Mathijs Deen – „Unter den Menschen“

„Ich bin nicht verrückt. Oder muss man verrückt sein, um unglücklich zu sein.“ 

Hinter oder kurz vor dem Deich – der Blickwinkel ist bekanntlich oft entscheidend –  scheint die Welt eine andere zu sein. Das Meer ist zum Greifen nah, das Hinterland ein weites und überaus flaches, über das in regelmäßigen Abständen eine steife Brise huscht oder ein Sturm pfeift. Es ist die Heimat von Jan. Nach dem tragischen Tod seiner Eltern lebt er allein auf dem Bauernhof der Familie. Der Briefkasten ist einen Kilometer vom Haus entfernt, die Nachbarn noch ein „Stückchen“ weiter. Die Einsamkeit und die Sehnsucht nach einer Frau treiben ihn um. Eines Wintertages, die Arbeit ist für das Jahr geschafft,  inseriert er in der Zeitung. Seine Kontaktanzeige bildet den Auftakt des Romans „Unter den Menschen“ des Niederländers Mathijs Deen, der allerhand herrliche Irrungen und Wirrungen bereitet. „Mathijs Deen – „Unter den Menschen““ weiterlesen

Johan Harstad „Max, Mischa & die Tet-Offensive“

„Und wer waren wir geworden? Erinnerten wir uns überhaupt noch an uns selbst? Und wenn ja, wie lange noch?“ 

Schon als ich die norwegische Originalausgabe während einer der früheren Frankfurter Buchmessen in der Hand gehalten habe, war da dieses Gefühl, ein besonderes Buch vor sich zu haben. Dieser Name, dieses Gewicht, dieser Umfang… Sechs Jahre hat der Norweger Johan Harstad an seinem bereits 2015 in seinem Heimatland erschienenen Roman mit dem ungewöhnlichen Titel „Max, Mischa & die Tet-Offensive“ geschrieben. „Johan Harstad „Max, Mischa & die Tet-Offensive““ weiterlesen

Tom Rachman „Die Gesichter“

„Ein Künstler, Charlie, sieht die Welt anders als normale Menschen (…).“

Der Vater – ein berühmter und gefeierter Künstler, die Mutter – nicht minder begabt, aber erfolglos. Mittendrin – der Sohn. Charles, von allen meist nur Pinch genannt, steht zwischen beiden, blickt zu seinem Vater hinauf, während er seiner Mutter, die ihm die meiste Liebe gibt, weitaus weniger Beachtung schenkt. Tom Rachman hat mit seinem neuen Roman „Die Gesichter“ ein bewegendes und kluges Buch geschrieben, in dem jeder Leser seine Geschichte findet und eine besondere Seite mögen wird.

„Tom Rachman „Die Gesichter““ weiterlesen

Vom Suchen und Finden – Reinhard Stöckel „Der Mongole“

„Wo Vergehen ist, ist auch Beginn.“

Irgendwann in naher Zukunft. Drohnen bringen die Post und liefern die bestellten Einkäufe aus dem Supermarkt bequem nach Hause. Künstliche Intelligenz hat Einzug gehalten in Verwaltungen. Die Wölfe stehen nicht mehr unter Schutz. Der Wissenschaftler Radik kommt in die Lausitz, um im Auftrag seines Vorgesetzten die Raubtiere zu beobachten. Dabei richtet sich die Aufmerksamkeit des Biologen auf ein ganz anderes Geschöpf: auf den stark gefährdeten Sonnentau, eine fleischfressende Pflanze. Doch Radik ahnt nicht, dass seine Forschungsreise auch eine Reise in die Geschichte seiner Familie bedeutet.  „Vom Suchen und Finden – Reinhard Stöckel „Der Mongole““ weiterlesen

Liebe mit Grenzen – Christoph Hein „Verwirrnis“

„Er musste schweigen, musste verschweigen, was keiner wissen durfte.“

So innerlich eingegraben, verkantet, nahezu festgesaugt haben sich bei mir in der letzten Zeit nur wenige Bücher. Christoph Heins neuer Roman „Verwirrnis“ hat dies geschafft. Dass so eine besondere, besonders auch traurige Geschichte zugleich so viel Begeisterung entfachen kann, lässt mich indes auch etwas ratlos zurück. Woran liegt es, dass wir die tragischen Romane oftmals mehr schätzen, als die unaufgeregteren mit dem Happy End? Ohne den Ausgang vorwegnehmen, ihn nur anzudeuten:  Etwas Hoffnung bleibt,  von der der Held der Geschichte nur eine, aber dafür umso bedeutende Entscheidung entfernt ist.  „Liebe mit Grenzen – Christoph Hein „Verwirrnis““ weiterlesen

Die Verwandlung – Daniela Emminger „Kafka mit Flügeln“

„Den Beginn einer Metamorphose entschied man nicht, er wurde entschieden.“

Es gibt Länder, die sind hierzulande kaum im Bewusstsein verankert, sie sind nicht Teil einer inneren Landkarte – weil sie kein beliebtes Touristenziel sind und kaum in den Schlagzeilen der Medien auftauchen. Man weiß, dass es sie gibt, aber auf die simplen Fragen, wie die Hauptstadt heißt, welche anderen Staaten angrenzen oder welche Traditionen gepflegt werden, werden wohl viele nichtwissend mit den Schultern zucken. Kirgistan ist so ein weißer Fleck. In das zentralasiatische Land, das bis 1991 zur Sowjetunion gezählt hat, entführt die österreichische Autorin Daniela Emminger in ihrem Roman „Kafka mit Flügeln“, der nicht nur geografische Grenzen, sondern auch Genre-Grenzen aufhebt. Dies ist mein Beitrag zur Indiebookchallenge 2018-2019, in der es in den kommenden Tagen um das Thema Roadtrip geht.

„Die Verwandlung – Daniela Emminger „Kafka mit Flügeln““ weiterlesen