Bewegte Zeiten – Ein auch literarischer Rückblick auf 25 Jahre Deutsche Einheit

Alles begann mit den Nachrichten. Meine Eltern baten mich unisono und mit etwas Strenge in der Stimme, doch endlich mal still zu sein. Ich war zwölf Jahre und plapperte. Wie es halt Mädchen in diesem Alter tun. Im Fernsehen lief die „Aktuelle Kamera“, die Nachrichtensendung der DDR. Auf der Mattscheibe: Szenen, die noch heute für Gänsehaut und ein Kribbeln im Bauch sorgen. In Berlin fällt die Mauer, der „antifaschistische Schutzwall“, wie er auch genannt wurde. Es war der erste Schritt zur Wiedervereinigung Deutschlands, deren 25-jähriges Jubiläum heute feierlich landauf und landab begangen wird.  „Bewegte Zeiten – Ein auch literarischer Rückblick auf 25 Jahre Deutsche Einheit“ weiterlesen

Der Mensch allein – Elizabeth Kolbert „Das sechste Sterben“

kolpert „Die Tatsache, dass dieses Buch von einem behaarten statt von einem schuppigen Zweibeiner geschrieben wurde, hat mehr mit dem Unglück der Dinosaurier zu tun als mit irgendeinem besonderen Vorzug der Säugetiere.“

Als ein Meteorit die Erde trifft, wird der Planet zur Hölle. Nur wenige überleben die Katastrophe in der Kreidezeit vor rund 66 Millionen Jahren. Die Giganten der damaligen Zeit, die Dinosaurier, sterben aus. Die Ursache für das nächste Massensterben kommt indes nicht aus dem All. Sie lebt vielmehr auf der Erde und hat in den vergangenen zwei Millionen Jahren einen unvergleichlichen Siegeszug auf zwei Beinen angetreten. „Das sechste Sterben. Wie der Mensch Naturgeschichte schreibt“ hat die amerikanische Journalistin und Autorin Elizabeth Kolbert ihr neuestes Werk genannt. Das weniger Anklage als der Versuch ist, das unvergleichliche Ereignis aufzuarbeiten und Wege für die Bewahrung unvergleichlicher Naturschätze zu finden. „Der Mensch allein – Elizabeth Kolbert „Das sechste Sterben““ weiterlesen

Zum Verräter gemacht – Amos Oz „Judas“

„Wenn einer sich Tag und Nacht vor den Menschen in Acht nimmt, wenn er ununterbrochen darüber nachdenkt, wie er Anschlägen entgeht, wie er Intrigen abwehrt und welche List er in Gang setzen könnte, um von Weitem eine Falle zu erkennen, die ihm gestellt wird – wird er zwangsläufig beschädigt.“

Über diese Geschichte gibt es unendlich viele Bücher. Viel ist geschrieben worden über Jesus und seine Jünger, über den Verrat und die anschließende Kreuzigung und den qualvollen Tod des Propheten. Eine ganze Religion basiert auf der berühmtesten Geschichte der Menschheit, die sich tief in das historische, kulturelle und geistige Bewusstsein hineingepflanzt hat. Nicht unbedingt nur auf positive Weise, wie die Geschichte des Judentums mit all ihren traurigen Kapiteln beweist. „Zum Verräter gemacht – Amos Oz „Judas““ weiterlesen

Der Lehrling des Soldaten – Alexis Jenni "Die französische Kunst des Krieges"

„Im Krieg fällt man völlig unvermutet. Und wenn dann mit lyrischen Worten darüber gesprochen wird, ist das eine fromme Lüge, um die Sache auszuschmücken; man erfindet eine Geschichte, walzt das Ganze aus und inszeniert etwas. In Wirklichkeit stirbt man sang- und klanglos, blitzschnell, in völliger Stille; und auch hinterher herrscht Stille.“

Zwei Männer: Einer kennt den Krieg nur aus der Geschichtsschreibung und dank der aktuellen Fernsehbilder des Golfkriegs, die über seine Mattscheibe flimmern. Der andere war leibhaftig dabei – im Zweiten Weltkrieg, in Südostasien, in Algerien. Beide lernen sich eines Tages in einem Bistro kennen. Der Erzähler, ohne Name und Alter, will das Malen von Victor Salagnon erlernen. Und der bringt dem anderen nicht nur die kunstvolle Tusche-Malerei bei. Er erzählt auch von seinem Leben, das vor allem ein Leben als Soldat ist. Krieg ist das große, alles umfassende Thema des Romans von Alexis Jenni, das sich auch direkt im Titel widerspiegelt. „Der Lehrling des Soldaten – Alexis Jenni "Die französische Kunst des Krieges"“ weiterlesen

Leben, um zu schreiben – Reiner Stach "Kafka. Die frühen Jahre"

„Wir brauchen aber die Bücher, die auf uns wirken wie ein Unglück, das uns sehr schmerzt, wie der Tod eines, den wir lieber hatten als uns, wie wenn wir in Wälder verstoßen würden, von allen Menschen weg, wie ein Selbstmord, ein Buch muß die Axt sein für das gefrorene Meer in uns. Das glaube ich.“ Franz Kafka

Er war ein leidenschaftlicher Schwimmer, liebte das Kino, mochte Indianergeschichten. Er hat auch nicht das Nachtleben in seiner Heimatstadt Prag verschmäht. Ganz im Gegenteil. Manchmal ging er auch zu den „leichten Mädchen“. Viele sehen womöglich, wenn sie den Namen Franz Kafka hören, einen schmalen Mann vor sich, der Tag und Nacht, über den Schreibtisch gebeugt, schreibt – ohne Unterlass. Zugegeben, Kafka war wirklich recht dünn. Das beweisen die historischen Fotografien, die ihn zeigen. Doch der am 3. Juli 1883, an einem schönen Sommertag in Prag zur Welt gekommene Schriftsteller liebte trotz einer nicht gerade fröhlichen Kindheit und gesundheitlichen Problemen sowohl das Leben als auch das Schreiben. Nur hatte er tragischerweise nur 40 Jahre Lebenszeit. „Leben, um zu schreiben – Reiner Stach "Kafka. Die frühen Jahre"“ weiterlesen

Familiengeschichte(n) – Katja Petrowskaja "Vielleicht Esther"

„(…) ich wollte so sehr erhört werden, erprobte meine Zunge, meine Sprache, ich versuchte, die Geschichten zu erzählen, sie in mein fremdes Deutsch zu übertragen, ich erzählte die Geschichten, eine nach der anderen, aber ich hörte selbst nicht, was ich sagte.“

Unser Leben ist nichts ohne die Geschichte der eigenen Familie. Wir sind, was wir waren. Uns formen frühere Ereignisse früherer Generationen genauso wie eigene Erfahrungen. Und wenn wir in jungen Jahren nur Zuhörer sind, werden wir später selbst zu Erzählern. Katja Petrowskaja, 1970 in Kiew geboren, nach ihrem Studium in Tartu (Estland) und Moskau als Journalistin in Berlin tätig, hat diese Rolle sehr früh übernommen. Es ist eine Rolle, die man nicht leichtfertig überstreift wie einen Lieblingspullover, der einem passt und der sich bequem anfühlt. Sie ist vielmehr eine Schlangenhaut, die mit uns wächst und die man nach einiger Zeit abstreift, weil eine neue entstanden ist. „Familiengeschichte(n) – Katja Petrowskaja "Vielleicht Esther"“ weiterlesen