Naumburg hat Eingang auf Seite 676 gefunden. „Weil ich das Eigene verloren habe“ heißt das Werk. 18 Zeilen voller Furcht und seelischem Schmerz. Keine guten Erinnerungen sind es wohl, die der Dichter, Dramatiker und Regisseur Thomas Brasch (1945-2001) von der Domstadt besaß. Der kurze Text aus dem Nachlass des 2001 verstorbenen Künstlers, vermutlich in den 80er Jahren verfasst, zählt zu den gesammelten Gedichten, die als Band mit dem Titel „Die nennen das Schrei“ nun in einer limitierten Sonderausgabe vom Suhrkamp-Verlag veröffentlicht wurde. „Der Grenzgänger – Thomas Brasch „Die nennen das Schrei. Gesammelte Gedichte““ weiterlesen
Kategorie: Bücher
Amerika – Philipp Meyer „Der erste Sohn“
„Die Menschen verwandeln Erde zu Sand, Obst zu Dornen. Etwas anderes kriegen wir nicht zustande.“
Das Land ist weit und unermesslich reich. Es könnte für viele Menschen Heimat bieten, wo sie in Frieden und Eintracht leben. Doch die Gewalt kennt keine Grenzen. Als Eli im Jahr 1836 geboren und der Staat Texas aus der Taufe gehoben wird, liegen im Grenzgebiet die Siedler mit den Mexikanern und den Indianern im Clinch. Blut fließt auf allen Seiten. Er selbst und sein Bruder werden in jungen Jahren von den Comanchen entführt, während Mutter und Schwester während des Überfalls mehrfach vergewaltigt und schließlich getötet werden. Es ist der Beginn eines Lebens voller Erfolge und Verluste, der Beginn einer Familiendynastie, die in den folgenden Jahrzehnten einen unvergleichlichen Aufstieg erleben wird, und die entscheidende Szene zum Auftakt des Romans „Der erste Sohn“ von Philipp Meyer. „Amerika – Philipp Meyer „Der erste Sohn““ weiterlesen
Gesellschaftsinseln – Ulla-Lena Lundberg „Eis“
„Tatzen und Schnauzen, Felle und Pelze, Flüstern und Schreie. Eine Eisente, eine Eiderente, eine Bachstelze, eine Himmelsziege. Ein Flügel streicht über eine Stirn, ein runder Robbenschädel durchstößt die Oberfläche. Ein Lächeln über allem, schnell verschwunden, ebenso schnell wieder da. Ohne zu kategorisieren und zu moralisieren.“
Ihre neue Heimat ist abgelegen, so weit abgelegen, dass sie abseits der bekannten Schiffsrouten auf kaum einer Karte vermerkt ist. Die Öras, eine Inselgruppe in der Ostsee zwischen Finnland und Schweden, wird das neue Zuhause des Pfarrers Petter Kummel, seiner Frau Mona und der kleinen Tochter Sanna. Es ist für den jungen Mann die erste eigene Pfarrstelle. Doch allen Befürchtungen zum Trotz fühlt sich die kleine Familie von der ersten Minute an, nachdem sie ihre Füße von der Fähre auf das Eiland gesetzt hat, willkommen und pudelwohl. Die Gemeinde kümmert sich rührig um Petter und seine Frau, die sogleich am ersten Tag das Pfarrhaus einrichtet und im Stall die Kühe melkt. „Gesellschaftsinseln – Ulla-Lena Lundberg „Eis““ weiterlesen
Ein Mythos wird enthüllt – Bill Niven „Das Buchenwaldkind“
Er war nur ein Schicksal unter Millionen. In einer Zeit, die bis heute für Entsetzen und Trauer sorgt, die den Rahmen des Begreiflichen sprengt. Der polnische Jude Stefan Jerzy Zweig erlebte im Alter von vier Jahren die Befreiung des Konzentrationslagers Buchenwald im April 1945 durch amerikanische Streitkräfte. Er und sein Vater Zacharias überstanden die Verfolgung und die Schrecknisse in mehreren Lagern und im Ghetto von Krakau. Die Geschichte von Stefan wurde in den folgenden Jahren und Jahrzehnten nicht nur deutschlandweit bekannt. Sie entwickelte sich in der DDR zu einem Mythos, missbraucht für die Propaganda. Denn Stefan ist das Buchenwaldkind und in dem Roman „Nackt unter Wölfen“ von Bruno Apitz, eines der erfolgreichsten Bücher der DDR und zugleich verordnete Schullektüre, die Hauptgestalt. „Ein Mythos wird enthüllt – Bill Niven „Das Buchenwaldkind““ weiterlesen
Die Kunst und die Gewalt – Rachel Kushner „Flammenwerfer“
„…was Valera nie vergessen würde, die jugendliche Erkenntnis, dass das Wesen des Lebens in Veränderung und Schnelligkeit bestand und sich nur durch heftige Erschütterung offenbarte.“
Sie liebt die Geschwindigkeit – als Skiläuferin und als Motorradfahrerin. Mit Anfang 20 kommt Reno, wie sie später von Freunden aufgrund ihres Heimatortes genannt wird, nach ihrem Kunststudium aus der Provinz des Mittelwestens in die Metropole nach New York. Sie ist allein und auf sich gestellt. Ihr Ziel ist es, in der Kunstszene New Yorks Fuß zu fassen, mit ihrer Kreativität erfolgreich zu sein. Doch der Dschungel der Großstadt kennt meist nur die Anonymität. Die Stadt ist groß und schläft nie, die Menschen bilden eine einzige große Masse. Doch Reno findet Anschluss – in der Person von Sandro, einem erfolgreichen Konzeptkünstler und aus der legendären italienischen Motorrad-Dynastie Valera stammend. „Die Kunst und die Gewalt – Rachel Kushner „Flammenwerfer““ weiterlesen
Jasper, Lada und die Schleie – Max Scharnigg "Vorläufige Chronik des Himmels über Pildau"
„Irgendwo bei Lada musste es so etwas auch geben, ein Rohr, aus dem klein gestückelt all das schoss, was sie vorn aus den Büchern in sich hineinfraß.“
Hoch hinaus reckt sie sich in den Himmel. Und jedes Jahr kommt ein Stückchen hinzu. Die hölzerne Hofstange ist das Wahrzeichen von Pildau. Ein verträumtes Gehöft, das etwas abseits liegt und für den sechsjährigen Jasper Honigbrod das Zuhause ist. Hier wohnt er gemeinsam mit Vater Max und dem Großvater. Während der eine tagtäglich dem Sohn eine Guten-Morgen-Geschichte über den Großwesir und den Reiseritter Robert erzählt und sich anschließend in seine riesige Stallbibliothek verdrückt, kümmert sich der Ältere der drei Generationen um den Garten und die Schleie, die im Weiher unsichtbar ihre Runden zieht. Pildau ist jedoch nicht nur ein Ort merkwürdiger Begebenheiten und Bräuche. Besondere Geschichten ranken sich um die Bewohner, die eines Tages plötzlich Zuwachs bekommen. Denn Autor Max Scharnigg lässt seine drei männlichen Schützlinge im Roman „Vorläufige Chronik des Himmels über Pildau“ nicht allein. „Jasper, Lada und die Schleie – Max Scharnigg "Vorläufige Chronik des Himmels über Pildau"“ weiterlesen




