Schatten – Christoph Hein „Glückskind mit Vater“

„Mit unseren Erinnerungen versuchen wir, ein missglücktes Leben zu korrigieren, nur darum erinnern wir uns. Es sind die Erinnerungen, mit denen wir uns gegen Ende des Lebens beruhigen.“

Der folgende Gedanke macht zugegeben recht traurig: Der Wunsch auf ein selbstbestimmtes Leben bleibt meist unerfüllt, erweist sich als Trugschluss, als Fantasie. Selbst wenn wir hoffen, wenn wir tapfer, wenn wir ehrgeizig sind. Unser Lebensweg wird oft in andere, nicht gewollte und erwünschte Richtungen gelenkt. Christoph Heins neuer Roman „Glückskind mit Vater“ erzählt davon und weckt ein melancholisches Gefühl wie er wiederum glücklich macht, einen besonderen Helden kennengelernt zu haben.  „Schatten – Christoph Hein „Glückskind mit Vater““ weiterlesen

Schattenwelt – Mathias Énard „Zone“

„(…) ich weiß nicht warum ich bedauere man bedauert so vieles im Leben Erinnerungen die manchmal wieder zu brennen beginnen Schuld Reue Scham die schweren Lasten der westlichen Zivilisation.“

Seine Zugfahrt wird zu einer Reise in die Vergangenheit. Der Geheimagent Francis Mirkovic sitzt im Pendolino von Mailand nach Rom. Er ist ein Reisender erster Klasse mit fremder Identität. Er nennt sich nach einem früheren Schulkameraden und jetzigen Psychiatrie-Insassen Yves Deroy. In seinem Koffer befinden sich Dokumente und Fotos von Kriegsverbrechern, die er über mehrere Jahre gesammelt hat. Nicht nur deren Geschichte treibt ihn um. Auch seine eigene Vergangenheit lässt ihn nicht mehr los. Allen voran sein Einsatz im Balkan-Krieg und seine spätere Spionage-Tätigkeit in der „Kampfzone“ zwischen Algier und Damaskus. „Schattenwelt – Mathias Énard „Zone““ weiterlesen

Überleben – Anthony Marra „Die niedrigen Himmel“

„Unter der Wolkendecke sahen ferne Städte und Dörfer winzig aus. Angreifer wie Angegriffene klammerten sich an ihre Handvoll Erde, aber am Ende lebte die Erde länger als die Hände, die sie umschlossen.“

Nahezu abseits unserer Gedankenwelt gab es einen Krieg, dem wenig später ein weiterer folgte. Bis heute erfährt Tschetschenien wenig Aufmerksamkeit – wie wohl eine Vielzahl jener Staaten, die nach dem Zerfall der Sowjetunion ihre Selbstständigkeit errungen haben.  Die Republik im Nordkaukasus wurde gleich zweimal von Krieg und Elend (1994 – 1996/1999 – 2009) getroffen. In seinem Debüt-Roman „Die niedrigen Himmel“ erzählt der Amerikaner Anthony Marra vom Leid der Bevölkerung und ihrem Kampf ums Überleben.  „Überleben – Anthony Marra „Die niedrigen Himmel““ weiterlesen

Verloren – Joan Sales „Flüchtiger Glanz“

„Wir brauchen die Phantasie und das Mysterium, um diese Welt zu verwandeln, in die es uns verschlagen hat, ohne das wir wüssten, warum und auf welche Weise!“

Die Welt taumelt in Richtung Abgrund. Es sind nur noch wenige Jahre bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkriegs. In Spanien wird für das kommende Gemetzel geprobt. Nicht Länder prallen aufeinander. Im Bürgerkrieg (1936 – 1939) stehen sich politische Systeme und Weltanschauungen gegenüber. Viele Bücher gibt es über jene Jahre. Mit dem Roman „Flüchtiger Glanz“ des Katalanen Joan Sales (1912 – 1983) ist nun ein Meisterwerk wiederentdeckt und erstmals ins Deutsche übersetzt worden. „Verloren – Joan Sales „Flüchtiger Glanz““ weiterlesen

Freiheit – Gunnar Cynybulk „Das halbe Haus“

„Vater hat immer gesagt, alles hier bei uns ist eine einzige große Lüge, ein Scheißhaufen, der mit Häkeldeckchen aus Worten zugedeckt ist. Aber das stimmt nur halb. Es ist ein großer Mist, und zugleich ist es schön.“

Die einen preisen dieses Land, die anderen verfluchen es. Jeder hat seinen ganz eigenen Blick auf das Land DDR. Die Debatten über die „Zone“, wie der Osten vom Westen einst genannt wurde, sind noch längst nicht erschöpft; nicht zwischen den Generationen, nicht in Kunst und Kultur. Weiterhin werden Fotografien und Filme gezeigt, Bücher geschrieben. Im selben Jahr wie Lutz Seilers „Kruso“ erschien der Roman „Das halbe Haus“ von Gunnar Cynybulk. Der Autor des einen Buchs erhielt den Deutschen Buchpreis, der des anderen leider „nur“ wohlwollende Kritiken.  Doch beide Romane weisen Parallelen auf.  „Freiheit – Gunnar Cynybulk „Das halbe Haus““ weiterlesen

Spuren – Christoph Poschenrieder „Das Sandkorn“

„Viele werden zum Treibgut; indem sie mittreiben, spüren sie am wenigsten Widerstand.“

Es gibt Bücher, die verlangen nach dem richtigen Moment. Wenn der noch nicht gekommen oder bereits vergangen ist, kann es geschehen, dass das Buch in Vergessenheit gerät. „Das Sandkorn“ von Christoph Poschenrieder ist so ein Buch. Ich kaufte es im vergangenen Frühjahr auf der Leipziger Buchmesse, las es an und legte es wieder weg.  „Spuren – Christoph Poschenrieder „Das Sandkorn““ weiterlesen