Ein Paar auf Augenhöhe – Ingeborg Gleichauf "Ingeborg Bachmann und Max Frisch"

„Beide inszenieren sich in verschiedenen Rollen hinein, sind ihre eigenen Regisseure in selbst erfundenen Stücken, die sich schließlich als erschütternd real enthüllen.“

Sie war die dichtende Diva, von einer geheimnisvollen Aura und unzähligen Bewunderern umgeben, er der berühmte Schriftsteller, der sich eher in einer familiären Bürgerlichkeit wohlfühlte. Zusammen galten Ingeborg Bachmann (1926-1973) und Max Frisch (1911-1991) als das Traumpaar der deutschsprachigen Literaturszene. Obwohl von ihrer gemeinsamen Zeit nicht ein Foto existieren soll. Diesem besonderen Kapitel im Leben beider und nicht minder der deutschen Literaturgeschichte widmet sich die Germanistin Ingeborg Gleichauf in ihrem Band, der als Titel den Namen beider berühmter Autoren und die Unterzeile „Eine Liebe zwischen Intimität und Öffentlichkeit“ trägt. Die Autorin ist sehr vertraut mit dem Leben und Schaffen beider Schriftsteller. Gleichauf promovierte über Ingeborg Bachmann, verfasste eine Biografie über Max Frisch. Und dieses umfangreiche Wissen trägt auch dazu bei, dass ihr neuestes Werk herausragend ist.  „Ein Paar auf Augenhöhe – Ingeborg Gleichauf "Ingeborg Bachmann und Max Frisch"“ weiterlesen

Zwei Getriebene – Patrick Modiano "Der Horizont"

„Alles, was man tagaus, tagein erlebt, ist gekennzeichnet von den Ungewissheiten der Gegenwart.“

Ihre Begegnung ist ein Zufall, wie es die meisten im Leben sind. Während einer Demonstration stoßen Margaret Le Coz und Jean Bosmans nahe der Pariser Metro zusammen. Womöglich hätten andere sich nach wenigen Sekunden mit einer kurzen Entschuldigung und einem Wort des Abschieds voneinander getrennt. Nicht Margaret und Jean, die fortan zusammengehören und ein Paar bilden. Er holt sie von der Arbeit ab, begleitet sie bei ihren Spaziergängen durch die Straßen der Stadt und ihren Besuche in einem der vielen Cafés. Was Jean erst nach einiger Zeit weiß: Er ist auch ein besonderer Beschützer für die junge Frau, die schon seit einiger Zeit von einem merkwürdig erscheinenden Mann verfolgt wird.  „Zwei Getriebene – Patrick Modiano "Der Horizont"“ weiterlesen

Alle Wege führen zu "Spirit-in-the-Woods" – Meg Wolitzer "Die Interessanten"

„Man konnte von seiner Besessenheit ablassen, interessant sein zu wollen. Die Definition, auch das wusste sie, änderte sich sowieso und hatte es auch für sie getan.“

Es ist der Sommer ihres Lebens, der sie zusammenbringt – für die folgenden Jahre und Jahrzehnte. Die sechs Jugendlichen Ethan, Ash, Jules, Cathy, Goodman und Jonah lernen sich in dem Feriencamp „Spirit in the Woods“ in Massachusetts kennen. Es ist ein Camp voller Kunst und Kultur, in dem die Jugendlichen ihre besonderen Talente aufspüren und sich ausprobieren können – im Tanz und Theater, in Musik und dem Zeichnen. Das Sextett, das sich den Namen „Die Interessanten“ gegeben hat, wird schließlich trotz ihrer verschiedenen Mitglieder zu einer eingeschworenen Gemeinschaft, die Freundschaft und Liebe erlebt und in dieser Zeit die Basis für den späteren Zusammenhalt legt, obwohl nicht jeder vom Glück des Lebens verfolgt wird, jeder seine eigenen Bahnen zieht. Nie bleibt ein Teil der Gruppe im Strudel des Lebens zurück. Immer hat einer der sechs Kontakt zu einem anderen. Selbst wenn sie schon in die Mittfünfziger angekommen sind. „Alle Wege führen zu "Spirit-in-the-Woods" – Meg Wolitzer "Die Interessanten"“ weiterlesen

Zugeständnisse – Stephan Thome "Gegenspiel"

„Was sie wirklich die ganze Zeit machte, war, davon zu träumen, etwas anderes zu tun.“

Manchmal findet sich auch in Popsongs ein wenig Philosophie. Wie heißt es da ab und an so schön: „There’s always two sides of every story.“ Selbst der große, von mir sehr geschätzte Phil Collins nannte einen Titel und sein fünftes Album „Both Sides“. Auch Stephan Thome hat sich den beiden Seiten einer Geschichte gewidmet. Besser gesagt: den zwei Seiten eines gemeinsamen Lebens. Nach seinem 2012 erschienenen Roman „Fliehkräfte“ über Hartmut Hainbach, Professor für Philosophie, der während einer Pilgerreise auf Sinnsuche geht, beschreibt Thome nun die andere Seite der Geschichte und ihre Geschehnisse – aus der Sicht von Hainbachs Frau Maria. Und dabei taucht der Leser tief hinab in das frühere Leben der interessanten Protagonistin.  „Zugeständnisse – Stephan Thome "Gegenspiel"“ weiterlesen

Verloren gegangen – Katharina Hartwell "Das fremde Meer"

„Das Leben ist ein raues, ein stürmisches, ein gefährliches, ein unendlich weites, ein wildes, viele Geheimnisse und viele Gefahren und viele Riffe beherbergendes Meer. Und es gibt nicht viele milde Tage, und es gibt viele Möglichkeiten, Schiffbruch zu erleiden. Und auf jeden Sturm folgt der nächste und auf jede Untiefe eine weitere.

Eine immer währende Sicherheit im Leben gibt es nicht. Nur der Glaube daran existiert und lässt uns vergessen, welche Schicksalsschläge und Katastrophen möglich wären. Nur so können wir jeden Tag vor die Haustür treten, jeden Tag am Abend einschlafen. Ständige Gedanken an das Nichts, an Verluste, an den Tod würden uns die Luft zum Atmen nehmen. Über diesen allmächtigen Moment des Schicksalsschlages. der einen den Boden unter den Füßen wegreißt, hat Katharina Hartwell den Roman „Das fremde Meer“ geschrieben – besser gesagt: zehn Geschichten, die sich jedoch wie ein Mosaik zusammenfügen, um das große Bild zu erschaffen. Dazu später mehr. „Verloren gegangen – Katharina Hartwell "Das fremde Meer"“ weiterlesen

Familienmensch?! – Karl Ove Knausgård "Lieben"

„Nichts anderes war gut genug, nichts anderes ging. Nur dorthin, zum Wesentlichen, zum innersten Kern menschlicher Existenz würde ich mich bewegen.“ 

Das Leben zieht seine Bahn, füllt den Alltag mit Menschen und Dingen, Begegnungen und Erlebnissen. Nach dem ersten Kind folgt das zweite. Die Stadt wird verlassen, um in eine andere zu ziehen. Freundschaften verstärken sich oder werden gebrochen. Auch wenn dieser Lauf für viele bekannt erscheint, nichts Spannenderes zum Erzählen gibt es. Einer beweist es: der Norweger Karl Ove Knausgård. Sein auf sechs Bände angelegtes Romanprojekt „Min kamp“ feiert Erfolge – nicht nur in seinem nordischen Heimatland. Mittlerweile soll das Virus auch den Rest Europas und Teile Amerikas befallen haben. Nach dem ersten Band „Sterben“, wo der Autor vor allem den Tod seines alkoholabhängigen Vaters in den Mittelpunkt stellt, ist vor einiger Zeit der zweite Band „Lieben“ als Taschenbuch erschienen. „Familienmensch?! – Karl Ove Knausgård "Lieben"“ weiterlesen