Álvaro Enrigue – „Jetzt ergebe ich mich, und das ist alles“

„Die Apachen besaßen nichts, und sie selbst nannten sich ndee, Menschen, Volk, Stamm.“ 

Selbst ohne viel Wissen über die Geschichte Nordamerikas und dessen Ureinwohner gibt es Namen, die wohl jeder kennt. Geronimo (1829 – 1909), eigentlich Gokhlayeh oder Goyathlay, gilt als eine der angesehensten historischen Persönlichkeiten. Als Kriegshäuptling und Schamane der Apachen leistete er gegen die Besetzung seines Stammeslandes sowohl gegen mexikanische als auch US-amerikanische Truppen erbittert Widerstand, um sich allerdings nach jahrelangen Kämpfen 1886 mit seinen nur noch wenigen Stammesangehörigen zu ergeben und bis an sein Lebensende in verschiedenen Forts gefangen gehalten zu werden. Bei seiner Festnahme soll er gesagt haben: „Einst war ich frei wie der Wind, jetzt ergebe ich mich … und das ist alles.“ Nach diesem berühmten Zitat hat der mexikanische Schriftsteller Álvaro Enrigue seinen Roman genannt, der nicht nur über die leidvolle Geschichte der Apachen berichtet. Er verbindet auf einzigartige Weise die Vergangenheit mit der Gegenwart der USA.

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Richard Powers – „Erstaunen“

„Wir sitzen auf einem Felsbrocken im Weltall, und es gibt Hunderte von Milliarden anderer Felsen genau wie unseren.“

Wann haben wir das andächtige Staunen über das Leben verlernt oder verloren wie einen Schlüssel oder eine Münze? Wann war dieses unbändige Gefühl, diese Freude über das Dasein, über die kleinen oder großen Wesen, die Weite des Himmels, Tor zum Universum, verschwunden? Wohl nur noch Kinder tragen es in sich.  Oder Erwachsene, die wissen, wie fragil dieses Leben doch ist. „Erstaunen“ heißt der neue großartige Roman des amerikanischen Schriftstellers Richard Powers, der es vermag, dieses Staunen zurückzugeben. Und wenn es wenigstens für die Zeit der Lektüre ist.

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Elizabeth Wetmore – „Wir sind dieser Staub“

„Und wie sterben die Frauen? Normalerweise, wenn Männer sie umbringen.“ 

Den einen gelingt die Flucht. Selbst wenn sie dafür Mann und Kind Hals über Kopf zurücklassen. Die anderen verstecken sich in ihrem Haus, wollen von all den schrecklichen Geschehnissen, die sich tagtäglich ereignen, nichts wissen. Von dieser erbärmlichen Verachtung, dieser aus Frust und Dominanz geborenen brutalen Gewalt. Mary Rose steht jedoch eines Tages mit der Flinte auf der Veranda ihres Hauses. Nicht nur um sich selbst und ihre Tochter zu verteidigen. Gloria hat zuvor verletzt, barfuß und unter Schock stehend das Grundstück inmitten der Wüste erreicht. Die 14-jährige Mexikanerin flieht vor ihrem Peiniger und bittet um Hilfe. Dabei erzählt die Amerikanerin Elizabeth Wetmore in ihrem großartigen Debüt „Wir sind dieser Staub“ nicht nur die Geschichte dieser beiden ungleichen Frauen und ihrer folgenreichen Begegnung. „Elizabeth Wetmore – „Wir sind dieser Staub““ weiterlesen

Walter Tevis – „Das Damengambit“

„Schach verstieß nicht gegen das Christentum, genauso wenig, wie es gegen den Marxismus verstieß. Schach war ideologiefrei.“ 

Wer als Laie Schach-Berichte liest, wird das Gefühl nicht los, in eine fremde Welt gelangt zu sein. Da gibt es nicht nur spezielle Fachbegriffe, sondern auch kryptische Formulierungen.  Da ist von isolierten Freibauern, offener Königslinie oder einem Turmendspiel die Rede. Wer den wieder entdeckten Roman „Das Damengambit“ des amerikanischen Schriftstellers Walter Tevis (1928 – 1984) liest, wird vielleicht nicht alles in den teils seitenlangen Partiebeschreibungen verstehen, aber das Gefühl haben, von der spannenden Geschichte nicht loslassen zu können. „Walter Tevis – „Das Damengambit““ weiterlesen

Andreas Pflüger – „Ritchie Girl“

„Ich weiß, es gibt Erinnerungen, bei denen man schreien will.“

Obwohl so unendlich viel über den Zweiten Weltkrieg schon in der Vergangenheit berichtet, erzählt, geschildert worden ist, gibt es noch immer Geschehnisse, die erst jüngst ans Licht der Öffentlichkeit gekommen sind – weiße Flecken, die nun ausgefüllt werden und Konturen erhalten. Mehrere Jahre war ein Bericht des US-Justizministeriums unter Verschluss, der sich mit der engen Zusammenarbeit der USA mit hochrangigen Nazis auseinandersetzt. Ein brisantes Thema, mit dem sich Andreas Pflüger in seinem aktuellen Roman „Ritchie Girl“ auf herausragende Weise beschäftigt.

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Helge Hesse – „Die Welt neu beginnen“

„Man braucht keine Obrigkeit, um die Welt neu zu beginnen.“ 

Was wir oftmals als heutige Errungenschaft ansehen, hat seine Wurzeln in der Vergangenheit. Der Glaube, Fortschritt ist eine Erscheinung der Gegenwart, liegt wohl in einer Unkenntnis der Geschichte oder in einem gewissen Desinteresse begründet. Fortschrittlich war bereits jener Mensch, der das Feuer nutzte, das Rad erfand, waren auch jene Künstler, die in Höhlen eindrückliche und staunenswerte Abbilder ihrer Umgebung schufen. Wenn wir heute von Freiheit und Gleichheit, von der Mitsprache jedes Menschen an politischen und gesellschaftlichen Verhältnissen oder der wachsenden Rolle der Wissenschaft reden, müssen wir zurückblicken. Zu einer faszinierenden und überaus lehrreichen Zeitreise in das letzte Viertel des 18. Jahrhunderts lädt Helge Hesse in seinem Band „Die Welt neu beginnen“ ein, mit dem der Düsseldorfer Publizist für den Bayerischen Buchpreis nominiert ist. „Helge Hesse – „Die Welt neu beginnen““ weiterlesen