Ist das Liebe? – Natascha Wodin „Nachtgeschwister“

„Unsere Vergangenheit hatte uns zu dem gemacht, was wir waren, wir konnten beide nicht aus eigener Kraft leben, das war, neben dem Schreiben, unsere tiefste und innigste Gemeinsamkeit und zugleich die ganze Unmöglichkeit zwischen uns.“

Dieser Beitrag würde es ohne die Anziehungskraft von Wühltischen nicht geben. Verfechter kostbarer Hardcover-Ausgaben mögen an dieser Stelle kurzzeitig die Augen schließen. Dies ist mein Geständnis: Ja, ich habe das Buch „Nachtgeschwister“ von Natascha Wodin aus einem Wühltisch gerettet. Es hat nur wenige Euro gekostet, zeigt am Schnitt auch diesen verdammt hässlichen Stempel „Preisred. Mängel-Exemplar“, als ob das Wort „preisreduziertes“ nicht wert ist, ausgeschrieben zu werden. Doch diese Erfahrung verbindet mich sogleich – schicksalhaft oder nicht – mit der Heldin des Buches. Auch sie hat ein Buch aus einem Wühltisch geklaubt. Was sie indes danach erlebte, war sowohl Leidenschaft als auch die Hölle.  „Ist das Liebe? – Natascha Wodin „Nachtgeschwister““ weiterlesen

Vater und Sohn – Jonas T. Bengtsson „Wie keiner sonst“

„Wir haben den Fernseher erfunden und schicken Menschen zum Mond. Wir stellen Schießpulver her und Kugeln. Aber wir haben völlig vergessen, was wir einmal konnten. Die Tiere können es noch. Du weiß doch, wie Vögel in Formationen fliegen. Hunderte von ihnen formen ein großes V am Himmel. Was glaubst du, wie sie das machen?“

Sie streifen durch die Stadt und das Land, leben am Rande der Gesellschaft. Vater und Sohn. Ihr Besitz ist auf ein paar Koffer verteilt, um schnell, wenn es nötig ist, das Weite und ein neues Zuhause zu suchen. Der Junge kennt es nicht anders. Trotzdem ist er glücklich. Auch ohne Schule, auch ohne Mutter und Freunde. Denn er hat alles, was er braucht. Vor allem seinen Vater, der zugleich bester Freund und Lehrer ist. Diese enge Vater-Sohn-Beziehung beschreibt Jonas T. Bengtsson in seinem Roman „Wie keiner sonst“ auf eindrückliche Weise. „Vater und Sohn – Jonas T. Bengtsson „Wie keiner sonst““ weiterlesen

Ganz unten – Ernst Haffner „Blutsbrüder“

„Geben, Schenken ist nicht des Reichen Sache. Die hetzen Hunde auf den Bettler oder schlagen die Tür zu. Geben mit der Selbstverständlichkeit des Wissens um Hunger und Elend wird nur der Arme. Der oberschlesische Kumpel, der italienische Tagelöhner oder der Berliner Arbeitslose.“

Ihr Zuhause sind die Straßen, die Wärmestuben, die Kneipen. Und Berlin ist voll davon. Wie auch von Männern und Frauen, die am Hungertuch nagen, die in der Wirtschaftskrise Anfang der 30er Jahre nicht wissen, wie sie über die Runden kommen. Doch ganz unten sind vor allem die Kinder und Jugendlichen, die keine Familie mehr kennen. Wie Jonny und Fred, Willi und Ludwig. Ihre neue Familie ist die Clique der Blutsbrüder. Denn zusammen ist man stark – auf der Suche nach Geld für Essen oder auch gegen die Polizei.  „Ganz unten – Ernst Haffner „Blutsbrüder““ weiterlesen

Vergiftet – Rolf Bauerdick „Pakete an Frau Blech“

„Je mehr ich blendete, desto heller erstrahlte ich. Nur verschwamm mir die Grenze von Sein und Schein. Dabei wollte ich niemanden täuschen. Ich wollte doch nur heraus aus dem Schatten. Ich wollte siegen über das Grau.“

Mit 13 Jahren sitzt er mit freigekauften DDR-Häftlingen in einem Bus auf dem Weg in den Westen. Anfang 40 will er seine Vergangenheit hinter sich lassen und sich eine neue Existenz in den USA aufbauen. Zuvor soll es für Maik Kleine jedoch noch nach Berlin gehen. Ein trauriger Anlass. Sein Mentor und Ersatzvater, der charismatische Zirkusdirektor Alberto Bellmonti, alias Albert Bellmann, soll beigesetzt werden. Natürlich mit dem ihm entsprechenden Tamtam – wie es sich für ein international bekanntes Oberhaupt der Manege gehört. Ein Elefant führt den mehrstündigen Trauerzug zum Friedrichsfelder Zentralfriedhof an, wo berühmte Kommunisten und DDR-Bonzen ihre letzte Ruhe gefunden haben. Doch das Wiedersehen mit den anderen Zirkus-Mitstreitern, wie dem Polen Szymbo und der Russin Albina, führt Maik zurück in seine eigene Vergangenheit, als nach der Beisetzung Bellmonti unter Verdacht steht, ein Spitzel für die Stasi gewesen zu sein.
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Der Mensch allein – Elizabeth Kolbert „Das sechste Sterben“

kolpert „Die Tatsache, dass dieses Buch von einem behaarten statt von einem schuppigen Zweibeiner geschrieben wurde, hat mehr mit dem Unglück der Dinosaurier zu tun als mit irgendeinem besonderen Vorzug der Säugetiere.“

Als ein Meteorit die Erde trifft, wird der Planet zur Hölle. Nur wenige überleben die Katastrophe in der Kreidezeit vor rund 66 Millionen Jahren. Die Giganten der damaligen Zeit, die Dinosaurier, sterben aus. Die Ursache für das nächste Massensterben kommt indes nicht aus dem All. Sie lebt vielmehr auf der Erde und hat in den vergangenen zwei Millionen Jahren einen unvergleichlichen Siegeszug auf zwei Beinen angetreten. „Das sechste Sterben. Wie der Mensch Naturgeschichte schreibt“ hat die amerikanische Journalistin und Autorin Elizabeth Kolbert ihr neuestes Werk genannt. Das weniger Anklage als der Versuch ist, das unvergleichliche Ereignis aufzuarbeiten und Wege für die Bewahrung unvergleichlicher Naturschätze zu finden. „Der Mensch allein – Elizabeth Kolbert „Das sechste Sterben““ weiterlesen

Nach dem Abgrund – Ralf Bönt „Das kurze Leben des Ray Müller“

„Laut einer meiner Schülerinnen gibt es ein mathematisches Gesetz, nach dem jeder, an den man denkt, mindestens halb so oft auch an einen schon gedacht hat.“

Was hebt die eigene Welt aus den vertrauten Angeln, wie kann einem der Teppich unter den Füßen weggezogen werden? Wann wird aus Unschuld Schuld? Marko Kindler weiß darüber eine Geschichte zu erzählen, es ist seine eigene. Er blickt zurück auf die vergangenen Jahre, als er in einer Gefängniszelle auf den Psychologen wartet, nachdem er seinen nur wenige Wochen alten Sohn entführt hat. Dabei lief es für den Juristen, Übersetzer und Krimi-Autor doch alles wie am Schnürchen, nachdem er aus einem Tief wieder nach oben gekommen war. Nach einer gescheiterten Beziehung trifft er auf die Journalistin Lycile, das Paar bekommt mit dem kleinen Ray nach zahlreichen Fehlgeburten endlich das ersehnte Kind. Doch der Schein einer perfekten Familie trügt. Denn allzu viel ist passiert in jenen Jahren.  „Nach dem Abgrund – Ralf Bönt „Das kurze Leben des Ray Müller““ weiterlesen