Klänge für die Ewigkeit – Richard Powers "Orfeo"

„Musik sagt die Vergangenheit voraus, erinnert an die Zukunft. Dann und wann werden die beiden eins, und allein mit der simplen Gabe eines kreisenden Lauts entziffert das Ohr das ganze verworrene Kryptogramm. Ein gleichbleibender Rhythmus, ewige Gegenwart, schon ist man frei. Doch nach ein paar Takten schließt sich der Mantel der Zeit wieder um uns.“

Er ist auf der Flucht, der Heimatschutz auf der Jagd nach ihm. Die Reise ins Ungewisse wird für Peter Els eine Reise in die eigene Vergangenheit. Ein ganzes Leben hat sich der Professor für Komposition der Musik verschrieben. Nun ist es die Kunst der Klänge, die ihn in Nöten bringt. Denn seinen Ruhestand nutzt Els für Forschungen im selbst gebauten Bio-Labor, wo er sich mit dem Gefüge der DNA und der ihnen zugrundelegenden Struktur als Ordnungsprinzip für ein musikalisches Werk beschäftigt. Als er nach dem Tod seiner geliebten Hündin Fidelio den Notruf wählt, werden die Behörden aufmerksam und zugleich skeptisch. Eine Verfolgung und Hysterie beginnen, während sich Els, nunmehr als Bio-Terrorist unter Verdacht, mit Hilfe einer Freundin aus dem Staub macht. „Klänge für die Ewigkeit – Richard Powers "Orfeo"“ weiterlesen

Die Musik macht Helden – Sarah Quigley "Der Dirigent"

Die einst schöne Stadt hat sich zu einem Vorhof der Hölle verwandelt. Leningrad ist eingekesselt. Die Wehrmacht steht vor den Toren. Bomben fallen, Häuser sind zerstört, in den Straßen liegen Leichen. Wer (über)lebt, muss Hunger erleiden. Menschen sterben an Unterernährung und Krankheit. Manch einer wird zusammengeschlagen, weil er einen Laib Brot nach stundenlangem Warten ergattert hat. Andere verspeisen Katzen oder Ratten, um zu überleben. Mittendrin in diesem Ort der Zerstörung und des Todes die kulturelle Elite des Landes. Allen voran der Komponist Dimitri Schostakowitsch, der sich weigert, mit dem Gros der Künstler aus der Stadt gebracht zu werden. Zum Leidwesen seiner Frau und den beiden Kindern. Doch Schostakowitsch will Leningrad nicht verlassen, all zu viel hat er der Stadt zu verdanken, all zu viele Erinnerungen und enge Freundschaften verbindet er mit ihr. Während er am Tag seinen Dienst als Brandwache ableistet, schreibt er des Nachts an seinem besonderen Werk. Die siebente Sinfonie soll den Leningradern Kraft geben.  „Die Musik macht Helden – Sarah Quigley "Der Dirigent"“ weiterlesen

Wie die Jahre ziehen – Robert Seethaler "Ein ganzes Leben"

„Der Mensch ist oft allein in dieser Welt.“

Woher er kommt, das weiß er nicht mehr. Auch sein richtiges Geburtsdatum ist nicht bekannt. Als Kleinkind wird Andreas Egger vom Bauer Kranzstocker aufgenommen (und ziemlich oft mit der Haselnuss-Gerte verdroschen). Seine Mutter stirbt an der Schwindsucht, sein eigenes Leben nimmt seinen Lauf inmitten der einzigartigen Bergwelt der Alpen. Und die wird er im Laufe seiner sieben Lebensjahrzehnte nur einmal verlassen – um in den Krieg zu ziehen. Erst einige Jahre später kehrt er zurück nach Krieg und Kriegsgefangenschaft. Aber er lebt, viele andere nicht. „Wie die Jahre ziehen – Robert Seethaler "Ein ganzes Leben"“ weiterlesen

Kreuzende Lebenswege – Nicolas Dickner "Nikolski"

„Jede Sekunde, jeder Augenblick vollzog sich zum ersten und zum letzten Mal. Es war unmöglich, diesen Prozess zu unterbrechen, umzukehren oder eine Sicherheitskopie davon zu erstellen.“

Die Welt ist voller Bücher und voller Überraschungen. Manchmal kommt auch beides zusammen, überrascht ein Buch oder es gibt eine Überraschung mit einem besonderen Buch. Als ich in einer Bücherkiste in einem Freibad nach dem Roman „Nikolski“ von Nicolas Dickner griff und ihn wenig später auch las, erlebte ich nicht nur schöne Lesestunden, sondern auch eine wunderbare Überraschung. Der Name des Autors sagte mir bis dato nichts. Der Klappentext verhieß, dass es sich um einen Bestseller aus Kanada handelte. Nun gut, ab und an sollte man den Versprechungen der Verlage nicht unbedingt vertrauen. Aber in diesem Fall schon. „Kreuzende Lebenswege – Nicolas Dickner "Nikolski"“ weiterlesen

Beschützerinstinkt – Derek B. Miller "Ein seltsamer Ort zum Sterben"

„Seine Erinnerungen wurden mit dem Alter einfach immer lebendiger. Die Zeit verstrich auf eine neue Art. Wenn man keine Zukunft mehr hat, besinnt sich der Geist auf sich selbst. Das war keine Demenz. Es war die einzige rationale Antwort auf das Unvermeidliche.“ 

Das Leben liegt nahezu hinter ihm. Doch noch einmal wagt das Schicksal Sheldon heraus – mit einem gewaltigen Satz auf die andere Hälfte der Weltkugel geht es für ihn von New York nach Norwegen, wo seine Enkelin Rhea, verheiratet mit einem Norweger, mittlerweile lebt. Sheldons Frau ist zuvor gestorben, ihr gemeinsamer Sohn schon längst tot. Im Vietnam-Krieg hat er als Soldat sein Leben gelassen, angetrieben von den Ermunterungen seines Vaters. Jetzt könnte der kauzige Amerikaner seinen Ruhestand in einem der reichsten Länder der Welt verbringen, Norwegisch lernen, frischen Fisch genießen. „Beschützerinstinkt – Derek B. Miller "Ein seltsamer Ort zum Sterben"“ weiterlesen

Bild des Lebens – Donna Tartt "Der Distelfink"

„Aber ist es nicht immer das Unpassende, das, was nicht so recht funktioniert, was uns komischerweise am liebsten ist?“

Wenn die Welt um einen zusammenbricht, hält man sich am Unbekannten fest, weil das Bekannte nicht mehr existiert. Theo macht diese schmerzliche Erfahrung. Gemeinsam mit seiner Mutter besucht der 13-Jährige das New Yorker Metropolitan Museum of Art mit berühmten Kunstwerken der Malerei. Vor allem ein Bild hat es Theos Mutter angetan: die kleine Miniatur „Der Distelfink“ des holländischen Malers Carel Fabritius (1622-1654), eines der wenigen Gemälde, die von dem Künstler geblieben sind. Bei einer Explosion der Delfter Pulvermühle 1654 starb nicht nur Fabritius. Ein Großteil seiner Werke wurde bei dem Unglück vernichtet. Auch Theo erlebt eine Explosion – mehr als drei Jahrhunderte später: Eine Bombe geht im Museum in die Luft. Seine Mutter stirbt, mit dem Ölgemälde unter der Jacke flieht Theo aus dem Museum. „Bild des Lebens – Donna Tartt "Der Distelfink"“ weiterlesen