Reise ohne Rückkehr – Owen Beattie/John Geiger: Der eisige Schlaf

„Fast alle waren betroffen von dem Gefühl absoluter Isolation. Abgesehen von der Antarktis und vielleicht einer Handvoll anderer Plätze, gibt es auf dieser Welt keinen Ort, wo sich der Mensch in einer derartigen Einsamkeit ausgesetzt sieht wie in der kanadischen Arktis. Es ist dies eine Erfahrung, die vielleicht derjenigen der Astronauten im Weltall am nächsten kommt.“

Sie sollte der Garant für Erfolg, Ruhm und einen Platz in der Geschichte sein. Mit Selbstbewusstsein, Stolz und der modernsten Schiff-Ausstattung ihrer Zeit stechen am 19. Mai 1845 die Schiffe Erebus und Terror unter dem Kommando des Kapitäns Sir John Franklin in See. Ihr Ziel: die Nordwestpassage zu durchfahren und so die Verbindung zwischen dem Atlantik und dem Pazifik zu finden.  „Reise ohne Rückkehr – Owen Beattie/John Geiger: Der eisige Schlaf“ weiterlesen

Begegnung mit Katrina – Jesmyn Ward „Vor dem Sturm“

„Und plötzlich tut sich ein riesiger Graben auf zwischen jetzt und damals, und ich frage mich, wo die Welt, in der jener Tag sich ereignet hat, geblieben ist, denn wir sind eindeutig nicht in ihr.“

Er war die größte Naturkatastrophe in den USA. Mit mehr als 1.800 Toten und Schäden in Höhe von rund 125 Milliarden Euro. Der Wirbelsturm Katrina hinterließ im August 2005 im Südosten des Landes eine Schneise der Verwüstung und brachte viel Leid. Vor allem die Stadt New Orleans, Metropole des Dixieland und Wiege des Jazz im Bundesstaat Louisiana, traf der Hurrikan mit aller Härte. Windgeschwindigkeiten von schätzungsweise 280 Stundenkilometern wurden damals gemessen. In Louisiana und in jene Zeit hinein hat die Amerikanerin Jesmyn Ward ihren Roman „Vor dem Sturm“ angesiedelt. Doch ihr Buch beschreibt nicht nur den Sturm und seine immense Kraft, sondern das Leben und Überleben einer armen Familie.  „Begegnung mit Katrina – Jesmyn Ward „Vor dem Sturm““ weiterlesen

Amerika – Matthias Engels „Die heiklen Passagen der wundersamen Herren Wilde & Hamsun“

„Siehe nun zu, daß du in der Komödie deines eigenen Lebens eine Rolle zu spielen anfängst. Gut, antworte ich mir. Und dann nahm ich hier Platz.“ Knut Hamsun „Mysterien“

Mit einem ersten Blick in ihre Lebensgeschichten unterscheiden sie sich mehr, als dass sie sich ähneln. Der eine stammt aus Irland, der andere aus Norwegen. Der eine mag die Romantik, der andere den Naturalismus. Doch Oscar Wilde (1854-1900) und Knut Hamsun  (1859-1952) verbinden zwei besondere Erfahrungen: Beide sind als junge Männer nahezu zur selben Zeit nach Amerika gereist, beide standen später vor Gericht. Der homosexuelle Wilde wegen Unzuchts, Hamsun wegen Landesverrats. Er hatte im hohen Alter deutliche Sympathien gegenüber dem Dritten Reich gezeigt, seine Nobelpreismedaille sogar Reichspropagandaminister Joseph Goebbels geschenkt. Danach ist ihr Leben nicht mehr das, was es einmal war. Matthias Engels bringt beide großen Autoren in einem wunderbaren Roman zusammen.  „Amerika – Matthias Engels „Die heiklen Passagen der wundersamen Herren Wilde & Hamsun““ weiterlesen

Comic als Erinnerung – Emily St. John Mandel „Das Licht der letzten Tage“

„Erst wollen wir nur gesehen werden, aber sobald wir gesehen werden, reicht uns das nicht mehr. Danach wollen wir, dass man sich an uns erinnert.“ 

Es braucht nur wenige Tage, bis die Erde nahezu entvölkert ist. Die Georgische Grippe rafft einen Großteil der Menschheit hinweg. Zurückbleiben nur wenige Überlebende, die durch das Land streifen. Wie die Gruppe „Die fahrende Symphonie“, Schauspieler und Musiker, die Shakespeare und klassische Werke aufführen. Zu ihnen zählt Kirsten, die als Kind bei einer Inszenierung von Shakespeares „König Lear“ an der Seite des bekannten Mimen Arthur Leander auf der Bühne gestanden hatte. Sein Tod während einer Aufführung ereignete sich am Beginn der Epidemie. Noch Jahre danach erinnert sich die junge Frau an das faszinierende wie furchtbare Erlebnis, als Leander im Scheinwerferlicht zusammenbricht. In all dieser Zeit zählt ein Comic zu ihrem wertvollsten Besitz; eine Geschichte eines Wissenschaftlers, der mit einer erdähnlichen Raumstation durch das All fliegt. Den Comic hatte ihr Leander einst geschenkt.  „Comic als Erinnerung – Emily St. John Mandel „Das Licht der letzten Tage““ weiterlesen

Trotzkopf – Jacqueline Kelly „Calpurnias evolutionäre Entdeckungen“

„Wie flüchtig sind die Wünsche und Anstrengungen der Menschen! Wie kurz ist seine Zeit! Wie dürftig werden mithin seine Erzeugnisse denen gegenüber sein, die die Natur anhäuft!“ Charles Darwin „Über die Entstehung der Arten“

Für manche Leseerfahrungen braucht es etwas Glück. Das Glück oder auch der Zufall, ein besonderes Buch zu entdecken. Dieses hat sich vor mir zwischen anderen Jugendbüchern in einem Regal einer meiner Lieblingsbuchhandlungen regelrecht versteckt. Hellgrün ist bekanntlich keine Farbe, die einem ins Auge springt. Und auf dem Cover sind auch keine Drachen, Zauberer oder Vampire zu sehen. Vielmehr zeigt es ein Gewimmel aus Pflanzen und Tieren, wie Schmetterlinge und Vögel. Doch „Calpurnias evolutionäre Entdeckungen“ von Jacqueline Kelly hat es trotzdem auf den Stapel gekaufter Bücher geschafft. Welch ein Glück! „Trotzkopf – Jacqueline Kelly „Calpurnias evolutionäre Entdeckungen““ weiterlesen

Schmerzvolle Erinnerungen – Elliot Perlman „Tonspuren“

„Sie wissen nie, welche Verbindungen zwischen Dingen, Menschen, Orten und Ideen bestehen. Aber es gibt  Verbindungen. Sie wissen nur nicht wo. Die meisten wissen nicht mal, wo sie suchen sollten, oder was daran überhaupt interessant sein könnte. Wer schaut auch nur hin? Wer hat Zeit, zu schauen? Wessen Angelegenheit ist das eigentlich, hinzuschauen? Unsere.“

Der eine ist ein Erzähler, der andere sein geduldiger Zuhörer. Henry Mandelbrot ist Patient einer New Yorker Krebsklinik. Lamont Williams arbeitet für den Gebäudedienst des Krankenhauses. Der eine ist polnischer Jude und Überlebender des Vernichtungslagers Auschwitz, der andere ein Afroamerikaner, der nach einer mehrjährigen Haftstrafe mit dem Klinik-Job eine zweite Chance erhalten hat. Henry erzählt Lamont vom Grauen in Auschwitz, der so zum Bewahrer der Geschichte wird. Erinnerungen sind das große Thema in Elliot Perlmans Roman „Tonspuren“, in dem Menschen erleben, wie Geschichte ihre Gegenwart und Zukunft beeinflusst. „Schmerzvolle Erinnerungen – Elliot Perlman „Tonspuren““ weiterlesen