Der weiße Planet – Jørn Riel "Das Haus meiner Väter"

Der weiße Planet: eine von Eis und Schnee überzogene Landschaft, Monate der Dunkelheit wechseln sich mit Wochen im Schein der Mitternachtssonne ab. Nur die am besten Angepasstesten, ob Tier oder Mensch, überleben im rauen Klima der Arktis oder Antarktis. Doch trotz der unwirtlichen Verhältnisse – die Gegend rund um Nord- und Südpol zieht sowohl Entdecker als auch Naturfreunde magisch an.  Der weiße Planet – Jørn Riel "Das Haus meiner Väter" weiterlesen

Religion, Regeln und Ruhe – Klosterlandschaft Sachsen-Anhalts

In der modernen Zeit sind sie Ruhepole geworden, Ziele so manch gestresster Seele. In die historischen Mauern eines Klosters und in einen noch bestehenden Ordensalltag kehren Menschen ein, um für Tage oder Wochen der Hektik zu entfliehen. Doch über einen Erholungsurlaub und als Ausflugsziel hinaus haben diese Stätten eine besondere Bedeutung, und das seit Jahrhunderten. Sie waren Orte intensiven religiösen Lebens. Einige sind es noch immer. Zudem sind sie mit ihren eindrucksvollen Bauten architektonische Schätze einer Kulturlandschaft – auch jene in Sachsen-Anhalt, das reich ist an Klöstern.

 Klosterlandschaft Sachsen-Anhalt heißt ein Band, der in der Reihe Kulturreisen Sachsen-Anhalt im Verlag Janos Stekovics neu erschienen ist. 50 dieser religiösen Stätten in 43 Orten des Bundeslandes   widmet sich das 256-seitige  Buch. Aus dem Burgenlandkreis sind mit  Memleben, Schulpforte, Weißenfels, Zeitz und Posa fünf   Klöster vertreten. Es gibt nicht nur umfassende Informationen über  die einzelnen Klöster mit Angaben zu den Öffnungszeiten,  der Anreise und touristischen Angeboten sowie  zur Historie und dem Erhaltungszustand der Gebäude.   Der Leser erhält vor allem einen Überblick über die  zwischen Elbe und Saale ansässig gewesenen Ordensgemeinschaften,  ihre geschichtliche und kulturelle Bedeutung. Sogenannte Denkanstöße fordern zur Auseinandersetzung mit dem Thema Religion auf.

In einem Vorwort  zum Band schreiben  Harald Schwillus, Professor am Institut für Katholische Theologie und ihre Didaktik an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, und Herausgeber Christian Antz über die Entstehung, das Wirken und die Regeln der verschiedenen Ordensgemeinschaften. In einem Geleitwort ermuntert Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff zudem, die Klosterlandschaft mehr in das Bewusstsein zu rücken – eine Aufgabe, die der Band sich stellt.

Er ist mit seinen zahlreichen Abbildungen wie Fotos, Grundrissen und Lageplänen sowohl eine spannende und anschauliche Geschichtsstunde als auch eine Einladung, die Klöster Sachsen-Anhalts zu entdecken und damit ein bedeutsames kulturelles Erbe zu erleben. Ob nun nach und nach diszipliniert der alphabetischen Ordnung des Buches folgend oder nach der Devise die hiesigen zuerst – auf jeden Fall eignet sich das mit viel Detailfreude und Aufwand gestaltete Werk in seiner kompakten wie handlichen Form als Reiseführer.  Und sicherlich auch als besonderes Weihnachtsgeschenk: für Freunde der Geschichte, Architektur und Religion, oder aber auch für jene, die  in einem Kloster Erholung suchen und ihren Besuch in einer eindrucksvollen historischen Atmosphäre einfach (nur) genießen. 

Klosterlandschaft Sachsen-Anhalt erschien im Verlag Janos Stekovics
256 Seiten, 18,90 Euro

Schreiben übers Schreiben – Siegfried Lenz "Selbstversetzung"

Er zählt zu den stillen Autoren. Wenig hört man von ihm. Die Herren Grass und Walser sind da schon lauter, öffentlichkeitswirksamer. Erscheint indes ein neues Werk von ihm, liest man einige Rezensionen in der Tagespresse. Sonst bleibt es ruhig um Siegfried Lenz. Nach Romanen wie „Deutschstunde“, „Arnes Nachlass“ oder „Schweigeminute“, letztere beide wunderschön, aber auch tieftraurig, fiel mir mit „Selbstversetzung“ kürzlich ein Buch mit Essays in die Hand.

Der recht schmale Band, vor fünf Jahren bei Hoffmann und Campe anlässlich des 80. Geburtstags  des Schriftstellers erschienen, enthält neun Texte, die sich vor allem dem Schreiben und der Literatur widmen. Der 1926 in Ostpreußen geborene Autor erzählt in ihnen vom Beginn seiner unter dem Wirken seines Deutschlehrers erwachten Leseleidenschaft, von seinem ersten Roman „Es waren Habichte in der Luft“, über den großen Einfluss Ernest Hemingways auf sein Schaffen und dem wachsenden Bekanntheitsgrad als Schriftsteller. Viel verrät Lenz dabei von sich: Er berichtet von seiner Kindheit, dem schnellen Erwachsenwerden im Krieg, seinen ersten Schritten als Schreibender, als Journalist. Mit einer nicht kühlen, von oben herabschauenden, sondern vielmehr einer herzenswarmen Ironie erzählt er unter anderem von seiner Straße, in der er mit seiner Frau ein Domizil gefunden hat.  Es sind somit sehr persönliche Erinnerungen und Erfahrungen – von einem großen deutschen Schriftsteller, der in der Jugend auch schon mal zu Groschenheften griff, um seine Lesesucht – Lenz schreibt, er wurde „mit Literatur infiziert“ – zu stillen.

Die Essay entstanden in den 60er und 70er Jahren und vermitteln ein persönlicheres Bild als es eine Biografie jemals zu zeichnen vermag. Wenn man die Werke von Lenz schätzt, sollte man auch zu jenem schmalen Band greifen, um einen Einblick in die Motivation für sein Schreiben zu erhalten. Denn es ist immer die große Frage: Warum schreiben, wenn es doch schon Literatur, gute Literatur gibt? Lenz dazu: „Ich wollte gleichzeitig verstehen und zugeben: so begann ich zu schreiben.“

Und wer Lenz noch nicht kennt? Sollte ihn kennenlernen. Nein, muss ihn kennenlernen. Wenn ich nur fünf Bücher auf eine einsame Insel mitnehmen könnte, ein Lenz wäre sicherlich dabei.

Selbstversetzung von Siegfried Lenz erschien bei Hoffmann und Campe.
Februar 2006
104 Seiten, 25 Euro

Eine Welt auf zwölf Quadratmetern – Emma Donoghue: "Raum"

Jacks Welt besteht aus einem Raum, etwas mehr als einen Dutzend Quadratmeter groß, mit Bett und Badewanne, Teppich und Fernseher und einem Kleiderschrank, in dem der fünfjährige Junge schläft. Ein Fenster gibt es nicht. Nur ein Oberlicht gibt dem Raum etwas Helligkeit, die den Tag von der Nacht trennt. Manchmal erblickt der Junge dort den Mond – der einzige Beweis für die Welt da draußen und der einzige, wenn auch leblose Zeuge der schrecklichen Geschehnisse. Geschehnisse, die einen an entsetzliche, indes auch reale Nachrichten von Entführungen und jahrelangen Missbrauchs erinnern, die trauriges Vorbild für den Roman „Raum“ der Amerikanerin Emma Donoghue sind.

Der Täter im Buch trägt den Namen Old Nick. Vor sieben Jahren entführte er Jacks Ma, damals eine junge Collagestudentin von gerade mal 19 Jahren. Er sperrte sie in den Raum, errichtet in einer Gartenlaube, abseits der Stadt und vergeht sich seitdem an ihr. Mehrmals, regelmäßig. Auch Jack – Ergebnis einer Vergewaltigung – wird diese Greueltaten erleben. Er schildert die Ereignisse und die Personen aus seiner kindlichen Sicht, mit seiner begrenzten, fehlerhaften Sprache, die sowohl Folge jener schrecklichen Lebensverhältnisse ist als auch das besondere sprachliche Merkmal des Buches bildet, das zum fünften Geburtstag des Jungen einsetzt und mit einem Neuanfang für Mutter und Kind im Draußen und nach vielen, ebenfalls schmerzhaften Ereignissen endet. Ereignisse, die den Leser sehr berühren, sich regelrecht eingraben und gerade durch die Perspektive des Kindes an Wirkung gewinnen.

Denn seine Erfahrungen begrenzen sich auf jenen Raum, auf die wenigen, abgenutzten Dinge oder jene Sachen, mit denen Old Nick die beiden versorgt. Jack kennt nicht die Welt da draußen, sondern eine künstliche Welt, die für seine Mutter und ihn in Form des licht- und schalldichten und versiegelten Raumes geschaffen wurde und die sich ab und an auch in Fernsehsendungen zeigen. Jacks Verhältnis zu seiner Mutter ist deshalb sehr eng. Sie versucht ihm so gut es den Umständen geht, ein „normales“ Leben über die reine Existenz hinaus zu bieten und ihn zu erziehen. Diese starke Bindung wird im Laufe des Buches indes auf eine Belastungsprobe gestellt, als das Kind nach der gelungenen Flucht mit jener anderen Welt konfrontiert wird und diese erste entdecken muss, jeden Quadratmeter, kleine und große Personen und Dinge und sich ob dieser Fremdheit Sehnsucht nach dem engen Raum hat.
Mit diesem Roman ist Donoghue ein besonderes Buch gelungen. Es packt einen, es beißt regelrecht und lässt einen so schnell nicht los. Man leidet mit, man lacht allerdings auch ab und an aufgrund Jacks kesser und neugieriger Blick auf die Welt und trotz der tieftraurigen und unvorstellbaren Erlebnisse. Man erfährt eine Achterbahn der Gefühle, vor allem weil es der Autorin wunderbar gelingt zu zeigen, dass die kleinen schönen Dinge des Lebens in ihrer Mehrzahl sowie Liebe, Hoffnung und Glaube manches Mal nicht von Schmerz, Gewalt und Qualen überwältigt werden können.

„Raum“ ist trotz seiner schockierenden Geschichte somit ein recht positives Buch – auch wenn die Realität meist ein Happyend nicht kennt. Donoghue setzt der engen Beziehung zwischen Mutter und Kind ein literarisches Denkmal, während sie einige Gesellschaftsbereiche dagegen scharf angreift, wie beispielsweise die sensationsgierige Medienwelt, die das Schicksal von Mutter und Sohn so gut es geht verkaufen will. Worauf allerdings die Autorin mit ihrer Geschichte keine Antwort weiß – wie kann so viel Gewalt und Menschenverachtung überhaupt entstehen.

Raum von Emma Donoghue ist im Piper-Verlag erschienen.
In der Übersetzung von Armin Gontermann
August 2011
416 Seiten, 19,99 Euro

Fotoalbum – Jonathan Coe: "Der Regen bevor er fällt"

Selbst im digitalen Zeitalter haben Fotos, richtige, entwickelte Fotos eine geradezu unheimliche Magie. Die besonderen hängen hinter Glas und eingerahmt an den Wohnzimmerwänden, andere werden bei Feiern aus dickleibigen Alben herausgesucht. Jedes Bild birgt dabei eine Erzählung, eine Geschichte aus meist längst vergangenen Tagen, über Menschen und Geschehnisse. Über die Kraft der Bilder und ihre großen Inhalte hat der englische Autor Jonathan Coe einen Roman mit dem Titel „Der Regen, bevor er fällt“ geschrieben, der Frauenschicksale über mehrere Generationen verfolgt.

Rosamund hinterlässt eine ganze Reihe Fotos. Und Tonbänder, die sie vor ihrem Tod besprochen hat. Für Imogen, die Enkelin ihrer Cousine Beatrix, zu der Rosamund in der Jugendzeit ein inniges Verhältnis hatte. Auf den Tonbändern erklärt sie Fotos der Familie. Denn Imogen ist seit ihrer frühesten Kindheit blind. Zudem ist sie schon seit vielen Jahren spurlos verschwunden. Gill, Rosamunds Nichte, soll Imogen ausfindig machen und ihr die Tonbänder übergeben. Denn darauf erzählt die Verstorbene nicht nur, was auf den Fotos aus der Vergangenheit zu sehen ist, sie erzählt zudem die wahre Geschichte der Familie, die zugleich eine sehr traurige ist.

Gill hört gemeinsam mit ihren beiden Töchtern Catharine und Elizabeth die Tonbänder an und erfahren, dass sich ein Merkmal in durch die ganze Familie zieht. Es ist die Lieblosigkeit von Mutter zu Tochter, die seelische Kälte, die von Generation zu Generation übertragen wird, verlorene Chancen im Leben. Bereits Beatrix, eigentlich in guten finanziellen Verhältnissen während dem Krieg und der Nachkriegszeit nahe Birmingham aufgewachsen, erlebt die Strenge und das fehlender Verständnis ihrer Mutter. Sie selbst wird ebenfalls keine Mutter für Thea, für die Mutter von Imogen sein. Um einen Mann zu gewinnen, lässt sie die Kleine bei Rosamund und ihrer Freundin Rebecca mehrere Jahre zurück, um sie schließlich später aus der mittlerweile kleinen gewachsenen Familie wieder herauszureißen. Thea für immer von diesen unsicheren Verhältnissen geprägt, stürzt ab: lebt zeitweise verarmt in besetzten Häusern und Wohnbungalows. Imogen wird nach einem Unfall, bei dem sie erblindet, in eine Pflegefamilie gebracht wird.
Doch Rosamund blickt nicht nur auf dieses traurige Erbe zurück, das von der Großmutter sich bis zum Enkel zieht, sondern die Frau erzählt zudem ihre eigene, ungewöhnliche Geschichte. Eine Geschichte über die Liebe zum gleichen Geschlecht, zwei Beziehungen mit traurigem Ausgang. Ihrem eigenen Leben, zurückgezogen in der einstigen Heimat Shropshire, setzt sie schließlich ein selbst gewähltes Ende. Vielleicht aus Traurigkeit, aufgrund fehlender Lebenskräfte, die in den Jahren aufgebracht wurden, als sie versuchte, jeder der Frauen, Beatrix, Thea und Imogen, zur Seite zu stehen, mit ihrer Liebe und Geborgenheit. Aber die Suche nach Imogen gestaltet sich letztlich für Gill schwierig – aus tragischem Grund.

Frauenschicksale über mehrere Generationen literarisch in den Mittelpunkt zu stellen, ist nichts Neues. Vielmehr ist die Art, mit welchem Hintergrund – im wahrsten Sinne des Wortes – dieses Erzählen geschieht, etwas Neues. Autor Jonathan Coe wählt als Hintergrund für die Erzählungen Rosamunds Familienfotos. 20 sind es genau, die sie für Imogen beschreibt. Sehr detailliert mit Blick auf die Szenerie sowie Mimik und Gestik der dargestellten Personen. Dabei ist Rosamund eine Erzählerin, die sich sehr, sehr gut erinnern kann. An Stimmungen innerhalb einer Gruppe, an die Handlungen, die sich aus der auf jedem einzelnen Foto dargestellten Situation entwickelten. Auch wenn ihr Blick auf die damaligen Ereignisse und ihr Verhältnis zu den Personen immer ein subjektives und mit Gefühlen verbunden ist. So muss sie in besonders traurigen Situationen den Erzählfluss unterbrechen, sich einen Schluck Whiskey gönnen, um wieder zur inneren Ruhe zu kommen.

Zeitlich spannt sich ein Rahmen von den ersten Kriegsjahren, in denen Rosamund in der Familie von Beatrix entfernt von der von Bomben bedrohten Stadt auf dem Land lebt, bis in die heutige Zeit. Neben diesem geschichtlichen Thema, der „Verschickung“ von Kindern in die Sicherheit, wird ein eher gesellschaftliches in den Fokus gerückt: Es ist das Problem, das gleichgeschlechtliche Beziehungen haben, in der Gesellschaft anerkannt und respektiert zu werden. Auch eine Gemeinschaft, in der Kinder erwachsen werden können.
Coe setzt in all den kleinen Geschichten der Frauen einen besonderen Kontrast: In einer scheinbaren Idylle wächst eine emotionale Kälte aus Egoismus und Selbstzweifel, aus fehlendem Verständnis und Verantwortungslosigkeit heran. Dies muss Beatrix, genauso wie ihre eigene Tochter Thea erleben. Sie prägt im Übrigen jenen Satz, der zugleich Titel des Buches ist. Sie sah in der Kinderzeit mit ihrer Nachdenklichkeit und Neugier hinter die Dinge, auch wenn die besondere Gabe ihr nicht helfen konnte, ein zufriedenes Leben zu führen.

Die geschilderten Ereignisse haben dabei eine Wucht, eine Kraft, die den Leser viel mehr beeindrucken, als die etwas dahinplätschernde Rahmenhandlung, in der Gill auf die Tonbänder stößt und diese abhört. Diese hat nur am Ende wirkliche Bedeutung, als die Geschichte von Imogen, ihr Leben in der Pflegefamilie, die Thea ausfindig macht, im Mittelpunkt steht. Eine Rezension hat dieses Buch etwas mit „Abbitte“ von Ian McEwan verglichen, da beide Romane hinter die Muster der Geschichte und den Generationen blicken, beschreiben, was eine Handlung für Auswirkungen hat. Allerdings schafft es „Der Regen, bevor er fällt“ nicht, an die immense Wirkung des kürzlich verfilmten Bestsellers des ebenfalls englischen Autors heranzukommen. Während dieser beschreibt, welchen Keil eine Aussage, eine Lüge eines Mädchens, zwischen zwei Menschen treiben und ihr Schicksal verändern, entsteht in Coes Roman vielmehr ein Puzzle aus ähnlichen Handlungen, die letztlich jedoch einen ebenfalls grausamen Einfluss auf das Leben engster Familienmitglieder haben.
„Der Regen, bevor er fällt“ erscheint als ein sehr melancholischer und ergreifender Roman. Er ist ein besonderes Leseerlebnis für all jene, die Geschichten mit einer speziellen Erzählweise sowie Tiefgang mögen. Es sind Geschichten, die hinter die Dinge, hinter ein ganze Generationen und ein Stück Historie blicken, auch wenn dieser Blick schmerzen kann und wird.

Jonathan Coe zählt zu den bekanntesten englischen Autoren der Gegenwart. 1961 in Birmingham geboren, studierte Coe an der King Edwards School in Birmingham sowie am Trinity College in Cambridge. Mit seiner Promotion zu Henry Fieldings „Tom Jones“ lehrte er englische Literatur an der Warwick University. Zudem arbeitete er als Musiker, schrieb Jazz-Stücke und fürs Kabaret. Er debütierte 1987 mit dem Roman „The Accidental woman“. Seine literarischen Werke zeichnen sich vor allem durch ihre Satire und ihre Hinwendung zu sozialen Themen aus, mehrere sind zudem verfilmt worden. Zu den Auszeichnungen, die Coe bisher in Empfang nehmen durfte, zählen unter anderem der Writers‘ Guild Award und der Prix Médicis Etranger (The house of sleep). Für eine Biografie über B.S. Johnson erhielt der englische Autor den Samuel-Johnson-Prize. Jonathan Coe lebt mit seiner Familie in London.

Der Regen bevor er fällt von Jonathan Coe erschien in der Deutschen Verlags-Anstalt
In der Übersetzung von Andreas Gressmann
August 2009
304 Seiten, 18,95 Euro

Jonathan Lethem – "Chronic City"

Nichts ist mehr, wie es war. Der einst erfolgreiche Serienstar Chase lebt nur noch von den Tantiemen für seine jetzigen Mattscheiben-Auftritte in Endlosschleife und vertrödelt den Tag in einem weichplüschigen Kinosessel mit Blick auf die aktuellen Leinwand-Stars, der berüchtigte Rockkritiker Perkus verkrümelt sich dagegen in seiner heimischen Rumpelkammer, mit ein paar selbst gedrehten Joints und Verschwörungstheorien a la „Brando lebt“ lebt es sich halt gut. Und New York? Nun, New York macht weiterhin wie gehabt kräftig Schlagzeilen, von einem Tiger ist immer wieder die Rede, der Häuser einstürzen lässt. Hat man so etwas schon gesehen? Aber was man nicht gesehen hat, liest, hört oder sieht man ja in den Medien, der Ersatz der realen Wirklichkeit schlechthin.

Auch Chase erhält seine Informationen über seine Verlobte Janice, die als Astronautin im All in gefährlichen Nähe zu einem von den Chinesen ausgesetzten Minengürtel herumschwirrt, aus der Presse: Ihre Liebesbriefe werden in der Zeitung abgedruckt und sorgen für Gesprächsstoff. Und nicht nur das. Chase muss seine Rolle als Verlobter der wagemutigen Astronautin spielen, ob er will oder nicht. The Show must go on – gerade in einer von den Medien inszenierten und diktierten Welt, wie sie im Roman „Chronic City“ des amerikanischen Autors Jonathan Lethem entsteht.

Hier tummeln sich nicht nur Chase und der frühere Rockkritiker Perkus. Zum Zirkus makabrer Gestalten gesellen sich Richard, ein einstiger Hausbesetzer, der jetzt einen recht ruhigen Posten im New Yorker Rathaus innehat, und Oona, Ghostwriterin obskurer Autobiografien und Geliebte von Chase. Man trifft sich auf High-Society-Partys oder im von Jointrauch durchnebelten Appartement von Perkus. Manchmal auch auf einen Burger in einem Imbiss um die Ecke.

Die Geschichte entlang eines roten Fadens nachzuerzählen, fällt schwer, wenn dies nicht sogar ein Ding der Unmöglichkeit ist. Die Figuren und Episoden drehen sich förmlich umeinander. Manchmal entsteht der Eindruck einer nahezu willkürlich zusammengesetzten Collage oder eines gestörten Fernsehempfanges, wie zu DDR-Zeiten, als der Empfang des West-Fernsehen gestört war und das Bild über die Mattscheibe rollte. Der rote Faden bilden neben den Personen Symbole, deren rätselhafte Bedeutung und Inhalt im Laufe des Romans erklärt werden, wie jenen Tiger, der sich als außer Kontrolle geratene Maschine entpuppt oder jenes so genannte Kaldron, ein virtueller Heiliger Gral, auf dessen vergebliche Suche sich Perkus, Chase und Richard machen.

All dies stellt Ansprüche an den Leser, fordert Geduld und Mut zu verqueren Deutungen. Belohnt wird man indes mit humorvollen Szenen, einem Haufen wunderbar gestalteten schrägen Figuren und einer Geschichte, die auch über das Lesen hinaus zum Nachdenken anregt dank weiser Sätze, vor allem aus dem Mund des einstigen Musikkritikers, dessen Gedankenwelt geformt aus Film- und Song-Interpretationen schließlich keine Verschwörungstheorien, sondern die Wahrheit darstellen.
Am Ende des Buches fragt man sich, was ist Wirklichkeit, was nur ein umkonstruiertes Abbild der Realität, fern derselben? Welche Rolle spielt jeder Einzelne? Ist dieses New York des Romans eine Science-Fiction-Welt oder vielmehr ein übersteigertes Bild der modernen Metropole. Was man schließlich diesem wunderbaren Werk einzig und allein vorwerfen könnte, ist das Fehlen der Bemühungen, die Figuren dem Leser ans Herz wachsen zu lassen. Sie erscheinen plastisch, aber allzu oft fern. Wie Janice, die sich schließlich im All auflöst, nur noch als Briefschreiberin in Erscheinung tritt, aber am Ende ist auch das ein Trugschluss.

Chronic City von Jonathan Lethem erschien bei Klett-Cotta
In der Übersetzung von Johann Ch. Maass und Michael Zöllner
Februar 2011
490 Seiten, 24,95 Euro