Peter Süß – „1923“

„Das Land liegt darnieder wie eine tote Katze im Garten.“

Zeiten ähneln sich. Auch wenn dies ein eigenartiges, womöglich sogar ein unbehagliches Gefühl weckt. Manche gestrigen Ereignisse erinnern an die heutige Zeit, das Jahr 2023. Derzeit herrscht Inflation, vieles wird teurer, die Kosten steigen. Sorgen und Existenzängste sind zu spüren, der Unmut in der Bevölkerung wächst. Vor 100 Jahren, 1923, ist die Weimarer Republik im Krisenmodus. Banknoten weisen Millionen-Beträge aus, im Ruhrgebiet gibt es erneut Krieg, und in München versucht ein Österreicher, die Macht in Deutschland an sich zu reißen. In seinem lehrreichen wie unterhaltsamen Band „1923. Endstation. Alles einsteigen!“ führt Peter Süß in jenes Jahr, das Vorbote ist für das spätere Grauen.

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Eeva-Liisa Manner – „Das Mädchen auf der Himmelsbrücke“

„Sie stand unwiederbringlich außerhalb der Dinge (…).“

Kinderperspektiven verleihen einem Buch einen besonderen Charakter. Der Blick eines jungen Menschen unterscheidet sich sehr von dem eines Erwachsenen. Kinder sehen die Welt mit anderen Augen – noch frei von Erfahrungen und dem Wissen um gesellschaftliche Normen. In Eeva-Liisa Manners (1921-1995) erstem Roman kommt zu der speziellen Perspektive noch ein anderes, sehr entscheidendes Merkmal hinzu. Leena, die Heldin des Buches, ist ein sehr besonderes Kind. Dass der Guggolz Verlag, schon seit einigen Jahren bekannt für Wiederentdeckungen aus der nordischen und osteuropäischen Literatur, nun auch Manners bereits 1951 erschienenes Werk wieder ins Bewusstsein bringt und nunmehr in deutscher Übersetzung zugänglich macht, ist ein großes Geschenk. „Eeva-Liisa Manner – „Das Mädchen auf der Himmelsbrücke““ weiterlesen

Sorj Chalandon – „Verräterkind“

„Aber was warst du dann, Papa?“

Als der gefürchtete Ex-Gestapo-Chef Klaus Barbie im Frühjahr und Sommer 1987 im Lyoner Justizpalast auf der Anklagebank sitzt, hat Sorj Chalandon, Auslandskorrespondent der französischen Tageszeitung Libération, in den Reihen der akkreditierten Reporter Platz genommen. Sein Vater verfolgt die öffentlichen Gerichtsverhandlungen als Zuschauer. Die Resonanz auf den Prozess ist riesig. Derweil eskaliert zwischen Vater und Sohn ein Konflikt. Chalandon erhält Informationen über die Vergangenheit seines Vaters, der über seine Rolle im Zweiten Weltkrieg seine Familie belogen hat. Mit seinem neuen autofiktionalen Roman „Verräterkind“ führt der Franzose sowohl in die 80er-Jahre und in die Zeit der deutschen Besatzung als auch in seine eigene Familiengeschichte.

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Rakel Haslund-Gjerrild – „Adam im Paradies“

„Künstler zu sein ist das Herrlichste von allem. Künstler kann jeder werden, der will.“

In der dänischen Malerei nimmt Kristian Zahrtmann (1843 – 1917) eine Sonderstellung ein. Er ist Künstler und zugleich Mentor, der seine Erfahrungen an seine zahlreichen Schüler weitergibt. Mit seinen Bildern geht er eigene Wege, als er sich von gewissen Traditionen und dominierenden Stilen verabschiedet, um anderen wieder neues Leben einzuhauchen. In ihrem Roman „Adam im Paradies“ widmet sich die dänische Schriftstellerin Rakel Haslund-Gjerrild Zahrtmanns Leben, Schaffen und seiner Zeit. Im Mittelpunkt ein großer Skandal: 1906/07 stehen mehrere Männer wegen ihrer Homosexualität vor Gericht. Denn erst 1930 wird in Dänemark der Paragraf 177 des Allgemeinen bürgerlichen Strafrechts, der „Umgang wider die Natur“ unter Strafe stellt, aufgehoben. „Rakel Haslund-Gjerrild – „Adam im Paradies““ weiterlesen

Doreen Cunningham – „Der Gesang in den Meeren“

„Das Meer war voller Leben, schien Bewusstsein zu haben, Bewegung zu wollen.“

Von den Lagunen in der Baja California bis zum Arktischen Ozean vor der Küste Alaska erstreckt sich ihr Revier. Doch Giganten brauchen auch ein Riesenreich. Ein ausgewachsener Grauwal kann eine Länge von 15 Metern und ein Gewicht von bis zu 40 Tonnen erreichen. Und sie sind Langstrecken-Wanderer. Die im Ostpazifik beheimatete Population legt auf ihrer jährlichen Reise bis zu 10.000 Kilometer zurück – so viel wie keine andere Säugetierart auf der Erde. Die britische Umweltingenieurin und Wissenschaftsjournalistin Doreen Cunningham begleitete auf einer Tour die auf vielerlei Art imposanten und friedvollen Tiere vom Süden bis in den hohen Norden. Ihre Reise führt dabei auch zu einer inneren Heilung. „Doreen Cunningham – „Der Gesang in den Meeren““ weiterlesen

Ian McEwan – „Lektionen“

„So viele vergessene Lektionen.“ 

Das ganze Leben. Die Meisterklasse in der Literatur. Schriftsteller haben sich daran abgearbeitet, die einem Menschen gegebene Zeit zu erzählen. Manchen ist es bravourös gelungen, manche sind daran kläglich gescheitert. Der Engländer Ian McEwan zählt zur ersten Gruppe. Denn sein neuer Roman „Lektionen“ ist ein Meisterwerk, das dem Leser einen Leserausch verschafft, der lange im Gedächtnis bleibt. 

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