Phänomen – Elena Ferrante „Meine geniale Freundin“

„Wir waren arm und mussten reich werden, wir hatten nichts und mussten es schaffen, alles zu haben.“ 

Zugegeben: Das Phänomen Ferrante hat mich schon etwas beängstigt, zugleich aber auch fasziniert. Ein Weltbestseller von einer Autorin, die sich hinter einem Pseudonym verbarg und für unzählige Schlagzeilen sorgte. Ein Roman, der keine Weltgeschichte erzählt, sondern „nur“ von einer Freundschaft zweier junger Mädchen, die in einem sozialen Brennpunkt Neapels leben. Ich las „Meine geniale Freundin“, den Auftakt der vierbändigen Reihe – die folgenden Romane werden im Laufe des kommenden Jahres bei Suhrkamp erscheinen -, nachdem nicht nur die Identität der wahren Autorin mit Namen Anita Raja durch einen italienischen Enthüllungsjournalisten offenbart wurde, sondern das Buch bereits in den meisten Medien und auf zahlreichen Blogs besprochen wurde. Viele sehen in dem Roman eine eindrucksvoll erzählte Mädchen-Freundschaft, andere lieben, wie die Kulisse Neapels beschrieben wird. Ich habe das Buch noch unter einem ganz anderen Aspekt betrachtet und würde es jedem ans Herz legen, selbst wenn es nicht schon diese riesige öffentliche Aufmerksamkeit bekommen hätte. „Phänomen – Elena Ferrante „Meine geniale Freundin““ weiterlesen

Lebenslauf – François Roux „Die Summe unseres Glücks“

„Es ist unangenehm, wenn man sich eingestehen muss, dass die Wirklichkeit nie an die Träume heranreichen wird, die man immer gehegt hat.“

Was wird aus den Wünschen, Träumen und Hoffnungen unserer Jugend, wenn wir erwachsen sind? Der eine oder andere Wunsch mag womöglich in Erfüllung gehen: Erfolg im Beruf, Geld, Ruhm, eine Familie. Doch zu welch einem Preis versuchen wir, alles zu erreichen? Gedanken, die François Roux in seinem Roman „Die Summe unseres Glücks“ nachgeht. Doch der Franzose porträtiert nicht nur das Leben und Seelenleben von vier Freunden. Er spürt auch den inneren Zustand seines Heimatlandes nach. Auf eindrucksvolle Weise.   „Lebenslauf – François Roux „Die Summe unseres Glücks““ weiterlesen

Schatten – Christoph Hein „Glückskind mit Vater“

„Mit unseren Erinnerungen versuchen wir, ein missglücktes Leben zu korrigieren, nur darum erinnern wir uns. Es sind die Erinnerungen, mit denen wir uns gegen Ende des Lebens beruhigen.“

Der folgende Gedanke macht zugegeben recht traurig: Der Wunsch auf ein selbstbestimmtes Leben bleibt meist unerfüllt, erweist sich als Trugschluss, als Fantasie. Selbst wenn wir hoffen, wenn wir tapfer, wenn wir ehrgeizig sind. Unser Lebensweg wird oft in andere, nicht gewollte und erwünschte Richtungen gelenkt. Christoph Heins neuer Roman „Glückskind mit Vater“ erzählt davon und weckt ein melancholisches Gefühl wie er wiederum glücklich macht, einen besonderen Helden kennengelernt zu haben.  „Schatten – Christoph Hein „Glückskind mit Vater““ weiterlesen

Zwei Schwestern – Frances Greenslade „Der Duft des Regens“

„Der Schmerz war wie ein Fluss, auf dem ich paddelte; wenn ich versuchte, einen Fuß hineinzusetzen, würde er mich umreißen.“

Erwachsen zu werden bringt es mit sich, auf Familiengeheimnisse zu stoßen.  Ein Kind soll davon verschont bleiben, meine viele. Dabei kann ein Geständnis, eine Erklärung, eine Geschichte aus vergangener Zeit in späteren Jahren  Verwirrung stiften. Maggie, die Protagonistin und Erzählerin in dem Debüt-Roman „Der Duft des Regens“ der Kanadierin Frances Greenslade, soll diese Erfahrung machen. „Zwei Schwestern – Frances Greenslade „Der Duft des Regens““ weiterlesen

Abschied im Sommer – Rax Rinnekangas „Der Mond flieht“

„Gerade das Schicksal ist es, das Menschen zu Verrückten macht.“

Es sollte ein besonderer Sommer werden. Ein eigenartiges Gefühl des Aufbruchs liegt in der Luft, als der 13-jährige Lauri mit den Geschwisterkindern Sonja und Leo die Grenzen austestet. Ob hoch oben auf dem Prügelmann, einer alten Fichte, oder im Heu bei den ersten gegenseitigen körperlichen Entdeckungen. Eine innige Freundschaft entsteht, die sich zu einer ersten Liebe verwandelt. Doch ein entsetzlicher Unfall setzt diesem Aufbruch in die kommende Jugend ein furchtbares Ende.  „Abschied im Sommer – Rax Rinnekangas „Der Mond flieht““ weiterlesen

Into the wild – David Guterson „Der Andere“

„Du tust, was du tun musst, aber mich kriegen sie nicht. Das Leben ist kurz. Die Ewigkeit ist lang. Ich schmuggle mich an Gott vorbei – auch er kriegt mich nicht.“

Der Gedanke, dem modernen Leben den Rücken zuzudrehen, sich in die wilde Natur zurückziehen und alle Brücken hinter sich abzubrechen, hat etwas faszinierendes wie beängstigendes. Einige sind dem Ruf der Wildnis gefolgt, manche waren erfolgreich, mit sich im Einklang und der schwierigen Herausforderung gewachsen, andere sind gescheitert. Die reale Historie des amerikanischen Studenten Christopher McCandless, unter dem Titel „Into the Wild“ von Jon Krakauer niedergeschrieben und verfilmt von Sean Penn, ist womöglich die bekannteste der tragischen Geschichten, in denen ein Mensch selbst gewählt das moderne und bequeme Leben verlässt. Als ich „Der Andere“ von David Guterson nun las, erinnerte mich an jenen beeindruckenden Film.  Und der Roman des Amerikaners, der mit seinem Buch „Schnee, der auf Zedern fällt“ berühmt wurde, ist nicht minder ergreifend.  „Into the wild – David Guterson „Der Andere““ weiterlesen