

Durchleuchtet – Don DeLillo "Unterwelt"

„(…) die Sandkörnchenunendlichkeit der Dinge, die keiner zählen kann. Alles fällt unauslöschlich der Vergangenheit anheim.“ 

Wo und wie mit dem Nacherzählen der Geschichte beginnen, wenn diese sich als ein einziges Wollknäuel entpuppt, das nicht nur aus einem einzigen langen Faden besteht, sondern aus vielen, die mal länger, mal kürzer sind. Und wie ein Buch bewerten, wenn der Autor ein Meister seines Faches ist und man zu ihm mit Respekt und Bewunderung hinaufschaut? Ich entscheide mich, an dieser Stelle mal einen anderen Weg zu gehen, nicht die vielen Geschichten nachzuerzählen, sondern zu beschreiben, wie das Buch und ich die vergangenen zwei bis drei Wochen verbracht haben.

Es war schon mutig, aber auch blauäugig zu glauben, als ich den rund 1.000-seitigen Wälzer aus dem Buchregal nahm (in guter Nachbarschaft anderer Werke amerikanischer Autoren stehend), dass ich mühelos die Seiten durchpflügen würde. Der Beginn las sich wunderbar. Don DeLillo blickt auf ein berühmtes Baseball-Spiel 1951 zwischen den New York Giants und den Brooklyn Dodgers zurück, das nicht nur Persönlichkeiten wie Frank Sinatra und der FBI-Gründer J. Edgar Hoover live im Stadion verfolgten, dass auch mit dem überraschenden Sieg der Giants durch einen Homerun am Spielende Sportgeschichte schreiben sollte. DeLillo verknüpft schon in diesem Kapitel verschiedene Handlungsfäden zusammen und beschreibt das Geschehen aus unterschiedlichen Perspektiven. Diese stilistische Besonderheit zieht sich schließlich durch das ganze Mammut-Werk, wobei in den ingesamt acht Teilen und dem Epilog zum Abschluss die Fäden ineinanderverwoben werden. So lerne ich die Brüder Nick und Matt kennen, deren Vater verschwunden sein soll, als beide Jungen noch Kinder waren. Während Matt später in der Wüste Nevadas in einem militärischen Forschungszentrum unter der Erde arbeitet, wird Nick in den kommenden Jahren zu einem Spezialisten in Sachen Müll. Die atomare Bedrohung und das Wettrüsten zwischen den USA und der Sowjetunion sowie die kläglichen, jedoch im Umfang riesigen Hinterlassenschaften der Menschheit sind Themen, die das ganze Buch durchziehen – wie auch jener Baseball, der einst von Thomson hoch hinaus geschlagen wurde und im Laufe der Jahre durch viele Hände gehen soll.

Mit der Lektüre reise ich nicht nur durch die Jahre und Jahrzehnte der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, meine literarische Tour führt mich auch durch die Staaten – von New York bis Arizona. Selbst das weit entfernte Kasachstan liegt am Schluss meiner Route. Von Kapitel zu Kapitel lerne ich nicht nur all die fiktiven Gestalten kennen, denen DeLillo Leben eingehaucht hat, immer wieder treffe ich auf bekannte Gesichter: Sinatra und Hoover, den legendären Komiker Lenny Bruce. Mit den Tagen und Wochen muss sich das dicke Werk indes ab und an in Geduld üben, manchmal sind nur wenige Seiten zu schaffen, manchmal jedoch pflüge ich wirklich durch die Passagen. Begeistert von der poetischen Prosa, den Szenen und Bildern voller Lebendigkeit und Eindringlichkeit, die einen bannen, festzurren, nicht mehr loslassen wollen. Immer wieder wird mir auch der Grund des Titel klar, finden sich doch markante Anspielungen: ein gleichnamiger, indes fiktiver Film des russischen Filmpioniers Sergej Eisenstein, der Blick von Dächern der New Yorker Wolkenkratzer hinab in die Straßenschluchten, die Bunker und unterirdische Gänge als vermeintlicher Schutz vor der atomaren Verstrahlung.

Große gesellschaftliche Fragen und Themen stehen ebenso auf dem Tableau wie das kleine Leben des Einzelnen gegenüber dem unausweichlichen Lauf der Geschichte. Alle entscheidenden Themen der Menschheit kommen hier in einem einzigartigen Panorama zusammen: die Macht der Wirtschaft, die Macht der Elite, die Klauen des Krieges und der Gewalt, die Kraft der Kunst. Vietnam ist hier ebenso Teil des menschlichen Handelns wie die riesigen Malereien auf längst vergessenen und ausrangierten Militärbombern in der Wüste Arizonas, ein Projekt der Künstlerin Klara Sax, die mit Nick einst eine kurze, aber heftige Affäre verband, die sich später auf die Suche nach einem jungen Graffiti-Künstler begibt, der am Ende des Romans im Ghetto sein kümmerliches Dasein fristet. Obwohl die Geschichten und Lebensläufe als ein nahezu undurchdringliches Netz erscheinen – zum Schluss fügen sie sich hingegen zu einem großen Mosaik zusammen, das einen indes randvoll mit Melancholie zurücklässt. Weil letztlich so viel Zerstörung geschehen ist und geschieht. Das dicke Buch hat tiefe Spuren hinterlassen und bleibt unvergessen. Und auch ich habe in ihm Spuren hinterlassen: unterstrichene Zeilen, Markierungen am Rande. Auf vielen Seiten, für all die mit Bedeutung und Poesie geladenen Wörter und Sätze.

Der Roman „Unterwelt“ von Don DeLillo erschien 1997 im amerikanischen Original mit dem Titel „Underworld“, 1998 im Verlag Kiepenheuer & Witsch, 2000 als Taschenbuch bei Goldmann, in der Übersetzung aus dem Amerikanischen von Frank Heibert.

Gestrandet – Jean-Michel Guenassia "Der Club der unverbesserlichen Optimisten"

„Überzeugungen und Hoffnung unterliegen nicht der Logik.“ 

 Die Schule ödet ihn an. Gelangweilt ist Michel von Lehrern und dem Unterricht. Den übersteht er nur heimlich lesend. Selbst auf dem Schulweg steckt der Zwölfjährige die Nase in ein Buch. Es sind die 60er Jahre, die Zeit des Rock’n‘ Roll. Auch Michel lässt die Musik nicht mehr los. Nebenbei probiert er sich im Fotografieren und zeigt sich als Champion am Tischkicker. Eines Tages entdeckt der Junge in seinem Stammlokal „Balto“ eine Gruppe mit Männern, die, gut versteckt hinter einem Vorhang, dem Schachspiel frönen. Michel stößt dazu und lernt in den folgenden fünf Jahren die Männer des Clubs der unverbesserlichen Optimisten genau kennen, der dem Roman des Franzosen Jean-Michel Guenassia auch den Namen gibt.

Der Club versammelt Gestrandete, meist Intellektuelle aus Osteuropa, die in der Stalinzeit nach Paris geflohen waren, um ihren möglichen Tod oder einer langen Gefängnisstrafe zu entgehen, wie Igor, ein Arzt aus Leningrad, oder der ungarische Schauspieler Tibor. Auch der Deutsche Werner, der während des Zweiten Weltkrieges in den Reihen der Resistance gekämpft hatte, zählt zu dem illustren Kreis, zu dem die beiden großen Autoren Jean-Paul Sartre und Joseph Kessel dann und wann dazustoßen. All jene und eine ganze Reihe anderer Exilanten und Heimatloser kommen im „Balto“ zusammen, um Schach zu spielen, zu trinken, zu rauchen und zu diskutieren.

Michel wird in diesen Strudel aus verschiedenen Menschen mit ihren ganz verschiedenen Biografien hineingerissen und findet sich oftmals orientierungslos zwischen all den verschiedenen Ansichten und Meinungen über Gott und die Welt, Politik und Religion wieder. Doch auch er wird nicht vom Leben verschont: sein Freund Pierre stirbt im Algerien-Krieg, seine Bruder Franck ist auf der Flucht, weil er desertiert ist. Seine Eltern lassen sich scheiden, der Großvater geht zurück nach Italien, während Michel  die Schule bestehen muss und zum ersten Mal die Schmerzen einer verlorenen Liebe, die zu Camille, kennenlernen muss, die mit ihrer jüdischen Familie Frankreich in Richtung Israel verlässt.

All diese Lebensgeschichten verwebt Guenassia zu einem faszinierenden Porträt einer Zeit, wenn nicht sogar des 20. Jahrhunderts, mit seinen Erschütterungen und Schicksalen. Der 1950 in Algier geborene Autor schuf mit seinem wunderbaren Werk Figuren, die einem mit der Lektüre ans Herz wachsen und deren Erlebnisse erschüttern. Genauso einzigartig wie die Lebensbilder wird im Kopf des Lesers die Stadt Paris entstehen, mit ihren verschiedenen Vierteln, den kleinen Cafés und Bistros und dem Gemisch aus unterschiedlichen Kulturen und Menschenschlägen. Umrahmt wird die Handlung als Rückblick in den 60er Jahren spielend von der Begegnung zwischen Michel und dem Exilanten Pavel, die sich 1980 während der Beerdigung von Sartre wiedersehen.

Hätte der Held dieses Buch in den Händen gehalten, er wäre trotz der Gefahr lesend durch die Straßen gelaufen. Der gut 700-seitige Roman strahlt sehr viel Menschenliebe aus, ohne die Wucht geschichtlicher Ereignisse und die Macht auf einzelne Menschenleben auszublenden. Für sein Buch wurde Guenassia mit dem Prix Goncourt des lyceéns geehrt, für den von der Jugend gewählten besten Roman des Landes. Erwachsene werden ebenfalls begeistert sein und diesen grandiosen Roman sicherlich so schnell vergessen.

Der Roman „Der Club der unverbesserlichen Optimisten“ von Jean-Michel Guenassia erschien im Insel-Verlag als Taschenbuch, in der Übersetzung aus dem Französischen von Eva Moldenhauer.
685 Seiten
9,99 Euro

Kindheitsmuster – Tomas Tranströmer "Die Erinnerungen sehen mich"

„In mir trage ich meine früheren Gesichter, wie ein Baum seine Jahresringe hat.“ 

Dichter haben viel zu erzählen, auch über ihre Werke hinaus. Sie erscheinen als mitteilsam, ohne dass ihre Worte jemals als überflüssig gelten. Ihre Beschreibungen, Erzählungen, Reflexionen und Analysen zeigen Bilder der Welt. Wie sie zum Schreiben gekommen sind, warum sie schreiben und welche Rolle dieser künstlerische Akt spielt, sind die interessantesten Fragen, die sich Literaturliebhaber stellen können und müssen. So sind Biografien, vor allem autobiografische Werke eine gute Quelle, um Antworten auf diese Fragen zu finden. Mehr noch: Sie zeichnen ein Bild des Künstlers selbst, über seine Werke hinaus.  Kindheitsmuster – Tomas Tranströmer "Die Erinnerungen sehen mich" weiterlesen

Traumatlas – David Mitchell "Number 9 Dream"


„Vertraue nicht darauf, was du denkst. Vertraue darauf, was du träumst.“ 

 Eiji Miyake verschlägt es nach Tokio. Der 19-Jährige ist auf der Suche nach seinem Vater, der ihn kurz nach der Geburt im Stich gelassen hat. Jahre sind seitdem vergangen, der tragische Tod seiner Zwillingsschwester Anju genauso wie die letzte Begegnung mit Eijis Mutter. Doch die Suche gestaltet sich schwierig: Tokio ist eine Millionen-Metropole, durchzogen von Betonpisten und U-Bahn-Röhren, und das plötzliche Auftauchen des Jungen ist alles andere als erwünscht. Eine Kollegin des Vaters und dessen derzeitige Frau versuchen mit allen Mitteln, ein Treffen beider zu verhindern.
Sein Job in einem Fundbüro, seine Gitarre, auf der er Lennon-Songs spielt, die Freundschaft mit seinem Vermieter Buntaro, Besuchen in Spielcasinos und seine Träume halten ihn „über Wasser“, um in diesem technokratischen Moloch und Ameisenstaat, in der auch noch drei Mafiabosse sich gegenseitig ausradieren, nicht unterzugehen.

Das kleine, wie große Wort „Dream“ findet sich deshalb auch im Titel des Romans „Number 9 Dream“ von David Mitchell wieder, der bereits drei Jahre vor seinem Bestseller „Der Wolkenatlas“ veröffentlicht wurde. Beide Bücher ähneln sich, ohne damit ihren ganz eigenen Reiz zu verlieren. Denn in beiden spinnt  der Engländer mehrere Fäden, verknüpft mehrere meist wundersame Geschichten miteinander. Da sind zum einen die zahlreichen Träume des Jungen als Spiegel seiner Erlebnisse, Wünsche und Hoffnungen, die schier ineinander fließen. Zum anderen wird eine fantatische Geschichte mit den Abenteuern rund um einen schreibenden Ziegenbock (wie herrlich sein Name – Goatwriter) sowie dessen beide Mitbewohner eine Henne und einen Urmenschen sowie das Tagebuch von Enjis Großonkel eingebunden, der wenige Monate vor Kriegsende als Besatzungsmitglied und Selbstmordattentäter der Kaiten-Torpedo-Flotte während eines Angriffs auf einen Marinestützpunkt der Alliierten sein Leben ließ.

Trotz dieser zahlreichen Charaktere in vielen kleinen Nebenhandlungen bleibt der Fokus auf Enji gerichtet. Er ist ein Held, nicht nur mit Blick auf seine Rolle als Hauptperson des Buches. Der junge Mann überlebt seine Begegnungen mit der Yakuza, der japanischen Mafia, für die ein Menschenleben nicht viel wert ist, genauso wie die zahlreichen Rückschläge bei der Suche nach seinem Vater. Doch trotz all dieser lebensgefährlichen beziehungsweise ernüchternden Erlebnisse hat Enji auch Freunde an seiner Seite. Allen voran Ai, Bedienung in seinem Stammcafé und Musikstudentin, in die er sich verliebt.

In vielen Szenen des Buches zieht man Vergleiche mit den Romanen von Haruki Murakami in denen ebenfall die Grenzen zwischen der erzählten Fiktion einer durchaus realen Story und einer zweiten,  fantastischen Ebene verschwimmen. Mit diesem Vergleich kann man mit reinem Gewissen nicht nur dieses Buch von Mitchell empfehlen. Nein, man sollte es preisen als einen ungewöhnlichen und fesselnden Roman, der nicht nur Unterhaltungswert besitzt, sondern mit seinen zahlreichen Anspielungen, gesellschaftstkritischen Anmerkungen und einer hochpoetischen Sprache vor allem eines abverlangt: Geist.   

Der Roman „Number 9 Dream“ von David Mitchell erschien als Taschenbuch im Rowohlt-Taschenbuch-Verlag in der Übersetzung aus dem Englischen von Volker Oldenburg.
544 Seiten
Preis: 12,99 Euro



Auch Hundertjährige wollen doch nur spielen!

Manch Spielenachmittag verhilft zu existenziellen Erkenntnissen. In jenem Fall ist ein Spielevormittag gemeint, nach einem reichlichen Frühstück mit frischem Kaffee und Brötchen, Honig und Familiennutella-Glas als Gast bei den Erdmanns in gemütlicher Runde. Zwischen den ersten Partien eines Kartenspiels, bei der der blutige Laie mit dem Glück des Anfängers jubelnd, gar kreischend die alten Hasen schlug, fiel der Blick auf die Verpackung des Spiels. Bei der Angabe des Alters für mögliche Spieler waren die Zahlen 10 und 99 vermerkt. Nun, fragten wir uns, warum sollte es Hundertjährigen nicht gestattet sein, mitzuspielen.

Schließlich können die Betagten auch durchaus agil sein und wie im Fall eines derzeit berühmt-berüchtigten schwedischen Helden („Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand“) sogar aus Altersheimen türmen und die gesamte Nachbarschaft im Umkreis mehrerer Kilometer auf den Kopf stellen. Gut, Altersbeschränkungen gibt es ja  bekanntlich viele im Verlauf unseres Lebens, von blutigen oder allzu erotischen Kinofilmen über den Alkoholausschank bis zur Wahlberechtigung und die Heiratsfähigkeit. Aber für einen Hundertjährigen muss doch mittlerweile die Welt offen stehen – sowohl für die „Nur für Personen ab 18 Jahren“-Ecke in der Videothek bis hin zu den Spielen, die selbst Kinder nutzen können.

Aber womöglich sind die Senioren im dreistelligen Alter zu weise und zu ausgebufft. Sie würden jeden Teilnehmer der Runde blass aussehen lassen. Oder die Spielunternehmen haben Angst, dass sie eines Tages verklagt werden, weil während einer Partie einer der Teilnehmer angesichts der körperlichen oder nervlichen Belastung verstirbt und die anderen mit einem Traumata zurücklässt. Aber wer nichts wagt, der nichts gewinnt. Also sollte vielleicht eine Petition gemacht werden, um im Grundgesetz eindeutig zu verankern, dass Spiele ein Grundrecht sind, für das Kind wie für den hundertjährigen Erwachsenen. Nur so wachsen die Generationen zusammen, und wer sagt denn, dass sie nicht einen besonderen Effekt auf das Wohlbefinden haben. So ein herzlicher Jubelschrei ist doch ein Jungbrunnen, und wenn dann noch die anderen Mitspieler bei der nächsten Partie erneut alt aussehen – bingo!

Foto: Lupo/pixelio.de

Die Gondel im Keller – Wlodzimiercz Odojewski "Ein Sommer in Venedig"

„… da war dieses kaum spürbare Etwas, das wie der Flügelschlag eines Vogels im Flug kurz sein Bewußtsein gestreift und ihn hatte erschaudern lassen, gleich wieder ganz weit weg.“ 

Perlen sind bekanntlich kostbar, aber klein und gut versteckt. Und auch in Bücherregalen gibt es diese Schätze von geringer Gestalt. Man muss sie nur finden zwischen all den voluminösen Bänden mit den wohlklingenden Titeln von wohlbekannten Autoren. Bei der deutschen Ausgabe des Romans „Ein Sommer in Venedig“ des Polen Wlodzimierz Odojewski reizt indes schon das Titelfoto. Sowohl auf der gebundenen Ausgabe als auch in der als Taschenbuch horcht ein Junge an einer Muschel, seine Augen sind geschlossen, ein zartes Lächeln im Gesicht. Er scheint tief versunken, ganz den Geräuschen zugetan.

So auch der Held in diesem dünnen, gerade mal nur wenig mehr als 120 Seiten umfassenden Roman mit dem Namen Marek. Statt im Sommer auf eine Fahrt nach Venedig, in die Stadt der Gondeln und Kanäle, aufzubrechen, muss er zu Tante Weronika. Der Junge ist verärgert, hatte er sich doch auf die Sommerreise sehr gefreut und sich in seinen Gedanken schon alles ausgemalt. Die Schwester seiner Mutter bewohnt auf dem Land eine schmucke Jugendstilvilla, die von Obstbäumen und verwunschenen Gärten umgeben wird. Die Bewirtschaftung des Gutes verlangt ihre ganze Aufmerksamkeit, ihren Wunsch, ein Kurhotel zu eröffnen, träumt sie nur. Doch eines Tages findet Marek im Keller eine Quelle. Eine weitere Schwester von Mareks Mutter, Barbara, stößt ebenfalls zu Marek und seiner Tante hinzu.

Die Villa wird so zur Zufluchtsstätte für Familie und Freunde. Doch dann verwandelt Barbaras Idee von einem Tag auf den anderen jedoch das unheilvolle Geschehen, als im Sommer 1939 der Krieg ausbricht, auch Mareks Vater an die Front muss. Im Wasser bilden hastig in den Keller gebrachte Möbel Brücken, Waschzuber verwandeln sich in Gondeln. Und leuchtende Lampions dürfen auch nicht fehlen. Der Neunjährige wird zu einem Teil dieser berückenden Szenerie, die sich als fantasievolle Idylle gegen die Höhle des Krieges stellt und die eigentliche Reise an den Originalschauplatz von Gondeln und Kähnen vergessen lässt. Doch auch den Krieg bekommt Marek zu spüren, obwohl die Erwachsenen versuchen, ihre Angst und Sorgen dem Kind nicht spüren zu lassen. Doch Bomben fallen, Menschen flüchten in Scharen von Ost nach West später wieder von West nach Ost, es gibt Tote. Marek sieht einen gefallenen Soldaten, der in einem Bombentrichter liegt. Und auch der kommende Holocaust kündigt sich an in der Person des jüdischen Jungen Naumek, der so wunderbar Geige spielen kann und in Mareks Traum von Unbekannten abgeführt wird.

Wer den Krieg überlebt hat und wer nicht, lässt Odojewksi offen. Einzig das Schicksal Mareks erzählt er, der die grauenhaften Jahre übersteht und in der späteren Zeit die Welt gesehen hat – ausgenommen Venedig. Das bezaubernde Buch schließt damit und hinterlässt Spuren, vor allem eine bedrückende Melancholie. Auch wenn die Geschichte ein gutes Ende findet und diese für den Jungen geschaffene Insel der Freude im Keller von Tanta Barbara ihre Aufgabe erfüllt hat: dem Kind ein Stück Kindheit zu erhalten, abgeschlossen von dem Entsetzen der großen Welt, die in Scherben fällt.

Odojewski ist eine poetische Perle von Buch gelungen, eine, mit deren Geschichte und Charakteren man sehr mitfühlt und die in einem lange nachhallt. Trotz seines eher unauffälligen Umfangs.

Der Roman „Ein Sommer in Venedig“ von Włodzimierz Odojewski erschien als gebundene Ausgabe im SchirmerGraf Verlag, als Taschenbuch im dtv-Verlag in der Übersetzung aus dem Polnischen von Barbara Schaefer.
128 Seiten, 7,90 Euro  

Abgetaucht – Juli Zeh "Nullzeit"

„An der Welt prallst Du einfach ab.“ 

Sven lernt Jola kennen, der Tauchlehrer die Schauspielerin. Er lebt seit einigen Jahren als Tauchlehrer auf einer Atlantikküste (Lanzarote?), sie braucht Tauchunterricht, um ihre Traumrolle zu ergattern und dem trögen Dasein als Serienstar zu entfliehen und die letzte Chance als ernsthafte Darstellerin zu nutzen. Zwischen beiden prickelt es recht schnell, doch zwischen ihnen steht Theo, der Freund Jolas, ein Schriftsteller, der mit seinem Debüt zu Ehre gekommen ist. Indes der Ruhm lässt noch auf sich warten, wie auch der finanzielle Erfolg. Und auch Sven hat eine Partnerin – die um einige Jahre jüngere Antje, die ihm bei seiner Tauschschule zur Seite steht, für die Logistik des Unternehmens verantwortlich ist.

Während Sven es noch nicht wagt, den ersten Schritt zur Affäre zu wagen, macht Jola keinen Hehl daraus und lässt die Welt davon wissen. Auch wenn eigentlich nichts geschehen ist, wie es so schön heißt. Doch Theo glaubt ihr und warnt Sven davor. Sie sei gefährlich und nicht die, für die er sie hält, so sein Rat. Am Ende soll er in dieser Dreiecksgeschichte Recht behalten. Denn vor dem großen Paukenschlag, einem Unfall während eines Tauchgangs zur Entdeckung eines Wracks, zu dem Sven an seinem 40. Geburtstag aufbricht, gibt es immer wieder eine Reihe gefährlicher Situationen, die tragisch enden könnten. Gerade, wenn zwei Laien in eine ihnen unbekannte Unterwasserwelt abtauchen. Juli Zeh ist bekannt für psychologische Spielchen ihrer Charaktere, die es in ihrem neuen Roman „Nullzeit“ ebenfalls gibt. Allen voran Jola, die am Ende des Buches als janusköpfig erscheint, als strebsame Schauspielerin, die ihrem herrschsüchtigen und gewalttägigen Partner entfliehen will sowie als tückische Frau, die keine Skrupel kennt und nicht nur das Leben Svens zerstören, sondern das von Theo beenden will. Sie täuscht falsche Geschehnisse vor. Wie – sei an dieser Stelle nicht verraten, denn gerade darin liegt die Raffinesse dieses Buches.

Die 1974 in Bonn geborene Autorin zählt für mich zu den herausragendsten deutschen Schriftstellerinnen der Gegenwart und zu den kritischsten. Auch in „Nullzeit“ kommen gesellschaftliche Entwicklungen und Stimmungen, bekannte Moden nicht gut weg. Die Szene, als die High Society aus bekannten Künstlern und Intellektuellen auf einem Luxussegler eine Party feiert, ist dafür beredtes Beispiel. Wie auch der Blick hinter die Fassade der Glamour-Welt des Filmes, in der Beziehungen mehr wert sind als Talent. Und selbst in der Person des Sven, in dessen Ausgestaltung und Entwicklung liegt ein kritischer Blick auf die Abgründe des Hier und Jetzt.  Für ihn wird am Ende nichts mehr so sein, wie es einst war. Die Insel, einstige Zuflucht vor dem „Kriegsgebiet“ Deutschland, in dem jeder seine Meinung über andere hat und sich kräftig in das Leben der anderen einmischen kann, wird ebenfalls zur Sackgasse, in der sich die Welt gegen ihn verschworen zu haben scheint. Damals hatte er seine ganze Existenz als Jurist in spe aufs Spiel gesetzt und war desillusionierend ausgewandert, um an einem anderen Ort auf der Welt das Glück und vor allem Ruhe zu suchen. Der Begriff „Nullzeit“ kommt im Übrigen aus dem Tauchsport und bezeichnet jene Zeit, die ein Taucher braucht, um ohne gesundheitliche Schäden wieder an die Oberfläche zu gelangen.

Die Insel in ihrer herben Schönheit aus heftiger Atlantikbrandung, einsamen Buchten und schroffen Lavalandschaften zeichnet Juli Zeh auf wunderbare Art und Weise. Immer wieder finden sich herrlich poetische Szenen, wie vom Unruheherd Menschheit entrückt. Vor allem unter Wasser scheint es die perfekte Idylle zu geben – jedenfalls für Sven. Am Ende hat man das Gefühl, ein Buch mit vielen Gesichtern gelesen zu haben. Es erscheint sowohl als ein spannender Psychothriller als auch eine besondere Form der Robinsonade.

Der Roman Nullzeit von Juli Zeh erschien bei Schöffling & Co.
265 Seiten, 19,95 Euro

Über die Grenze – Richard Ford "Kanada"

„(…) und meinen Platz in der Welt zu finden, war mein sehnlichster Wunsch.“

 Das Leben steht Kopf für Dell, als seine Eltern gemeinsam eine Bank ausrauben, nur wenig später von der Polizei verhaftet werden. Die tragische Wende der Familie überrascht den 15-jährigen Jungen und seine Zwillingsschwester Berner, die plötzlich allein zurechtkommen müssen. Die Eltern, der Vater ein hoch dekorierter ehemaliger Air-Force-Soldat, die Mutter als Lehrerin tätig, sitzen im Gefängnis und warten auf ihren Prozess. Während das Mädchen Hals über Kopf das Weite sucht, bringt Mildred, die Freundin der Mutter, den Jungen über die Grenze nach Kanada zu ihrem Bruder, damit er so dem Waisenhaus entfliehen kann. In einem schlichten Kissenbezug versammelt er weniger als die berühmten sieben Sachen. Für die nächste Zeit soll eine Hütte in einem heruntergekommenen Provinzkaff in der Provinz Saskatchewan sein neues Zuhause werden.

50 Jahre später lässt Richard Ford seinen Protagonisten von den damaligen Geschehnissen berichten. Dell blickt als Mann auf seine besondere Geschichte, der als Lehrer kurz vor seiner Pension steht und in Kanada sein Leben, die Liebe und – im Gegensatz zu seiner Schwester – das Lebensglück trotz der schrecklichen Bedingungen in der Jugend gefunden hat. „Kanada“ – so heißt auch der Roman des Amerikaners, der 1996 für sein Werk „Unabhängigkeitstag“ mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet wurde. Und auch für seinen jüngsten Roman loben ihn die Kritiker in den höchsten Tönen. Und das nicht ohne Grund.

„Kanada“ ist ein Lebensbuch, eines jener Werke, die unbedingt in ein gut bestücktes Buchregal gehören. Denn Ford versammelt in seinem neuesten Roman eine Lebensweisheit, die sich erst im späteren Nachdenken über Personen und Handlung entfaltet. Nahezu unaufgeregt lässt Ford Dell von der plötzlichen Wende im Jahr 1960 erzählen, wie die Eltern verhaftet werden und er in Partreau, später in Fort Royal sich von seiner Familie, aber auch von seinen Träumen Stück für Stück löst. Dell will einfach nur zur Schule gehen, Schach spielen, die Imkerei erlernen. Daraus wird nichts. Aus die Maus – die kleinsten Wünsche zerbröseln angesichts der Ereignisse. Statt Schule arbeitet er im Hotel von Arthur Remlinger und geht Charley Quarters, eine verquere Gestalt eines Halbindianers, bei der Gänsejagd zur Hand. Was Dell indes noch nicht weiß: Auch dieses Zuhause wird nur von kurzer Dauer sein. Erneut tauchen Verbrechen und Gewalt in seinem Leben auf. Denn Remlinger, ein höflich erscheinender, aber eiskalter Mann, hat eine düstere Vergangenheit. Der Junge flieht nach einem schrecklichen Ereignis erneut mit Hilfe einer Frau – mit Florence, der Freundin des Hotelbesitzers, nach Winnipeg, um dort bei ihrem Bruder unterzukommen und auch die Schule besuchen zu können.

Wenn Dell von seinen Eltern und seiner Schwester berichtet, wird ein gewisser emotionaler Abstand deutlich. Schnell musste er lernen, dass Vorausschauen besser ist als trüben Gedanken an die Vergangenheit nachzuhängen. Statt mit erhobenem Zeigefinger die Unmoral von Vater und Mutter und die Leichtfertigkeit seiner Schwester anzumahnen, schaut er mit der Weisheit eines erwachsenen Mannes hinter ihre Schwächen. Das sind vergebene Chancen und falsche Entscheidungen zur falschen Zeit, der Glauben, dem eigenen Leben machtlos ausgesetzt zu sein. Die Mutter wollte sich trennen, mit den Kindern das gemeinsame Heim verlassen. Sie bleibt und verharrt jedoch in eigenen Wunschvorstellungen. Die Schwester findet später ebenfalls keinen eigenen Lebensweg.

So wie Ford seinen erzählenden Helden seiner Familie gegenüberstellt, finden sich in seinem melancholischen Roman auch immer wieder Anspielungen auf die Unterschiede beider Länder. Fast könnte man meinen, er stelle eine gewisse Bodenständigkeit einem egozentrischen Übermut gegenüber. Und doppeldeutig erscheint auch das Überschreiten der Grenze – in geografischer wie in lebensphilosophischer Hinsicht. Am Ende bringt Ford indes die Zwillinge zum letzten Mal zusammen. Kurz bevor Berner, die sich nun nach dem gemeinsamen Vater Bev nennen lässt, an Krebs verstirbt, reist Dell über die Grenze in die USA. Mit dem Wissen, dass er bald als einziger der Familie zurückbleibt. Aber das war er ja schon als Kind.

„Kanada“ von Richard Ford erschien im Hanser Verlag, in der Übersetzung aus dem Amerikanischen von Frank Heibert.
464 Seiten, 24,95 Euro

Gauguin im Schuppen – Jean-Luc Bannalec "Bretonische Verhätnisse"

Die Idylle in Pont Aven bekommt Risse. Der bekannte und geschätzte Hotelier Pierre-Louis Pennec liegt erstochen im Restaurant seines Hotels. Kommissar Dupin nimmt die Ermittlungen auf. Doch irgendwie will es nicht wirklich vorwärts gehen – trotz zahlreicher Gespräche mit der Familie, den Angestellten und Freunden des Ermordeten, trotz einer intensiven Spurenanalyse. Und wer sollte eigentlich den 91-Jährigen töten, wenn er sowieso schon schwer herzkrank ist und nur noch eine kurze Lebenszeit zu erwarten hat? Und was hat es mit einer Änderung seines Testaments zu tun?  Dupin steht vor einem Rätsel und der Druck ist groß, den Mörder zu überführen und die Tat aufzuklären. Gauguin im Schuppen – Jean-Luc Bannalec "Bretonische Verhätnisse" weiterlesen

Es war einmal Krieg – Denis Johnson "Ein gerader Rauch"

„Unmöglich, sich einen Reim auf die Welt zu machen, indem man alles hinterfragt und noch im Traum Zweifel hegt.“ 

 Sie sind gestrandet in der Hölle: der Gefreite James Houston und der CIA-Agent Skip Sands. Gemeinsam kämpfen sie in Vietnam, jeder an unterschiedlichen Fronten. Der eine direkt im Dschungel als „Tunnelratte“, der andere in den Abgründen des Geheimdienstes. Während sich der eine durch Drogen und Sex betäubt, lebt der andere zurückgezogen in einem Landhaus abseits der Kämpfe, um die geheime Kartei seines Onkels zu pflegen, einem hochrangigen und gefürchteten Colonel. Der plant großes: eine geheime Übung in psychologischer Kriegsführung mit dem Titel „Ein gerader Rauch“.
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