Begegnung mit Katrina – Jesmyn Ward „Vor dem Sturm“

„Und plötzlich tut sich ein riesiger Graben auf zwischen jetzt und damals, und ich frage mich, wo die Welt, in der jener Tag sich ereignet hat, geblieben ist, denn wir sind eindeutig nicht in ihr.“

Er war die größte Naturkatastrophe in den USA. Mit mehr als 1.800 Toten und Schäden in Höhe von rund 125 Milliarden Euro. Der Wirbelsturm Katrina hinterließ im August 2005 im Südosten des Landes eine Schneise der Verwüstung und brachte viel Leid. Vor allem die Stadt New Orleans, Metropole des Dixieland und Wiege des Jazz im Bundesstaat Louisiana, traf der Hurrikan mit aller Härte. Windgeschwindigkeiten von schätzungsweise 280 Stundenkilometern wurden damals gemessen. In Louisiana und in jene Zeit hinein hat die Amerikanerin Jesmyn Ward ihren Roman „Vor dem Sturm“ angesiedelt. Doch ihr Buch beschreibt nicht nur den Sturm und seine immense Kraft, sondern das Leben und Überleben einer armen Familie.  „Begegnung mit Katrina – Jesmyn Ward „Vor dem Sturm““ weiterlesen

Rückkehr ohne Vater – Marceline Loridan-Ivens „Und du bist nicht zurückgekommen“

„Wie etwas übermitteln, was wir uns selbst kaum erklären können.“

Wer die Hölle überlebt, kehrt nicht zurück ins Leben. Bis heute und sicherlich über die folgenden Generationen hinaus wird der Holocaust eine schmerzende Wunde sein, die nicht verheilen wird und kann. Unzählige literarische Werke widmen sich dieser Zeit, die viele vergessen wollen, gar verleugnen, doch einige niemals begreifen werden ob der Ungeheuerlichkeit und des Ausmaßes dieses Verbrechens. Mit „Und du bist nicht zurückgekommen“ hat die französische Schauspielerin und Dokumentarfilmerin Marceline Loridan-Ivens ein persönliches Erinnerungsbuch geschrieben, das schmal von Umfang und Gestalt ist, jedoch eine außerordentliche Wirkung hat. Es ist ein Brief, den sie an ihren Vater schreibt – 70 Jahre nachdem er in Auschwitz ermordet wurde, während sie das Grauen überlebt hat. „Rückkehr ohne Vater – Marceline Loridan-Ivens „Und du bist nicht zurückgekommen““ weiterlesen

Trotzkopf – Jacqueline Kelly „Calpurnias evolutionäre Entdeckungen“

„Wie flüchtig sind die Wünsche und Anstrengungen der Menschen! Wie kurz ist seine Zeit! Wie dürftig werden mithin seine Erzeugnisse denen gegenüber sein, die die Natur anhäuft!“ Charles Darwin „Über die Entstehung der Arten“

Für manche Leseerfahrungen braucht es etwas Glück. Das Glück oder auch der Zufall, ein besonderes Buch zu entdecken. Dieses hat sich vor mir zwischen anderen Jugendbüchern in einem Regal einer meiner Lieblingsbuchhandlungen regelrecht versteckt. Hellgrün ist bekanntlich keine Farbe, die einem ins Auge springt. Und auf dem Cover sind auch keine Drachen, Zauberer oder Vampire zu sehen. Vielmehr zeigt es ein Gewimmel aus Pflanzen und Tieren, wie Schmetterlinge und Vögel. Doch „Calpurnias evolutionäre Entdeckungen“ von Jacqueline Kelly hat es trotzdem auf den Stapel gekaufter Bücher geschafft. Welch ein Glück! „Trotzkopf – Jacqueline Kelly „Calpurnias evolutionäre Entdeckungen““ weiterlesen

Lucine – Delphine de Vigan „Das Lächeln meiner Mutter“

„Ich schreibe wegen des 31. Januars 1980. Der Ursprung des Schreibens liegt genau dort, das weiß ich dunkel, in diesen wenigen Stunden, die unser Leben kippen ließen, in diesen Tagen davor und in der Zeit der Isolation.“

Mit dem Blick eines stillen Beobachters erscheint es, dass viele Familien ein harmonisches und zufriedenes Leben führen. Auch die Fotos, die an den Wänden hängen, auf Kommoden stehen, unterstreichen diesen ersten Eindruck. Erst durch das Erzählen oder durch das Schreiben dringen oftmals traurige und tragische Geschehnisse und Details an die Öffentlichkeit. Die französische Autorin Delphine de Vigan hat ihre Familiengeschichte niedergeschrieben, die von Dramatik, Emotionen, Krankheit und Tod sowie einer besonderen Beziehung zu ihrer Mutter Lucine geprägt ist.  „Lucine – Delphine de Vigan „Das Lächeln meiner Mutter““ weiterlesen

Liebesleid – Tomas Espedal „Wider die Natur“

„Unsere Kinder nicht, unsere Eltern nicht, unsere eigene Geschichte nicht, auch unsere Kindheit und Jugend nicht oder unsere Freunde und Freundinnen, die Liebsten nicht; nichts gehört uns.“

Die Liebe lässt sich nicht anhand des Faktors Zeit bemessen. Eine kurze intensive Partnerschaft kann deutlichere Spuren im Inneren hinterlassen als eine Beziehung, die über Jahre und Jahrzehnte andauert. Doch was schmerzt mehr – die Entscheidung des Einen, dass eine Partnerschaft gescheitert ist, oder die Überraschung des Anderen, der danach plötzlich verlassen wird? Tomas, ein Schriftsteller, zählt zu jenen, die zurückgelassen werden. Seine Freundin verabschiedet sich, verlässt die gemeinsame Wohnung. Daraufhin zieht er sich zurück, findet im Alkohol und im Schreiben seinen Trost. In seinen Notizbüchern schreibt er seinen Schmerz nieder. Tomas ist dabei kein fiktiver Unbekannter. Tomas ist Tomas Espedal, der norwegische Schriftsteller und Freund des etwas bekannteren norwegischen Autors Karl-Ove Knausgård, was seinem Roman „Wider die Natur“ auch anzumerken ist. „Liebesleid – Tomas Espedal „Wider die Natur““ weiterlesen

Tod im Park – Friedrich Ani „Der namenlose Tag“

„Manche Menschen wollen nicht erkannt werden; wir sitzen ihnen gegenüber und glauben, sie zu kennen, aber wir sehen nur das, was sie anhaben, und hören nur das, was sie sagen, wir haben keine Ahnung, wie sie nackt aussehen oder ob sie weinen, wenn sie allein sind. Wir lassen uns nur allzu gern täuschen; vielleicht, weil wir sonst nicht weiterleben könnten vor lauter Hilflosigkeit.“

Die Vergangenheit holt Jakob Franck ein. Zwei Monate, nachdem der Kommissar in den Ruhestand gegangen ist, erhält er einen Anruf von Ludwig Winther. Seine Tochter wurde vor 20 Jahren an einem 14. Februar erhängt an einem Baum im Park gefunden. Damals hatte Franck die Todesbotschaft der Mutter überbracht. Die Polizei ging in ihren Ermittlungen von Suizid aus. Der Vater glaubt an Mord. Franck beginnt, den Fall neu aufzurollen und stößt in die Abgründe der menschlichen Seele vor.  „Tod im Park – Friedrich Ani „Der namenlose Tag““ weiterlesen