Anatoli Pristawkin – „Schlief ein goldnes Wölkchen“

„Die Kinder, das war was anderes, sie waren wie Kollerdisteln, die der Wind trieb, wohin er wollte.“ 

Sie heißen Kolka und Saschka. Die meisten kennen sie als Kusmin-Zwillinge. Keiner kann sie ob ihrer verblüffenden Ähnlichkeit auseinanderhalten. Sie sind unzertrennlich und klammern sich an sich in einer Zeit des Krieges, des Leids, des stetigen Hungers. Sie leben in einem Waisenhaus, wissen nicht, was Familie und elterliche Liebe bedeuten. Mit 500 weiteren Kindern werden sie eines Tages in den fernen Osten, in den Kaukasus, geschickt. Doch hier geraten sie zwischen die Fronten. Mit seinem Roman „Schlief ein goldnes Wölkchen“ hat der russische Schriftsteller Anatoli Pristawkin (1931 – 2008) ein erschütterndes literarisches autobiografisches Zeitdokument verfasst, das nun in einer neuen Ausgabe wiederentdeckt werden kann – und sollte. „Anatoli Pristawkin – „Schlief ein goldnes Wölkchen““ weiterlesen →

Jenny Erpenbeck – „Kairos“

„Oder war jeder Mensch nur ein Gefäß, in das die Zeit füllt, was ihr gerade einfällt?“

Im Gegensatz zu Chronos, dem Gott der Zeit, steht Kairos für den richtigen Moment, den glücklichen Augenblick. Ein altgriechischer, religiös-philosophischer Begriff, der schließlich in der Mythologie personifiziert, zu einer, wenn auch nahezu unbekannten Gottheit wurde. „Kairos“ heißt der neue Roman von Jenny Erpenbeck, in dem sie von einer zufälligen, aber auch folgenreichen Begegnung und einem daraus resultierenden Verhältnis zwischen einer jungen Frau und einem verheirateten wie lebenserfahrenen Intellektuellen erzählt. Aber ob jene zufällige Begegnung ein glücklicher Augenblick ist, ist nicht die einzige große Frage, die sich am Ende des eindrücklichen wie überaus klug komponierten Buches stellt.

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Christian Guay-Poliquin – „Das Gewicht von Schnee“

„Um zu überleben, muss man miteinander reden.“

Wir leben derzeit in einer Zeit der Distanz. Noch vor wenigen Wochen und Monaten war Lockdown das alles beherrschende Wort, das noch immer über uns allen schwebt. Eine Szenerie des Eingeschlossenseins beschreibt auch der Franko-Kanadier Christian Guay-Poliquin in seinem mehrfach preisgekrönten Roman „Das Gewicht von Schnee“. Doch bereits der Titel des eindrücklichen Buches weist darauf hin, dass es darin nicht um einen Virus, sondern um eine besondere Wetter-Erscheinung geht. Ein Dorf, umgeben von Wald, versinkt im Schnee und wird von der Außenwelt abgeschnitten, in der vieles anders ist als zuvor. „Christian Guay-Poliquin – „Das Gewicht von Schnee““ weiterlesen →

Sigrid Undset – Kristin Lavranstochter. Der Kranz

„Du solltest die Ehre auf meinen Hof bringen.“

In den ersten drei Jahrzehnten, in denen der Literaturnobelpreis ab 1901 verliehen wurde, ist die Liste der weiblichen Preisträger kurz und übersichtlich. Nur drei Frauen erhielten in jener Zeit die renommierte Auszeichnung: die Schwedin Selma Lagerlöf, die italienische Schriftstellerin Grazia Deledda – und die Norwegerin Sigrid Undset (1882 – 1949). Ihr wurde diese besondere Würde 1928 zuteil wegen der Schilderungen des mittelalterlichen Lebens in ihrer Heimat. Zwei Werke ragen dabei heraus: das mehrbändige Epos „Olav Audunssohn“ sowie der nicht minder umfangreiche und mehrteilige Roman „Kristin Lavranstochter“, der im Original zwischen 1920 und 1922 erschienen war und nun in einer Neu-Übersetzung wiederentdeckt werden kann.  „Sigrid Undset – Kristin Lavranstochter. Der Kranz“ weiterlesen →

Auður Ava Ólafsdóttir – Miss Island

„Die Welt ist meine Erfindung.“

Die Diskussion über die fehlende Würdigung und Sichtbarkeit von Autorinnen wird in regelmäßigen Abständen entfacht und mal mehr mal weniger intensiv geführt. Allerdings gibt es sie nicht erst seit den vergangenen Jahren. Denn schon immer haben sich Frauen als Schreibende verstanden, die mit ihren Werken wahrgenommen werden wollen. Mit ihrem preisgekrönten Roman „Miss Island“ führt die isländische Schriftstellerin Auður Ava Ólafsdóttir in die 60er-Jahre. Eine Zeit des gesellschaftlichen Aufbruchs und Wandels, in der ihre Heldin, eine junge schreibende Frau, allerdings erfährt, dass in ihrem Land eher schöne als kluge und kreative Frauen gefragt sind.

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Javier Cercas – „Terra Alta“

„Aber die wahren Wunden sind andere. Die niemand sieht. Die die Leute im Geheimen tragen. Und die erklären alles.“

Seine Mutter war eine Prostituierte. Seinen Vater kennt er nicht. Als Jugendlicher wurde er straffällig und Handlanger eines kolumbianisches Kartells. Bis er verhaftet wurde, ins Gefängnis kam – und sich wandelt. Aus dem Kriminellen Melchor Marin wird ein Polizist. Mit „Terra Alta. Geschichte einer Rache“ startet der Spanier Javier Cercas seine Reihe um den Ermittler mit der ungewöhnlichen Vergangenheit. Ein spannender Auftakt, der 2019 mit dem Premio Planeta, dem höchstdotierten spanischen Literaturpreis, ausgezeichnet wurde und das vielschichtige Porträt eines besonderen Mannes mit einem dunklen Kapitel spanischer Geschichte verbindet.

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