Gusel Jachina – „Wolgakinder“

„Ihr kleines Leben verlief nach eigenen Gesetzen. Auch die Zeit verging dort anders – langsam und kaum spürbar.“

Im 18. Jahrhundert verließen sie ihre Heimat. Sie folgten dem Ruf der russischen Zarin Katharina der Großen (1729 – 1796). Das große weite Reich im Osten und die Gestade des längsten Flusses der Welt sollten ihre neue Heimat werden: In den folgenden Jahren, Jahrzehnten und Jahrhunderten erlebten die Wolgadeutschen eine wechselvolle Geschichte. Immer wieder trieb es sie in andere Gegenden der Erde, immer wieder waren sie Spielball der deutsch-russischen Politik und Repressalien ausgesetzt. Mit ihrem neuen Roman „Wolgakinder“ erinnert die russisch-tartarische Autorin und Filmemacherin Gusel Jachina auf literarische Weise an die Historie der Volksgruppe und die Nachfahren der einstigen Einwanderer.    „Gusel Jachina – „Wolgakinder““ weiterlesen

Ulrich Alexander Boschwitz – „Menschen neben dem Leben“

„Die Welt war im Begriff auseinanderzubersten (…).“

Wenn ich durch Kunstausstellungen gehe, die Namen der Künstler und deren Lebensdaten lese und manchmal erkennen muss, dass einigen kein langes Leben beschieden war, die Sterbejahre auf die großen Kriege, Leid und Vernichtung hinweisen, empfinde ich eine tiefe Trauer. Ich frage mich: Was hätte jener Künstler noch schaffen, entstehen lassen können? Nicht anders ergeht es mir bei Schriftstellern. An einen denke ich nach der Lektüre von nunmehr zwei seiner Romane des Öfteren: an Ulrich Alexander Boschwitz (1915 – 1942). Nach der großen literarischen Entdeckung seines Buches „Der Reisende“  durch den Verleger Peter Graf über die bedrohliche antisemitische Stimmung in den ersten Jahren des Dritten Reiches ist mit „Menschen neben dem Leben“ nun glücklicherweise auch das Debüt des gebürtigen Berliners erneut erschienen.

„Ulrich Alexander Boschwitz – „Menschen neben dem Leben““ weiterlesen

Francesca Melandri – „Alle, außer mir“

„Für das, was hier geschah, hatte selbst Gott keine Worte.“

Drei Worte, eine Formel des Glücks, ein Mantra, das Attilio Profeti sein ganzes, nunmehr über 90 Jahre währendes Leben begleitet. Ein Leben, das Krieg und Kolonialismus – und Lügen kennt. Lügen über seine unrühmliche Vergangenheit, über seine Frauen, über die Anzahl seiner Kinder. „Alle, außer mir“ heißt diese Glücksformel, die sich im Titel des eindrucksvollen wie ergreifenden Romans der italienischen Schriftstellerin Francesca Melandri wiederfindet, der die Geschichte einer Familie über drei Generationen hinweg mit der Historie der beiden Länder Italien und Äthiopien verbindet.

„Francesca Melandri – „Alle, außer mir““ weiterlesen

Simon Stranger – „Vergesst unsere Namen nicht“

„M wie das Monster, das in jedem von uns ruht.“ 

Ihre Spur zieht sich durch ganz Europa. Es gibt wohl keine größere Stadt, in der sie nicht zu finden sind. Die Stolpersteine des Künstlers Gunter Demnig sind Kunstwerk und Mahnmal zugleich. Sie erinnern in nunmehr bereits 24 Ländern an Menschen, die während des Nationalsozialismus verhaftet, deportiert und ermordet oder in den Freitod getrieben worden sind. Auch in der norwegischen Stadt Trondheim gibt es jene Messingtafeln mit den Lebensdaten der Opfer. In eine ist der Name Hirsch Komissar eingraviert. Die Geschichte des jüdischen Ingenieurs, der seine Ausbildung im sächsischen Mittweida absolviert und später als Geschäftsmann und Inhaber eines Modegeschäfts gewirkt hat, ist Teil der Familienhistorie des norwegischen Autors Simon Stranger, der darüber einen preisgekrönten Roman geschrieben hat.

„Simon Stranger – „Vergesst unsere Namen nicht““ weiterlesen

Cornelius Pollmer – „Heut ist irgendwie ein komischer Tag“

„Was ist das Gegenteil von Instagram? Ungefähr jedes deutsche Gewerbegebiet.“

Fünf Bände, zwischen 1862 und 1889 erschienen, sind Grundlage für seine bekannten Romane „Effi Briest“ und „Der Stechlin“. Das verrät mir Wikipedia über das umfangreichste Werk Theodor Fontanes: „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“. Zugegeben: Mit Fontane habe ich mich trotz ausgeprägter Leselust schwer getan – die „Effi“ in der Schule, „Schach von Wuthenow“ im Studium (Pro Seminar Literaturwissenschaft bei einem Fontane-Kenner, die Durchfall-Quote bei der Prüfung lag bei 50 Prozent). Für den Lesekreis nahm ich mir jüngst „Frau Jenny Treibel“ vor – mit deutlich mehr Freude als in meiner Jugend. Vielleicht braucht es auch ein gewisses Alter, um Fontane zu schätzen. Man muss ihn ja nicht gleich lieben. „Cornelius Pollmer – „Heut ist irgendwie ein komischer Tag““ weiterlesen

Jan Němec – „Die Geschichte des Lichts“

„Werden Sie gute Hirten des Lichts.“

Wie in anderen Kunstbereichen geraten mittlerweile auch in der Fotografie große Künstler in Vergessenheit. Einst, meist zu Lebzeiten bekannt, sind ihre Namen kaum mehr einer breiten Öffentlichkeit bewusst. František Drtikol (1883 – 1961) zählt zu den bedeutendsten tschechischen Fotografen. Seine Werke wurden in namhaften Ausstellungen weltweit präsentiert. In seinem Prager Atelier gaben sich die Prominenten aus Politik, Wirtschaft und Kultur die Klinke in die Hand. Heute kennen  wohl nur die wenigsten ihn und seine Aufnahmen. Doch mit dem wundervollen Roman des tschechischen Autors Jan Němec lernt man Drtikol, sein Wesen und die Zeit, in der er lebte, kennen.

„Jan Němec – „Die Geschichte des Lichts““ weiterlesen