Rückkehr – Alexander Ilitschewski „Der Perser“

„Es gibt keinen besseren Nährboden für die Phantasie als eine karge Realität.“

Für die geografische Suche nach einigen Ländern braucht es einen Atlas oder den Globus. Die Welt hat sich in den vergangenen Jahren stark gewandelt, Grenzen verlaufen anders, Staaten sind unabhängig geworden. Vor allem im Osten. Die Literatur spielt eine wichtige Rolle, Länder und ihre Historie darzustellen, bekannt zu machen. Der Amerikaner Anthony Marra und seine Bücher „Die niedrigen Himmel“ und „Letztes Lied einer vergangenen Welt“ erzählen von Tschetschenien. Der mächtige Roman „Der Perser“ des Autors Alexander Ilitschewski rückt Aserbaidshan in den Mittelpunkt.

42499Das Buch erzählt viele Geschichten, allen voran jene von Ilja und Hasem. Sie wachsen auf in der Nähe von Baku auf der Insel Artjom. Damals zählte die Region am Kaspischen Meer zum großen Reich der Sowjetunion. Die beiden Jungen verbindet eine enge Freundschaft, obwohl sie unterschiedlicher nicht sein können. Ilja ist Russe, Hasem stammt aus dem angrenzenden Iran, gemeinsam mit der Mutter war er nach dem Mord an seinem Vater während eines Pogroms über die Grenze geflohen. Ein Kinderbuch über einen Tulpenkönig gibt den beiden Jungen die Möglichkeit, in ihren Spielen auf Fantasie-Reisen zu gehen – in Zeit und Raum.  Während Ilja sich für die Naturwissenschaft, speziell die Geologie begeistert, widmet sich Hasem der Poesie und dem Theater. Ihre Wegen trennen sich indes, als Iljas‘ Familie die Sowjetunion in Richtung USA verlässt.  Nach 17 Jahren kehrt Ilja in die Heimat zurück, die nun den Namen Aserbaidshan trägt – als ruheloser Weltenbummler, Geologe und Erdölexperte, der auf der Suche nach dem Ursprung des Lebens ist und seine deutschstämmige Ex-Frau Therese verfolgt und beschattet, die mit ihrem aktuellen Partner nach Baku gegangen ist und mit der er einen gemeinsamen Sohn hat. Auch seinen amerikanischen Freund Kerry, ein Abenteurer und Programmierer in den Diensten der Armee, hat es nach Aserbaidshan geschlagen. Denn dort wird das schwarze Gold in großen Mengen geborgen, was natürlich westliche Unternehmen anlockt, die sich vom Reichtum ein großes Stück versprechen.

„Der Perser“ erzählt deshalb auch die Geschichte der Ölindustrie des Landes. Bekannte Namen tauchen da sehr überraschend auf, die der Leser wohl kaum in einer Historie Aserbaidshans vermutet hättet. Alfred Nobel, schwedischer Chemiker und Erfinder des Dynamits, hat hier genauso gewirkt wie die bis heute legendäre jüdische Familie Rothschild. Sie zog es in die Region rund um Baku, jener Stadt, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts als Paris des Ostens galt, zur selben Zeit wie San Francisco den Aufstieg erlebte. 1848 wurde die Stadt im Westen der USA durch Gold, Baku durch die erste Öl-Bohrung bekannt. Iljas Vater hat als Ingenieur auf den Bohrtürmen gearbeitet.

Im Laufe der Zeit ist das Land von Fremden besiedelt worden; ob wegen des schwarzen Goldes und wirtschaftlichen Interessen oder wegen Krieg und Vertreibung. Auch davon berichtet dieses Buch, das zahlreiche bedeutende Kapitel aus der Geschichte des 20. Jahrhunderts in sich vereint und mit seiner unvergleichlichen Dichte an Informationen und erhellenden Zusammenhängen ungemein beeindruckt. Ein wichtiges Thema verbindet indes das 20. Jahrhundert mit der jüngsten Vergangenheit und aktuellen Entwicklungen: Durch die Nähe zum Iran trifft in Aserbaidshan Europa auf Asien, das Christentum auf den Islam, die Region ist ein Schmelztiegel unterschiedlicher Kulturen und Ethnien.

„Das Bedürfnis, das jeder irgendwann einmal den Flüssen seiner Heimat zur Mündung folgen und so ans Ende der Welt, den Eingang zur Ewigkeit gelangen will, wie eine gängige Hypothese lautete, war ihm, der Ockhams ‚Rasiermesser‘-Prinzip verfocht, als Begründung zu elaboriert. Plausibler schien ihm, dass diese Metaphysik sich aus dem bloßen Wunsch fortzugehen herleiten ließ. Sich dem Zugriff des Staates und seiner Gesetze entziehen  – in ein freies, sattes Leben.“

Die Rückkehr in die Heimat weckt in Ilja, der die Gabe hat, in die Tiefe hören zu können, nicht nur die Erinnerungen an die Kindheit, vor allem an die beiden charismatischen Mentoren Stoljarow und Stein. Er erlebt Hasem als Hüter des Naturparks Sirvan und als religiösen Führer einer Kommune, die sich nach dem russischen Dichter Chlebnikov, den Hasem sehr verehrt, benannt hat. Ilja, jedes Detail fotografierend, wird nicht nur Teil dieser Gruppe der sogenannten Heger, gemeinsam mit seinem Jugendfreund, der sich in die eindrucksvolle Steppen- und Berglandschaft zurückgezogen hat, Falken trainiert und verkauft sowie eine besondere Trappen-Art beschützt, führt er lange Gespräche: über Religion, Gott und das Paradies sowie Poesie, die Endlichkeit und den Sinn des Lebens. Auf das eingangs erwähnte Zitat und seine Varianten stößt man im Laufe der Lektüre im Übrigen mehrfach. So wie der Roman reich an Lebensläufen, Episoden und geschichtlichen Zusammenhängen ist, so vermittelt er zudem einen Schatz an Gedanken und Ideen. Hasem, der Biologie studiert hatte und sich damit wie Ilja der Wissenschaft verbunden fühlt, ist dabei keineswegs ein religöser Fanatiker, obwohl er als Derwisch Praktiken des Islams ausübt und pflegt. Vielmehr kritisiert er Glaubensregeln und -grundsätze verschiedener Religionen, was mit Argwohn betrachtet und bestraft wird, so wird auf Hasem ein Bannfluch gelegt, die Kommune als Sekte betrachtet. Mit der Ankunft saudisch-arabischer Scheichs, die im Naturpark rücksichtslos auf Falkenjagd gehen, nimmt das Ende des Naturparks und der Kommune ihren Lauf. Hasem erinnert sich dabei an eine frühere Begegnung mit Osama bin Laden, der nur der „Prinz“ genannt wird.

Der Roman berichtet von dramatischen Geschehnissen recht unvermittelt und beiläufig, so dass die Tragödien am Schluss den Leser wohl sehr schockieren und ergreifen. Der Hoffnung und der Utopie auf ein selbstbestimmtes Leben in der Natur, im Einklang mit eigenen Lebens- und Glaubensvorstellungen, wird ein gewalttätiges Ende gesetzt. Dieses vom sowohl Umfang als auch vom Inhalt mächtige Werk klappt man mit sehr viel Melancholie zu. Nicht nur des tragischen Schlusses wegen. Vielmehr geht eine bereichernde Lese-Erfahrung zu Ende, auf die man sehr selten trifft. „Der Perser“ ist ein monumentales Buch für all jene, die sowohl Herausforderungen, Entdeckungen und Überraschungen als auch Sprachkunst in ihrer höchsten Form lieben. Ohne Frage – die Lektüre benötigt Zeit, und dieses Werk hat es vor allem verdient, mehrmals gelesen zu werden. Zumal alle Verweise und Zusammenhänge wohl nicht sogleich verarbeitet werden können. Auch wird das Geschehen aus verschiedenen Perspektiven, sehr detail-, personen und bildreich, gezeichnet von Ort- und Zeitwechsel, erzählt. Weitere Textformen wie Gedichte, Märchen und Bühnenstück werden in den Roman eingebettet. Es erinnert an einen großen prächtigen Teppich, in dem verschiedenen Formen und Farben zusammenwirken. Ein großer Respekt gilt neben dem Autor, der, aus Aserbaidshan stammend, nach Auslandsaufenthalten in Israel und den USA heute in Tel Aviv lebt, vor allem auch Übersetzer Andreas Tretner für seine herausragende Arbeit an diesem einzigartigen Mammut-Werk.

Weitere Blog-Besprechungen auf „Leseschatz“, „Muromez“ und „Bücherrezension“. Einen Eindruck der facettenreichen Welten des Romans vermittelt auch die Seite „Der Perser.Bilder eines Romans – Aus dem Arbeitsjournal des Übersetzers Andreas Tretner“.

 

Der Roman „Der Perser“ von Alexander Ilitschewski erschien im Suhrkamp Verlag, in der Übersetzung aus dem Russischen Andreas Tretner; 750 Seiten, 36 Euro

 

 

Irrenhaus Europa – Pierre Drieu La Rochelle „Die Komödie von Charleroi“

„Und ich war mittendrin, verloren, mich verlierend, trunken vor Verlorenheit. Meine bürgerliche Person – vergessen.“

Wenn die Zeitzeugen nach und nach von uns gehen, fallen authentischen Zeugnissen und der Literatur eine größere Bedeutung zu. Sie erinnern, wenn es die Mahner nicht mehr gibt. Dies trifft wohl besonders auf die Zeit der beiden Weltkriege zu. Gerade in den vergangenen Jahren hat die Zahl der Publikationen zugenommen, so scheint es; wohl auch mit Blick auf die Jahrestage in 2014 und 2015. Der Band „Die Komödie von Charleroi“ mit sechs Erzählungen des Franzosen Pierre Drieu La Rochelle reiht sich ein und ist zugleich herausragend.

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Stunde Null – Hans Fallada „Der Alpdruck“

„Das Leben geht weiter – sie werden diese Zeit überleben, sie, die durch Gnade Übriggebliebenen, die Hinterbliebenen. Das Leben geht immer weiter, auch unter Ruinen.“ 

Ohne übertreiben und andere Autoren vergessen zu wollen, kann er zu den größten Chronisten der 30er und 40er Jahre des vergangenen Jahrhunderts gezählt werden:  Hans Fallada (1893 – 1947). Mit der Neuausgabe und Urfassung seines letzten und 1947 erschienenen Romans „Jeder stirbt für sich allein“ und auch internationalen Erfolgen Jahrzehnte nach seinem Tod ist der Schriftsteller wieder verstärkt in das literarische Bewusstsein gekommen. Sein im selben Jahr veröffentlichtes Buch „Der Alpdruck“ erzählt von den Monaten nach Kriegsende und seine eigene persönliche Geschichte. „Stunde Null – Hans Fallada „Der Alpdruck““ weiterlesen

Schuld – Siegfried Lenz „Der Überläufer“

„Wenn ein Böser zu schwach ist, sucht er sich andere Böse. Das beste Einverständnis der Welt herrscht unter Bösen, weil das Böse unmissverständlich ist.“

Romane erzählen Geschichten. „Der Überläufer“ von Siegfried Lenz (1926 – 2014) ist selbst zu einer Story geworden und sorgte für eine der wohl interessantesten literarischen Begebenheiten der letzten Jahre. Große Schlagzeilen landauf landab inklusive. Das postum erschienene Werk ist nach „Es waren Habichte“ der zweite Roman von Lenz und war über Jahrzehnte im Nachlass „verschollen“, den der Autor dem Literaturarchiv Marbach vermacht hatte. Der Band war unter anderem nicht veröffentlicht worden, weil er das Thema Desertion aufgreift. „Schuld – Siegfried Lenz „Der Überläufer““ weiterlesen

Rückblende – Anthony Marra „Letztes Lied einer vergangenen Welt“

„Es gibt mehr Möglichkeiten, sich an einen Menschen zu erinnern, als es Menschen auf der Welt gibt.“

In einem meiner Lieblingsbuchläden fiel er mir auf: der Roman von Anthony Marra mit dem Titel „Die niedrigen Himmel“. Mit diesem meisterhaften Buch erlebte ich meine erste literarische Begegnung mit Tschetschenien – ein Land, das in den vergangenen Jahren vor allem durch die Berichte zweier Kriege regelmäßig in die Schlagzeilen gekommen war. Mit seinem neuesten Werk „Letztes Lied einer vergangenen Welt“ kehrt der Amerikaner zurück in dieses traditionsreiche wie einst zerrüttete Land und spannt den Bogen indes zeitlich und geografisch weiter.   „Rückblende – Anthony Marra „Letztes Lied einer vergangenen Welt““ weiterlesen

Machtsystem – Robert Darnton „Die Zensoren“

„Das Genehmigungsverfahren, die staatliche Aufsicht, kürzer und nicht wenig klar gesagt: die Zensur der Verlage und Bücher, der Verleger und Autoren, ist überlebt, nutzlos, paradox, menschenfeindlich, volksfeindlich, ungesetzlich und strafbar.“ (Christoph Hein, 1987)

Schmähungen, Verfolgung und Haft, Druckverweigerung, Bücherverbrennung: Die Möglichkeiten, wie frühere Herrscher in den Literaturbetrieb eingegriffen haben, sind komplex und reichen weit über den berühmt-berüchtigten Rotstift hinaus. Das Ziel bleibt hingegen gleich: die Macht und das System zu bewahren. Und da spielt es keine Rolle, in welche Kapitel der Weltgeschichte man blickt. Der renommierte amerikanische Wissenschaftler Robert Darnton berichtet in seinem jüngsten Werk „Die Zensoren“ über drei verschiedene Länder und drei verschiedene Jahrhunderte. „Machtsystem – Robert Darnton „Die Zensoren““ weiterlesen

Dunkler als schwarz – Jona Oberski „Kinderjahre“

„Ich merkte zwar, dass ich Fieber hatte. Aber das mit den fünf Tagen glaubte ich nicht. Es war ein dunkles Loch in der Zeit.“

Das Ziel der Reise war das Grauen. Koffer wurden gepackt, ein Zug bestiegen. Für Millionen Menschen war jene Fahrt eine ohne Wiederkehr. Die historischen Bilder der Gleise, Güterwaggons und Bahnhöfe an den Konzentrationslagern sind bis heute genauso ein Symbol für den Holocaust wie die Aufnahmen der Lager selbst. „Aber bald fahren wir wieder nach Hause“, tröstet die Mutter den kleinen Jona. Er wird als einziger den Krieg überleben, als Erwachsener in „Kinderjahre“ rund 30 Jahre später darüber erzählen und damit ein herausragendes literarisches Dokument schaffen, das nun als eine Neuerscheinung im Diogenes-Verlag auf seine Wiederentdeckung wartet.  „Dunkler als schwarz – Jona Oberski „Kinderjahre““ weiterlesen

Entwurzelt – Lars Mytting „Die Birken wissen’s noch“

„Antwortlose Fragen. Zeugenlose Verwandlungen. So war es mit unserer Geschichte, immer wieder und wieder.“

Unsere Herkunft ist Teil unserer Identität und Selbstwahrnehmung. In der Familiengeschichte von Edvard klaffen indes Lücken. Als Waise wächst er bei seinem Großvater auf dem Hof in Gudbrandsdalen auf. Beide gelten im Dorf als Sonderlinge. Weil der Großvater im Krieg auf der Seite der Deutschen gekämpft hat, weil die Eltern von Edvard durch einen tragischen Unfall in Frankreich ums Leben gekommen sind, als der Junge gerade mal drei Jahre alt war.

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Mann mit den Masken – Pierre Lemaitre „Wir sehen uns dort oben“

„Das Geschäft des Jahrhunderts. Der Wirtschaft brachte ein Krieg viele Vorteile ein, sogar noch hinterher.“

Zwei Männer ziehen in den Krieg – und überleben. Der eine ist Bankmitarbeiter, der andere stammt aus gutem Hause und ist künstlerisch begabt. Bei einem Angriff in den letzten Kriegstagen im November 1918 wird Albert verschüttet. Sein Kamerad Edouard rettet ihn und wird bei einem Granaten-Einschlag jedoch schwer am Kopf verletzt. Nach ihrem Fronteinsatz sind beide miteinander verschweißt, wie Pech und Schwefel, obwohl sie unterschiedlicher nicht sein können.   „Mann mit den Masken – Pierre Lemaitre „Wir sehen uns dort oben““ weiterlesen

Sommer in der DDR – Jo McMillan „Paradise Ost“

„Das Paradies ist nicht gestrichen worden, es ist einfach auf die nächste Versammlung verschoben worden.“ 

Zwischen England und der DDR liegen ein Meer und knapp 1.000 Kilometer Luftlinie. Mehr als Jahrzehnte lang bestand zudem ein erheblicher politischer Unterschied. Auf der einen Seite gab es den kapitalistischen Westen, auf der anderen Seite den aus der Sowjetunion gesteuerte Versuch namens Sozialismus.  Die Kommunistin Eleanor Mitchell zieht es im Sommer 1978 in den Osten Deutschlands. Die Lehrerin soll während eines Sommer-Seminars angehende Englischlehrer unterrichten. Ihre 13-jährige Tochter Jess begleitet sie. Was sich zu Beginn noch wie ein spannendes Abenteuer anfühlt, wird nach weiteren Aufenthalten zu einer Bewährungsprobe in der Mutter-Tochter-Beziehung, denn Jess erfährt nach und nach die dramatischen Auswüchse der Diktatur hinter dem Eisernen Vorhang. „Sommer in der DDR – Jo McMillan „Paradise Ost““ weiterlesen