Von Ost nach Ost – Christa Wolf „Moskauer Tagebücher“

„Vielleicht leben wir zwischen diesen Bergen, beginnen zu ahnen, daß wir immer im Tal sein werden, beginnen darunter zu leiden, können uns aber aus eigener Kraft nicht aufschwingen.“

Das  Land und ihre Menschen ließen sie zeitlebens nicht los. Zehnmal reiste Christa Wolf (1929 – 2011) in die Sowjetunion; zuerst 1957 als junge Journalistin und Autorin, zuletzt 1989 als die Wende dem Sozialismus ein Ende setzte. Über ihre Reisen geben ihre Tagebücher Auskunft, die mehr sind als nur Einträge ihres eigenen Tuns. In ihren Texten, die sie nie als literarisch empfand und nun  von ihrem Mann Gerhard Wolf herausgegeben wurden, beschreibt sie das Land und das Leben, die Sorgen und Nöte der Menschen.  „Von Ost nach Ost – Christa Wolf „Moskauer Tagebücher““ weiterlesen

Gezeichnet – György Dragomán „Der Scheiterhaufen“

„Die schmerzvollsten Geschichten könne man nur so erzählen, dass der, der zuhört, das Gefühl hat, dass sie ihm selbst widerfahren, dass es seine eigenen Geschichten sind.“

Den Menschen zeichnen Erfahrungen und Erlebnisse, Gedanken und Gefühle und nicht minder politische und gesellschaftliche Ereignisse, die später zu Geschichte werden. Wir sind immer das, was wir einst waren. Ein Teil von allem. Kinder und Jugendliche wie Emma machen ebenfalls diese Erfahrung, wenn sie auch erst später wirklich bewusst wird. In Emmas Heimatland Rumänien hat der Sozialismus sein Ende gefunden. Auf dem Hof ihres Internates werden die Überreste des diktatorischen Regimes unter Nicolae Ceaușescu auf einem großen Scheiterhaufen verbrannt. Eine neue Zeit bricht an: nicht nur gesellschaftlich, sondern für Emma auch privat. Ihre ihr bis dato unbekannte Großmutter holt sie aus dem Internat. Fortan soll das Mädchen, das beide Eltern durch einen Autounfall verloren hat, bei ihr leben.  „Gezeichnet – György Dragomán „Der Scheiterhaufen““ weiterlesen

Tage danach – Heinz Helle „Eigentlich müssten wir tanzen“

„Ich stelle mir vor, wenn nach uns jemand die Welt wieder aufbaut, wird es eine schweigsame Welt.“

Am Anfang ist die Kälte: Fünf Männer stehen im Kreis dicht aneinander. Sie frieren und wärmen sich. Am Anfang gibt es auch eine unkontrollierte Gewalt: Fünf Männer vergehen sich nacheinander an einer wehrlosen Frau, die im Gebüsch liegt. Man schreibt den Monat April. Eine Katastrophe ist geschehen. Die bekannte Welt existiert nicht mehr. Dörfer sind verwüstet, die Menschen tot. Am Anfang einer neuen Zeit nach dem Ende streifen fünf Männer durch das Land. Ziellos, hungrig, frierend.  „Tage danach – Heinz Helle „Eigentlich müssten wir tanzen““ weiterlesen

Liebesleid – Tomas Espedal „Wider die Natur“

„Unsere Kinder nicht, unsere Eltern nicht, unsere eigene Geschichte nicht, auch unsere Kindheit und Jugend nicht oder unsere Freunde und Freundinnen, die Liebsten nicht; nichts gehört uns.“

Die Liebe lässt sich nicht anhand des Faktors Zeit bemessen. Eine kurze intensive Partnerschaft kann deutlichere Spuren im Inneren hinterlassen als eine Beziehung, die über Jahre und Jahrzehnte andauert. Doch was schmerzt mehr – die Entscheidung des Einen, dass eine Partnerschaft gescheitert ist, oder die Überraschung des Anderen, der danach plötzlich verlassen wird? Tomas, ein Schriftsteller, zählt zu jenen, die zurückgelassen werden. Seine Freundin verabschiedet sich, verlässt die gemeinsame Wohnung. Daraufhin zieht er sich zurück, findet im Alkohol und im Schreiben seinen Trost. In seinen Notizbüchern schreibt er seinen Schmerz nieder. Tomas ist dabei kein fiktiver Unbekannter. Tomas ist Tomas Espedal, der norwegische Schriftsteller und Freund des etwas bekannteren norwegischen Autors Karl-Ove Knausgård, was seinem Roman „Wider die Natur“ auch anzumerken ist. „Liebesleid – Tomas Espedal „Wider die Natur““ weiterlesen

Tod im Park – Friedrich Ani „Der namenlose Tag“

„Manche Menschen wollen nicht erkannt werden; wir sitzen ihnen gegenüber und glauben, sie zu kennen, aber wir sehen nur das, was sie anhaben, und hören nur das, was sie sagen, wir haben keine Ahnung, wie sie nackt aussehen oder ob sie weinen, wenn sie allein sind. Wir lassen uns nur allzu gern täuschen; vielleicht, weil wir sonst nicht weiterleben könnten vor lauter Hilflosigkeit.“

Die Vergangenheit holt Jakob Franck ein. Zwei Monate, nachdem der Kommissar in den Ruhestand gegangen ist, erhält er einen Anruf von Ludwig Winther. Seine Tochter wurde vor 20 Jahren an einem 14. Februar erhängt an einem Baum im Park gefunden. Damals hatte Franck die Todesbotschaft der Mutter überbracht. Die Polizei ging in ihren Ermittlungen von Suizid aus. Der Vater glaubt an Mord. Franck beginnt, den Fall neu aufzurollen und stößt in die Abgründe der menschlichen Seele vor.  „Tod im Park – Friedrich Ani „Der namenlose Tag““ weiterlesen

Dorf ohne Idylle – Szilárd Borbély „Die Mittellosen“

„Vater sagte, es gibt Zahlen, die man nicht teilen kann. Sie haben keinen anderen Teiler als die Eins und sich selbst. Seither versuche ich jede Zahl zu teilen. Ich mag die, die keinen Teiler haben. Die so sind wie in diesem Dorf wir. Aus den anderen herausragen.“

Ein Junge lebt in einem Dorf. Mit seinen Eltern, der älteren Schwester, einem jüngeren Bruder. Die Familie ist arm und wohnt in einem Erdhaus mit Lehmwänden etwas abseits des Ortes. Der Vater hat oft keine Arbeit und trinkt, die Mutter weiß manchmal nicht weiter und droht, sich das Leben zu nehmen. Eine Spirale der Gewalt setzt sich in Gang: Die Eltern schlagen die Kinder, die Kinder töten kleine Tiere. Auch der Junge, der von seinem Leben erzählt. „Dorf ohne Idylle – Szilárd Borbély „Die Mittellosen““ weiterlesen