Alex Schulman – „Die Überlebenden“

„Nebeneinander stehen sie da, sie, die übriggeblieben sind, (…).“ 

Der Anfang ist das Ende. Um die Asche ihrer verstorbenen Mutter im See zu verstreuen und damit ihren letzten Wunsch zu erfüllen, kommen drei Brüder zusammen. Benjamin, Pierre und Nils haben sich mehrere Jahre nicht gesehen, sind mittlerweile erwachsen. Keiner weiß, was der andere macht, wie er sein Leben gestaltet. Ist die Wiederbegegnung zu Beginn angesichts einer gewissen Wiedersehensfreude noch harmonisch, kommt es zum blutigen Streit. Trauer und Traumata verbinden sich zu einer verhängnisvollen Mischung, die viele Gefühle aus dem Verborgenen heraufbeschwören lässt. Denn die Vergangenheit ist eben nicht vergangen. Wie ein Krake umklammert sie die Gegenwart. In seinem großartigen Romandebüt „Die Überlebenden“ erzählt der schwedische Autor Alex Schulman vom Gestern und Heute einer Familie, die zerbrochen und verwundet ist.

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Anatoli Pristawkin – „Schlief ein goldnes Wölkchen“

„Die Kinder, das war was anderes, sie waren wie Kollerdisteln, die der Wind trieb, wohin er wollte.“ 

Sie heißen Kolka und Saschka. Die meisten kennen sie als Kusmin-Zwillinge. Keiner kann sie ob ihrer verblüffenden Ähnlichkeit auseinanderhalten. Sie sind unzertrennlich und klammern sich an sich in einer Zeit des Krieges, des Leids, des stetigen Hungers. Sie leben in einem Waisenhaus, wissen nicht, was Familie und elterliche Liebe bedeuten. Mit 500 weiteren Kindern werden sie eines Tages in den fernen Osten, in den Kaukasus, geschickt. Doch hier geraten sie zwischen die Fronten. Mit seinem Roman „Schlief ein goldnes Wölkchen“ hat der russische Schriftsteller Anatoli Pristawkin (1931 – 2008) ein erschütterndes literarisches autobiografisches Zeitdokument verfasst, das nun in einer neuen Ausgabe wiederentdeckt werden kann – und sollte. „Anatoli Pristawkin – „Schlief ein goldnes Wölkchen““ weiterlesen

Jenny Erpenbeck – „Kairos“

„Oder war jeder Mensch nur ein Gefäß, in das die Zeit füllt, was ihr gerade einfällt?“

Im Gegensatz zu Chronos, dem Gott der Zeit, steht Kairos für den richtigen Moment, den glücklichen Augenblick. Ein altgriechischer, religiös-philosophischer Begriff, der schließlich in der Mythologie personifiziert, zu einer, wenn auch nahezu unbekannten Gottheit wurde. „Kairos“ heißt der neue Roman von Jenny Erpenbeck, in dem sie von einer zufälligen, aber auch folgenreichen Begegnung und einem daraus resultierenden Verhältnis zwischen einer jungen Frau und einem verheirateten wie lebenserfahrenen Intellektuellen erzählt. Aber ob jene zufällige Begegnung ein glücklicher Augenblick ist, ist nicht die einzige große Frage, die sich am Ende des eindrücklichen wie überaus klug komponierten Buches stellt.

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Katrine Engberg – „Das Nest“

„Was ist ein Atemzug? Ein Zischen, ein Zeichen von Leben.“ 

Kriminalromane erzählen meistens nicht nur von Verbrechen und Ermittlungen, von abgebrühten wie brutalen Tätern sowie Polizisten, die mal mehr mal weniger verzweifelt erscheinen. Titel dieses Genres sind oft auch sehr eng verknüpft mit dem Ort ihrer Handlung, der manchmal so genau beschrieben wird, dass man dank der Schilderungen eine Karte zeichnen könnte. Katrine Engbergs Krimi-Reihe führt nach Kopenhagen. Und auch ihr neuester Streich „Das Nest“ lässt einen nahezu die Koffer packen, um in die Hauptstadt Dänemarks, der Heimat der Autorin, zu reisen.      

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Christian Guay-Poliquin – „Das Gewicht von Schnee“

„Um zu überleben, muss man miteinander reden.“

Wir leben derzeit in einer Zeit der Distanz. Noch vor wenigen Wochen und Monaten war Lockdown das alles beherrschende Wort, das noch immer über uns allen schwebt. Eine Szenerie des Eingeschlossenseins beschreibt auch der Franko-Kanadier Christian Guay-Poliquin in seinem mehrfach preisgekrönten Roman „Das Gewicht von Schnee“. Doch bereits der Titel des eindrücklichen Buches weist darauf hin, dass es darin nicht um einen Virus, sondern um eine besondere Wetter-Erscheinung geht. Ein Dorf, umgeben von Wald, versinkt im Schnee und wird von der Außenwelt abgeschnitten, in der vieles anders ist als zuvor. „Christian Guay-Poliquin – „Das Gewicht von Schnee““ weiterlesen

Sigrid Undset – Kristin Lavranstochter. Der Kranz

„Du solltest die Ehre auf meinen Hof bringen.“

In den ersten drei Jahrzehnten, in denen der Literaturnobelpreis ab 1901 verliehen wurde, ist die Liste der weiblichen Preisträger kurz und übersichtlich. Nur drei Frauen erhielten in jener Zeit die renommierte Auszeichnung: die Schwedin Selma Lagerlöf, die italienische Schriftstellerin Grazia Deledda – und die Norwegerin Sigrid Undset (1882 – 1949). Ihr wurde diese besondere Würde 1928 zuteil wegen der Schilderungen des mittelalterlichen Lebens in ihrer Heimat. Zwei Werke ragen dabei heraus: das mehrbändige Epos „Olav Audunssohn“ sowie der nicht minder umfangreiche und mehrteilige Roman „Kristin Lavranstochter“, der im Original zwischen 1920 und 1922 erschienen war und nun in einer Neu-Übersetzung wiederentdeckt werden kann.  „Sigrid Undset – Kristin Lavranstochter. Der Kranz“ weiterlesen