Überleben – Gusel Jachina „Suleika öffnet die Augen“

„Als ob man sie ans andere Ende der Welt bringen will …“

Mit 15 Jahren wird sie mit dem weit älteren Murtasa verheiratet. Vier Töchter bringt sie zur Welt, die alle kurz nach der Geburt sterben. Mit 30 ist Suleika bereits Witwe, ein Rotarmist erschießt ihren Mann. Haus und Hof werden beschlagnahmt. Wenige Tage später findet sie sich in einem Waggon mit anderen Einwohnern ihres Heimatortes Julbasch, unweit von Kasan gelegen, wieder – eingepfercht mit weiteren Gefangenen auf der Fahrt gen Osten. Was sie zum Beginn der Reise noch nicht weiß: Sie ist schwanger und bis zum Ziel sind es noch mehrere Monate. Viel ist schon über die zahlreichen Lager geschrieben worden, die sich wie ein Netz über die Weite Sibiriens erstrecken. Doch bisher hat wohl niemand in einer so eindrucksvollen Bildhaftigkeit die Entstehung eines solchen Lagers aus der Sicht einer Frau geschrieben wie Gusel Jachina in ihrem Debüt „Suleika öffnet die Augen“, das von den 1930er- und 1940er-Jahren erzählt. „Überleben – Gusel Jachina „Suleika öffnet die Augen““ weiterlesen

Brüder – Kris Van Steenberge „Verlangen“

„Vögel im Käfig verlieren das Fliegen.“

Ypern, die Stadt in Westflandern mit ihren heute rund 35.000 Einwohnern, hat sich in die Geschichtsbücher eingeschrieben. Wenngleich auch in düsterer Weise. Während des Ersten Weltkriegs fanden hier vier große Schlachten statt, testeten die deutschen Truppen zum ersten Mal Senfgas aus. Einen kleinen realen Ort namens Woesten nahe Ypern setzt Kris Van Steenberge in den Mittelpunkt seines Debütromans „Verlangen“, der neben dem Krieg auch vom Dorfleben und einer besonderen Familie erzählt.  „Brüder – Kris Van Steenberge „Verlangen““ weiterlesen

Nur weg – Andreas Moster „wir leben hier, seit wir geboren sind“

„Es gibt keine falschen Entscheidungen, jede Abbiegung vervielfacht die Möglichkeiten.“

Ein Mann kommt eines Tages in ein Dorf. Der Name des Ortes, in den Bergen gelegen, tut nichts zur Sache. Georg Musiel, der Fremde, soll die Wirtschaftlichkeit des örtlichen Steinbruchs prüfen. Was er bei seiner Reise und am ersten Tag an seinem Ziel wohl nicht ahnen kann: Er wird das Leben des Dorfes gehörig auf den Kopf stellen. Nichts wird mehr sein wie früher – für viele Einwohner. Zwischen der Ankunft und dem tragischen Geschehen am Ende des eindrucksvollen Debüt-Romans „wir leben hier, seit wir geboren sind“ von Andreas Moster liegen knapp 170 Seiten und mit Blick auf die Erzähl-Zeit nur wenige Tage. „Nur weg – Andreas Moster „wir leben hier, seit wir geboren sind““ weiterlesen

Schmerz – Hanya Yanagihara „Ein wenig Leben“

„Er wollte loslassen, er wollte, dass die Kreatur in seinem Inneren sich in einen Schlaf begab, aus dem sie nie wieder erwachte.“ 

Ein Buch, über das viele sprechen. Dessen Cover ein Hingucker ist, das man einfach anschauen muss: Der Roman „Ein wenig Leben“ der Amerikanerin Hanya Yanagihara ist seit seiner Veröffentlichung im Januar dieses Jahres noch immer in aller Munde. Nicht umsonst erhielt ich kürzlich eine kurze Nachricht einer ehemaligen Mitschülerin, mit der ich einst den Deutsch-Leistungskurs an der Penne absolviert hatte: „Hast du schon dieses Buch gelesen?“. Ich musste verneinen und zugeben, dass auch der ebenfalls sehr dickleibige neue Roman von Paul Auster noch in meinem Regal darauf wartet, gelesen zu werden. Von dem jüngsten Werk von Jonathan Safran Foer ganz zu schweigen. Doch diese kurze Botschaft via Facebook ließ mich schließlich zu dem Buch mit dem markanten Cover-Foto greifen und ich begann zu lesen. „Schmerz – Hanya Yanagihara „Ein wenig Leben““ weiterlesen

Buchkunst meets Klassiker – Auf „Spreepartie“ in Berlin

Eine Stadt, ein Tag, vier Orte und vier Bücher: Die „Spreepartie“ der Berliner Agentur Kirchner Kommunikation erlebte eine Neuauflage. Mehrere Literaturblogger waren wie im Vorjahr eingeladen, neue Bücher, die Arbeit von Autoren, Illustratoren und Verlagen kennenzulernen. Würde ich versuchen, den literarischen Tag mit seinen insgesamt vier Stationen unterwegs mit U-Bahn, Tram und per pedes unter eine Überschrift zu setzen, fiele mir folgende ein: Buchkunst meets Klassiker.  „Buchkunst meets Klassiker – Auf „Spreepartie“ in Berlin“ weiterlesen

Achtsam – Wilhelm Lehmann „Bukolisches Tagebuch“

„Der heutige Mensch verdeckt sie rasch  mit Begriffen und Erklärungen, darunter verkümmert das Staunen.“

Robert Musil und Wilhelm Lehmann verbindet nicht nur in etwa die Zeit, der eine Jahrgang 1880, der andere 1882, in die sie beide hineingeboren werden. Beide erhalten 1923 den renommierten Kleist-Preis zugesprochen. Während Musil mit seinem wohl bekanntesten Werk „Der Mann ohne Eigenschaften“ Weltruhm erlangt hat und mittlerweile zu den Klassikern der Literatur zählt, gehört Lehmann zu den leider nahezu in Vergessenheit geratenen Autoren. Die neu erschienene Ausgabe „Bukolisches Tagebuch“, herausgegeben vom Berliner Verlag Matthes & Seitz, erinnert an sein Schaffen. Der Band erblickt dabei zur richtigen Zeit das „Licht der Buchwelt“. „Achtsam – Wilhelm Lehmann „Bukolisches Tagebuch““ weiterlesen