Jasper, Lada und die Schleie – Max Scharnigg "Vorläufige Chronik des Himmels über Pildau"

„Irgendwo bei Lada musste es so etwas auch geben, ein Rohr, aus dem klein gestückelt all das schoss, was sie vorn aus den Büchern in sich hineinfraß.“

Hoch hinaus reckt sie sich in den Himmel. Und jedes Jahr kommt ein Stückchen hinzu. Die hölzerne Hofstange ist das Wahrzeichen von Pildau. Ein verträumtes Gehöft, das etwas abseits liegt und für den sechsjährigen Jasper Honigbrod das Zuhause ist. Hier wohnt er gemeinsam mit Vater Max und dem Großvater. Während der eine tagtäglich dem Sohn eine Guten-Morgen-Geschichte über den Großwesir und den Reiseritter Robert erzählt und sich anschließend in seine riesige Stallbibliothek verdrückt, kümmert sich der Ältere der drei Generationen um den Garten und die Schleie, die im Weiher unsichtbar ihre Runden zieht. Pildau ist jedoch nicht nur ein Ort merkwürdiger Begebenheiten und Bräuche. Besondere Geschichten ranken sich um die Bewohner, die eines Tages plötzlich Zuwachs bekommen. Denn Autor Max Scharnigg lässt seine drei männlichen Schützlinge im Roman „Vorläufige Chronik des Himmels über Pildau“ nicht allein.   „Jasper, Lada und die Schleie – Max Scharnigg "Vorläufige Chronik des Himmels über Pildau"“ weiterlesen

Familiengeschichte(n) – Katja Petrowskaja "Vielleicht Esther"

„(…) ich wollte so sehr erhört werden, erprobte meine Zunge, meine Sprache, ich versuchte, die Geschichten zu erzählen, sie in mein fremdes Deutsch zu übertragen, ich erzählte die Geschichten, eine nach der anderen, aber ich hörte selbst nicht, was ich sagte.“

Unser Leben ist nichts ohne die Geschichte der eigenen Familie. Wir sind, was wir waren. Uns formen frühere Ereignisse früherer Generationen genauso wie eigene Erfahrungen. Und wenn wir in jungen Jahren nur Zuhörer sind, werden wir später selbst zu Erzählern. Katja Petrowskaja, 1970 in Kiew geboren, nach ihrem Studium in Tartu (Estland) und Moskau als Journalistin in Berlin tätig, hat diese Rolle sehr früh übernommen. Es ist eine Rolle, die man nicht leichtfertig überstreift wie einen Lieblingspullover, der einem passt und der sich bequem anfühlt. Sie ist vielmehr eine Schlangenhaut, die mit uns wächst und die man nach einiger Zeit abstreift, weil eine neue entstanden ist. „Familiengeschichte(n) – Katja Petrowskaja "Vielleicht Esther"“ weiterlesen

Familienmensch?! – Karl Ove Knausgård "Lieben"

„Nichts anderes war gut genug, nichts anderes ging. Nur dorthin, zum Wesentlichen, zum innersten Kern menschlicher Existenz würde ich mich bewegen.“ 

Das Leben zieht seine Bahn, füllt den Alltag mit Menschen und Dingen, Begegnungen und Erlebnissen. Nach dem ersten Kind folgt das zweite. Die Stadt wird verlassen, um in eine andere zu ziehen. Freundschaften verstärken sich oder werden gebrochen. Auch wenn dieser Lauf für viele bekannt erscheint, nichts Spannenderes zum Erzählen gibt es. Einer beweist es: der Norweger Karl Ove Knausgård. Sein auf sechs Bände angelegtes Romanprojekt „Min kamp“ feiert Erfolge – nicht nur in seinem nordischen Heimatland. Mittlerweile soll das Virus auch den Rest Europas und Teile Amerikas befallen haben. Nach dem ersten Band „Sterben“, wo der Autor vor allem den Tod seines alkoholabhängigen Vaters in den Mittelpunkt stellt, ist vor einiger Zeit der zweite Band „Lieben“ als Taschenbuch erschienen. „Familienmensch?! – Karl Ove Knausgård "Lieben"“ weiterlesen

Kreuzende Lebenswege – Nicolas Dickner "Nikolski"

„Jede Sekunde, jeder Augenblick vollzog sich zum ersten und zum letzten Mal. Es war unmöglich, diesen Prozess zu unterbrechen, umzukehren oder eine Sicherheitskopie davon zu erstellen.“

Die Welt ist voller Bücher und voller Überraschungen. Manchmal kommt auch beides zusammen, überrascht ein Buch oder es gibt eine Überraschung mit einem besonderen Buch. Als ich in einer Bücherkiste in einem Freibad nach dem Roman „Nikolski“ von Nicolas Dickner griff und ihn wenig später auch las, erlebte ich nicht nur schöne Lesestunden, sondern auch eine wunderbare Überraschung. Der Name des Autors sagte mir bis dato nichts. Der Klappentext verhieß, dass es sich um einen Bestseller aus Kanada handelte. Nun gut, ab und an sollte man den Versprechungen der Verlage nicht unbedingt vertrauen. Aber in diesem Fall schon. „Kreuzende Lebenswege – Nicolas Dickner "Nikolski"“ weiterlesen

Dem Erzähler auf der Spur – Vladimir Nabokov "Das wahre Leben des Sebastian Knight"

„Nicht auf die Einzelteile kommt es mehr an, sondern auf ihre Verbindung.“

Klassiker und Werke honoriger Autoren haben es oft schwer. Meist sind sie abseits der obligatorischen Schullektüre verdammt, in verstaubten Regalen ebenfalls verstaubt zu sein. Von eigentlich treuen Lesern vergessen oder auch mit dem Makel behaftet, für Langeweile und allzu viel Anspruch zu sorgen. Schwere Kost heißt es da – in Erinnerung an jenen Werbespot mit zwei wohl bekannten Box-Brüdern, die sich mit einem dicken Band Puschkin „herumschlagen“. Mir fiel kürzlich der Roman „Das wahre Leben des Sebastian Knight“ von Vladimir Nabokov in die Hände. Eine spontane Entscheidung, die am Ende nicht bereut wurde. Im Gegenteil. „Dem Erzähler auf der Spur – Vladimir Nabokov "Das wahre Leben des Sebastian Knight"“ weiterlesen

Flucht – Antonio Muñoz Molina "Die Nacht der Erinnerungen"

„Begeisterung und Panik wogten wie parallele Welten durch die Hitze der Nacht, in einem Fieber von Karneval und Katastrophe.“

Das Chaos zerreißt sein bisheriges Leben. Ignacio Abel, ein anerkannter Architekt und Bauhaus-Schüler, sieht sich 1936 an einem Abgrund stehen. Der Krieg hat Spanien erfasst. Die Hauptstadt Madrid wird Schauplatz des Klassenkampfes, die Gewaltspirale dreht sich und fordert unzählige Opfer. Männer, Frauen und Kinder, die durch Bomben, Straßenkämpfe und Hinrichtungen getötet werden. Mittendrin Ignacio auf der Suche nach seiner Geliebten Judith, die er ein Jahr zuvor kennengelernt hatte. Die Amerikanerin ist spurlos verschwunden, nachdem Ignacios Frau Adela dessen heimliche Beziehung entdeckte hatte und nachfolgend einen Selbstmord verübte, den sie indes überlebte. Mit den zwei Kindern zieht sich Adela in das Wochenend-Haus in den Bergen zurück. Nicht nur die erkaltete Beziehung des Paares auch Adelas Freitod-Versuch und das kritische Verhältnis zwischen ihren Eltern und ihrem Bruder Victor zu Ignacio belastet diese Ehe. „Flucht – Antonio Muñoz Molina "Die Nacht der Erinnerungen"“ weiterlesen