Sommer in der DDR – Jo McMillan „Paradise Ost“

„Das Paradies ist nicht gestrichen worden, es ist einfach auf die nächste Versammlung verschoben worden.“ 

Zwischen England und der DDR liegen ein Meer und knapp 1.000 Kilometer Luftlinie. Mehr als Jahrzehnte lang bestand zudem ein erheblicher politischer Unterschied. Auf der einen Seite gab es den kapitalistischen Westen, auf der anderen Seite den aus der Sowjetunion gesteuerte Versuch namens Sozialismus.  Die Kommunistin Eleanor Mitchell zieht es im Sommer 1978 in den Osten Deutschlands. Die Lehrerin soll während eines Sommer-Seminars angehende Englischlehrer unterrichten. Ihre 13-jährige Tochter Jess begleitet sie. Was sich zu Beginn noch wie ein spannendes Abenteuer anfühlt, wird nach weiteren Aufenthalten zu einer Bewährungsprobe in der Mutter-Tochter-Beziehung, denn Jess erfährt nach und nach die dramatischen Auswüchse der Diktatur hinter dem Eisernen Vorhang. „Sommer in der DDR – Jo McMillan „Paradise Ost““ weiterlesen

Heimatlos – Ulrike Draesner „Sieben Sprünge vom Rand der Welt“

„Wir hatten ein Kind verloren, das Erbe verloren, alle Gräber, ein Stück unserer selbst, die Verbindung zu unserer Vergangenheit, die Verankerung in Besitz und Beständigkeit, das Vertrauen, da sein zu dürfen.“

Weder persönliche Erinnerungen noch statistische Zahlen können das Ausmaß erfassen, als Millionen Menschen am Ende des Zweiten Weltkriegs Flucht und Vertreibung erleben. Sie werden zu Heimatlosen, die ihr früheres Leben zurücklassen und nie wieder Wurzeln schlagen werden. Selbst die folgenden Generationen sind gezeichnet. Ulrike Draesner hat mit ihrem Roman „Sieben Sprünge vom Rand der Welt“ jenen Familien eine Stimme gegeben. „Heimatlos – Ulrike Draesner „Sieben Sprünge vom Rand der Welt““ weiterlesen

Schweigen und Schuld – Verena Boos „Blutorangen“

„Es  gibt das Gesagte und dahinter das, was aus der Dunkelheit ein Echo zurückwirft.“ 

Eine Hochzeit bringt zwei Familien zusammen. Die Spanierin Maria Teresa, kurz Maite genannt, heiratet ihre große Liebe Carlos aus München, den sie während ihres Studiums kennengelernt hat. Beide ahnen indes nicht, dass ihre eigenen Familiengeschichten wiederum Ausdruck der großen Geschichte sind. Eine Fotografie bringt die Tochter aus gutem Hause auf die Spur der dunklen Vergangenheit ihres Vaters. Und auch in Carlos‘ Großvater Antonio hat sich die Geschichte hineingeschrieben.    „Schweigen und Schuld – Verena Boos „Blutorangen““ weiterlesen

Schatten – Christoph Hein „Glückskind mit Vater“

„Mit unseren Erinnerungen versuchen wir, ein missglücktes Leben zu korrigieren, nur darum erinnern wir uns. Es sind die Erinnerungen, mit denen wir uns gegen Ende des Lebens beruhigen.“

Der folgende Gedanke macht zugegeben recht traurig: Der Wunsch auf ein selbstbestimmtes Leben bleibt meist unerfüllt, erweist sich als Trugschluss, als Fantasie. Selbst wenn wir hoffen, wenn wir tapfer, wenn wir ehrgeizig sind. Unser Lebensweg wird oft in andere, nicht gewollte und erwünschte Richtungen gelenkt. Christoph Heins neuer Roman „Glückskind mit Vater“ erzählt davon und weckt ein melancholisches Gefühl wie er wiederum glücklich macht, einen besonderen Helden kennengelernt zu haben.  „Schatten – Christoph Hein „Glückskind mit Vater““ weiterlesen

Schattenwelt – Mathias Énard „Zone“

„(…) ich weiß nicht warum ich bedauere man bedauert so vieles im Leben Erinnerungen die manchmal wieder zu brennen beginnen Schuld Reue Scham die schweren Lasten der westlichen Zivilisation.“

Seine Zugfahrt wird zu einer Reise in die Vergangenheit. Der Geheimagent Francis Mirkovic sitzt im Pendolino von Mailand nach Rom. Er ist ein Reisender erster Klasse mit fremder Identität. Er nennt sich nach einem früheren Schulkameraden und jetzigen Psychiatrie-Insassen Yves Deroy. In seinem Koffer befinden sich Dokumente und Fotos von Kriegsverbrechern, die er über mehrere Jahre gesammelt hat. Nicht nur deren Geschichte treibt ihn um. Auch seine eigene Vergangenheit lässt ihn nicht mehr los. Allen voran sein Einsatz im Balkan-Krieg und seine spätere Spionage-Tätigkeit in der „Kampfzone“ zwischen Algier und Damaskus. „Schattenwelt – Mathias Énard „Zone““ weiterlesen

Überleben – Anthony Marra „Die niedrigen Himmel“

„Unter der Wolkendecke sahen ferne Städte und Dörfer winzig aus. Angreifer wie Angegriffene klammerten sich an ihre Handvoll Erde, aber am Ende lebte die Erde länger als die Hände, die sie umschlossen.“

Nahezu abseits unserer Gedankenwelt gab es einen Krieg, dem wenig später ein weiterer folgte. Bis heute erfährt Tschetschenien wenig Aufmerksamkeit – wie wohl eine Vielzahl jener Staaten, die nach dem Zerfall der Sowjetunion ihre Selbstständigkeit errungen haben.  Die Republik im Nordkaukasus wurde gleich zweimal von Krieg und Elend (1994 – 1996/1999 – 2009) getroffen. In seinem Debüt-Roman „Die niedrigen Himmel“ erzählt der Amerikaner Anthony Marra vom Leid der Bevölkerung und ihrem Kampf ums Überleben.  „Überleben – Anthony Marra „Die niedrigen Himmel““ weiterlesen