Entdeckung der Einsamkeit – Thomas Glavinic „Das größere Wunder“

„Liebe ist: den leuchtenden Punkt der Seele des anderen zu erkennen und anzunehmen und in die Arme zu schließen, vielleicht gar über sich selbst hinaus.“

Suchende sind nicht immer Findende. Nur wenigen ist es vergönnt, etwas Großes für sich zu entdecken wie die wirkliche Liebe für das ganze Leben. Für sie ist Jonas um die ganze Welt gereist. Hundert Länder hat er besucht, auf nahezu allen Kontinenten ist er gewesen, selbst in Australien und in der Antarktis. Doch dann geht Marie weg, und Jonas auf den höchsten Berg der Welt. In mehreren Tausend Metern Höhe zieht sein Leben vorbei, das der Erzähler in dem Roman „Das größere Wunder“ von Thomas Glavinic beschreibt.  „Entdeckung der Einsamkeit – Thomas Glavinic „Das größere Wunder““ weiterlesen

Recht der Religionen – Ian McEwan „Kindeswohl“

„Religionen, moralische Prinzipien, auch ihre eigenen, waren wie Gipfel in einem dichtgefügten Gebirgszug, aus großer Entfernung gesehen: keiner eindeutig höher, wichtiger, wahrer als die anderen. Wie sollte man da urteilen.“

Das Leben eines Kindes ist fremdbestimmt. Da sind die Lehrer, Erzieher und vor allem die Eltern, die über das Wohl und den Weg eines Kindes entscheiden. Bekannt ist auch der Terminus Vormund, der aus dem Althochdeutschen stammt. Der Begriff „Munt“ bedeutet „Schutz“. In den meisten Fällen übernehmen die Eltern diese wichtige Rolle, manchmal jedoch mit ungeahnten und erschreckenden Folgen. Denn die Eltern selbst haben sich für ein Leben mit drastischen Regeln entschieden. Ihrer Religion wegen. Glauben und Glaubensgemeinschaften sind derzeit ein sehr brisantes Thema, meist jedoch mit Blick auf die Auseinandersetzungen zwischen ihnen. Der englische Autor Ian McEwan widmet sich in seinem neuesten Roman „Kindeswohl“ einer nicht weniger interessanten Facette. Wie beeinflusst die Religion das Familien-Leben und das ungefährdete Heranwachsen eines Kindes?  „Recht der Religionen – Ian McEwan „Kindeswohl““ weiterlesen

In der Höhle – José Saramago „Hellebarden“

9783455404173

„Gedanken, die man insgeheim denkt, sollten unausgesprochen bleiben, selbst wenn sie auf der Hand liegen.“

Romanfragmente haben etwas Zwiespältiges an sich. Posthum erschienen, erinnern sie auf besondere Weise an ihren Schöpfer und sind mit dessen Tod eng verbunden. In ihrer Unvollständigkeit sind die Werke für den Leser jedoch keine einfache Lektüre. Ohne den alles erklärenden Schluss fehlt der wichtigste Teil, in dem alle Fäden zusammenkommen. Doch Fragmente haben auch Erfolg. Franz Kafkas Roman „Das Schloss“, Wolfgang Herrndorfs Werk „Bilder deiner großen Liebe“ beweisen es. Mit „Hellebarden“ hat der Verlag Hoffmann und Campe das letzte Werk des Literaturnobelpreisträgers José Saramago in einem besonders liebevoll gestalteten Band der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. „In der Höhle – José Saramago „Hellebarden““ weiterlesen

Der Grenzgänger – Thomas Brasch „Die nennen das Schrei. Gesammelte Gedichte“

Naumburg hat Eingang auf Seite 676 gefunden. „Weil ich das Eigene verloren habe“ heißt das Werk. 18 Zeilen voller Furcht und seelischem Schmerz. Keine guten Erinnerungen sind es wohl, die der Dichter, Dramatiker und Regisseur Thomas Brasch (1945-2001) von der Domstadt besaß. Der kurze Text aus dem Nachlass des 2001 verstorbenen Künstlers, vermutlich in den 80er Jahren verfasst, zählt zu den gesammelten Gedichten, die als Band mit dem Titel „Die nennen das Schrei“ nun in einer limitierten Sonderausgabe vom Suhrkamp-Verlag veröffentlicht wurde.  „Der Grenzgänger – Thomas Brasch „Die nennen das Schrei. Gesammelte Gedichte““ weiterlesen

Amerika – Philipp Meyer „Der erste Sohn“

„Die Menschen verwandeln Erde zu Sand, Obst zu Dornen. Etwas anderes kriegen wir nicht zustande.“ 

Das Land ist weit und unermesslich reich. Es könnte für viele Menschen Heimat bieten, wo sie in Frieden und Eintracht leben. Doch die Gewalt kennt keine Grenzen. Als Eli im Jahr 1836 geboren und der Staat Texas aus der Taufe gehoben wird, liegen im Grenzgebiet die Siedler mit den Mexikanern und den Indianern im Clinch. Blut fließt auf allen Seiten. Er selbst und sein Bruder werden in jungen Jahren von den Comanchen entführt, während Mutter und Schwester während des Überfalls mehrfach vergewaltigt und schließlich getötet werden. Es ist der Beginn eines Lebens voller Erfolge und Verluste, der Beginn einer Familiendynastie, die in den folgenden Jahrzehnten einen unvergleichlichen Aufstieg erleben wird, und die entscheidende Szene zum Auftakt des Romans „Der erste Sohn“ von Philipp Meyer. „Amerika – Philipp Meyer „Der erste Sohn““ weiterlesen

Gesellschaftsinseln – Ulla-Lena Lundberg „Eis“

„Tatzen und Schnauzen, Felle und Pelze, Flüstern und Schreie. Eine Eisente, eine Eiderente, eine Bachstelze, eine Himmelsziege. Ein Flügel streicht über eine Stirn, ein runder Robbenschädel durchstößt die Oberfläche. Ein Lächeln über allem, schnell verschwunden, ebenso schnell wieder da. Ohne zu kategorisieren und zu moralisieren.“

Ihre neue Heimat ist abgelegen, so weit abgelegen, dass sie abseits der bekannten Schiffsrouten auf kaum einer Karte vermerkt ist.  Die Öras, eine Inselgruppe in der Ostsee zwischen Finnland und Schweden, wird das neue Zuhause des Pfarrers Petter Kummel, seiner Frau Mona und der kleinen Tochter Sanna. Es ist für den jungen Mann die erste eigene Pfarrstelle. Doch allen Befürchtungen zum Trotz fühlt sich die kleine Familie von der ersten Minute an, nachdem sie ihre Füße von der Fähre auf das Eiland gesetzt hat, willkommen und pudelwohl. Die Gemeinde kümmert sich rührig um Petter und seine Frau, die sogleich am ersten Tag das Pfarrhaus einrichtet und im Stall die Kühe melkt.  „Gesellschaftsinseln – Ulla-Lena Lundberg „Eis““ weiterlesen