Verurteilt – Hannah Kent „Das Seelenhaus“

„Zu wissen, was eine Person getan hat, und zu wissen, wer ein Mensch ist, sind zwei ganz verschiedene Dinge.“

Das Wort Urteil hat zwei verschiedene Bedeutungen. Es beschreibt sowohl die Entscheidung eines Gerichts als auch die Meinung, die ein Mensch von einem anderen hat. Mit beiden Varianten beschäftigt sich der Roman „Das Seelenhaus“ der australischen Autorin Hannah Kent. Ihr Debüt führt in das Island des 19. Jahrhunderts und in das Leben einer besonderen Frau. „Verurteilt – Hannah Kent „Das Seelenhaus““ weiterlesen

Cappucchino-Samurai – Helen Macdonald „H wie Habicht“

„Von all den Lektionen, die ich in den Monaten mit Mabel gelernt habe, ist dies die wichtigste: dass es da draußen eine Welt voller Dinge gibt – Felsen und Bäume und Steine und Gras und alles, was kriecht, läuft und fliegt. Sie stehen alle für sich, doch wir machen sie uns begreiflich, indem wir ihnen Bedeutungen verleihen, die unsere eigenen Weltanschauungen stützen.“

Auf der Suche nach einem klugen Spruch über die Natur – passend zu diesem Beitrag – werde ich im Internet sehr schnell fündig. Viele kluge Menschen, Dichter, Denker, Wissenschaftler, haben viele eindrucksvolle Sätze zu diesem Thema hinterlassen. Sie handeln von ihrer Einmaligkeit, ihrer Vielfalt und Vollkommenheit, von ihrer Weisheit. All diese ehrenden Attribute lassen sich auf ein Buch anwenden, das in den vergangenen Monaten zahlreiche Preise erhalten hat und einen Reigen lobender Besprechungen nach sich gezogen hat: „H wie Habicht“ von Helen Macdonald.  „Cappucchino-Samurai – Helen Macdonald „H wie Habicht““ weiterlesen

Kunst und Krempel – Artur Klinau „Schalom“

„Der Künstler streunt ziellos umher, wie ein herrenloser Hund, streift durch die Hinterhöfe der Zivilisation, sieht mit traurigen Augen der Menschheitskolonne nach und wartet darauf, dass einer ihn mitnimmt oder ihm einen Knochen hinwirft.“

Aufmerksamkeit ist wohl die höchste Währung in der Öffentlichkeit. Was mancher da auf sich nimmt, um gesehen und beachtet zu werden, ein besonderes Zeichen zu setzen, erscheint oft grotesk. Der eine macht’s mit seiner Kleidung, der andere mit Statussymbolen oder einer Tätowierung. André Nikolajewitsch Sperling, seines Zeichens Künstler aus Belarus, setzt sich einen speziellen Flohmarkt-Fund auf den Kopf und gerät nicht nur in so manche skurrile Szene. Er erfährt am eigenen Leib, wie es ist, gegen den Strom zu schwimmen.   „Kunst und Krempel – Artur Klinau „Schalom““ weiterlesen

Frühlingserwachen – Ein Blick in die Verlagsvorschauen

Das Leben besteht bekanntlich aus Entscheidungen. Manchmal muss eine von zwei Möglichkeiten gewählt werden. Schwieriger wird es, wenn mehrere bestehen. Ob in Lebensphasen oder konkreten Situationen. Bücherfans stehen immer wieder vor der Frage, welches Buch lese ich als nächstes, welche Bücher kaufe ich – angestachelt von Rezensionen in den Medien, Lesetipps von Freunden, Bücherbergen in den Buchhandlungen. Vor allem zweimal im Jahr scheint das Meer aus Möglichkeiten sich zu einem Ozean auszudehnen, in denen Bibliophile jedoch mit Begeisterung hineinspringen. Im Frühjahr und Herbst ist Hochkonjunktur  für Neuerscheinungen, die mit Verlagsvorschauen angekündigt werden. „Frühlingserwachen – Ein Blick in die Verlagsvorschauen“ weiterlesen

Weltenbrand – Katja Kettu „Wildauge“

„Wir sind dazu bestimmt, diese Welt mit zwei Augen zu betrachten, nur wir gemeinsam, denn ohne unsere Liebe ist diese Welt ein gähnender Lautsprecher, in dem der grausame und faulige Sturm des Todes brüllt.“

In Zeiten des Krieges verlieren selbst Orte der Idylle ihre Schönheit. Auch vor ihnen machen der Kampf und das Töten nicht halt. Deutsche Truppen, sowohl die SS-Elitegarde als auch die Wehrmacht, eroberten Europas Norden. Selbst das Gebiet oberhalb des Polarzirkels wurde besetzt. Eine besondere Geschichte aus dieser Zeit und aus jener Region hat die finnische Autorin Katja Kettu in ihrem Roman „Wildauge“ verarbeitet. „Weltenbrand – Katja Kettu „Wildauge““ weiterlesen

Das Grauen – Lee Miller „Krieg“

„Sie baten mich darum, amerikanisch zu sprechen, weil sie so großes Heimweh hätten, überbrachten mir Souvenirs und zogen dieselbe Nummer ab, die ich in Lazaretten, in der Schlacht und am Piccadilly Circus schon oft erlebt hatte: ,Hey Lady, machen Sie mal’n Foto und bringen Sie‘ s in der Zeitung‘.“

In den beiden vergangenen Jahren gab es sie in großer Zahl: Bücher über den Krieg, genauer die beiden großen Kriege in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Sicherlich auch, weil Jahrestage Erinnerungen an die Vergangenheit stärker und bewusster hervorbringen. Das ist wohl im Privaten nicht anders wie in der großen Weltgeschichte. Unter der Vielzahl der Veröffentlichungen leuchten besondere Werke hervor, so die Kriegsreportagen der Amerikanerin Lee Miller.    „Das Grauen – Lee Miller „Krieg““ weiterlesen

Gewalten – D.W. Wilson „Als alles begann“

„Und es gab kein Bedürfnis, keine Sorge mehr – nicht in jenem Augenblick. Alles würde neu werden. Alle müden Wanderer würden ihr Ziel der Ruhe und Versöhnung erreichen. Das war immer die einzige Art, in der es enden würde.“

Es ist der letzte Wunsch seines Großvaters, der Alans Rückkehr in seine Heimatstadt Invermere bewirkt. Der Philosophie-Student lässt seine Doktorarbeit und seine Freundin Darby in der gemeinsamen Beziehungskrise zurück. Sein Großvater Cecil glaubt, nach einem Herzanfall vor dem baldigen Lebensende zu stehen.  Seine Bitte: Alan soll seinen Vater Jack, Cecils Sohn, ausfindig machen. Doch dies ist alles andere als eine leichte Aufgabe. Nicht nur machen schwere Waldbrände in den Rocky Mountains die Fahrt in den Westen zu einem mehr als beschwerlichen Trip. Zwischen Jack und Cecil herrscht seit knapp 28 Jahren Funkstille – genauer gesagt: seit Alan auf der Welt ist. „Gewalten – D.W. Wilson „Als alles begann““ weiterlesen

Von Ost nach Ost – Christa Wolf „Moskauer Tagebücher“

„Vielleicht leben wir zwischen diesen Bergen, beginnen zu ahnen, daß wir immer im Tal sein werden, beginnen darunter zu leiden, können uns aber aus eigener Kraft nicht aufschwingen.“

Das  Land und ihre Menschen ließen sie zeitlebens nicht los. Zehnmal reiste Christa Wolf (1929 – 2011) in die Sowjetunion; zuerst 1957 als junge Journalistin und Autorin, zuletzt 1989 als die Wende dem Sozialismus ein Ende setzte. Über ihre Reisen geben ihre Tagebücher Auskunft, die mehr sind als nur Einträge ihres eigenen Tuns. In ihren Texten, die sie nie als literarisch empfand und nun  von ihrem Mann Gerhard Wolf herausgegeben wurden, beschreibt sie das Land und das Leben, die Sorgen und Nöte der Menschen.  „Von Ost nach Ost – Christa Wolf „Moskauer Tagebücher““ weiterlesen

Alte neue Zeit – Hansjörg Schertenleib „Jawaka“

„Schafft der Zufall Bedeutung, oder hängt alles zusammen, geordnet nach einem Plan, den wir Menschen nicht verstehen können?“

Katastrophenmeldungen beherrschen die Nachrichten. Städte stehen durch den ansteigenden Meeresspiegel unter Wasser. Woanders ist Dürre. Tierarten sterben aus. Terroranschläge fordern unzählige Tote. Es gibt Aufstände und Unruhen in Europa. Nur etwas mehr als 30 Jahre später soll die Erde nicht mehr so sein, wie wir sie kennen. Nach einer globalen Katastrophe leben die Menschen wie im Mittelalter; in kleinen Siedlungen, von Ritualen und Bräuchen geprägt. Die moderne Technik gibt es nicht mehr. Das Geld wurde abgeschafft. „Alte neue Zeit – Hansjörg Schertenleib „Jawaka““ weiterlesen

Nebel des Vergessens – Kazuo Ishiguro „Der begrabene Riese“

„Ein freundliches grünes Tal. Ein hübsches Gehölz im Frühling. Aber  fang an zu graben, und gleich unter den Margeriten und Butterblumen kommen die Toten zum Vorschein.“

In der Literatur scheint nicht nur das Thema Endzeit die Autoren derzeit viel zu beschäftigen. Heinz Helles „Eigentlich müssten wir tanzen“, Cormac McCarthys „Die Straße“, Emily St. John Mandels „Das Licht der letzten Tage“ oder Valerie Fritzschs „Winters Garten“ seien an dieser Stelle genannt. Mehr und mehr finden sich Leser auch bei der Lektüre von ernster Literatur in Märchen und fantastischen Geschichten wieder. David Mitchell und ja auch Haruki Murakami sind da beispielgebend. Mit „Der begrabene Riese“ legt der japanisch-englische Autor  und Gewinner des renommierten Booker-Prizes Kazuo Ishiguro nun seinen lang erwarteten neuen Roman vor, der  ein großes Thema in Form eines Märchens erzählt.  „Nebel des Vergessens – Kazuo Ishiguro „Der begrabene Riese““ weiterlesen