Into the wild – David Guterson „Der Andere“

„Du tust, was du tun musst, aber mich kriegen sie nicht. Das Leben ist kurz. Die Ewigkeit ist lang. Ich schmuggle mich an Gott vorbei – auch er kriegt mich nicht.“

Der Gedanke, dem modernen Leben den Rücken zuzudrehen, sich in die wilde Natur zurückziehen und alle Brücken hinter sich abzubrechen, hat etwas faszinierendes wie beängstigendes. Einige sind dem Ruf der Wildnis gefolgt, manche waren erfolgreich, mit sich im Einklang und der schwierigen Herausforderung gewachsen, andere sind gescheitert. Die reale Historie des amerikanischen Studenten Christopher McCandless, unter dem Titel „Into the Wild“ von Jon Krakauer niedergeschrieben und verfilmt von Sean Penn, ist womöglich die bekannteste der tragischen Geschichten, in denen ein Mensch selbst gewählt das moderne und bequeme Leben verlässt. Als ich „Der Andere“ von David Guterson nun las, erinnerte mich an jenen beeindruckenden Film.  Und der Roman des Amerikaners, der mit seinem Buch „Schnee, der auf Zedern fällt“ berühmt wurde, ist nicht minder ergreifend.  „Into the wild – David Guterson „Der Andere““ weiterlesen

Töten in Trance – John Williams „Butcher’s Crossing“

„Was er suchte, war das, was seine Welt nährte und sie erhielt, eine Welt, die sich stets ängstlich von ihrer Quelle abzuwenden schien, statt danach zu suchen, so wie das Präriegras um ihn herum faserige Wurzeln in die satte, dunkle Feuchte schickte, in die Wildnis, und sich so erneuerte.“

Einst streiften sie in schier unermesslichen Herden über die weite Landschaft Nordamerikas. Doch der Mensch machte dem Bison, auch Indianer-Büffel genannt, nahezu den Garaus. Ende des 19. Jahrhunderts lebten nur noch rund 800 Tiere auf dem Kontinent. Wie es dazu kommen konnte, erzählt auf beeindruckende Weise John Williams, der in den vergangenen Jahren mit seinem wiederentdeckten Roman „Stoner“  Berühmtheit erlang. Der mit dem National Book Award geehrte Amerikaner erlebte diesen späten Ruhm nicht mehr. Er starb 1994, neun Jahre nachdem er als Hochschullehrer für englische Sprache emeritiert worden war.   „Töten in Trance – John Williams „Butcher’s Crossing““ weiterlesen

Wort und Bild – Zoran Drvenkar und Corinna Bernburg „Könnte ich meine Sehnsucht nach dir sammeln“

„wir werden durch unsere freunde sichtbar unsere selbstzweifel lassen uns verschwinden“

Ein Autor trifft auf eine Fotografin. Gemeinsam planen sie, einen Moment auf ihre ganz eigene Weise zu erfassen. Der Autor mit seinen Worten, die Fotografin mit einem Bild. Es ist fast ein Wettkampf, eine besondere Verbindung. Die Fotografin nimmt eine Szene auf, der Autor soll bis zum Ende des Tages ein Gedicht dazu schreiben. Entstanden ist ein Band, der beglückt – mit wunderbaren Aufnahmen und herausragenden Texten. Und dies ist nur der erste Streich. Nach dem ersten Buch mit 90 Fotografien und Gedichten sollen nach dem Wunsch von Zoran Drvenkar und Corinna Bernburg drei weitere entstehen.  „Wort und Bild – Zoran Drvenkar und Corinna Bernburg „Könnte ich meine Sehnsucht nach dir sammeln““ weiterlesen

Einer bleibt zurück – Ralf Rothmann „Im Frühling sterben“

„Das ist der Krieg von Zynikern, die an gar nichts glauben, außer an das Recht des Stärkeren. Dabei sind’s  nur Kleingeister und Schwächlinge, ich hab’s im Feld erlebt.“

Es sind nur noch wenige Wochen bis Kriegsende. Walter und sein Freund Friedrich „Fiete“ ahnen es. Die Nachrichten über das Vorrücken der Alliierten und der Russen sprechen eine deutliche Sprache – trotz der immer lauteren Propaganda, die sich schier zu überschlagen scheint. Beide hoffen in ihrem norddeutschen Dorf, wo sie als Melker-Lehrling arbeiten, die letzten Züge des Krieges heil zu überstehen Doch dann werden sie mit gerade mal 17 Jahren für eine Versorgungseinheit der Waffen-SS zwangsrekrutiert. Ralf Rothmann erzählt in seinem neuen Roman „Im Frühling sterben“ keine ausgedachte Geschichte. Der Berliner Autor hat die Erlebnisse seines Vaters in einem autobiografischen Roman verarbeitet, der schmerzt.  „Einer bleibt zurück – Ralf Rothmann „Im Frühling sterben““ weiterlesen

Der Junge und das Mädchen – Anthony Doerr „Alles Licht, das wir nicht sehen“

„Es gibt nur Zufälle auf dieser Welt, Zufälle und die Physik.“

Mehr als eine Million verkaufte Exemplare in den USA, nominiert für den renommierten National Book Award. Gut ein Jahr stand der Amerikaner Anthony Doerr mit seinem neuesten Roman „All the Light We Cannot See“ auf der Bestseller-Liste der „New York Times“. Im April bekam der Amerikaner zudem den Pulitzer-Preis für Belletristik verliehen. In Deutschland ist die Resonanz auf „Alles Licht, das wir nicht sehen“ verhaltener. Dabei siedelt Doerr seinen neuesten Roman hierzulande an, besser gesagt: Ein Schauplatz ist Schulpforte, die einstige Napola Schulpforta.  „Der Junge und das Mädchen – Anthony Doerr „Alles Licht, das wir nicht sehen““ weiterlesen

Zurück nach Fetknoppen – Leena Parkkinen „Die alte Dame, die ihren Hut nahm und untertauchte“

„Als junger Mensch bildete man sich ein, dass einem irgendwie die Zeit davonlaufe. Im Alter verstand man erst, dass außer Zeit nichts anderes mehr übrig war.“ 

Es gibt viele Orte, die bekannt dafür sind, die besondere Begegnung zweier Menschen zu fördern: der Supermarkt, eine Bar, ein Park, vielleicht auch ein Fußballspiel in einem Stadion. Im Fall von Karen und Azar ist es eine schnöde Tankstelle. Hier sehen sich die alte Dame und das 17-jährige Mädchen zum ersten Mal, wobei man an dieser Stelle unbedingt erwähnen sollte, dass Azar einen Überfall begehen will und Karen das Opfer ist. Doch die „kleine Gangsterbraut“ und ihr nicht gerade pfiffiger Mitganove haben die Rechnung ohne die Cleverness der alten und ebenfalls bewaffneten Frau gemacht. Karen verfrachtet die zudem hochschwangere Azar in ihr Auto, und zusammen gehen sie auf eine besondere Reise. „Zurück nach Fetknoppen – Leena Parkkinen „Die alte Dame, die ihren Hut nahm und untertauchte““ weiterlesen