Für die Ewigkeit – Christoph Ransmayr „Cox oder Der Lauf der Zeit“

„Und wer sich ganz seiner Phantasie, seinen eigenen Schöpfungen, seiner Begeisterung ergibt, dem kann die Sonne auf- und wieder untergehen, ohne daß er ihren Lauf bemerkt.“

Die halbe Welt haben sie umsegelt. Auf dem Dreimaster Sirius, nach dem hellsten Stern am nächtlichen Firmament benannt, erreichen der englische Uhrmacher und Automatenbauer Alister Cox und seine drei Mitstreiter das große Reich der Mitte. Als sie den Hafen der chinesischen Stadt Háng zhou, an den Ufern des Qiántáng gelegen, erreichen, zeigt sich sogleich die Macht und Unerbittlichkeit des Kaisers: Auf einem Schafott werden die Nasen von einer Reihe Verurteilten abgehackt. Es soll nicht der einzige Beweis für die Strenge und Gewalt des gottgleichen Herrschers Quianlóng bleiben. Selbst Cox kann sich trotz eines besonderen Auftrags und unter der Obhut des Kaisers stehend nicht wirklich sicher fühlen.

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Phänomen – Elena Ferrante „Meine geniale Freundin“

„Wir waren arm und mussten reich werden, wir hatten nichts und mussten es schaffen, alles zu haben.“ 

Zugegeben: Das Phänomen Ferrante hat mich schon etwas beängstigt, zugleich aber auch fasziniert. Ein Weltbestseller von einer Autorin, die sich hinter einem Pseudonym verbarg und für unzählige Schlagzeilen sorgte. Ein Roman, der keine Weltgeschichte erzählt, sondern „nur“ von einer Freundschaft zweier junger Mädchen, die in einem sozialen Brennpunkt Neapels leben. Ich las „Meine geniale Freundin“, den Auftakt der vierbändigen Reihe – die folgenden Romane werden im Laufe des kommenden Jahres bei Suhrkamp erscheinen -, nachdem nicht nur die Identität der wahren Autorin mit Namen Anita Raja durch einen italienischen Enthüllungsjournalisten offenbart wurde, sondern das Buch bereits in den meisten Medien und auf zahlreichen Blogs besprochen wurde. Viele sehen in dem Roman eine eindrucksvoll erzählte Mädchen-Freundschaft, andere lieben, wie die Kulisse Neapels beschrieben wird. Ich habe das Buch noch unter einem ganz anderen Aspekt betrachtet und würde es jedem ans Herz legen, selbst wenn es nicht schon diese riesige öffentliche Aufmerksamkeit bekommen hätte. „Phänomen – Elena Ferrante „Meine geniale Freundin““ weiterlesen

Vor Anker – Bohuslav Kokoschka „Ketten in das Meer“

„Alles wird zu Asche, denkt daran, was bist du, was bin ich, Asche!“

Kokoschka: Fällt dieser Nachname wird wohl meist der bekannte österreichische Künstler mit dem Vornamen Oskar (1886 – 1980) gemeint. Doch künstlerisch tätig und das auf sehr vielseitige Weise war auch dessen jüngerer Bruder Bohuslav, der sechs Jahre später zur Welt kam. Er war Maler, Grafiker und Autor. Sein Roman „Ketten in das Meer“, den Kokoschka bereits ein Jahr nach dem Ende des Ersten Weltkriegs und mit frischen Erinnerungen an die Zeit als Soldat verfasst hat und erstmals 1972 unter dem Titel „Logbuch des B.K.“ im Münchner Ehrenwirth Verlag erschienen war,  gilt es jetzt, in einer Neuausgabe des Wiener Verlags Edition Atelier zu entdecken.  „Vor Anker – Bohuslav Kokoschka „Ketten in das Meer““ weiterlesen

Achtung – Jakob Wassermann „Faber“

„Womit beginnen? Die Barrikade wird immer höher. Die ungesagten Worte liegen darauf wie Leichen.“

Es gibt Hans Fallada, es gibt Thomas Mann. Zwei Namen, zwei Schriftsteller, die wohl viele kennen. Sei es durch die Lektüre in der Schule, sei es durch das Lesen in den folgenden Jahren. Gerade erlebt Fallada mit einer Reihe an Neuausgaben, im Aufbau Verlag erschienen, eine gewisse Renaissance. Doch es gibt Autoren jener Zeit, deren Namen und Werke heute nahezu vergessen sind. Jakob Wassermann (1873 – 1934) zählte zu Lebzeiten zu den meist gelesenen Schriftstellern. Heute kennen ihn wohl die wenigsten. Doch womöglich könnte eine Neuausgabe wieder die Aufmerksamkeit auf sein literarisches Werk lenken. In der Reihe „Bibliothek der Weltliteratur“ hat nun der Schweizer Manesse Verlag Wassermanns Roman „Faber oder Die verlorenen Jahre“ aus dem Jahr 1924 veröffentlicht.   „Achtung – Jakob Wassermann „Faber““ weiterlesen

Grenzenlos – Reif Larsen „Die Rettung des Horizonts“

„Denken ist zum Geändertwerden da.

Reichlich Zeit hat er sich gelassen. 2009 erschien sein einzigartiges Debüt „Die Karte meiner Träume“. Nun ist der Amerikaner Reif Larsen zurück – mit seinem neuen Roman „Die Rettung des Horizonts“, der wohl nicht minder eindrucksvoll ist, obwohl er in der Gestaltung – sein Erstling war ein Konglomerat aus Text, Skizzen und Fußnoten – nicht gar so überbordernd erscheint. Vielmehr ist diesmal die Geschichte ein kleines Wunderwerk. Sie nachzuerzählen ist dabei gar nicht so leicht. Denn Larsen spannt die Handlung mit ihren fünf Teilen nicht nur geografisch über vier Kontinente und zeitlich über drei Jahrhunderte. Mehrere Erzählfäden fügen sich über mehrere Personen und eine ganz eigene, aus Wissenschaftlern und kreativen Köpfen zusammengewürfelte Aktionsgruppe, die ihre Wurzeln im Norden Europas weiß, zusammen.   „Grenzenlos – Reif Larsen „Die Rettung des Horizonts““ weiterlesen

Abgrund – Romain Rolland „Über den Gräben“

„Wird sich derjenige, der später vielleicht diese endlosen Aufzeichnungen liest, klar werden über die endlosen Tage, Monate, Jahre, die wir in einer seelischen Wüste gelebt haben (…).“

Im und um das Jahr 2014 stand ein Jahrestag im Mittelpunkt der literarischen Öffentlichkeit, dem zahlreiche Erscheinungen gewidmet waren: 100 Jahre waren seit dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges, der Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts, vergangen. In diesem Umfeld veröffentlichte der Verlag C.H.Beck einen besonderen Band, der sowohl jenes geschichtliche Geschehen als auch ein weiteres Jubiläum zusammenführte: 1866, am 29. Januar und damit vor 150 Jahren, kam der französische Schriftsteller Romain Rolland zur Welt. Der Band „Über den Gräben“ gibt Einblicke in die Gedanken und Gefühle Rollands und ist ein Auszug seiner mehr als 2.000 Seiten umfassenden Tagebuchaufzeichnungen, die er in den Jahren 1914 bis 1919 niedergeschrieben hat. „Abgrund – Romain Rolland „Über den Gräben““ weiterlesen