Amerika – Matthias Engels „Die heiklen Passagen der wundersamen Herren Wilde & Hamsun“

„Siehe nun zu, daß du in der Komödie deines eigenen Lebens eine Rolle zu spielen anfängst. Gut, antworte ich mir. Und dann nahm ich hier Platz.“ Knut Hamsun „Mysterien“

Mit einem ersten Blick in ihre Lebensgeschichten unterscheiden sie sich mehr, als dass sie sich ähneln. Der eine stammt aus Irland, der andere aus Norwegen. Der eine mag die Romantik, der andere den Naturalismus. Doch Oscar Wilde (1854-1900) und Knut Hamsun  (1859-1952) verbinden zwei besondere Erfahrungen: Beide sind als junge Männer nahezu zur selben Zeit nach Amerika gereist, beide standen später vor Gericht. Der homosexuelle Wilde wegen Unzuchts, Hamsun wegen Landesverrats. Er hatte im hohen Alter deutliche Sympathien gegenüber dem Dritten Reich gezeigt, seine Nobelpreismedaille sogar Reichspropagandaminister Joseph Goebbels geschenkt. Danach ist ihr Leben nicht mehr das, was es einmal war. Matthias Engels bringt beide großen Autoren in einem wunderbaren Roman zusammen.  „Amerika – Matthias Engels „Die heiklen Passagen der wundersamen Herren Wilde & Hamsun““ weiterlesen →

Rückkehr ohne Vater – Marceline Loridan-Ivens „Und du bist nicht zurückgekommen“

„Wie etwas übermitteln, was wir uns selbst kaum erklären können.“

Wer die Hölle überlebt, kehrt nicht zurück ins Leben. Bis heute und sicherlich über die folgenden Generationen hinaus wird der Holocaust eine schmerzende Wunde sein, die nicht verheilen wird und kann. Unzählige literarische Werke widmen sich dieser Zeit, die viele vergessen wollen, gar verleugnen, doch einige niemals begreifen werden ob der Ungeheuerlichkeit und des Ausmaßes dieses Verbrechens. Mit „Und du bist nicht zurückgekommen“ hat die französische Schauspielerin und Dokumentarfilmerin Marceline Loridan-Ivens ein persönliches Erinnerungsbuch geschrieben, das schmal von Umfang und Gestalt ist, jedoch eine außerordentliche Wirkung hat. Es ist ein Brief, den sie an ihren Vater schreibt – 70 Jahre nachdem er in Auschwitz ermordet wurde, während sie das Grauen überlebt hat. „Rückkehr ohne Vater – Marceline Loridan-Ivens „Und du bist nicht zurückgekommen““ weiterlesen →

Abschied im Sommer – Rax Rinnekangas „Der Mond flieht“

„Gerade das Schicksal ist es, das Menschen zu Verrückten macht.“

Es sollte ein besonderer Sommer werden. Ein eigenartiges Gefühl des Aufbruchs liegt in der Luft, als der 13-jährige Lauri mit den Geschwisterkindern Sonja und Leo die Grenzen austestet. Ob hoch oben auf dem Prügelmann, einer alten Fichte, oder im Heu bei den ersten gegenseitigen körperlichen Entdeckungen. Eine innige Freundschaft entsteht, die sich zu einer ersten Liebe verwandelt. Doch ein entsetzlicher Unfall setzt diesem Aufbruch in die kommende Jugend ein furchtbares Ende.  „Abschied im Sommer – Rax Rinnekangas „Der Mond flieht““ weiterlesen →

Eiszeit – Lydia Tschukowskaja „Untertauchen“

„Poesie – das ist jenes geheimnisvolle Etwas, das bei der sorgfältigsten, der musikalischsten Übersetzung unübersetzbar bleibt. Wort und Rhythmus – das lässt sich übersetzen, aber wie übersetzt man die Spur im Schnee, die beseligende Wunde der Erinnerung?“

Wenn das Land zu einem Gefängnis, zu einem Ort der Gefahren wird, wohin flieht ein vom politischen System Verfolgter? Für die Autorin und Übersetzerin Nina Sergejewna bieten die Stille und die Sprache die Möglichkeit, schreckliche Geschehnisse für eine kurze Zeit zu vergessen und innerlich unterzutauchen. In einem Sanatorium nahe Moskau sucht sie in den Wintermonaten Ruhe und Einsamkeit. Nach und nach findet sie heraus, was mit ihrem Mann geschehen ist. Er soll nach seiner Verhaftung im Jahr 1937 in einem Lager gestorben sein. Vor mehr als zehn Jahren. Nähere Informationen zu seinem Verbleib hat sie nie erhalten. „Eiszeit – Lydia Tschukowskaja „Untertauchen““ weiterlesen →

Bewegte Zeiten – Ein auch literarischer Rückblick auf 25 Jahre Deutsche Einheit

Alles begann mit den Nachrichten. Meine Eltern baten mich unisono und mit etwas Strenge in der Stimme, doch endlich mal still zu sein. Ich war zwölf Jahre und plapperte. Wie es halt Mädchen in diesem Alter tun. Im Fernsehen lief die „Aktuelle Kamera“, die Nachrichtensendung der DDR. Auf der Mattscheibe: Szenen, die noch heute für Gänsehaut und ein Kribbeln im Bauch sorgen. In Berlin fällt die Mauer, der „antifaschistische Schutzwall“, wie er auch genannt wurde. Es war der erste Schritt zur Wiedervereinigung Deutschlands, deren 25-jähriges Jubiläum heute feierlich landauf und landab begangen wird.  „Bewegte Zeiten – Ein auch literarischer Rückblick auf 25 Jahre Deutsche Einheit“ weiterlesen →

Comic als Erinnerung – Emily St. John Mandel „Das Licht der letzten Tage“

„Erst wollen wir nur gesehen werden, aber sobald wir gesehen werden, reicht uns das nicht mehr. Danach wollen wir, dass man sich an uns erinnert.“ 

Es braucht nur wenige Tage, bis die Erde nahezu entvölkert ist. Die Georgische Grippe rafft einen Großteil der Menschheit hinweg. Zurückbleiben nur wenige Überlebende, die durch das Land streifen. Wie die Gruppe „Die fahrende Symphonie“, Schauspieler und Musiker, die Shakespeare und klassische Werke aufführen. Zu ihnen zählt Kirsten, die als Kind bei einer Inszenierung von Shakespeares „König Lear“ an der Seite des bekannten Mimen Arthur Leander auf der Bühne gestanden hatte. Sein Tod während einer Aufführung ereignete sich am Beginn der Epidemie. Noch Jahre danach erinnert sich die junge Frau an das faszinierende wie furchtbare Erlebnis, als Leander im Scheinwerferlicht zusammenbricht. In all dieser Zeit zählt ein Comic zu ihrem wertvollsten Besitz; eine Geschichte eines Wissenschaftlers, der mit einer erdähnlichen Raumstation durch das All fliegt. Den Comic hatte ihr Leander einst geschenkt.  „Comic als Erinnerung – Emily St. John Mandel „Das Licht der letzten Tage““ weiterlesen →