Tod im Park – Friedrich Ani „Der namenlose Tag“

„Manche Menschen wollen nicht erkannt werden; wir sitzen ihnen gegenüber und glauben, sie zu kennen, aber wir sehen nur das, was sie anhaben, und hören nur das, was sie sagen, wir haben keine Ahnung, wie sie nackt aussehen oder ob sie weinen, wenn sie allein sind. Wir lassen uns nur allzu gern täuschen; vielleicht, weil wir sonst nicht weiterleben könnten vor lauter Hilflosigkeit.“

Die Vergangenheit holt Jakob Franck ein. Zwei Monate, nachdem der Kommissar in den Ruhestand gegangen ist, erhält er einen Anruf von Ludwig Winther. Seine Tochter wurde vor 20 Jahren an einem 14. Februar erhängt an einem Baum im Park gefunden. Damals hatte Franck die Todesbotschaft der Mutter überbracht. Die Polizei ging in ihren Ermittlungen von Suizid aus. Der Vater glaubt an Mord. Franck beginnt, den Fall neu aufzurollen und stößt in die Abgründe der menschlichen Seele vor.  „Tod im Park – Friedrich Ani „Der namenlose Tag““ weiterlesen →

Dorf ohne Idylle – Szilárd Borbély „Die Mittellosen“

„Vater sagte, es gibt Zahlen, die man nicht teilen kann. Sie haben keinen anderen Teiler als die Eins und sich selbst. Seither versuche ich jede Zahl zu teilen. Ich mag die, die keinen Teiler haben. Die so sind wie in diesem Dorf wir. Aus den anderen herausragen.“

Ein Junge lebt in einem Dorf. Mit seinen Eltern, der älteren Schwester, einem jüngeren Bruder. Die Familie ist arm und wohnt in einem Erdhaus mit Lehmwänden etwas abseits des Ortes. Der Vater hat oft keine Arbeit und trinkt, die Mutter weiß manchmal nicht weiter und droht, sich das Leben zu nehmen. Eine Spirale der Gewalt setzt sich in Gang: Die Eltern schlagen die Kinder, die Kinder töten kleine Tiere. Auch der Junge, der von seinem Leben erzählt. „Dorf ohne Idylle – Szilárd Borbély „Die Mittellosen““ weiterlesen →

Einer bleibt zurück – Ralf Rothmann „Im Frühling sterben“

„Das ist der Krieg von Zynikern, die an gar nichts glauben, außer an das Recht des Stärkeren. Dabei sind’s  nur Kleingeister und Schwächlinge, ich hab’s im Feld erlebt.“

Es sind nur noch wenige Wochen bis Kriegsende. Walter und sein Freund Friedrich „Fiete“ ahnen es. Die Nachrichten über das Vorrücken der Alliierten und der Russen sprechen eine deutliche Sprache – trotz der immer lauteren Propaganda, die sich schier zu überschlagen scheint. Beide hoffen in ihrem norddeutschen Dorf, wo sie als Melker-Lehrling arbeiten, die letzten Züge des Krieges heil zu überstehen Doch dann werden sie mit gerade mal 17 Jahren für eine Versorgungseinheit der Waffen-SS zwangsrekrutiert. Ralf Rothmann erzählt in seinem neuen Roman „Im Frühling sterben“ keine ausgedachte Geschichte. Der Berliner Autor hat die Erlebnisse seines Vaters in einem autobiografischen Roman verarbeitet, der schmerzt.  „Einer bleibt zurück – Ralf Rothmann „Im Frühling sterben““ weiterlesen →

Der Mensch allein – Elizabeth Kolbert „Das sechste Sterben“

kolpert „Die Tatsache, dass dieses Buch von einem behaarten statt von einem schuppigen Zweibeiner geschrieben wurde, hat mehr mit dem Unglück der Dinosaurier zu tun als mit irgendeinem besonderen Vorzug der Säugetiere.“

Als ein Meteorit die Erde trifft, wird der Planet zur Hölle. Nur wenige überleben die Katastrophe in der Kreidezeit vor rund 66 Millionen Jahren. Die Giganten der damaligen Zeit, die Dinosaurier, sterben aus. Die Ursache für das nächste Massensterben kommt indes nicht aus dem All. Sie lebt vielmehr auf der Erde und hat in den vergangenen zwei Millionen Jahren einen unvergleichlichen Siegeszug auf zwei Beinen angetreten. „Das sechste Sterben. Wie der Mensch Naturgeschichte schreibt“ hat die amerikanische Journalistin und Autorin Elizabeth Kolbert ihr neuestes Werk genannt. Das weniger Anklage als der Versuch ist, das unvergleichliche Ereignis aufzuarbeiten und Wege für die Bewahrung unvergleichlicher Naturschätze zu finden. „Der Mensch allein – Elizabeth Kolbert „Das sechste Sterben““ weiterlesen →

Zum Verräter gemacht – Amos Oz „Judas“

„Wenn einer sich Tag und Nacht vor den Menschen in Acht nimmt, wenn er ununterbrochen darüber nachdenkt, wie er Anschlägen entgeht, wie er Intrigen abwehrt und welche List er in Gang setzen könnte, um von Weitem eine Falle zu erkennen, die ihm gestellt wird – wird er zwangsläufig beschädigt.“

Über diese Geschichte gibt es unendlich viele Bücher. Viel ist geschrieben worden über Jesus und seine Jünger, über den Verrat und die anschließende Kreuzigung und den qualvollen Tod des Propheten. Eine ganze Religion basiert auf der berühmtesten Geschichte der Menschheit, die sich tief in das historische, kulturelle und geistige Bewusstsein hineingepflanzt hat. Nicht unbedingt nur auf positive Weise, wie die Geschichte des Judentums mit all ihren traurigen Kapiteln beweist. „Zum Verräter gemacht – Amos Oz „Judas““ weiterlesen →

Der Grenzgänger – Thomas Brasch „Die nennen das Schrei. Gesammelte Gedichte“

Naumburg hat Eingang auf Seite 676 gefunden. „Weil ich das Eigene verloren habe“ heißt das Werk. 18 Zeilen voller Furcht und seelischem Schmerz. Keine guten Erinnerungen sind es wohl, die der Dichter, Dramatiker und Regisseur Thomas Brasch (1945-2001) von der Domstadt besaß. Der kurze Text aus dem Nachlass des 2001 verstorbenen Künstlers, vermutlich in den 80er Jahren verfasst, zählt zu den gesammelten Gedichten, die als Band mit dem Titel „Die nennen das Schrei“ nun in einer limitierten Sonderausgabe vom Suhrkamp-Verlag veröffentlicht wurde.  „Der Grenzgänger – Thomas Brasch „Die nennen das Schrei. Gesammelte Gedichte““ weiterlesen →