„Aber die wahren Wunden sind andere. Die niemand sieht. Die die Leute im Geheimen tragen. Und die erklären alles.“
Seine Mutter war eine Prostituierte. Seinen Vater kennt er nicht. Als Jugendlicher wurde er straffällig und Handlanger eines kolumbianisches Kartells. Bis er verhaftet wurde, ins Gefängnis kam – und sich wandelt. Aus dem Kriminellen Melchor Marin wird ein Polizist. Mit „Terra Alta. Geschichte einer Rache“ startet der Spanier Javier Cercas seine Reihe um den Ermittler mit der ungewöhnlichen Vergangenheit. Ein spannender Auftakt, der 2019 mit dem Premio Planeta, dem höchstdotierten spanischen Literaturpreis, ausgezeichnet wurde und das vielschichtige Porträt eines besonderen Mannes mit einem dunklen Kapitel spanischer Geschichte verbindet.
„Warum bricht uns das Schicksal, wie der Wind das Schilf bricht?“
1926 erhielt die Italienerin Grazia Deledda (1871 – 1936) den Literaturnobelpreis. Als erste Autorin ihres Landes und nach der Schwedin Selma Lagerlöf (1909) als zweite Schriftstellerin auf der Welt überhaupt. In seiner Laudatio hob das damalige Nobelpreis-Komitee „ihre von Idealismus getragenen Werke, die mit Anschaulichkeit und Klarheit das Leben auf ihrer Heimatinsel schildern und allgemein menschliche Probleme mit Tiefe und Wärme behandeln“ hervor. Wurde der Preis vor allem ihrem 1920 erschienenen Roman „La Madre“ zugeschrieben, bildet auch in ihrem Roman „Canne al vento“ („Schilf im Wind“) ihre Heimat Sardinien den Schauplatz des Geschehens. Das bereits 1913 veröffentlichte Werk kann aus Anlass des 150. Geburtstags der Autorin nun in einer überarbeiteten und sehr ansprechenden Ausgabe neu- beziehungsweise wiederentdeckt werden.
Ein junger Mann stellt Landgut auf den Kopf
„Schilf im Wind“ beginnt mit der ruhigen Beschreibung einer Abendszene. Efix, der Knecht der drei Damen aus dem Hause Pintor, sitzt vor seiner kargen Hütte und schaut auf sein Tagwerk: der Verstärkung eines Damms nahe dem Landgut, auf dem er angestellt ist. Das hat schon bessere Zeiten erlebt, ist mitterweile verfallen. Ruth, Noëmi und Esther leben allein und zurückgezogen, seitdem ihre Eltern tot sind. Mit Giacinto kehrt eines Tages die Vergangenheit zurück, zieht auch eine gewisse Unruhe in das Leben der drei Damen ein. Er ist ihr Neffe, der Sohn ihrer Schwester Lia, die vor einigen Jahren die Familie verlassen und mit Hilfe von Efix, der damals eine große Schuld auf sich geladen hatte, Hals über Kopf geflüchtet war. Die Ankunft des jungen und attraktiven Mannes wird von den Pintor-Frauen und den Einwohnern des Dorfes mit reichlich Argwohn gesehen. Nur Efix, der für seine Arbeit keinen Lohn erhält, allerdings den Frauen loyal und treu ergeben ist, verteidigt den Neuankömmling, auch dann als dieser sich hoch verschuldet, betrügt und damit die Familie in finanzielle Nöte bringt. Der Knecht, gottesdürchtig sowie von seiner Malaria-Erkrankung geplagt, versucht immer wieder, zwischen den Frauen und dem jungen Mann zu vermitteln. Bis sich die Lage zuspitzt, sowohl Giacinto als auch Efix das Dorf verlassen.
Deleddas Roman führt zurück zum Beginn des 20. Jahrhunderts, in eine Zeit, die mit ihren Bräuchen und Ritualen, aber auch mit ihrer Mystik und dem tief verwurzelten Aberglauben der Menschen archaische Züge aufweist. Feste sowie der stetige Ablauf der Jahreszeiten prägen den Verlauf des Jahres. Besondere, oft auch tragische Ereignisse werden Gott oder mystischen Gestalten wie Kobolden zugeschrieben. Man gewinnt bei der Lektüre den Eindruck, an manchen Stellen ein Märchen zu lesen. Das Schicksal bestimmt das Leben jedes Einzelnen, wie der Wind das Schilf bewegt, wie es an einer Stelle im Buch heißt, das zudem einige biblische Verweise enthält. An einem eher überschaubaren, aber sehr vielfältigen Personenensemble widmet sich Deledda den Fragen ihrer Zeiten: der Rolle der Frau, die erst Bedeutung erlangt, wenn sie verheiratet ist und Kinder zur Welt bringt, sowie den verschiedenen gesellschaftlichen Schichten, den Standesunterschieden zwischen der armen Landbevölkerung und dem Adel.
„Da gibt es welche, die sich beugen und andere, die brechen, und wieder andere, die sich heute noch widersetzen, morgen aber sich beugen und brechen.“
Die Autorin stammte selbst aus einer wohlhabenden Familie, die Wert auf ihre Ausbildung legte, obwohl ihre Mutter Analphabetin war. Geboren wurde sie in der Stadt Nuoro, die im Roman mehrfach Erwähnung findet. Schon als Jugendliche veröffentlichte sie in Zeitungen und Zeitschriften erste Erzählungen und Gedichte. Nach der Heirat mit einem Minsterialbeamten verließ sie ihre Heimat und zog nach Rom, wo sie bis zu ihrem Tod mit ihrer Familie lebte.
Büste von Grazia Deledda in Rom – Foto: Lalupa/Wikipedia
Ihre enge Bindung an Sardinien hat Deledda, die mit ihren zwiespältigen Aussagen zu Mussolini nach dem Zweiten Weltkrieg aus dem Blick der Öffentlichkeit geriet, jedoch zeitlebens nie verloren. In ihren Werken, so auch in „Schilf im Wind“, spielt die Landschaft und das Leben auf der malerischen Mittelmeer-Insel eine wesentliche Rolle. Die überaus bildhaften wie sinnlichen Beschreibungen der verschiedenen Landschaftselemente, der Flora und Fauna nehmen einen breiten Raum ein und zeichnen dieses Werk auf besondere Weise aus.
Die schön gestaltete Neuausgabe erinnert beispielgebend nicht nur an das Wirken der italienischen Schriftstellerin und weckt das Interesse, sich mehr mit dem Schaffen Deleddas auseinanderzusetzen. Für die Edition wurde die historische Übersetzung, für die Bruno Goetz einst verantwortlich zeichnete, von Jochen Reichel überarbeitet, der darüber hinaus einen sehr umfangreichen Anmerkungsapparat erstellte, der über den Roman hinaus viele interessante Informationen zu Sardinien in der damaligen Zeit vermittelt.
Erinnerung an einen anderen Klassiker
Mit Blick auf die präzise Ausgestaltung der einzelnen Figuren mit all ihren Stärken und Schwächen, Gedanken und Gefühlen, ihren Bindungen und Beziehungen zueinander sowie das tragische und berührende Ende ließ mich die Lektüre von „Schilf im Wind“ an Olive Schreiners Klassiker „Die Geschichte einer afrikanischen Farm“ erinnern, der kürzlich ebenfalls bei Manesse erschienen ist, obwohl sich in Deleddas eindrücklichem Werk über Schuld und Vergebung der Schauplatz des Geschehens – das mediterrane Sardinien, heute beliebter Reiseort vieler – weit farbenprächtiger und prägnanter in der Gedankenwelt des Lesers entsteht. Kopfkino pur!
Eine weitere Besprechung gibt es auf dem Blog „Lesestunden“.
Grazia Deledda: „Schilf im Wind“, erschienen als überarbeitete Neuausgabe im Manesse Verlag, in der Übersetzung von Bruno Goetz, mit Anmerkungen von Jochen Reichel und einem Nachwort von Federico Hindermann; 448 Seiten, 25 Euro
„Alle tuten ins selbe Horn, das große Orchester eines kleinen Landes.“
Sonnabendvormittag. Zeitungslektüre auf der Parkbank. Ein Beitrag, obwohl recht kurz gehalten, springt mir sofort ins Auge: In Belarus soll das Pen-Zentrum aufgelöst werden. Mit Schlagzeilen, die sich in den vergangenen Wochen und Monaten zu mehren scheinen, rückt das osteuropäische Land mit seinen knapp zehn Millionen Einwohner zunehmend in den Fokus. Die Verhaftung eines regimekritischen Bloggers nach der erzwungenen Landung eines Flugzeugs, die Schließung des Goethe-Institutes nach dem Druck der Behörden, eine Leichtathletin, die sich während der olympischen Spiele in Tokio in die Obhut der japanischen Polizei begibt und Schutz sucht in der polnischen Botschaft. Es sind nur einige Beispiele, die Liste ließe sich getrost fortsetzen. Mit den diktatorischen Zügen seines Heimatlandes beschäftigt sich der belarussische Autor Sasha Filipenko in seinem bereits 2014 veröffentlichten Debüt-Roman „Der ehemalige Sohn“, der nun auch in deutscher Übersetzung erschienen ist. Ein eindrückliches Buch, das aktueller denn je ist.
Es ist Sommer. Eine scheinbar sorgenlose Zeit. Eine drückende Hitze und Trockenheit schweben über dem kleinen süditalienischen Dorf Acqua Travese. Aller zwei Wochen kommt der Tankwagen in den Ort, um Wasser zu bringen. Mit weiteren Kindern und seiner kleinen Schwester Maria streift der neunjährige Michele durch die Gegend. Bei einem ihrer Ausflüge erreichen die Kinder ein verlassenes und verfallenes Haus. Dort macht der Junge eine schauerliche Entdeckung, die sein Leben verändern soll. In seinem 2001 erschienenen Roman „Ich habe keine Angst“ („Io non ho paura“) blickt der preisgekrönte italienische Schriftsteller Niccoló Ammaniti in die Abgründe der menschlichen Seele, erzählt aber auch von Freundschaft und Loyalität. „Backlist #19 Niccolò Ammaniti – „Ich habe keine Angst““ weiterlesen →
„Blättere“ ich durch meine digitalen Fotoordner und meine Erinnerungen an vergangene Urlaubsreisen, fällt mir eine Besonderheit auf. Ich reise oft und gern ans Meer. Zweifellos: Ich bin ein Meeresmensch. Vor allem Inseln haben es mir angetan, auf denen man dem Meer gefühlt viel näher kommt. In der Kindheit ging es auf die Insel Usedom, meine Au Pair-Zeit nach dem Abitur verbrachte ich auf der norwegischen Vogelinsel Runde. Mein absoluter Wohlfühlort ist Ahrenshoop auf dem Darß. Hiddensee, Poel, Terschelling, Föhr, Amrum, Korfu, La Gomera, Bornholm, Senja – die Liste „meiner“ Meeresorte beziehungsweise Inseln hat bereits eine gewisse Länge erreicht. Und meine Wunschliste für künftige Touren hat mit Svalbard (Spitzbergen), Grönland und die Färöer einige kühlere Exoten vorzuweisen. Nicht nur aus diesem Grund bin ich förmlich eingetaucht in den neuen Band der Autorin und MDR-Redakteurin Bettina Baltschev „Am Rande der Glückseligkeit“, dessen Untertitel „Über den Strand“ schließlich den entscheidenden Hinweis gibt, wohin es geht.
2061 soll er wieder von der Erde aus zu beobachten sein. Rund aller 74 bis 79 Jahre kehrt er zurück – der Halleysche Komet. Benannt ist er nach dem englischen Astronomen, Mathematiker und Meteorologen Edmond Halley (1656 – 1742). Der Finne Olli Jalonen erinnert mit seinem jüngsten, auch preisgekrönten Roman „Die Himmelskugel“ an den bekannten Wissenschaftler, der durch seine vielfältigen Forschungen in die Geschichte eingegangen ist. Doch im Mittelpunkt der Handlung steht eine ganze andere, überaus imponierende weil eigenwillige Person.