Ausgesetzt – J.M.G. Le Clézio "Ein Ort fernab der Welt"

„Hier herrscht tiefer Friede, eine sanfte Ruhe (…).“ 

Die alte Heimat Mauritius sollte das Ziel sein. Als der Arzt Jacques Archambau, dessen Frau Suzanne und dessen jüngerer Bruder Léon in Marseilles im Jahr 1891 die „Ava“ in Richtung Indischer Ozean besteigen, wissen sie nicht, dass vor ihnen eine Schreckensfahrt liegt. Nach einem Stopp in Aden, wo die beiden Brüder den sterbenskranken Dichter Rimbaud im Krankenhaus kennenlernen, brechen auf dem Schiff die Pocken aus. Die Passagiere werden auf die Insel Ile Plate nahe Mauritius in Quarantäne gebracht. Hier wohnen bereits eine Gruppe Inder, die sich auf dem Eiland eingerichtet haben, unter bescheidenen Verhältnissen leben. Sie bauen Gemüse an, bauen an dem Hafenkai. Beide Gruppen werden indes voneinander getrennt. Die Europäer werden in einer Quarantänestation auf der anderen Seite der Insel, also auch räumlich getrennt von den Indern, untergebracht.
Mit der Zeit fallen weitere ehemalige Passagiere der Krankheit zum Opfer, auf der Nachbarinsel Gabriel ausgesetzt finden sie fern der Landsleute meist qualvoll den Tod und werden verbrannt; darunter der Botaniker John Metcalfe, der den jungen Léon an die Geheimnisse der Pflanzenwelt heranführen will und die Flora der abgeschiedenen Insel auf Erkundungen studiert.

Literaturnobelpreisträger J.M.G. Le Clézio entwirft in seinem 1995 erschienenen Roman „Ein Ort fernab der Welt“ mehrere Gegensätze. Neben den unterschiedlichen, von einer imaginären Linie getrennten Menschen, auf der einen Seite die Europäer, auf der anderen Seite die Inder, erhalten auch die Verhältnisse auf der Insel konträre Konturen. Neben dem Leid der Kranken und der Nähe des Todes setzt Le Clézio ein Naturparadies. Für dessen Schönheit hat indes nur Léon Augen, der die Insel mit der Zeit als neue Heimat anerkennt, zumal er in der schönen Inderin Surya eine Liebe findet und von deren Seite er nicht weichen will. Der Jüngere der Brüder kann sich nicht vorstellen, nach Mauritius zu gehen. Zorn überkommt ihn bei dem Gedanken an die Patriarchen, die den auf der Insel gestrandeten Menschen nicht helfen wollen. Schon vor einigen Jahren sind auf diese Weise aus Indien stammende Emigranten gestorben. So entstehen zwischen den Brüdern, die beide früh ihre Eltern verloren haben, nahezu unüberwindbarer Differenzen.

Nach mehreren Monaten werden die Inselbewohner schließlich mit Schiffen von der Insel geholt und nach Mauritius gebracht. Beide Seiten haben zahlreiche Opfer zu beklagen. Auch Surya verlor ihre Mutter, deren Geschichte und damit unruhige Jahre der Kolonialepoche, als Indien von Unruhen erschüttert wurde, ebenfalls erzählt werden.  Beide Zeitebenen sind eingebettet in einer Rahmenhandlung, die in den 80er Jahre des vergangenen Jahrhunderts spielt. Der Enkel von Suzanne und Jacques begibt sich auf die Suche nach seinem Großonkel Léon, der nach der Rettung als verschollen galt.

Obwohl der Roman mit seinen mehr als 570 Seiten recht handlungsarm erscheint, kann man sehr an ihm hängen. Vorausgesetzt man mag Naturbeschreibungen. Denn gerade mit diesem Werk kommt man angesichts wunderbar poetischer Landschaftsschilderungen, aus dem Blickwinkel des jungen Leon erzählt, voll auf seine Kosten. Die exotische Schönheit der Insel, die Flora und Fauna mit ihren seltenen Vertretern und der Kontrast zwischen Meer, Riffen sowie einer schroffen Vulkanlandschaft  eine gewichtige Rolle. Und immer wieder dazwischen: Eine Liebeserklärung an große Dichter und ihre Werke wie Rimbaud, Hugo, Longfellow.

So spaltet sicherlich Le Clézios Roman auch die Leserschaft: Die einen werden das Buch nach einigen wenigen Kapitel angesichts der fehlenden Spannung zur Seite legen, die anderen werden dank der Poesie und des einzigartigen Entwurfes eines „Ortes fernab der Welt“ die Einsamkeit mit der Lektüre genießen.

Der Roman „Ein Ort fernab der Welt“ von Jean Marie Gustave Le Clézio erschien im Verlag Kiepenheuer & Witsch in der Übersetzung aus dem Französischen von Uli Wittmann. 
576 Seiten, 24,95 Euro

Allein – David Vann "Im Schatten des Vaters"

„Die Dinge waren sie selbst, und sonst nichts.“

Die Insel soll Vater und Sohn wieder zusammenführen. Hier ruft die Wildnis, nur eine Hütte bietet Obdach, rundherum herbe Landschaft und Weite, hohe Berge, Meer und Bären. Doch die vermeintliche Idylle trügt. Für Jim und seinen dreizehnjährigen Sohn Roy bildet die Fahrt mit dem kleinen Flugzeug nach Sukkwan, einem Eiland vor Alaska, den Beginn einer Familientragödie. Schon die ersten Tage des Vater-Sohn-Gespannes werden zur Zerreißprobe. Das Funkgerät streikt, der Bau eines kleinen Depots, um Wild und gefangene Fische zu lagern, endet im Fiasko. Und Roy muss jede Nacht zuhören, wie sein Vater sich in den Schlaf weint. Denn Jim, vom Beruf Zahnarzt, plagen nicht nur Reuegefühle ob des Scheiterns der kleinen Familie, er leidet zudem unter extremen Kopfschmerzen. Beides sind jedoch keine Gründe so unvorbereitet in eine der entlegensten Gebiete zu reisen und dann ein Jahr gemeinsam mit dem Sohn leben zu wollen.

Erste Anzeichen für die kommende Tragödie setzt David Vann in seinem Roman „Im Schatten des Vaters“ immer wieder, sehr dezent, aber merklich. Der Junge spürt, dass sie mit falschen Vorstellungen, fehlender Ausrüstung und mangelnden Fähigkeiten in den hohen Norden gereist sind, in jene Region, die von ihren Bewohnern alles abverlangt. Dies ist nicht nur Blauäugigkeit, sondern vielmehr eine erschreckende Fähigkeit, der Realität nicht ins Auge sehen zu können und im Verlauf des Geschehens nicht aus Fehlern zu lernen. Vorräte helfen nicht, wenn ein Bär sie erbarmungslos plündert. Eine magere Fangausbeute mit der Angel sorgt nicht für regelmäßige Nahrung. Und die Einsamkeit erdrückt vor allem den Sohn, der nach der Scheidung kaum noch eine Verbindung zum Vater hat und nun allein mit ihm Mutter und die kleinere Schwester vermisst. Der einzige Funke Zuneigung zum Vater zeigt sich in der Hoffnung, ihm in seiner psychisch labilen Verfassung zur Seite zu stehen, ihn nicht allein zu lassen. Der dramatische Moment, der schließlich die erzwungene Idylle zu einem Ort des Grauens verwandelt, lässt einen erschüttert zurück, denn es trifft den Falschen, der andere muss mit einer Schuld leben und schließlich um das Überleben kämpfen.

Vann, 1966 auf Adak Island geboren, stammt selbst aus Alaska, kann so von der herben Schönheit der dortigen Landschaft aus eigenen Erfahrungen berichten. Tief dringt er zudem in die Psychologie seiner Figuren ein. Der Vater, von Verzweiflung und Gewissensbissen gekennzeichnet steht im Gegensatz zum Sohn, der seinem Vater helfen will, aber schließlich selbst in den Abgrund gerissen wird. Mit klarer Sprache wird das Geschehen erzählt. Der amerikanische Autor braucht keine stilistische Effekte, um den Leser an sein Werk zu binden. Er schreibt, was passiert. Allein die dramatisch inszenierte Geschichte fesselt ungemein. Dass auch dünnere Romane durchaus von Wert sind, beweist dieses Buch, das einen tief berührt zurücklässt.

Der Roman „Im Schatten des Vaters“ von David Vann erschien bei Suhrkamp in der Übersetzung aus dem Amerikanischen von Miriam Mandelkow
184 Seiten, 8,99 Euro

Ich-Suche – Lars Gustafsson "Frau Sorgedahls schöne weiße Arme"

„Zerbrechlich zu sein, kann tatsächlich eine Voraussetzung dafür sein, dass man stark ist.“ 

Zwischen dem Geschmack der Zimtbirnen, den ersten Gläsern mit Obstbranntwein, den unbeschwerten Diskussionen über Mädchen und Poesie im Heizungskeller und dem Jetzt liegen 50 Jahre. Er schaut zurück, der ergraute Professor für Philosophie, der zwischen seiner alten Heimat Schweden und seiner Wirkungsstätte in Oxford Landesgrenzen und ein Meer gelegt hat. Und da ist natürlich Frau Sorgedahl, deren Namen und ihre schönen weißen Armen den Titel für den Roman von Lars Gustafsson geben.  Ich-Suche – Lars Gustafsson "Frau Sorgedahls schöne weiße Arme" weiterlesen

Magier in Ausbildung – Patrick Rothfuss "Der Name des Windes"

„(…), dass eine gute Geschichte nur selten den direkten Weg nimmt.“ 

Der große Magier lebt zurückgezogen. Als Wirt des Gasthauses „Wegstein“. Nur sein treuer Helfer Bast kennt die wahre Identität von Kvothe, dem begabten Sohn fahrender Spielleute aus dem Volk der Ruh. Doch eines Tages beginnt Kvothe zu erzählen. Ein Chronist findet ob zufällig oder nicht den Weg in das Gasthaus. Er schreibt die Geschichte von Kvothe nieder, eine abenteuerliche voller Magie. Und der erste Teil von Patrick Rothfuss Königsmörder-Chronologie „Der Name des Windes“ nimmt seinen abenteuerlichen Lauf.

Kvothe wächst in einer reisenden Schauspielertruppe auf. Er lernt die Gepflogenheiten der ewigen Wanderschaft und die Vorbereitung und Inszenierung der Stücke genauso kennen wie den Zauber der Musik. Sein Vater ist ein berühmter Lautenspieler. Kvothe lernt von ihm und das schneller als geahnt. Schon als Kind beherrscht er das Lautenspiel und eine Vielzahl bekannter, episch langer Stücke. Zur Truppe stößt eines Tages der Arkanist Ben. Er bringt den Jungen die ersten Schritte bei auf seinem Weg, ein berühmter Magier zu werden. Neben dem Wissen der Naturheilkunde sind es die ersten Kenntnisse der sogenannten Sympathie, die Ben ihm vermittelt. Der Arkanist ahnt schon früh Kvothes Ziel: die Universität. Doch das Schicksal schlägt erbarmungslos zu, nachdem Ben eines Tages die Truppe verlässt. Die Mitglieder der Gruppe, darunter Kvothes Eltern, werden ermordet. Nur der Junge überlebt den Angriff der sogenannten Chandrian, mysteriöse und grausame Gestalten.

Allein schlägt sich Kvothe durchs Leben: Er bettelt in der riesigen Stadt Tarbean, erlebt Gewalt, Hunger und Armut. Doch breiten Raum des mit 860 Seiten „dicken“ Buches nimmt schließlich die nächste Etappe auf der Reise ein: die Universität nahe der Kleinstadt Imre. Kvothe besteht die Aufnahmeprüfung und überrascht die großen Meister in den verschiedenen Fächern mit seinem Wissen. Doch das Leben wäre langweilig, würde Kvothe nicht auch an der Alma mater vor Herausforderungen stehen. Meist auch selbst verursacht. Denn der amerikanische Autor Rothfuss, Jahrgang 1973, hat nicht nur eine fantastische Welt erschaffen. Mit Kvothe entwarf er einen sehr zwiespältigen Helden, der nicht nur tugenhaft erscheint. Kvothe lügt, ist ungeduldig, hintergeht auch seine Meister, alles nur, um an sein Ziel zu gelangen – trotz seiner Armut an der Universität zu bleiben, um zu lernen und die Mörder seiner Eltern zu finden. Und die Liebe zu einem Mädchen, das unerreicht erscheint, darf ebenfalls nicht fehlen.

„Der Name des Windes“ ist ein wahrer Pageturner. Schnell liest man sich in die geschaffene Welt ein, die an eine Mischung aus Mittelalter und Märchenwelt erinnert. Es gibt Dämonen und Drachen, Magie, Alchemie und eine ganze Reihe merkwürdiger Charaktere, darunter die Meister, Kvothes Freunde oder Auri, die sich als ehemalige Studentin auf dem Gelände der Universität versteckt hält und die Begegnung mit den Menschen scheut. Obwohl Rothfuss zu Redundanz neigt, er sich in dem Backstein von Buch häufig wiederholt, bleibt man an seinem Roman kleben und vergisst die reale Welt um sich herum. Seine bildhafte Sprache, die sowohl witzige Szenen ironisch als auch die Wucht tragischer Erlebnisse beschreiben kann, macht diese Schwäche des Buches durchaus wett.

Der Roman, für den Rothfuss mit dem Publishers Weekly Award als bestes Fantasybuch des Jahres ausgezeichnet wurde, wurde mit Tolkiens Jahrhundertwerk „Herr der Ringe“ verglichen. Manchen Vergleichen sollte man ob ihrer verkaufsträchtigen Hintergründe eher wenig Vertrauen entgegenbringen. Tolkien bleibt (auch weiterhin) unerreichbar. Dafür scheue ich mich nicht, den Amerikaner ein paar Stufen über Joanne K. Rowling und ihren Zauberlehrling Harry Potter zu setzen. Auch wenn dem ersten Band „Der Name des Windes“ nur zwei weitere folgen: „Die Furcht der Weisen“ Teil 1 und 2. 

„Der Name des Windes“ von Patrick Rothfuss erschien im Verlag Klett-Cotta, in der Übersetzung aus dem Englischen von Jochen Schwarzer.
863 Seiten, 24,95 Euro 

Mammutwerk über großen Feldherrn

Für Alfred Döblin ist Lützen eine Marginalie. In seinem historischen Roman „Wallenstein“ nimmt die große Schlacht im Jahr 1632 nur wenige Zeilen ein. „Vom nebligen Herbstmorgen bis zum Abend acht Stunden zerhieben sich die Heere zwischen dem dünnen Mühlgraben und Floßgraben bei Markranstädt und Lützen (….). Am Abend und in der Nacht standen die beiden Heere noch auf dem Feld und rissen aneinander. Tot war Gustav Adolf und Tausende aus allen Regimentern der Schweden und der Kaiserlichen“, schreibt Döblin in seinem 1920 erschienenen Werk. Doch Literatur nimmt sich bekanntlich die Freiheit zu verknappen, Kontraste anders zu setzen. Mammutwerk über großen Feldherrn weiterlesen

Ohne Keks keine Krümel – Vorsicht, ich faste!

Zugegeben, ich mache da auch mit. Einmal im Jahr, sieben Wochen, 49 Tage. Die Stunden rechne ich nicht extra aus. An alle, die mich angesichts meiner Fastenzeit noch nach meinem Befinden fragen werden – mir geht es gut.  Okay, es war in den vergangenen Tagen mit diesem Eiscaféfreisitz-Wetter verdammt schwer, an den Lokalitäten unbeschwert vorbei zu gehen und die Kinder mit ihren Eistüten zu sehen, bei denen mehr von der klebrigen und süßen Substanz um den Mund herum als schließlich in jenem welchen war. Von dem angeregten Geschnatter der Eisbecher vertilgenden Erwachsenen ganz zu schweigen. Aber ich habe es geschafft. Bisher. Kein Kuchen, kein Eis. Ohne Keks gab es zudem auch keine Krümel auf dem Sofa. Gut, ich muss gestehen: Einmal gab es Nutella zum Frühstück und ab und an einen süßen Nachtisch. Dies ist meine Sündenliste.

Aber da ist noch die andere Sache. Fleisch ist ebenfalls tabu. Dafür kommen vielmehr Fisch und Gemüse auf den Tisch. So ganz ohne Fleisch – das ist manchmal schwerer, als aufs Süße zu verzichten. Bis auf eine herrliche Gemüsesuppe mit Fleischzugabe bei einem Pressetermin im Kloster Memleben habe ich auch dies im Griff. Noch. Um die Dönerbude mache ich einen großen Bogen.

Warum das Ganze werde ich oft gefragt. Neulich zeigte mir eine Kollegin eine tolle Karte mit dem Spruch: Das Leben ist zu kurz für Knäckebrot. Aber ich bin indes der festen Überzeugung, man sollte mit einer gewissen Zeit die Dinge einmal mit anderen Augen sehen. Da hilft die Fastenzeit, man setzt sich im Kalender einen Abschnitt, in dem man Gewohnheiten über den Haufen wirft. Dinge, die man häufig achtlos zu sich nimmt, sind dann passé, und man merkt, dass der Verzicht einem nicht weh tut. Die nicht verzehrte Schokoladenpackung im Küchenschrank zweite Schublade Mitte hat mich jedenfalls noch nicht in die Finger gezwickt, wenn ich zu den Teebeuteln gegriffen habe. Mir geht es also gut. Disziplin hat immer etwas mit Selbstachtung und einem Bewusstsein für das Wichtige zu tun. Es ist immer schön, wenn eine Fastenzeit weiter wirkt. Ich würde es mir wünschen. Ab und an kann man ja die Fastenzeit fasten. Aber nur ganz selten. Sieben Wochen können Spuren hinterlassen. Vor allem im Kopf.

PS: Ohne im Besitz einer Waage zu sein, kann ich die Auswirkungen der Fastenzeit auf meinen Körper nicht mit konkreten Daten belegen. Mal sehen, was Mutti am Sonnabend sagt, wenn ich zu einem Besuch bei ihr weile. Wenn sie sagt „Kind, du hast keinen Po in der Hose“ ist das ein gutes Zeichen.

Foto: wrw/pixelio.de

Innenleben – Jeffrey Eugenides "Die Liebeshandlung"

„Was, wenn die Sanftmütigen das Erdreich tatsächlich besäßen?“

Sie liebt ihn, sie liebt ihn nicht, sie liebt ihn – Mitchell hilft keine Margarite, selbst wenn diese mit ihrem letzten Blütenblatt die frohe Botschaft verkünden würde. Madeleine liebt halt einen anderen, nämlich Leonard. Sie wird ihn heiraten, obwohl er Einzelgänger ist, ein Freund des Kautabaks und am Tag ihrer Abschlussveranstaltung des Colleges aufgrund seiner Depression in der psychiatrischen Abteilung des Krankenhauses liegt, der erste Zusammenbruch von vielen, die in den kommenden Monaten beide und ihre Partnerschaft zermürben werden.

Man schreibt die 80er Jahre. An der Brown University an der amerikanischen Ostküste gelegen steht Madeleine Hanna vor ihrem Collegeabschluss. Ihr Fach: Literatur. Vor allem die viktorianischen Romane haben es ihr angetan und eben deren „Liebeshandlung“, die dem neuen Roman des amerikanischen Autors Jeffrey Eugenides schließlich auch den Namen verleiht. Madeleine stammt aus einer renommierten Familie, ihr Vater war Präsident eines anderen Colleges. In einem Semiotik-Seminar lernt sie Leonard kennen, der aus eher zerrütteten Verhältnissen stammt. Sie werden ein Paar, und Mitchell kann nur noch zusehen, wie sich diese Beziehung verfestigt. Mit einem Freund geht er nach seinem mit Bravour bestandenen Studium der Religionswissenschaft auf Europareise; sie sehen Paris und Athen. Schließlich fliegt Mitchell weiter nach Indien, um in Kalkutta in einem Hospital von Mutter Theresa freiwillig zu arbeiten. Im Gepäck immer dabei ein Brief, in dem Madeleine ihm schreibt, dass sie mit ihm nichts mehr zu tun haben will. Trotz eines Ozeans und Kontinents zwischen beiden, trägt Mitchell weiterhin schwer an seinem Herzen und den Gefühlen zu Madeleine. In einem Brief will er sie vor der Hochzeit mit Leonard warnen. Die Zeilen werden sie nie erreichen. Beide treffen jedoch nach einem guten Jahr bei einer Party in New York aufeinander.

Das Ende des Buches bleibt an dieser Stelle unerwähnt. Nicht nur bei Krimis sollten die letzten Szenen nicht erzählt werden. Jedenfalls überrascht der Schluss, so viel sei schon einmal gesagt. Wer sich jetzt enttäuscht auf die Schenkel haut, dem sei ebenfalls gesagt: Bitte lesen Sie dieses Buch! Es ist ein Schatz. Selbst für diejenigen, die vielleicht Liebesromane nicht mögen. Nun ja, es geht in diesem Roman mit diesem Titel natürlich in erster Linie um die Liebe, Gefühle, das Miteinander, Sex und Streit. Und sicherlich gibt es Romane über Universitäten und Internate, in denen es oftmals ziemlich zur Sache geht – da ist Kautabak ja noch recht harmlos -, wie Sand am Meer.

Doch Eugenides, der für seinen Roman „Middlesex“ 2003 mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet wurde, zählt zu den erfolgreichsten amerikanischen Autoren. Er ist ein großartiger Erzähler, sagt selbst sein Kollege Jonathan Franzen. Und das muss man sein, will man den gemeinen Leser angesichts des aktuellen Werkes über 600 Seiten bei der Stange halten. Eugenides verknüpft ungemein intelligent die verschiedenen Handlungsstränge, Rückblicke und Reflexionen der Personen. Am Ende der Dreiecksgeschichte ist es Mitchell, der dem Leser besonders nahe gekommen ist. Kühl und gescheitert erscheinen dagegen Madeleine und Leonhard, die zurückbleiben, kaum eine eigene Identität gebildet haben, im Verhältnis zu der inneren Entwicklung, die ihr Freund Mitchell gemacht hat. Die Gedanken zum Thema Religion und Glaube sind philosophische Geniestreiche. Ja, man muss bei diesem Roman sehr viel nachdenken und aufmerksam sein, um die Ideen nachzuverfolgen und vor allem die vielen Literaturhinweise von Franz Kafka bis Roland Barthes, von Henry James bis hin zu Jane Austen aufzunehmen. Nicht zu vergessen, die religiösen Schriften, die der junge Religionswissenschaftler „verschlingt“. Eugenides hat zudem aufwendig zum Thema Psychiatrie und manische Depression recherchiert.

Den Lesespaß kann die Weisheit und gedankliche Tiefe des Buches nicht minimieren. Ganz im Gegenteil: Sie setzen diesem wunderbar erzählten Buch die Krone auf. Ein weiterer großer Preis würde Eugenides ehren, es wäre ihm zu wünschen.     

Der Roman „Die Liebeshandlung“ von Jeffrey Eugenides erschien im Rowohlt Verlag, in der Übersetzung aus dem Englischen von Uli Aumüller und Grete Osterwald.
624 Seiten, 24,95 Euro

Klippenfall – Antje Ravic Strubel "Sturz der Tage in die Nacht"

„Man sieht Menschen nicht immer gleich alles an. Man sieht es vor allem nicht, wenn das, was man sehen müsste, die eigene Vorstellungskraft übersteigt.“

Während seine Freunde als Bagpacker an das andere Ende der großen Welt reisen, reist Erik auf die kleine Insel. Hoch oben, im Norden, mitten in der Ostsee, abgeschieden vom Rest der Welt liegt sie. Naturparadies, Schutzgebiet, Heimat unzähliger Vögel. Erik sucht seinen Weg, will neu anfangen, etwas neues studieren. Er legt eine Pause ein zwischen den Lebensetappen und findet auf dem kleinen schwedischen Eiland nahe Gotland Inez, die Ornithologin. Aus einem Tagesausflug wird für den jungen Mann ein Sommer. Erik bleibt mit Hilfe von Inez, die ihn als Praktikanten einstellt, denn eigentlich dürfen Inselgäste nur eine begrenzte Zeit bleiben.
Zwischen beiden beginnt eine Beziehung unter Beobachtung. Denn Rainer Feldberg, der mit der selben Fähre wie Erik auf die Insel gekommen war, überwacht das seltsame Pärchen. Und keiner der beiden ahnt, dass mit dem nebulösen Mann nicht nur ein unbequemer Zeitgenosse angekommen ist, sondern die Vergangenheit schlechthin.

Denn Inez und Rainer kennen sich. Rückblick: Es sind die 80er Jahre. Inez ist gerade mal 16, als sie Felix Ton kennenlernt, ein Freund Rainers. Während ihre Eltern dem DDR-Sozialismus kritisch gegenüberstehen, hat sich Felix, der in Berlin studiert, von der Stasi anwerben lassen. Als Inez jedoch schwanger wird, lässt er sie ihm Stich. Sie bringt das Kind zur Welt und gibt es mit Hilfe von Rainer zur Adoption frei, auch er ist Teil der „Firma“. Jahre nach der Wende hofft Felix auf eine politische Karriere, natürlich reingewaschen von seiner Vergangenheit. Nur sein unbekannter Sohn spielt in diesem Drängen in die ersten Reihen eine Rolle. Feldberg baut für Ton eine sympathische Legende auf: Er, der verlassene Vater, der seinen Sohn sucht. Beide Männer agieren ohne Gewissensbisse, nur auf den eigenen Vorteil bedacht.

Und hier beginnt der neueste Roman von Antje Ravic Strubel „Sturz der Tage in die Nacht“ sich von einem Liebesroman in romantischer Landschaft in ein erschütterndes Buch der Vergangenheitsbewältigung zu wandeln, das zeigt, welche Schicksalsfäden durch andere gesponnen werden können. Denn Inez und Erik sind nicht nur ein Paar, sie sind auch Mutter und Sohn, ohne es indes zu wissen. Die Erkenntnis, die mit Hilfe eines alten Fotos entsteht, erschreckt beide ins Mark. Schlimmer noch: Feldberg hat über Jahre Erik und seine Adoptionseltern beschattet und soll nach all den Jahren den verlorenen geglaubten Sohn für Ton zurückbringen.  

Erzählt wird die Handlung auf verschiedenen Zeitebenen und aus verschiedenen Perspektiven, eingangs berichtet Erik, der sich auf der Fähre zum Festland befindet, rückblickend von den Ereignissen. Strubels Roman ist ein gewaltiges Werk. Nicht nur, dass sie sich mit dieser Ödipus-Geschichte an ein Tabu-Thema wagt. Sie spinnt auf magische Weise und wortgewaltig-poetisch die Fäden zwischen den verschiedenen Lebensläufen. Inmitten des kleinen Personenensembles ragt Inez heraus, eine Frau, die stets ihren Weg gegangen, aufgestanden ist, wenn sie gefallen war, und nun zurückgezogen auf dem kargen Eiland inmitten des Meeres lebt. Die besondere Eigenschaft der Lummen, einer Vogelart, die auf der Insel lebt, zieht sich als Metapher durch den ganzen Roman: die Jungtiere fallen von den Klippen. Auch Erik steht schließlich dort oben, 60 Meter über dem Meer… Die unzähligen Gesichter und Stimmungen des Meeres und die besondere Naturlandschaft, abgeschottet vom Festland, verleiht dem Roman eine weitere besondere Facette. Poesie zeigt dort ihren Glanz, wenn die kleinsten Bestandteile der Wirklichkeit beschrieben werden, für die die meisten kein Auge, kein Bewusstsein haben.  

Bücher über die Aufarbeitung der DDR-Vergangenheit hat es in den letzten Jahren einige gegeben – Tellkamps „Turm“, Runges „In den Zeiten des abnehmenden Lichts“. Strubels Roman unterscheidet sich jedoch von beiden. Er bringt ans Licht, wie lang der Arm der Schattenrepublik reicht, nicht nur weit in eine andere Zeit und an andere Orte. Sie packt auch andere Generationen, die die DDR nicht bewusst erlebt haben. Erik war noch ein Kind, als die Mauer fiel.

Der Roman „Sturz der Tage in die Nacht“  von Antje Ravic Strubel erschien im August 2011 im S. Fischer Verlag.

448 Seiten, 19,95 Euro

Wer A sagt, muss nicht E sagen!

Sie werden lauter, übertönen sogar das romantische Seitenrascheln, gerade jetzt mit der diesjährigen Buchmesse Leipzig, dem größten Lesefestival Europas: Die Diskussionen über Sinn und Unsinn, über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der E-Books geschehen meist im virtuellen Raum. Es macht klick, klick, klick… und schon findet man einen, zwei, drei… Text(e), ob objektive Bestandsaufnahme oder subjektive Glosse in den Online-Ausgaben der Zeitungen und Zeitschriften oder den allseits beliebten Blogs.

Wie glücklich war ich dann in einer Literatur-Beilage zur Messe einen wunderbaren Kommentar des amerikanischen Autors  T.C. Boyle zu lesen:  Er pflege zwar seine eigene Homepage – besser gesagt sein erwachsener Sohn, aber das E-Book erscheine ihm suspekt und leblos. Und auch mir kommen Zweifel. Wie reagieren E-Books bei Kaffeeflecken? Gibt es E-Book-Eselsohren? Wie gestalten sich Bahnfahrten, wenn man die aktuelle Lektüre des Gegenübers mit Hilfe des Buchumschlages nicht mehr erkennen kann? Wird  das E-Book gelb bei Reclam-Ausgaben? Wie viele E-Books passen in ein Billy-Regal? Wird der Energieverbrauch zunehmen? Wird ein Krimileser Amok laufen, wenn kurz vor der Auflösung des Falles sein E-Book den Geist aufgibt? Bekommt man einen elektrischen Schlag, wenn man im Bett über ihm einschläft?

Nun aber mal im Ernst: Verlieren wird nicht mit diesem Gerät und den digitalen Angeboten ein besonderes Erlebnis? Das haptische Erlebnis, wenn man ein Buch in die Hand nimmt, über das Papier streicht, die Seiten umblättert? Welchen Reiz haben Wohnungen, in denen kein einziges Buchregal steht, vielleicht dafür ein größerer Flachbild-Fernseher an der leer gewordenen Wand hängt?

Sicherlich erscheint das E-Book auf den ersten Blick praktisch. Im Urlaub oder auf einer längeren Bahnreise passen viele Bücher in ein einziges und seien es noch die dicksten. „Krieg und Frieden“ und „Die Elenden“ werden zu Leichtgewichten. Die Zeiten der schweren, mit Urlaubslektüre gefüllten Koffer könnte so ein Ende haben. Doch verführt dieses Gerät nicht wie beispielsweise seine modernen Brüder mp3-Player und x-GB-Kamerachip zu einem riesigen Haufen digitaler Daten, die sich rasant anhäufen. Wer hat denn wirklich noch einen Überblick über seine Fotos oder seine Musikdateien? Liegt in der Flut digitaler Einheiten nicht auch eine gewisse Gier zu raffen? Gut, ein Buch muss wie auch ein Musikalbum erworben werden, aber wie wenig bezahlt man heute für ein Werk einer Band, eines Sängers? Amazon bewirbt unzählige Alben mit Preisen unter fünf Euro. Wir beginnen Kunst und Kultur zu verramschen, und die Aura eines Originals verblasst.

Mein Lieblingsbuch bleibt ein gebundenes, egal ob nun mit oder ohne Kaffeeflecken. Und es würde mir weh tun, es zu verleihen und nie mehr wieder zu sehen, weil es ein sichtbarer und fühlbarer Teil von mir ist, der mich geformt hat, wie ich ihn – und sei es nur durch Eselsohren und mit Bleistift verfassten Anmerkungen auf den Seiten.

Foto: birgitH/pixelio.de

An seiner Seite Dora – Michael Kumpfmüller "Die Herrlichkeit des Lebens"

„Ist nicht alles Weg?“


Die letzte Zeit bricht für ihn an, für den ganz Großen, für den Literat mit der traurigen Gestalt. Er, der mit seinen Werken, den Erzählungen und Romanen, noch immer unzählige Leser vor Rätsel stellt, über den mehr geschrieben worden ist, als ihm selbst gelungen ist, wird wieder ein Teil der Literatur. Michael Kumpfmüller beschreibt in seinem aktuellen Roman „Die Herrlichkeit des Lebens“ die letzten Monate im Leben von Franz Kafka und damit die Zeit seiner großen Liebe.  Man schreibt das Jahr 1923. Im Sommer lernt der hagere „Doktor“ im Ostseebad Müritz Dora Diamant kennen, die Köchin des dortigen Ferienheims. Mit langen Spaziergängen entlang des Strandes und langen Gesprächen verknüpft sich  ihr Leben. Beide fühlen eine tiefe Verbundenheit und Liebe zueinander, obwohl zwischen ihnen ein Altersunterschied von 15 Jahren besteht, Kafka selbst Schwierigkeiten hat, eine Beziehung einzugehen.

Kafka verlässt mit seinen Schwestern Ottla und Elli nach einigen Tagen den Ferienort, die Reise geht zurück in die Heimat Prag.  Der Schriftsteller und die aus Polen stammende Köchin halten mit Briefen den intensiven Kontakt aufrecht. In Berlin sollen sie schließlich beide nach mehrmaligen Umzügen in einer bescheidenen Wohnung  ein gemeinsames Zuhause finden. Auch wenn die Situation nicht immer ungetrübt ist: Das Geld ist knapp, die Inflation herrscht.  Franz leidet unter den Beschwerden seiner Tuberkulose-Erkrankung. In der Großstadt macht sich zudem der Antisemitismus breit, der Jahre später ein Großteil von Kafkas Familie in den Vernichtungslagern von Chelmno und Auschwitz den Tod bringen wird. Der große Schriftsteller wird dies nicht erleben: Er stirbt genau einen Monat vor seinem 41. Geburtstag im Juni 1924 im Sanatorium Kierling in Niederösterreich. An seiner Seite: Dora. Auch wenn ihr Vater, ein orthodoxer Jude, die Heirat mit dem pensionierten Angestellten einer Versicherungsanstalt und bereits bekannten Künstlers verweigert.

All jene gegensätzlichen Stimmungen fließen in jenem wunderbaren Roman zusammen, jene heitere und hoffnungsvolle, ausgelöst durch die Beziehung, sowie jene erdrückende und düstere Atmosphäre, die durch den kritischen Gesundheitszustand Kafkas und die gespannte Situation in Berlin verursacht wird.
Wie Kumpfmüller das Wachsen der Gefühle beschreibt, ist meisterhaft, nicht minder, wie er ehrlich und unumwunden den Niedergang des weltbekannten Schriftstellers und das Leid des Paars erzählt, das nur wenige gemeinsame Monate erlebt hat. Doch neben den privaten Seiten Kafkas widmet sich Kumpfmüller auch dem Thema Schreiben. Immer wieder finden sich in dem Roman, wie dem große Autor die Schaffenspausen  aufgrund seiner Erkrankung  zu schaffen machen. Selbst sein größter Unterstützer Max Brod kann ihm wenig helfen. Kaum eine Zeile bringt er zu Papier, kommen wieder gute Zeiten, zeigt sich Kafka glücklich. Selbst in den letzten Tagen bringt ihm die Korrektur von Druckfahnen frohen Mut.

Kumpfmüller, der 1961 in München geboren wurde, heute in Berlin lebt und für seinen Roman „Nachricht an alle“ mit dem Döblin-Preis geehrt wurde, webt in seinen wunderbar poetischen Roman Kafkas Texte behutsam ein, Tagebücher, Briefe und Notizen und eine ganze Zeit finden so ihren Weg in ein großes Stück Literatur. Ein Teil der Korrespondenz sowie Notizen wurden indes 1935 von der Gestapo beschlagnahmt  und gelten bis heute als verschwunden. Dem Verfasser standen zudem die beiden Germanisten Prof. Peter-André Alt und Prof. Klaus Wagenbach zur Seite.

Wer sich vor den meist düsteren Werken Kafkas bis jetzt fürchtete, wird mit dem Roman einen anderen, weil persönlicheren Bezug zu Kafka finden und möglicherweise seine Texte in einem ganz anderen Licht sehen. Zu wünschen wäre es. Und eines darf nicht vergessen werden. Mit dem Buch wird auch einer besonderen Frau ein Denkmal gesetzt:  Dora Diamant, die ihre Liebe um 20 Jahre überleben wird. Sie starb 54 Jahre alt in London.

Der Roman  „Die Herrlichkeit des Lebens“ von  Michael Kumpfmüller  erschien im Verlag Kiepenheuer & Witsch im August 2011.
240 Seiten, 18,99 Euro

Leben ist Kunst – Michel Houellebecq "Karte und Gebiet"

„Ein Menschenleben ist im Allgemeinen nur eine Kleinigkeit, es lässt sich in wenigen Ereignissen zusammenfassen (…).“


Das moderne Leben ähnelt einer Autobahn. Die Durchstarter rasen auf der Überholspur. Die hohe Geschwindigkeit oder das Gespräch am Mobiltelefon verhindert, dass sie nach links oder rechts schauen oder überhaupt etwas außerhalb ihres Kokons aus Glas und Blech registrieren. Wer ihnen die freie Bahn verstellt, wird geblendet. Jenen mit dem gemählicheren Tempo entgeht nur wenig. Vielmehr zählen sie die Abfahrten, werfen einen Blick auf jene, die Rast machen, schmunzeln über die Raser und ihren törichten Glauben, mit Geschwindigkeit Zeit zu gewinnen. Auch mit Tempo 200  vergeht das Leben. Da hilft kein Technikschnickschnack, kein Glanz, kein hohler Stolz. Nichts hilft.

Vielleicht tröst nur ein großer Namen über den Gedanken hinweg, dass alles  ein Ende hat. Er muss jedoch Ergebnis persönlicher Anstrengungen sein. Wie bei Jed Martin. Er ist Künstler, sein Vater ein Architekt, der weltweit Tourismustempel baut, seine Mutter hat sich mit 40 Jahren das Leben genommen. Über den Grund schweigt sich Jeds Vater aus. Ein Leben lang. Jed findet über die Fotografie zur Malerei. Einen Namen macht er sich mit Werken, in denen er Straßenkarten mit Satellitenbildern vereint, die in Paris erfolgreich ausgestellt werden. Ruhm erntet der Pariser  Künstler indes mit einer Reihe von Gemälden, die Menschen bei ihrer Arbeit oder in einem besonderen Moment zeigen. Während der Vorbereitung zu einer Ausstellung lernt Jed den bekannten Schriftsteller Michel Houellebecq kennen, der sich allen gesellschaftlichen Kreisen entzogen hat und ein Leben als Eremit in Irland, später wieder in Frankreich auf dem Land führt. Der Autor soll das Vorwort für den Katalog schreiben. Als Honorar bietet Jed Houellebecq ein Porträt an, das er selbst malt. Doch wenige Monaten nachdem er das versprochene Gemälde dem Schriftsteller übergeben hat, wird dieser auf entsetzliche Art und Weise ermordet, so dass es selbst erfahrene Polizisten den Magen umdreht beim Anblick der sterblichen Überreste.

Ein Autor, der sich in einem Buch selbst ein Ende setzt, und dann ein so grausames – Michel Houellebecq beweist mit seinem jüngsten Roman „Karte und Gebiet“ nicht nur gehörige Portionen an Selbstironie und schwarzen Humors. Wie er über die großen Themen das Leben und der Tod, das Leben und die Kunst, Gesellschaft und Kultur schreibt, ist Meisterklasse. Dabei habe ich noch bis vor kurzem die Bücher des Franzosen nur mit hoch gezogener Augenbraue aus der Ferne „gewürdigt“. Er gilt als Exzentriker, seine Romane verband ich immer mit dem Adjektiv „schlüpfrig“. Nun wurde ich eines Besseren belehrt und bitte um Vergebung mit der Bitte: Lesen Sie dieses Buch! Es ist ein Meisterwerk. Nur Meisterwerke können sowohl unterhalten als auch belehren, einen an der Seele packen. Mit „Karte und Gebiete“ kann man zugleich schmunzeln und grübeln. Der Protagonist Jed ist zudem so gestaltet mit seinen genialen Fähigkeiten und seinen menschlichen Ecken und Kanten, dass er dem Leser schon irgendwie sympatisch erscheint. Und auch das Spiegelbild (?) des Autors muss man irgendwie mögen ob seiner Exzentrität. An diese Seite stellt Houellebecq, der reale, eine ganze Reihe interessanter Charaktere, wie Jeds erfolgreiche, aber auch gefühlvolle Freundin Olga oder Kommissar Jasselin, der sich auf die Suche nach dem Mörder Houellebecqs, dem fiktiven, begibt.
Mit  Beklemmung liest man dagegen von den Schattenseiten und den finsteren Ecken der modernen Gesellschaft, über die in sich verliebte High Society, die aus Raffgier krisengeschüttelte Finanzwelt und ja, die unvorstellbare Macht der Kunst, deren Preise oftmals in die Verhältnislosigkeit abdriften.

„Karte und Gebiet“ vereint in sich so verschiedene Genres: Das Buch ist melancholischer Künstler- und Entwicklungsroman und zugleich kritisches Abbild der Gegenwart und entwickelt sich im letzten Drittel gar zu einem spannenden Krimi, der an einigen Stellen leicht ironische Züge aufweist. Dass Michel Houellebecq für diesen Roman schließlich mit einem der wichtigsten französischen Literaturpreise, dem Prix Goncourt, geehrt wurde, erscheint wie ein selbstverständliches Naturgesetz oder so eindeutig wie eine mit Akribie gefertigte Straßenkarte.   

Der Roman „Karte und Gebiet“ von Michel Houellebecq erschien 2011 in der Übersetzung aus dem Französischen von Uli Wittmann im Dumont-Verlag.
416 Seiten, 22,99 Euro (als Taschenbuch 9,99 Euro)

Stille nach dem Sturm – Claudie Gallay "Die Brandungswelle"

„Es gibt tausend Gründe, sich einzuschließen. Herauszukommen ist viel schwerer.“

Der Sturm braust über das Meer und die Küste, er zerrt an den Häuserwänden, an den dicken Tauen der Boote im Hafen, er greift nach jenen Dingen, die der Kraft der mächtigen Böen nichts entgegenzustellen haben. In La Hague im Nordwesten der Normandie suchen die Einwohner in ihren Häusern Schutz. Es sind nur wenige, denn der Ort ist klein. Wer will sich schon den trotzigen Unbilden tagein tagaus aussetzen, auch wenn der Blick aufs Meer ein malerischer, ein von den Touristen geliebter ist.

Sie ist beruflich hier gestrandet, die Ornithologin, die an der Küste die Vögel zählt und beobachtet. Sie, die nach dem Tod ihrer großen Liebe mit La Hague einen neuen Landstrich und das Leben entdecken soll und diese Geschichte erzählt. Gemeinsam mit einem Künstler und dessen Schwester wohnt sie in einem ehemaligen Hotel. Und sie ist nicht der einzige Mensch, der für Gesprächsstoff unter den Einwohnern sorgt. Lambert, ein Polizist, hat es ebenfalls in den Ort getrieben, auf der Suche nach einer Antwort. Warum mussten seine Eltern und sein kleiner Bruder vor 40 Jahren während eines Bootsunglücks sterben?

In dem Roman „Die Brandungswelle“ der Französin Claudie Gallay, Jahrgang 1961, erzeugt diese Suche nach der Antwort und die allmähliche Rekonstruktion eines Familiendramas eine ungemeine Spannung. Das Faszinierende an diesem grandiosen Buch liegt indes in den vielen kleinen Details und Stimmungen, die eine besondere Atmosphäre bilden. Jeder Dialog, jede noch so kleine Regung der handelnden Personen, jede detaillierte Beschreibung der Szenerie ist ein Mosaikstein in diesem Porträt eines Küstenortes und seiner Einwohner, die nicht nur meist eine besondere Vergangenheit zu erzählen wüssten, sondern auch Geheimnisse haben und damit auch eine Schuld tragen. Da ist Theo, der einstige Leuchtturmwächter, der an jenem tragischen Herbsttag das Licht ausgeschaltet hatte, früher sich um die Vögel kümmerte und nun eine ganze Reihe Katzen um sich scharrt. Da ist Nan, seine Liebe, die früher ein Kinderheim führte und in Lambert bei seiner Ankunft ein früheres Kind erkannte. Ihre Widersacherin ist die Mutter der Wirtin Lili und Theos Frau.

Zusammen sind sie gebeugt und enttäuscht von ihrem Lebensweg, der nicht von einem selbst gewählten Ziel, sondern vom  passive Dulden eines Zustandes gezeichnet ist. Es existiert kein liebevolles Miteinander, das Ungesagte hat sie verbiestert und einsam werden lassen. Man geht sich aus dem Weg, anstatt miteinander zu sprechen und die Fronten zu klären. Das ist auch bei Max der Fall, dem Mann, der in die Schwester des Künstlers verliebt ist, aber kaum eine Möglichkeit der Annäherung findet. Mit seinem selbst gebauten Boot indes als Fischer eine gewisse Zufriedenheit erlangt. Der sensible Theo wird schließlich die Flucht in ein neues, unerwartetes Zuhause antreten. Gallay lotet die psychologischen Untiefen ihrer Charaktere aus, wie es selten in der Gegenwartsliteratur ist.

Als Nan stirbt, völlig entkräftet nach einer Bootstour, fügt sich allmählich das Puzzle zu einem Bild, das die Vergangenheit erklärt und die Gegenwart verändert. Am Ende hat auch die Ornithologin zu sich gefunden und den Schmerz nach dem Tod ihres Partners abgestreift. Inmitten einer Landschaft am Rande des mächtigen Meeres, dem in diesem Roman ein auf den ersten Blick düsteres, aber beim genauern Hinsehen eindrucksvolles Denkmal gesetzt wird. La Hague ist zwar das Ende der Welt, aber eines, an dem manches Leben eine neue Richtung erhält.

Der Roman „Die Brandungswelle“ von Claudie Gallay erschien als Taschenbuch im btb-Verlag in der Übersetzung aus dem Französischen von Claudia Steinitz. Der Roman wurde mit dem Grand Prix de Elle ausgezeichnet.
Originaltitel: „Les déferlantes“.
560 Seiten, 9,99  Euro

Der tragische Tod eines Sportlers – Josef Haslinger "Jáchymov"

„Das Erinnern gehört zu uns lebenden Menschen. Das, was wir mit Erinnerung meinen, gibt es nur hier auf dieser Welt.“

Das Leben hält Begegnungen bereit, die nur das Schicksal knüpfen kann. Manchmal ist das so. Rein faktische Erklärungsversuche gibt es nicht. In der Literatur finden wir solche Aufeinandertreffen zuhauf. Klar, Literatur ist Fiktion, das riesige Feld für Denkspiele nach dem Motto „was wäre wenn“, ein kunstvolles Vermischen von Orten, Zeiten und Personen. Aber vielleicht hätte es diese Begegnung zwischen einem Verleger und der Tochter eines tschechischen Eishockeystars wirklich gegeben, die Josef Haslinger in seinem neuesten Roman „Jáchymov“ Raum gibt. Der tragische Tod eines Sportlers – Josef Haslinger "Jáchymov" weiterlesen

Plüsch ist voll im Trend!

Dass die Narren aber auch immer im Winter ihre fünfte Jahreszeit feiern müssen. Aber sie wollen es nicht anders. Nun  meinen ja viele, sie werden durch die Stimmung aus Alkohol, Kussfreiheit und neckischem Schabernack regelrecht aufgeheizt, was sicherlich auch durchaus der Wahrheit entspricht. Doch einige munkeln wiederum, in diesem Jahr seien angesichts der Mammutkälte ganz spezielle Kostüme Trend: jene aus Plüsch, die kuschlig sind und wärmen. Und nicht nur unbedingt den Träger der illustren, weichen Bekleidung.  
Nur sollten sich die „tierischen“ Karnevalisten nicht unbedingt das Freyburger Schützenhaus für ihr Treiben aussuchen.  Ob da während einer Fete ein ganzer Zoo zusammenkommt?  Einen Bären in der Bütt  aufbinden, kann da schon doppeldeutig verstanden werden. Oder es tauchen später Schlagzeilen auf wie „Knut lebt doch!“ oder „Wankender Grizzly macht sich ans kesse Eichhörnchen ran.“  Vielleicht muss die stattliche Erscheinung von Meister Petz sogar in dem Trubel einen Elchtest bestehen, wenn er um die Tische zur Bar kurvt und sich nicht in den Luftschlangen verheddern darf.  Aber womöglich hilft ihm später dann der ruhige Nordländer, wenn es wieder in den Schnee rausgeht, wo bereits der Yeti wartet. Und wenn alle schon nach Hause getapst sind, wird nur noch ein putziges Geschöpf seine Runden im Saal drehen und auf die Trommel hauen: das knuffige Duracell-Häschen.

Foto: miraliki/pixelio.de

Abschied – Willy Vlautin "Lean on Pete"

„Es ist schwer zu begreifen, warum es einen so bedrücken kann, etwas Schönes zu sehen, aber manchmal ist das so.“

Enge Verbindungen zwischen Mensch und Tier schreiben die schönsten und emotionalsten Geschichten, jene, die einen zutiefst bewegen, ob sie nun ein Happy End oder einen tragischen Ausgang haben. So viel schon einmal vorweg: der Jugendroman „Lean on Pete“ des Amerikaners Willy Vlautin geht gut aus. Hätte ich nur geschrieben, dass seine Story sehr traurig ist, würden die meisten sicherlich jetzt das Lesen beenden. Traurige Geschichten haben einen schweren Stand. Kaum einer will an die Abgründe und Tücken des Lebens erinnert werden, nicht einmal durch wunderbare Literatur.

Erzählt wird die Geschichte von Charley. Er ist 15. Mit seinem Vater Ray ist er wieder einmal in eine neue Stadt gezogen. Denn der hält es nie lange an einem Ort aus. In Portland ziehen sie in ein Haus, der Vater hat einen Job. Charley nur keine Freunde. Er vertreibt sich die Zeit der Ferien mit Joggen und entdeckt eines Tages eine Pferderennbahn und Del, der seine Pferde in die Rennen schickt. Oft auf abgesteckten Feldwegen, oft mit Medikamenten im Blut. Charley wird sein Handlanger, sein Helfer, der schlecht, manchmal gar nicht bezahlt wird. Und da auch sein Vater sich kaum um ihn kümmert, ist der 15-Jährige oft auf sich allein gestellt. Bei der Arbeit macht er die Bekanntschaft mit dem Pferd Lean on Pete. Er kümmert sich rührend um ihn, erzählt ihm seine Erlebnisse, seine Ängste und Hoffnungen. Charleys Vater wird bei einem Zusammentreffen mit dem Mann seiner Geliebten schwer verletzt. Im Krankenhaus verstirbt er wenige Tage später. Charley bleibt allein zurück. Als jedoch Lean on Pete wegen einer Verletzung und schlechten Rennergebnissen der Tod droht, flieht Charley mit dem Pferd. Er begibt sich auf die Suche nach seiner Tante. Doch die Reise von Portland nach Denver quer durch das karge Land der Wüste gerät zu einer Odyssee…

… die als ein Roadmovie im Kopf  des Lesers erscheint. Viele Gesichter hat dieses Buch, das einen nicht nur in das Leben des Jungen einführt, sondern auch seine Entwicklung beschreibt. Der Roman ist also Tiergeschichte, Amerika-Roman, Jugendbuch, Aussteiger-Geschichte und Entwicklungsroman in einem. Auf hochsprachliche Poesie muss man indes verzichten. Vielmehr lässt Vlautin den Jungen in seiner recht einfachen Sprache berichten. Nur so kann auch die besondere Bindung entstehen, die es zwischen dem Helden und dem Leser gibt. Charley lernt man kennen und dann lieben. Er ist ein zäher Bursche, der sich durchbeißt, auch wenn er nahezu am Abgrund steht, sowohl pleite als auch einsam ist. Während sein Halt das Pferd ist, werden ihn später seine Erfahrungen und das große Durchsetzungswillen zur Seite stehen. Er muss und will zu seiner Tante, das einzige Familienmitglied, die er noch hat. Auf dem Weg dahin trifft Charley schlechte und gemeine Menschen, die ihn ausnutzen, übers Ohr hauen und ausrauben, aber er macht auf seinem langem Trip durch einen Teil Amerikas auch die Bekanntschaft von hilfsbereiten Menschen. Der Junge lernt dabei außerdem die Widrigkeiten der Gesellschaft wie Armut, Obdachlosigkeit und Kriminalität sowie menschliche Untugenden wie Gewinnsucht und Grausamkeit kennen.

Am Ende gibt es so einen leichten Seufzer. Der Junge wurde für seine Mühen belohnt, auch wenn die durchlebten Strapazen und entsetzlichen Erlebnisse ihn gezeichnet haben. Doch nicht nur ihn: Der Leser hat eine rührende, jedoch niemals kitschig erscheinende Geschichte erfahren, eine, die sogleich weh tat, aber so viel Lebensklugheit vermittelte – und das auf 300 Seiten und in Form eines Jugendbuchs, das damit ein Meisterstück sowohl für Jugendliche als auch Erwachsene ist.

Der Roman Lean on Pete von Willy Vlautin erschien im Bloomsbury Verlag in der Übersetzung aus dem Amerikanischen von Robin Detje.
304 Seiten, 9,95 Euro

Festgefroren – Jón Kalman Stefánsson "Der Schmerz der Engel"

„Der Überlebenskampf und die Träume passen nicht zusammen, Poesie und Salzfisch sind Gegensätze, keiner kann seine Träume essen. So leben wir.“

Am Pferd festgefroren erreicht der Landpostbote Jens den rettenden Gasthof und damit die Wärme. Seine Tour quer übers Land und durch den isländischen Winter hat alles von ihm abverlangt. Doch ihm wird nur kurze Zeit der Ruhe in seinem Heimatort vergönnt sein. Der Apotheker und Postobermeister Sigurdur schickt ihn erneut auf eine Reise. Beide können sich nicht wirklich riechen, der Drogist spekuliert auf einen Fehler des Boten. Die Tour führt in den Norden, übers Meer, die Berge und Hochebenen – mitten im Winter, mitten durch die eisigen Winde der Stürme. Der Winter ist in diesen Breiten erbarmungslos und hat gemeinsam mit der Stärke des Meeres zahlreichen Menschen das Leben genommen.  Festgefroren – Jón Kalman Stefánsson "Der Schmerz der Engel" weiterlesen

Das, was war – Julian Barnes "Vom Ende einer Geschichte"

„Geschichte ist die Gewissheit, die dort entsteht, wo die Unvollkommenheit der Erinnerung auf die Unzulänglichkeiten der Dokumentation trifft.“

Was werden wir sehen, wenn wir nach Jahrzehnten auf unser Leben schauen, auf die Jahre der Jugend, die Zeit der Blüte?  Erinnerungen sind immer Bilder, Szenen in unserem Kopf, ob nun in Schwarz-Weiß oder in Farbe, ob mit völliger Schärfe oder eher wie ein verwackeltes Foto. Werden wir auch das sehen, was geschehen war? Oder werden wir etwas ausblenden, quasi einige Szenen des Filmmaterials herausschneiden?
Dies sind viele Fragen und zusammen bilden sie ein riesiges Thema, dem sich der Engländer Julien Barnes in seinem aktuellen Roman „Vom Ende einer Geschichte“ widmet. Erzählt wird zu Beginn die Geschichte eines Viergestirns, von Alex, Colins, Adrian und Tony, alle vier sind Schüler einer Londoner Schule. Man schreibt die 60er Jahre. So genau wird der Zeitrahmen in diesem Buch nicht angegeben. Das Quartett sind enge Freunde, vor allem Adrian und Tony ein eingeschworenes Team. Beide lieben die Literatur, reden über Sex. Obwohl Tony der Zugang zu den Mädchen schwer fällt. Nach der Schulzeit werden sie in alle Winde zerstreut. Man schreibt Briefe, die jedoch immer seltener verschickt werden. Eines Tages erreicht Tony eine schockierende Nachricht – Adrian hat sich das Leben genommen.   

Vierzig Jahre später, die Zeiten sind moderner, digitaler, flüchtiger geworden. Tony hat eine Ehe hinter sich, das Berufsleben abgeschlossen. Ehrenamtlich engagiert er sich in einer Krankenhaus-Bibliothek. Als ihn erneut eine Botschaft erreicht, die sein Leben umkrempelt. Er soll das Tagebuch von Adrian erben, das zuvor im Besitz von Mary war, der Mutter von Veronica. Mit ihr war Tony zu Beginn seines Studiums zusammen, später wurde Adrian ihr Partner. Doch Veronica will das Tagebuch nicht herausgeben. Auch dann nicht, als Tony den Kontakt nach Jahrzehnten Funkstille zu ihr aufnimmt und er sich mehrere Male mit ihr trifft. Erst nach einiger Zeit entdeckt er das große Geheimnis, das zwischen Veronica, ihrer Mutter und Adrian bestand und was womöglich der Grund für seinen Selbstmord war. Tony muss erkennen, dass er die ganzen Jahre nichts „kapiert“ hat und das seine Erinnerungen an die Jugend nahezu ein Trugschluss waren.

Ruhig und unaufgeregt, aber trotzdem mit einem raffiniert konstruierten Spannungsbogen hat Barnes dieses Buch geschrieben. Erzählt wird das Geschehen – sowohl die moderne Gegenwart als auch der Rückblick in die Vergangenheit – immer aus der Sicht von Tony. Nachdenklich und selbstkritisch schaut er zurück auf die Schuljahre, aus den Fluss der Jahre, die ihn geformt haben, ohne dass er sie geformt hat, er sie nahezu passiv „überstanden“ hat. Und wenn die 179 Seiten eher nur leise Akzente beim Leser setzt, ausgenommen den Suizid  Adrians, so erschlagen die letzten zwei bis drei Seiten den Leser förmlich, wenn das Geheimnis gelüftet wird, das zuvor keineswegs angedeutet wurde.

Barnes Roman ist schmal, aber hat große Wirkung und dafür hat der Engländer zu Recht den renommierten Booker-Prize erhalten.

Der Roman „Vom Ende einer Geschichte“ von Julian Barnes erschien im Verlag Kiepenheuer & Witsch
in der Übersetzung aus dem Englischen von Gertraude Krueger
201 Seiten, 18.99 Euro

Mit Fischallergie in Sushi-Bar?

Mich verwundert immer wieder, wie simpel und doch sogleich komplex der Mensch strukturiert ist, da er seinesgleichen immer wieder verblüfft mit neuen Verhaltensformen. Bestes Beispiel: der Homo televisionensis. Auch gemeinhin als systematischer Dauer-Fernsehgucker bekannt.
Derzeit sorgt eine Sendung täglich für Schlagzeilen, selbst in anspruchsvollen Blättern. Dabei zeigen C-Prominente ihre Liebe zur exotischen Tier- und Pflanzenwelt sowie Mut zu nervenaufreibenden Wagnissen. Weil sie entweder Geld brauchen, um ihre Schulden zu bezahlen, oder sie einen höheren Promistatus erringen wollen. Bekanntheit ist bekanntlich die Währung für Menschen, die es ohne Talent nach oben geschafft haben. Da zählt jede Sendeminute und jede Familie vor der Glotze. Was das Camp wohl wirklich bringt? In den USA existieren sogenannte Boot-Camps, in denen kriminelle Jugendliche mit fragwürdigen Methoden schikaniert werden. Vielleicht sollen die Promis hier nun zu wertvollen Gliedern der Gesellschaft verwandelt werden, mit etwas mehr Bescheidenheit und Demut.

Und es sind nicht einmal die wahren Fans, die so erstaunlich sind und in jeder Serienprobe mit ihrem Liebling mitfiebern und sehr genau hinschauen (womöglich mit Standbild), wie einer in eine Riesenkakalake beisst, oder sich sogar in Brehms Tierleben informieren, welche Schlange gerade getätschelt wurde. Es sind jene TV-Konsumenten bemerkenswert, die die Sendung „blöd“ finden und trotzdem gucken. Das wäre ja so, als ob einer mit Fischallergie mehrmals wöchentlich in einer Sushi-Bar speist oder einer es sich mit Heuschnupfen auf dem Bauernhof gut gehen lässt.

Selbst ein Haushalt wie meiner ohne Fernseher kommt an der Serie nicht vorbei. Man wird regelrecht verfolgt. Vor einigen Jahren erhielt ich auf meine Bemerkung, ich habe keinen Fernseher, die Frage, ob ich bedürftig sei. Damals fiel mir leider keine wirklich gescheite Gegenantwort ein. Jenen älteren Herrn würde ich jetzt gern 24 Stunden mit den „Highlights“ sowohl öffentlich-rechtlicher als auch privater Fernsehsendungen allein lassen. Er könne sich nur auswählen, ob er Gerichtsshows, Daily-Soap und Co. in Schwarz-Weiß oder in Farbe anschauen möchte. Mal sehen, ob er dann nach der zweiten Stunde schon die Segel streicht und „hier raus will“.

Foto: Daniela Baack/pixelio.de