Flucht – Ulrich Alexander Boschwitz „Der Reisende“

„Das Leben ist uns verboten.“

Es gibt nur sehr wenige Bücher, die sich auf zweifache Weise in uns graben, an uns rütteln, uns aufwühlen, uns innerlich in Bewegung setzen: mit ihrer Handlung sowie der komplexen Geschichte, die sich um die Entstehung, ihren Autor und ihre Veröffentlichung ranken. Der Roman „Der Reisende“ von Ulrich Alexander Boschwitz (1915 – 1942) ist eines dieser wertvollen und eindrücklichen Bücher. Als ich dessen Lektüre samt Nachwort beendet habe, ging mir eine Frage immer wieder durch den Kopf: Welche Bücher hätte Boschwitz noch schreiben können, hätte er diesen furchtbaren Krieg überlebt? Welchen Platz in der Literaturgeschichte hätte er eingenommen? Doch diese Sätze im Konjunktiv bleiben unbeantwortet. Es gibt nur die Hoffnung, dass Boschwitz und sein Werk nie mehr vergessen und bekannter werden.

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Ein Jahrhundert – Holger Siemann „Das Weiszheithaus“

„Wir sollen für das Haus sorgen wie für ein lebendiges Wesen, dann wird das Vertrauen wachsen, dann werden wir eine Familie sein, Brüder und Schwestern (…).“

Ein Haus bietet nicht nur seinen Bewohnern ein Dach und ein Zuhause. Es könnte auch erzählen – vom Lauf der Zeit mit all ihren Geschehnissen, Veränderungen und Erscheinungen sowie von den Geschichten über das Leben und Schaffen der Menschen. Wenn es nicht schon sie es sind, die berichten. In seinem neuen wunderbaren Roman „Das Weiszheithaus“ setzt Holger Siemann ein Mietshaus in Berlin in den Mittelpunkt des Geschehens und lässt dessen Bewohner sprechen – von lichten wie von dunklen Zeiten.  „Ein Jahrhundert – Holger Siemann „Das Weiszheithaus““ weiterlesen →

Drei Frauen – Svealena Kutschke „Stadt aus Rauch“

„Sie hatte gerade die Angst vor der Dunkelheit verloren, als sie lernte, dass es die Dunkelheit war, in der Menschen verschwanden.“

Lübeck – Hansestadt und Weltkulturerbe, an der Trave gelegen, bekannt für Marzipan und als Schauplatz des berühmten Thomas-Mann-Romans „Die Buddenbrooks“, erste Großstadt, die während des Zweiten Weltkriegs bei einer Flächenbombardierung der Alliierten Tod und Verwüstung erfuhr. Lübeck zählt für mich zu den charismatischsten Städten des Nordens, hat Geschichte und Geschichten geschrieben. Eine ist nun mit dem neuen Roman von Svealena Kutschke dazugekommen, der die wechselvolle Historie der Stadt mit jener einer Familie auf unnachahmliche Art und Weise verschmelzen lässt.  „Drei Frauen – Svealena Kutschke „Stadt aus Rauch““ weiterlesen →

Macht der Täuschung – Chris Kraus „Das kalte Blut“

„Täuschung ist meine Währung. Es gibt keine härtere. Wer aber damit zahlt, das sage ich, ist noch lange nicht durch und durch falsch.“

1945, nach mehr als fünf Jahren Krieg, lagen Deutschland sowie weite Teile Europas und der Welt in Schutt und Asche. Bis zu 80 Millionen Menschen verloren ihr Leben, darunter allein sechs Millionen Juden, die während des Holocaust umgebracht wurden. Nur eine recht überschaubare Zahl ihrer Mörder wurde für ihre bestialischen Verbrechen belangt. Nicht wenige indes knüpften an ihre Karriere bei der SS oder der Wehrmacht an. In seinem neuen Roman „Das kalte Blut“ erzählt Chris Kraus eine jener bis heute unvorstellbaren, aber realen Geschichten.

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Obsession – Lea Singer „Die Poesie der Hörigkeit“

„Kein undurchsichtiger als Benn.“

Sie hat geliebt und gelitten. Ihr Leben, eingezwängt zwischen namhaften Männern, war ein zügelloses und unstetiges. Mopsa Sternheim ist zwölf, als sie Gottfried Benn, Dichter und Arzt, kennenlernt. Es sollte eine ihr Leben prägende Begegnung sein. Fortan himmelt sie ihn und seine Gedichte an, ohne ihm wirklich nahe zu kommen, da stets auf Abstand gehalten. Lea Singer erzählt in ihrem neuen Roman „Die Poesie der Hörigkeit“ vom Leben dieser Frau, die stark war und sich gleichzeitig selbst doch so ausgeliefert hatte.   „Obsession – Lea Singer „Die Poesie der Hörigkeit““ weiterlesen →

Brief als Waffe – Kressmann Taylor „Adressat unbekannt“

Es ist ein kleiner leichter Band. Anthrazitfarbene Leinenoptik. Ein Briefumschlag ziert das Cover. Eine Gestaltung, die schlicht, aber wiederum markant erscheint. Gerade mal 67 Seiten umfasst „Adressat unbekannt“ von Kressmann Taylor. Doch der Roman ist ein Werk mit extremer Wirkung, das von einer besonderen Geschichte erzählt und selbst Geschichte geschrieben hat und viel länger wirkt als der Leser darin versunken ist. Die Neuausgabe des Verlags Hoffmann und Campe als Sammleredition des erstmals 1938 veröffentlichten Werkes könnte wohl zu keinem geeigneteren Zeitpunkt erscheinen.   „Brief als Waffe – Kressmann Taylor „Adressat unbekannt““ weiterlesen →