Von Kreuzberg bis Prenzlauer Berg – Literarische Tour durch Berlin

Am Morgen fällt mein Blick auf die Wand meines Hotelzimmers. In großen geschwungenen Lettern steht ein Zitat aus dem Märchen „Hans im Glück“ geschrieben: „Hans ging mit vergnügtem Herzen weiter; seine Augen leuchteten vor Freude, ich muss in einer Glückshaut geboren sein, rief er aus.“ In der Lounge grüßen mich am Frühstücksbüfett schließlich Worte aus „Tischlein deck ich“. Rundum literarisch gestaltete sich mein Wochenende in Berlin, nicht nur mit der Auswahl meiner Herberge für zwei Nächte, dem Grimms Hotel in der Alten Jakobsstraße. Die Agentur Kirchner Kommunikation hatte zum Bloggertag „Spreepartie“ geladen.  Und alles begann in den Räumen der Agentur in der Gneisenaustraße im Stadtteil Kreuzberg.  Tatjana Kirchner, Stephanie Haerdle, Judith Polte, Judith Tings und Katrin Ritte begrüßten mit Jochen Kienbaum („lustauflesen.de“), Marina Büttner („literaturleuchtet“), Gérard Otremba („Sounds & Books“), Mareike Dietzel („Herzpotenzial“), Jacqueline Masuck („masuko13“) und Elina Penner („Schnitzel & Schminke“) sechs weitere Blogger.

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Vier Stationen, vier Neuerscheinungen aus vier Verlagen standen auf dem abwechslungsreichen Programm. Den Anfang machte die Leipziger Illustratorin Christina Röckl. Die Absolventin der Kunsthochschule Burg Giebichenstein in Halle/Saale im Fach Illustration hatte nicht nur ihr Notebook und Fotos mitgebracht, um über ihr aktuelles Projekt, die Gestaltung des Buches „Liegender Akt“ von Nathalie Chaix (Kunstanstifter Verlag, Oktober 2016), zu sprechen. In Papier umhüllt war eines ihrer Arbeiten, die sie, wie sie erzählte, mit Farbe auf Holzplatten bringt. Die Auseinandersetzung mit der Lebens- und Liebesgeschichte des Künstlers Nicolas de Staël (1914-1955)  sei sehr intensiv, wie Christina Röckl erzählte. So besuchte sie die Lebensstationen des französischen Malers, sprach mit der Autorin und mit Übersetzerin Lydia Dimitrow. „Für jedes Kapitel führe ich ein Heft. Ich erstelle Skizzen und Listen, versuche, die Struktur zu erfassen“, sagte die Leipzigerin, die mit der Gestaltung des Bandes „Und dann platzt der Kopf“ – er wurde mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis gewürdigt – ihr Studium abschloss und gleichzeitig ihr Debüt beging. Christina Röckl zeichnet nicht nur verantwortlich für die Illustrationen des kommenden Bandes, sie übernimmt vielmehr die komplette Gestaltung des Werkes – von der Auswahl der Typografie über Format und Papier. „Es ist mir wichtig, alles zu konzipieren“, bemerkte sie.

Mit U- und S-Bahn ging es schließlich in die Kantstraße 76 im Stadtteil Charlottenburg; in eine besondere Buchhandlung. „Hedayat“ ist die größte persische Buchhandlung in Europa. Die Tische sind übersät mit Büchern, hoch ragen hier die Regale auf. Zwischendrin ein Stuhl, ein Sessel, um gemütlich Platz zu nehmen. Abbas Maroufi und seine Tochter begrüßten ihre Gäste. Der Iraner lebt seit nunmehr 1996 in Deutschland. Er war mit Hilfe des Deutschen PEN-Verbandes aus seinem Heimatland geflohen, nachdem er wegen „Beleidigung der islamischen Grundwerte“ verurteilt wurde. Maroufi berichtete von der aktuellen Lage in seinem Heimatland, seiner Arbeit, die weit über das Schaffen als Autor, Buchhändler und Verleger reicht: Der 59-Jährige unterrichtet in Online-Kursen zu verschiedenen literarischen Themen. „In Deutschland habe ich viel gelernt, die deutsche Literatur hat mich sehr geprägt“, sagte er. Gemeinsam mit Lisa Schöttler, Lektorin der Edition Büchergilde, sprach er zudem über seinen künftigen Roman: „Fereydun hatte drei Söhne“ (Edition Büchergilde, Oktober 2016).  Am Beispiel von vier Brüdern erzählt Maroufi darin von unterschiedlichsten politischen Wegen, die bis nach Deutschland und bis in den Tod führen.

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Der Berenberg Verlag in der Sophienstraße in Berlin-Mitte bildete die dritte Station. Im Mittelpunkt stand diesmal ein literarisches Sachbuch, das von Lektorin Beatrice Faßbender und Autorin Bettina Baltschev vorgestellt wurde. Mit „Hölle und Paradies“ erscheint im September ein Band, der sich der Geschichte des renommierten Amsterdamer Querido-Verlages beschäftigt. Nach der Machtergreifung Hitlers 1933, der Bücherverbrennung sowie des Verbotes namhafter Autoren wie Irmgard Keun, Arnold Zweig, Joseph Roth, Anna Seghers und Klaus Mann bekamen die Werke der ins Exil gegangenen Schriftsteller in diesem Verlag ein neues Zuhause. Die Autorin und MDR-Redakteurin ist schon seit Jahren in Amsterdam heimisch. Für ihre intensive Recherche suchte sie  nicht nur Schauplätze auf. Sie studierte zudem Quellen und führte Gespräche. Besonders die Biografie des Verlegers Emanuel Querido (1871–1943) habe sie fasziniert, wie Bettina Baltschev erzählte: „Je mehr ich über ihn erfahren habe, desto wichtiger wurde mir die Geschichte.“ Für deutsche Leser werde es so manche Überraschung geben, versprach die Autorin. Lektorin Beatrice Faßbender stellte zudem in Aussicht: „Das Buch überzeugt durch seine Lebhaftigkeit.“

Den besonderen Abschluss bildete am frühen Abend das Verlagshaus Berlin im Stadtteil Prenzlauer Berg. Ein Trio – die beiden Verleger Andrea Schmidt und Dominik Zille sowie Lyrikerin, Übersetzerin und Sinologin Lea Schneider – begrüßte die Gruppe. Im Oktober wird mit dem Band „Chinabox. Neue Lyrik aus der Volksrepublik“ die erste Anthologie chinesischer Lyrik in Deutschland seit rund 20 Jahren erscheinen. Sie habe mehrere Ziele verfolgt, berichtete Herausgeberin Lea Schneider. Zum einen sollen in diesem Werk Gedichte von zeitgenössischen Autoren erscheinen, die noch nicht im deutschen Sprachraum präsent sind. Zum anderen wollte sie den Prozess des Übersetzens abbilden. Die Autoren habe sie auf Lesungen kennengelernt. Manche habe sie während ihrer Eigenrecherche gefunden, andere seien ihr durch Empfehlungen zugetragen worden.  „Der Band hat allerdings nicht den Anspruch, ein vollständiges Abbild der zeitgenössischen Lyrik in China zu vermitteln“, betonte Lea Schneider, die für „Invasion rückwärts“ 2014 mit dem Lyrikpreis der Stadt Dresden geehrt wurde.  Bei der Übersetzung verfolgte sie eine besondere Strategie: „Ich wollte stets den richtigen Sound des Textes finden.“

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Doch auch außerhalb des reichhaltigen wie erlebnisreichen Bloggertages begegnete ich Literatur und Kultur auf Schritt und Tritt: So auch während eines Besuches der Buchhandlung in Thaer im Stadtteil Schöneberg-Friedenau – Buchhändlerin Elvira Zellner-Hanemann, die das Geschäft gemeinsam mit ihrem Mann Walter Hanemann führt – kenne ich seit einigen Jahren. Bei Begegnungen, ob in Berlin oder zuletzt auch auf der Buchmesse Leipzig, sprechen wir natürlich vor allem über Bücher.  Zudem besuchte ich die aktuelle Ausstellung im Martin-Gropius-Bau mit Fotografien der legendären amerikanischen Fotografin Berenice Abbott (1898 – 1991). Für Freunde der Fotografie ist diese Schau ein Muss! Und dann trifft man in einer Großstadt wie Berlin auf unzählige Zitate an Wänden, dem Boden oder eben auch an der Wand des Hotelzimmers.

Weitere Berichte zum  Bloggertag gibt es auf „Literatur leuchtet“„Sounds & Books“, „masuko13“, „Herzpotenzial“, und „lustauflesen.de“.

Warum ich lese

Mit seinem Beitrag „Warum ich lese“ hat Sandro Abbate auf seinem Blog „novelero“ ein Thema berührt, das nachfolgend viele weitere Blogger beschäftigt hat. Unterschiedliche Einblicke in Lesebiografien und persönliche Gedanken sind so entstanden. Dies ist nun meine Geschichte. „Warum ich lese“ weiterlesen

Von Ost nach Ost – Christa Wolf „Moskauer Tagebücher“

„Vielleicht leben wir zwischen diesen Bergen, beginnen zu ahnen, daß wir immer im Tal sein werden, beginnen darunter zu leiden, können uns aber aus eigener Kraft nicht aufschwingen.“

Das  Land und ihre Menschen ließen sie zeitlebens nicht los. Zehnmal reiste Christa Wolf (1929 – 2011) in die Sowjetunion; zuerst 1957 als junge Journalistin und Autorin, zuletzt 1989 als die Wende dem Sozialismus ein Ende setzte. Über ihre Reisen geben ihre Tagebücher Auskunft, die mehr sind als nur Einträge ihres eigenen Tuns. In ihren Texten, die sie nie als literarisch empfand und nun  von ihrem Mann Gerhard Wolf herausgegeben wurden, beschreibt sie das Land und das Leben, die Sorgen und Nöte der Menschen.  „Von Ost nach Ost – Christa Wolf „Moskauer Tagebücher““ weiterlesen

Amerika – Matthias Engels „Die heiklen Passagen der wundersamen Herren Wilde & Hamsun“

„Siehe nun zu, daß du in der Komödie deines eigenen Lebens eine Rolle zu spielen anfängst. Gut, antworte ich mir. Und dann nahm ich hier Platz.“ Knut Hamsun „Mysterien“

Mit einem ersten Blick in ihre Lebensgeschichten unterscheiden sie sich mehr, als dass sie sich ähneln. Der eine stammt aus Irland, der andere aus Norwegen. Der eine mag die Romantik, der andere den Naturalismus. Doch Oscar Wilde (1854-1900) und Knut Hamsun  (1859-1952) verbinden zwei besondere Erfahrungen: Beide sind als junge Männer nahezu zur selben Zeit nach Amerika gereist, beide standen später vor Gericht. Der homosexuelle Wilde wegen Unzuchts, Hamsun wegen Landesverrats. Er hatte im hohen Alter deutliche Sympathien gegenüber dem Dritten Reich gezeigt, seine Nobelpreismedaille sogar Reichspropagandaminister Joseph Goebbels geschenkt. Danach ist ihr Leben nicht mehr das, was es einmal war. Matthias Engels bringt beide großen Autoren in einem wunderbaren Roman zusammen.  „Amerika – Matthias Engels „Die heiklen Passagen der wundersamen Herren Wilde & Hamsun““ weiterlesen

Bewegte Zeiten – Ein auch literarischer Rückblick auf 25 Jahre Deutsche Einheit

Alles begann mit den Nachrichten. Meine Eltern baten mich unisono und mit etwas Strenge in der Stimme, doch endlich mal still zu sein. Ich war zwölf Jahre und plapperte. Wie es halt Mädchen in diesem Alter tun. Im Fernsehen lief die „Aktuelle Kamera“, die Nachrichtensendung der DDR. Auf der Mattscheibe: Szenen, die noch heute für Gänsehaut und ein Kribbeln im Bauch sorgen. In Berlin fällt die Mauer, der „antifaschistische Schutzwall“, wie er auch genannt wurde. Es war der erste Schritt zur Wiedervereinigung Deutschlands, deren 25-jähriges Jubiläum heute feierlich landauf und landab begangen wird.  „Bewegte Zeiten – Ein auch literarischer Rückblick auf 25 Jahre Deutsche Einheit“ weiterlesen

Erlebnisse mit Elefant und Schweinchen – Mo Willems „Das Buch über uns“

Zu einem Elefanten passt nicht nur eine Maus. Ein Dickhäuter kann sich ebenfalls prima mit einem Schweinchen verstehen. Tierische Freundschaften haben bekanntlich sowohl etwas Herzerwärmendes als auch etwas Lustiges an sich. Sie erfreuen uns Menschen. Wer nun das Bilderbuch „Das Buch über uns“ von Mo Willems in die Hand nimmt, wird diese Freude über die Freundschaft zwischen dem Elefanten Gerald und dem Schweinchen spüren. Doch vor allem wird der Leser das Gefühl bekommen, zu einem besonderen Teil des Buches zu werden. Und das ist gerade der Reiz dieses wunderbaren Bilderbuches für Erstleser sowie erfahrene Leser.  „Erlebnisse mit Elefant und Schweinchen – Mo Willems „Das Buch über uns““ weiterlesen